Hanna Wagner hat Jura studiert, die Rechtsanwaltsprüfung abgelegt und als Konzernjuristin gearbeitet. Heute vertreibt sie aus Saalfelden Aloe-vera-Produkte im Network Marketing und begleitet Mütter beim eigenen Geschäft. Wie kam es dazu?
Ein freier Tag mit Folgen
Hanna, du warst Unternehmensjuristin in einem großen Konzern. Gab es einen Moment, an dem du gemerkt hast, dass dieser Weg nicht zu dir passt?
Ja, an den erinnere ich mich bis heute. Ich hatte an einem Zwickeltag Zeitausgleich eingetragen. Meine Vorgesetzte hatte ihn genehmigt, eigentlich war das überhaupt kein Thema. Eine Kollegin störte sich trotzdem daran und machte mir Vorwürfe. Objektiv war das wahrscheinlich eine Kleinigkeit, für mich war es das berühmte Pünktchen auf dem i. Ich weiß noch, dass ich dachte: Ich möchte nicht mein ganzes Berufsleben lang rechtfertigen müssen, wann ich mir einen freien Tag nehme, obwohl er mir zusteht und sogar genehmigt wurde! Und wenn mich so etwas schon ohne Kinder beschäftigt, wie soll sich dieses Arbeitsmodell erst anfühlen, wenn ich Mama bin? In dem Moment war mir klar, dass ich nicht einfach einen anderen Arbeitgeber wollte. Ich wollte grundsätzlich anders arbeiten.
Gekündigt hast du trotzdem nicht. Wie sah ein Abend nach Feierabend aus, als du nebenher angefangen hast?
2023 habe ich begonnen, mir Geschäftsmodelle anzusehen. Mir war wichtig, nicht Hals über Kopf alles hinzuwerfen, sondern mir Schritt für Schritt ein zweites Standbein zu schaffen. Mein Mann kam unter der Woche oft erst gegen 19 oder 20 Uhr nach Hause, die Zeit bis dahin habe ich für mein Business genutzt. Und ich habe schnell gemerkt, wie viele kleine Leerzeiten der Alltag hat. Im Fitnessstudio habe ich die Zeit am Ergometer genutzt, auch Wartezeiten beim Arzt waren plötzlich keine verlorene Zeit mehr. Manchmal waren es 20 Minuten hier, eine halbe Stunde dort. Das habe ich bis heute beibehalten. Ich versuche nicht, mehr Zeit zu haben, ich nutze die Zeit, die ohnehin da ist, bewusster.
Die Insolvenz während des Mutterschutzes
Während deiner Schwangerschaft hat dein Arbeitgeber Insolvenz angemeldet. Wie hast du davon erfahren?
Ich war gerade einmal fünf Tage im vorzeitigen Mutterschutz. Eine Freundin hatte mich zu einem Netzwerk-Event mitgenommen, ich nahm mein Handy in die Hand und las die Schlagzeile. Im ersten Moment konnte ich es nicht glauben. Und dann hatte ich einen richtigen Gänsehaut-Moment. Nicht, weil ich mich über die Insolvenz gefreut hätte, ganz im Gegenteil. Sondern weil ich mich in meiner Entscheidung unglaublich bestätigt gefühlt habe. Ich dachte nur: Wie gut, dass ich auf mein Gefühl gehört und nicht gewartet habe, bis etwas passiert! Bis dahin hatte ich Sicherheit stark mit einem guten Angestelltenverhältnis verbunden. An diesem Tag habe ich verstanden, dass Sicherheit für mich auch bedeutet, nicht vollständig von einem einzigen Arbeitgeber und einem einzigen Einkommen abhängig zu sein.
Viele in deinem Umfeld haben nicht verstanden, warum du nach Jura und Anwaltsprüfung etwas ganz anderes machst. Welche Reaktion ist dir nachgegangen?
Die meines Papas. Als ich ihm erzählt habe, dass ich mir etwas Eigenes aufbauen möchte, kam ziemlich schnell: „Du kannst doch nicht so einen sicheren Job aufgeben!“ Damals konnte ich das sogar verstehen. Ich habe ihm erklärt, dass ich meine Ausbildung nicht wegwerfe, sondern mir zusätzliche Möglichkeiten schaffe. Dass ausgerechnet dieser vermeintlich sichere Job später ins Wanken geraten würde, hat seinem Satz im Nachhinein eine gewisse Ironie verliehen. Darüber können wir heute gemeinsam lachen. Und wer weiß, vielleicht mache ich mich irgendwann als Rechtsanwältin selbstständig, wenn mich meine Kinder nicht mehr ständig brauchen.
