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Franka Bähr bürstet backstage bei einer Modenschau die Haare eines Models, dahinter weitere Personen am Set.

Friseurin in Freiburg, Hairstylistin in Paris

Eine E-Mail am Abend verschiebt ihren Arbeitsbeginn um zwei Stunden, dann fährt sie nachts mit dem Bus nach Paris. Franka Bähr erzählt, wie sie Salonstuhl und Laufsteg in einen Kalender bringt.

Franka Bähr im weißen T-Shirt und schwarzer Latzhose vor einer hellen Putzwand.
Kurz gefasst
  • Kombiniere zwei Tätigkeiten, wenn eine nicht reicht. Franka Bähr arbeitet im Salon in Freiburg und stylt backstage in Paris und Mailand. Im Salon holt sie sich die Ruhe und die Konzentration auf eine Kundin, am Set die neuen Eindrücke. Beides zusammen trägt, keins davon allein.
  • Miete dich in einen laufenden Betrieb ein. Sie arbeitet auf einem festen Stuhl im Salon einer Kollegin und musste keinen eigenen Betrieb aufbauen. Die Infrastruktur war da, als sie einstieg. So hat sie ein Team um sich und bleibt trotzdem selbstständig.
  • Frag andere nach den Regeln, die nirgends stehen. Wie Agenturen Jobs vergeben, stand in keinem Lehrbuch: Man sagt eine Anfrage zu und wartet auf die Bestätigung, die kurz vorher auch wieder zurückgezogen werden kann. Gelernt hat sie das über den Austausch mit anderen.
  • Geh nach der Ausbildung erst noch in eine Anstellung. Nach der Ausbildung sei niemand automatisch ausgelernt, sagt sie, im Salon lerne man von den anderen. Wer den eigenen Laden will, wird auch Buchhalterin und Chefin. Diese Jobs müssen einem ebenfalls Spaß machen.

Franka Bähr schneidet und färbt in Freiburg Haare, und stylt backstage in Paris und Mailand die Runways. Zwei Berufe, ein Kalender. Wie organisiert man ein Leben, in dem sich die Call-Time über Nacht verschiebt?

Zwei Berufe, zwei Arbeitswelten

Franka, wenn dich jemand fragt, was du machst, wie viele Sätze brauchst du?

Mehr als einen. Ich habe grundsätzlich zwei verschiedene Jobs. Ich arbeite als Friseurin im Salon und mache dort Haare, und ich arbeite am Set und style die Haare auf Fashionshows auf den größeren Laufstegen Europas. Das sind ganz andere Berufsbezeichnungen, da muss man jeweils ganz andere Skills haben.

Und zwei Arbeitsorte, von denen nur einer eine Adresse hat.

Der Salon in Freiburg ist immer der gleiche Ort. Da bin ich nicht immer am selben Stuhl, aber immer im selben Salon und habe viele Stammkundinnen. Der andere Ort ist überhaupt kein fester Ort, sondern immer eine Setsituation in verschiedenen Städten, hauptsächlich in Paris und in Mailand. Die Backstage-Bereiche sind immer super unterschiedlich, eine physische Adresse gibt es hierfür nicht. Das kann mal ein Chateau vor den Toren der Stadt sein, ein umgenutztes Museum oder ein Park in der Innenstadt

Viele Leute machen nur das eine oder nur das andere. Warum beides?

Weil mir beides alleine nicht reichen würde. Im Salon ist es superintim, ich habe eine Kundin, auf die ich mich teilweise mehrere Stunden konzentrieren kann. Andererseits brauche ich das Rausgehen, raus aus Freiburg, neue Eindrücke, das freie, gern auch schnellebige Arbeiten. Im Salon habe ich die Ruhe und kann mich mehr auf eine Sache fokussieren, das nehme ich mit, wenn ich rausgehe. Umgekehrt bringe ich die Kreativität und neue Inspiration mit in den Salon.

Blondieren, Stammkundinnen und der Weg in den Beruf

Im Salon liegt dein Schwerpunkt auf Blondierungstechniken. Warum ausgerechnet die?

