Ford, Audi, Amazon-Prime-Premieren: Francesca Amann fotografiert von Hamburg aus Werbung, Events und dokumentarische Strecken. Nach ihrem Bachelor ging sie direkt in die Selbstständigkeit – ohne Festanstellung, aber nicht ohne Selbstzweifel. Wie ist sie damit umgegangen?
Was Agenturen bei ihr buchen
Auf deiner Startseite stehen Ford, Weleda und Audi neben Porträtstrecken aus Kapstadt. Wie erklärst du in einem Satz, wer du bist und was du machst?
Ich bin Fotografin mit Fokus auf Menschen. Dokumentarisch, werblich oder bei Events. Ich lebe und arbeite in Hamburg, bin aber deutschlandweit und teilweise auch auf der ganzen Welt unterwegs.
Und wenn eine Agentur bei dir anfragt, was bucht sie dann konkret?
Zum Beispiel Werbeproduktionen, wenn ein neues Produkt herauskommt, oder ein TVC-Set fotografisch zu begleiten ist. Dann gibt es noch Events: Die Bilder müssen direkt im Anschluss raus. Den Output muss ich also viel schneller liefern als bei einer Werbeproduktion. Das ist besonders bei Events von Kosmetikmarken wichtig oder zuletzt bei der Amazon-Prime-Premiere.
Warum Fotografie und nicht etwas anderes Visuelles?
Weil ich nicht malen kann. Nein, ich glaube, ich bin einfach ein visueller Mensch. Manchmal wünschte ich, ich könnte Dinge besser mit Worten ausdrücken, aber das liegt mir nicht so wie die Fotografie. Sie bringt mich näher ans echte Leben und an die Menschen. Und ich kann beides miteinander verbinden: Ein Basketballspiel oder ein Konzert? Ich kann dort fotografieren. Aber ich kann auch die Welt mitgestalten und zeigen, wie ich sie sehe.
Vom Studium zum eigenen Blick
Du hast Design studiert und erst im Studium zur Fotografie gefunden. Wie kam das?
Ich hatte eine tolle, engagierte Professorin, die mich für die Fotografie begeistert hat. Ursprünglich wollte ich den Kommunikationszweig gehen. Es war also nicht die typische Geschichte „Seit ich laufen kann, habe ich eine Kamera in der Hand.“ Die Leidenschaft hat sich erst entwickelt, und damit auch mein Ehrgeiz, besser zu werden. Durch ein Praktikum in Hamburg konnte ich die Werbewelt kennenlernen und habe gemerkt, dass ich dafür brenne.
Wem sollen deine Bilder gefallen?
Das klingt vielleicht egoistisch, aber erst mal mir selbst. Wenn ich meine eigenen Bilder sehe und stolz darauf sein kann, dass ich sie gemacht habe, ist das für mich das schönste Gefühl. Und genauso wichtig sind mir die Menschen, die ich vor meiner Linse habe. Ich hoffe, dass sie sich durch meine Bilder selbstbewusst fühlen und sich in ihrem Körper wohlfühlen können. Die Stimmung am Set ist mir dabei super wichtig!
In deiner Bachelorarbeit ging es um die Zensur und Darstellung des weiblichen Körpers. Heute fotografierst du für große Marken, die Bilder von Körpern in die Welt setzen. Wie kannst du die Themen miteinander vereinbaren?
Mein Anspruch ist, Menschen vor meiner Kamera nicht in eine Schublade zu stecken, sondern ihnen Raum für Repräsentation zu geben. Ich hinterfrage dabei immer wieder meinen eigenen, patriarchal geprägten Blick: Warum fotografiere ich gerade so? Wie kann ich es anders machen? Auch wenn es darauf nicht immer eine Antwort gibt.
Du hast öffentlich darüber gesprochen, warum weibliche Vorbilder in der Fotografie wichtig sind. Wer war deins?
Ich habe nicht dieses eine Vorbild. Mich inspirieren Frauen in sämtlichen Bereichen, die wiederum Raum für andere FLINTA*-Personen schaffen, oder in Machtpositionen, die sonst so oft männlich besetzt sind. In der Werbewelt ist das zum Beispiel endlich mal eine Frau als DP an einem großen Set. Wenn ich im Fotostudio sehe, dass eine schwangere Frau fotografiert, inspiriert mich das!


Ein Netzwerk, das vorher fehlte
Deine ersten Jobs waren Assistenzen an fremden Sets. Wie hast du das da wahrgenommen?
