Christoph Duepper ist seit 25 Jahren Fotograf. Im Fokus stehen dabei seit geraumer Zeit Menschen bei der Arbeit, oft im Auftrag von Unternehmen und Medien, meistens on location. Angefangen hat er mit einem Bankkredit und einem Kombi voller Blitzgeräte. Was hält so lange?
Menschen, Räume und Unwägbarkeiten
Fangen wir mit dem Setting an. Wer bist du, was machst du, und von wo aus?
Ich bin Christoph Duepper, seit 25 Jahren selbstständig als Fotograf. Zurzeit lebe ich in Freiburg, davor hatte ich die Stationen Stuttgart und Hamburg. Ich arbeite hauptsächlich on location, da, wo die Geschichten der Leute stattfinden.
Und wenn man genauer hinschaut, was fotografierst du?
Im weitesten Sinne dreht sich immer alles um den Menschen. Aktuell habe ich mehr mit Corporate und Employer Branding zu tun, was mir zupasskommt, weil mich die echten Geschichten rund um den Menschen und sein Wirken interessieren. Formal finde ich es spannend, Mensch und Raum in Beziehung zu setzen. Ich suche den dokumentarischen Ansatz, auch in der Corporate-Fotografie. Klassische Werbung mache ich wenig.
Was treibt dich an einem Tag aus dem Bett, an dem der Termin um sechs beginnt, das Licht nicht mitspielt und jemand vor der Kamera sich schwertut?
Aber es ist eigentlich genau das. Was ich am Arbeiten mit Menschen on location liebe, sind vor allen Dingen die vielen Unwägbarkeiten, also das hohe Maß an Agilität, das gefragt ist und das ich auch mitbringe.
Und am Ende ist Fotografieren in allererster Linie Beziehungsarbeit.
Wenn es harte Arbeit ist, ist man am Ende einfach superzufrieden mit sich, dass man das geschafft hat. Es ist die Intensität. Weil ich wenig klassisches Campaigning mache, komme ich oft irgendwohin und soll machen. Und das liebe ich. Ich bin eher gelangweilt, wenn ich eine Kampagne fotografieren soll, wo alles schon geskriptet ist.

Wenn du den kommerziellen Teil einmal ausblendest, für wen soll ein Tag am Set eigentlich gut laufen?
Zuerst kommt die Person, die ich porträtiere, mit der ich eine Beziehung aufbaue, um das Foto zu bekommen. Die muss sich wohl fühlen. Danach komme ich. Wenn ich happy bin, dann sind es alle anderen auch, auch die Auftraggeber:innen. Wahrscheinlich ist das der Schlüssel, dass ich dafür sorgen muss, ein saugutes Gefühl zu haben, weil ich dann weiß, ich habe auch abgeliefert. Wenn ich ein Scheißgefühl habe, ist irgendwas schiefgelaufen.
Du fotografierst viel im Umfeld von Arbeit, oft auch Selbstständige. Was fällt dir bei denen auf, was man auf den Bildern hinterher nicht sieht?
Bei Selbstständigen, oft auch Einzelunternehmerinnen und Einzelunternehmern, spürt man ein Energielevel, das matcht. Man begegnet sich anders auf Augenhöhe als bei einem CEO-Porträt. Wenn man ehrlich ist, sind die auch auf der Suche nach Intensität und müssen in einem extrem agilen Umfeld agieren. Man spürt so eine gewisse Verbrüderung, Verschwesterung. So freibeutermäßig auf einem Boot. Ich treffe auf Menschen, die in einer ähnlichen Umlaufbahn sind.
Der Weg in die Selbstständigkeit
Fotografiert hast du schon als Kind, als Jugendlicher warst du eher Musiker, übers Bergsteigen kam die Kamera zurück. Wann war klar, dass daraus ein Beruf wird?
Es gab tatsächlich einen Schlüsselmoment. Ich hatte mich bei einer großen Werbeagentur in München als Konzeptioner beworben. Dann haben sie mir das Fotostudio gezeigt, und da fiel bei mir endgültig der Groschen. Hier will ich eigentlich sein, das ganze Gelaber interessiert mich nicht. Ich hatte vorher in der Süddeutschen eine Anzeige gesehen, ein Interior-Fotograf suchte einen Assistenten. Den habe ich auf dem Rückweg aus dem Auto heraus angerufen. Es gab schon Handys. Danach war ich ein Jahr Festassistent, das einzige Angestelltendasein meines Lebens.
Da habe ich das Handwerk gelernt, noch auf Film.
Wie bist du dann in die Selbstständigkeit gestartet?
Ich habe mir danach die ganz großen Studios angeguckt und mir gedacht: Hier lerne ich überhaupt gar nichts, hier ist einfach nur alles riesig. Also habe ich mich selbstständig gemacht, sehr früh. Allerdings hatte ich kein Geld, bin mit einem Haufen Schulden gestartet. Kameras, Licht, Auto, alles auf Pump. Ich musste einen Businessplan schreiben und habe jeden Cent, den ich ausgegeben habe, geliehen.
Wie sah damals ein normaler Dienstag aus?
Ich habe zu Hause gearbeitet, in der WG, direkt an den Bahngleisen. Da war mein Bett, mein Equipment, mein Computer. Wenn der ICE vorbeigebrummt ist, hat der Bildschirm immer so gewackelt. Dann kam ein Anruf, meistens von Burda, und ich habe mein Auto beladen: Mittelformat Mamiya, Kleinbild Nikon, Elinchrom-Blitze, große Bleigeneratoren. Eine wahnsinnige Schlepperei, teilweise für Bilder, wo du gedacht hast, na ja, ist das jetzt den Aufwand wert. Abends habe ich die Filme ins Labor gebracht, zum Trenkle. Der Düppi, der beim Trenkle vorfährt und tonnenweise Filme auf den Tresen kippt.
Was war die größte Hürde in 25 Jahren? Gab es einen Punkt, an dem du ernsthaft überlegt hast aufzuhören?
Also Corona war es nicht. In der zweiten Hälfte 2020 hatte ich extrem viel Arbeit, weil es einen so hohen Kommunikationsbedarf in der Wirtschaft gab. Im Lockdown war ich eher froh, Zeit für die Kinder zu haben. Ernsthaft über das Aufhören nachgedacht habe ich tatsächlich noch nie. Das liegt auch daran, dass ich überhaupt keine Alternative kenne, für die ich so brennen würde. Ich brenne nicht immer, das schafft man nicht über 25 Jahre. Aber ich habe gelernt, mich in schlechten Phasen darauf zu verlassen, dass es weitergeht. Das ist ja schlichtweg Empirie. Verabschiedet habe ich mich trotzdem von einigem, von Themen und von Kunden.
Aufträge und die Arbeit am Set
Was bucht jemand bei dir, wenn er heute anruft? Erklär es so, als würdest du es über den Gartenzaun erzählen.
Meistens antworte ich mit dem Job, den ich gerade gemacht habe. Im Frühling rief mich ein Kunde an, den ich bereits habe, mit einem Projekt, von dem er gedacht hat, das ist eigentlich unmöglich. Es ging darum, an allen Produktionsstandorten Menschen an ihren Arbeitsorten zu fotografieren, in einer Taktung und Anzahl, die extrem sportlich ist. Genau da bucht er mich. Er weiß, dass ich physisch in der Lage bin und gleichzeitig sehr schnell Beziehung zu den porträtierten Personen aufbauen kann. Man bucht mich also auch dafür, dass ich Intensität mag, aushalte und unter intensiven Bedingungen liefern kann.
Was machst du bei jemandem, der zum ersten Mal vor der Kamera steht und sich unwohl fühlt?
Erst mal Verständnis zeigen. Und jeden Erwartungsdruck rausnehmen. Das ist das Einfachste und das Ehrlichste, was man machen kann. Wenn das nicht reicht, teile ich mit, dass ich das selber so empfinde, dass ich mich auch nicht wohl vor der Kamera fühle, deswegen bin ich ja dahinter. In der letzten Eskalationsstufe kann man kurz die Plätze tauschen, und damit bricht man meistens das Eis. Und da ich selbst meistens total lustig auf den Bildern aussehe, ist das dann ein Riesenlacher.