Ich bin in der Ausbildung direkt damit reingestartet, sehr viel zu blondieren. Meiner Meinung nach ist das beim Färben die Königsdisziplin. Du musst ganz genau wissen, was im Haar und am Haar gemacht worden ist, und das können, glaube ich, nicht alle. Und was man viel macht, spricht sich rum, das wird irgendwann zur Spezialisierung.

Auf deinem Stuhl sitzen ausschließlich Frauen. Männer sind ausgeschlossen.

Das hat sich einfach entwickelt, weil ich nach meiner Ausbildung lange in einem Salon gearbeitet habe, in dem wir keine Männer bedient haben. Männerhaarschnitte sind nochmal eine ganz andere Disziplin, dafür gibt es ja auch Barbershops. Wir hatten damals beschlossen, den Spieß umzudrehen, um noch tiefer auf das Thema Farben einzugehen und auf die speziellen Bedürfnisse von Frauen. Außerdem war es ein Safe Space. Und es grundsätzlich herrscht bei Männern ein viel schnellerer Durchlauf, das gefällt mir gar nicht. Bei Frauen kann ich mir viel länger Zeit nehmen.

Wie bist du überhaupt in diesen Beruf gekommen?

Wie so oft hat der Zufall eine größere Rolle gespielt. Ich war selbst als Modell bei einer Schulung war und habe ein bisschen mitbekommen habe, was sie dort da hinter meinem Rücken geredet haben. Das fand ich spannend und dachte: Warum nicht, probier's mal aus. Und dann hat es mir tatsächlich richtigen Spaß gemacht, das Handwerk auszuüben. Als ich die Ausbildung gestartet habe, war mir aber durchaus klar, dass ich nicht nur im Salon bleiben möchte. Ich hatte wahnsinniges Glück mit einer Mentorin, die mir vorgelebt hat, dass beides möglich ist.

Porträt von Franka Bähr im weißen T-Shirt, im Hintergrund die runden Spiegel ihres Salons.
Franka Bähr lehnt an den Waschbecken ihres Salons, hinter ihr ein Regal mit Pflegeprodukten.

Freelancerin in der Modebranche

Was hast du am Anfang am selbstständig sein als Stylistin unterschätzt?

Die ungeschriebenen Gesetze, zum Beispiel wie man mit den Agenturen kommuniziert. Die ganze Vergabe der Jobs läuft nach einem gewissen Prinzip, das sagt dir am Anfang niemand und das kann Dich komplett verunsichern. Du bekommst quasi eine Jobanfrage und sagst sie zu und musst dann warten, bis Du „confirmed“ wirst. Es kann aber auch sein, dass das „last minute released“ wird. Das sind eigenwillig komplizierte Abläufe, die stehen in keinem Lehrbuch, dafür gibt es keine klassische Ausbildung. Am einfachsten ist es, wenn Du Dich da vernetzt und austauscht.

Gab es einen Moment, in dem du hingeschmissen hättest?

Eigentlich nicht. Ich denke, es ist eine Mischung aus Disziplin und Glück. Das ist manchmal meiner Meinung nach auch bisschen Zufall. Du musst zur richtigen Zeit der richtigen Person ins E-Mail-Postfach rutschen. Aber natürlich auch präzise arbeiten, pünktlich sein und im Gedächtnis bleiben. Ich war auch immer sehr hartnäckig und habe E-Mail um E-Mail rausgeschickt. Natürlich werden mal Erwartungen mal nicht erfüllt. Du kriegst die Anfrage für einen riesigen Namen, und der wird last Minute wieder abgesagt. Dann denkt man sich schon: Wofür mache ich das hier alles? Aber man entspannt sich da irgendwann. Wenn es nicht diese Saison ist, dann klappt es vielleicht nächste.

Du bist gerade in der Vorbereitung auf die nächste Saison. Was heißt das konkret?