Ich habe nur bei Männern assistiert. Man kommt ans Set, macht erst mal Kaffee für die Leute und versucht, dem Fotografen zu helfen, indem man das Zwischenmenschliche mit den Kunden übernimmt. Nach Anweisung des Fotografen geht es in den Lichtaufbau, der körperlich sehr anstrengend sein kann. Und dann wurde den ganzen Tag fotografiert, viel Still Life Fashion. Das kann gerne mal 12 bis 14 Stunden gehen.
Waren diese Erfahrungen auch der Grund, dass du selbst ein FLINTA*-Netzwerk für Foto und Film gegründet hast?
Als ich selbst einen Job nicht übernehmen konnte und eine Alternative vorschlagen wollte, ist mir aufgefallen, dass ich keine Frau kenne, die meinen Job hätte übernehmen können. Mein gesamtes Netzwerk war männlich, weil in meinem damaligen Office nur Männer waren. Frauen waren eher im Make-up oder Styling vertreten. Ich spreche selbst immer davon, Frauen in die Branche zu bringen, hatte aber kein Netzwerk dafür. Das wollte ich sofort ändern und in Hamburg aufbauen.
Was war der schönste Moment, seit du selbstständig bist?
Die Ausstellung, die ich mit meiner Freundin und Kollegin Elena Jaber gemacht habe. Wir haben zusammen ein FLINTA*-Projekt umgesetzt: „Knitted Connections“ besteht aus einer Fashionstrecke, die die Designerin Zoe Aurivel selbst entworfen hat. Am Set waren nur FLINTA*-Personen, außer dem männlichen Model. Es war eine tolle Stimmung und schön zu sehen, dass wir alles selbst besetzen können. Wir zeigen der Welt ein bisschen: Guck mal, wir machen schon ganz schön geile Sachen. Von den männlichen Models kam viel positives Feedback, dass sie sonst immer nur mit männlichen Teams arbeiten und sich bei uns super wohlgefühlt haben.
Als ich selbst einen Job nicht übernehmen konnte und eine Alternative vorschlagen wollte, ist mir aufgefallen, dass ich keine Frau kenne, die meinen Job hätte übernehmen können.
Der Tiefpunkt und der Weg zurück
Gab es einen Punkt, an dem du ernsthaft überlegt hast, die Selbstständigkeit sein zu lassen?
Vor fast drei Jahren gab es einen Tiefpunkt, an dem es einfach nicht mehr lief. Ich wusste nicht, ob ich mich stärker spezialisieren oder noch mehr Skills lernen sollte. Film, Foto, Schnitt. Es gibt so viel. Das hat mich mental überfordert. Dazu die ständige Unsicherheit: Kommen neue Jobanfragen? Bin ich gut genug? Dieser Dauerstress und die Selbstzweifel gehören leider zur Selbstständigkeit.
Wie bist du da wieder rausgekommen?
Ich habe mir drei Monate Auszeit genommen und wollte einfach mal wieder die Schulbank drücken. In dieser Zeit habe ich eine Weiterbildung gemacht und nicht gearbeitet. Das hat den Druck rausgenommen, und danach hatte ich wieder richtig Lust zu fotografieren. Ich musste an meinem Selbstwert arbeiten und verstehen, dass jede Person ihren eigenen Weg geht. Man muss nicht alles selbst können. Man kann nach Hilfe fragen oder Kurse machen. Heute zweifle und vergleiche ich weniger. Einfach machen und nicht alles ständig hinterfragen.
Woran hast du gemerkt, dass die Selbstständigkeit dich trägt?
Seit ich nicht mehr assistiere, habe ich gemerkt, dass ich wirklich als Fotografin arbeiten und davon leben kann. Dass ich jetzt an meiner alten Hochschule als Gastdozentin einen Workshop geben und jüngere Leute erreichen kann, ist für mich ein echter Full-Circle-Moment. Ich saß selbst vor nicht allzu langer Zeit dort und kann mich deshalb gut hineinversetzen. Und wenn große Marken anklopfen, die ich selbst kenne und toll finde, ist das natürlich eine große Bestätigung.
Was würdest du jemandem sagen, der gerade das Studium beendet und überlegt, direkt selbstständig zu starten?
Go for it. Selbst wenn es nicht klappt, kann man sich immer noch wieder anstellen lassen. Das eine schließt das andere nicht aus. Ich glaube, viele Unternehmen schätzen es sogar, wenn jemand den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hat und weiß, wie man eigenständig Dinge vorantreibt.
Was soll von deiner Geschichte hängen bleiben?
Ich möchte vor allem Frauen erreichen: Nehmt euch euren Space und zeigt euch! Ihr gehört genau hierhin!





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