Prozess und Verbündete
Was war der schönste Moment, den du in der Fotografie erlebt hast?
Den gibt es nicht. Man soll vielleicht auch gar nicht auf der Suche nach diesen Momenten sein, sondern sich mehr für den Prozess interessieren. Das ist ähnlich wie beim Bergsteigen: Der Gipfel ist für'n Arsch. Beim Alpinklettern war das irgendwann so, dass mich der Gipfel nicht mehr interessiert hat, sondern die Route. Also der Prozess.
Du hast mit Elmar Birk und Melanie Heusel eine eigene Zeitung über Arbeit gemacht, ohne Auftraggeber und ohne damit Geld zu verdienen. Sie hat 2022 den Red Dot Design Award gewonnen. Was hat dich dazu gebracht?
In der Lokhalle (einem Coworking Space) gab es diesen Container des Monats, und ich war dran. Ich wollte ein großes Rad drehen und bin mit Melanie und Elmar zusammengekommen, weil ich wusste, mit denen kann ich was intellektuell Starkes machen. Wir haben uns selber ein Ziel gesetzt: sechs Wochen. Bis das Ding gedruckt war, sind zwei Monate vergangen. Ich bin da viel aus meiner Komfortzone raus, weil ich auf einmal in einer Redaktion saß. Jeden Morgen zehn Minuten im Stehen in meinem Container, und dann haben wir das Ding durchgeballert. Das war in der auftragsarmen Zeit im Januar und Februar. Ich versuche aktuell, die Band wieder zusammenzutrommeln. Es geht nicht ohne Verbündete.
Was er Einsteigern rät
Was würdest du jemandem sagen, der heute überlegt, sich als Fotografin oder Fotograf selbstständig zu machen?
Ich glaube, demjenigen würde ich tatsächlich den Tipp geben, parallel für ein Einkommen zu sorgen. Um auf der Langstrecke so arbeiten zu können wie ich, musst du heute von vornherein dein Thema finden. Und nicht dies und das und doofe Jobs zum Geldverdienen machen. Eigentlich eine klassische Künstlerkarriere: Such dir einen Job, mit dem du deine Miete zahlen kannst, bleib bei deiner Vision. Und sei bereit zu scheitern.
Wenn ein Satz von deiner Geschichte hängen bleiben soll, welcher?
Ich glaube, es ist dieses Thema rund um die Intensität und den Prozess. It's the climb, not the summit!





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