Ich kriege E-Mails mit Jobanfragen, also quasi Optionen für Jobs, und erst kurz vorher Bescheid, ob ich den Job habe oder nicht. Und dann stehen die Aufgaben an, mir dort die Infrastruktur zu schaffen: die Züge oder Flüge buchen, die Wohnung suchen. Am Tag dieses Interviews muss ich zum Beispiel entscheiden, wann ich von Mailand nach Paris fahre. Dadurch, dass ich als Freelancerin arbeite, organisiert das niemand für mich.

Und wie viel von dem Plan hält, wenn du vor Ort bist?

Das ist eine extrem schnelllebige Branche. Kann sein, dass ich abends um zehn in einer Bar sitze und eine E-Mail bekomme, dass meine Call-Time sich um zwei Stunden verschoben hat und ich irgendwo um fünf Uhr morgens loslegen muss. Und die Locations können auch noch wechseln, es ist nichts festgeschrieben. Das klingt stressig, aber es kann auch befreiend sein. Letztes Mal in Paris war ich sieben Tage da und habe sieben Tage gearbeitet. Der Wecker klingelt oft um halb vier.

Der Wecker klingelt oft um halb vier.

Nachtbus nach Paris und was davon bleibt

Für die Strecke Noches Blancas, erschienen im Februar 2024 in der Numéro, fotografiert von Fabien Montique: Wie kam der Job zustande?

Ich habe die Anfrage abends um 19 Uhr bekommen und war in Freiburg. Ich bin dann über Nacht mit dem Bus nach Paris gefahren, weil die Call-Time sehr früh war und ich den ersten Zug nicht geschafft hätte. Vom Bus bin ich direkt zum Set gegangen.

Und dort?

Es war ein verregneter Novembertag und sehr kalt, aber wir haben Sommer-Looks geschossen. Den Models ging es wirklich schlecht, den ganzen Tag. Wir haben Wärmepflaster gegen Rückenschmerzen geholt und sie ihnen auf den Körper geklebt, an Stellen, die vom spärlichen Stoff bedeckt waren. Ich bin nach dem Shooting direkt wieder nach Freiburg zurückgefahren.

Nachtbus hin, Nachtbus zurück. Warum tut man sich das an?

Es war wild, ich war so müde. Aber ich wollte den Job unbedingt machen. Ich dachte: Das Magazin ist cool, und das ist die Extra-Meile, die ich gehen muss. Wenn du Nein sagst, wird es jemand anderes machen. Du musst Dir die die Gelegenheiten selbst schaffen.

Was nimmst du vom Set mit an den Salonstuhl, und was funktioniert dort überhaupt nicht?

Die einzelnen Techniken nehme ich nicht so oft mit, weil wir bei Modeschauen viel mit Extensions arbeiten. Das sind temporäre Looks, oft sehr avantgardistisch, das funktioniert im Salon nicht unbedingt. Es sind eher die gesamten Eindrücke die ich mitnehme. Im Salon habe ich gelernt, sehr dogmatisch nach bestimmten Techniken zu arbeiten, am Set ist es genau das Gegenteil. Ich musste da lernen, auch mal loszulassen. Und umgekehrt kommt mir meine Präzision backstage oft zugute.

Wenn du Nein sagst, wird es jemand anderes machen.
Models laufen bei einer Modenschau über den Laufsteg, aufgenommen mit Bewegungsunschärfe.
Einem blonden Model wird backstage bei einer Modenschau Augen-Make-up aufgetragen.

Selbstbestimmt arbeiten und was sie anderen rät

Wie sehr half Dir die Freiheit als Selbstständige, auf einen festen Stuhl im Salon einer Kollegin zurückgreifen zu können?

Ehrlicherweise war das vollkommen positiv, weil ich in einen laufenden Betrieb reingegangen bin. Ich musste mit meinem Arbeitspensum also keinen Salon neu eröffnen, die Infrastruktur war einfach da. Das verbindet für mich die positiven Vorteile vom Angestelltsein mit denen vom Selbstständigsein: Ich bin nicht alleine, habe ein Team um mich und bin trotzdem selbstständig. Ich kann da sein, oder eben auch unterwegs sein, wie es gerade reinpasst.

Manchmal machst du Celebrities die Haare, manchmal einer Stammkundin. Merkt man den Unterschied?

Vielleicht könnte es den Eindruck geben, dass Kundinnen davon eingeschüchtert oder beeindruckt sind, aber ich unterscheide da überhaupt nicht. Für mich spielt es keine Rolle, wer vor mir sitzt. Das sind für mich genau die gleichen Haare und wichtig ist mir, dass die Kundin sich beim Gehen wohlfühlt und glücklich ist.

Woran merkst du, dass die Selbstständigkeit funktioniert?

Natürlich daran, dass ich ausgebucht bin. Es hat von vornherein funktioniert, weil ich davor schon lange in Freiburg war und viele Kundinnen mir gefolgt sind. Ich merke es aber eher an mir persönlich, weil ich so selbstbestimmt arbeiten kann und mich das überaus happy macht.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade die Ausbildung im Friseurhandwerk beendet und über die Selbstständigkeit nachdenkt?

Lass dir Zeit. Geh ruhig erst mal noch in eine Anstellung, weil du nach der Ausbildung noch nicht automatisch ausgelernt bist. Ich habe auch ganz viel im Salon gelernt, du lernst von den anderen und tauschst dich aus. Es ist ein Handwerk, und ein Handwerk braucht einfach Zeit.

Und was wird am Traum vom eigenen Laden unterschätzt?

Wie viel Arbeit drumherum anfällt. Du bist dann nicht mehr nur Friseurin, du bist auch Buchhalterin, oder wenn du Angestellte hast, deren Chefin. Die Jobs müssen dir auch Spaß machen. Das musst du dir vorher überlegen: Willst du eigentlich Haare machen, oder willst du auch im Büro sitzen?

Was soll von deiner Geschichte hängenbleiben? Ein Satz.

Du kannst alle Welten kombinieren. Es wird immer einen Weg geben. Zu mir haben auch ganz viele gesagt: Du kannst nicht in Freiburg wohnen und in die Fashion-Industrie gehen. Kann ich doch. Du kannst es dir so einrichten, wie du das möchtest.

© Foto Credits:
Adam Siwek, Sia Arnika, Eigenmaterial Franka Bähr
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Auf einen Blick
Häufige Fragen zu
Franka Bähr
Wer ist Franka Bähr?

Franka Bähr ist Friseurin und Hairstylistin. Sie arbeitet in einem Salon in Freiburg mit Schwerpunkt auf Blondierungstechniken und stylt backstage die Haare auf Fashionshows, hauptsächlich in Paris und Mailand. Beide Tätigkeiten übt sie selbstständig aus.

Wie verbindet Franka Bähr Salon und Fashion Week?

Der Salon in Freiburg ist ihr fester Ort, die Sets wechseln von Stadt zu Stadt. Aus dem Salon nimmt sie Ruhe und Präzision mit ans Set, aus der Mode neue Eindrücke und Kreativität zurück in den Salon. Die Techniken selbst lassen sich kaum übertragen, weil sie backstage viel mit Extensions und temporären Looks arbeiten.

Wie arbeitet Franka Bähr als selbstständige Hairstylistin?

Sie erhält von Agenturen Jobanfragen als Optionen und erfährt oft erst kurz vorher, ob ein Job zustande kommt. Reise und Unterkunft organisiert sie als Freelancerin selbst. Arbeitsbeginn und Drehort können sich über Nacht verschieben, entsprechend kurzfristig plant sie.

Was rät Franka Bähr Friseurinnen, die selbstständig werden wollen?

Sich Zeit lassen und nach der Ausbildung erst noch in eine Anstellung gehen, weil man dort von anderen lernt. Wer einen eigenen Laden will, sollte wissen, dass Buchhaltung und Personalführung dazugehören. Ihr Fazit: Man kann alle Welten kombinieren und sich das Arbeiten so einrichten, wie man es möchte.

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