Network Marketing mit dem Blick einer Juristin
Wie würdest du einer Freundin am Spielplatz erklären, womit du heute dein Geld verdienst?
Ich verdiene mein Geld mit der Weiterempfehlung von Aloe-vera-Produkten, die man ohnehin zu Hause verwendet, und damit, andere Frauen dabei zu begleiten, sich genau daraus ihr eigenes flexibles Business aufzubauen. Mein Einkommen kommt aus zwei Bereichen: aus meinen eigenen Produktverkäufen und, inzwischen zum größeren Teil, aus Provisionen und Boni auf die Umsätze meines Teams. Wer sich bei mir meldet, bekommt nicht einfach einen Link. Ich begleite den Einstieg Schritt für Schritt, von den ersten Kundinnen und Kunden bis zu der Frage, wie man das in den eigenen Alltag integriert.
Als Juristin interessiert mich nicht, ob ein Geschäftsmodell einen guten oder schlechten Ruf hat, sondern ob ich nachvollziehen kann, wie es wirtschaftlich und rechtlich funktioniert.
Network Marketing hat nicht den besten Ruf. Was hat dich als Juristin überzeugt?
Ich war anfangs ehrlich gesagt sehr kritisch. Deshalb habe ich mir genau angesehen, welche Kosten entstehen, welche Verpflichtungen ich eingehe und was passiert, wenn ich morgen wieder aufhören möchte. Die Partnerfirma arbeitet seit 48 Jahren international, und das Team, in das ich eingestiegen bin, hatte eine aufgebaute Infrastruktur samt Einschulung, die ich kostenlos nutzen konnte. Ich habe keinen Vertrag mit Mindestlaufzeit unterschrieben. Und die Vergütung hängt an realen Produkten und Kundenumsätzen, nicht einfach daran, neue Menschen ins Netzwerk zu holen. Als Juristin interessiert mich nicht, ob ein Geschäftsmodell einen guten oder schlechten Ruf hat, sondern ob ich nachvollziehen kann, wie es wirtschaftlich und rechtlich funktioniert.
Welche Fragen sollte sich eine Frau stellen, bevor sie bei so einem Angebot einsteigt?
Erstens: Womit wird tatsächlich Geld verdient? Gibt es echte Produkte und reale Kunden, oder dreht sich alles darum, neue Personen anzuwerben? Zweitens: Welche Kosten und Verpflichtungen gehe ich ein, und wie komme ich wieder raus? Drittens: Was wird mir versprochen? Bei Sätzen wie „Damit verdienst du garantiert X Euro im Monat“ wäre ich sehr vorsichtig. Eine Selbstständigkeit bleibt eine Selbstständigkeit. Ein seriöses Geschäftsmodell sollte kritische Fragen aushalten. Wenn jemand ausweicht oder Druck macht, wäre das für mich ein klares Warnsignal.
Arbeiten, wenn die Tochter schläft
Warst du je kurz davor, alles hinzuschmeißen?
Es gab Tage, an denen gefühlt nichts funktioniert und man sich fragt, ob der klassische Weg nicht doch einfacher wäre. Geholfen hat mir, mich daran zu erinnern, warum ich angefangen habe. Seit meine Tochter auf der Welt ist, muss ich mich nicht mehr daran erinnern, ich sehe ihr jeden Tag in die Augen. Schwierige Phasen waren für mich deshalb nie ein Grund aufzuhören, eher ein Grund zu überlegen: Was muss ich, zum Teil auch an mir, verändern, damit es wieder funktioniert?


Wie sieht ein ganz normaler Dienstag bei dir aus?
Ziemlich unspektakulär, und genau das liebe ich daran. Wenn das Wetter schön ist, sind meine Tochter und ich vormittags draußen, gern auch am Berg. Wenn sie Mittagsschlaf macht, arbeite ich meistens eine halbe Stunde. Nachmittags treffe ich mich manchmal mit anderen Mamas aus meinem Team. Die Kleinen spielen miteinander, während wir Ideen besprechen. Das ist für mich MamaBusiness in seiner schönsten Form. Die eigentliche Arbeitsphase beginnt, wenn meine Tochter abends schläft: Bestellungen, Rechnungen, Content, Gespräche mit Interessentinnen. Insgesamt komme ich oft auf eineinhalb Stunden konzentrierte Arbeitszeit. Vereinbarkeit bedeutet für mich nicht, gleichzeitig zu arbeiten und Mama zu sein. Es bedeutet, selbst entscheiden zu können, wann ich arbeite und wann meine Familie meine volle Aufmerksamkeit bekommt.
Vom zweiten Standbein zum eigenen Team
Woran merkst du, dass aus dem zweiten Standbein ein Unternehmen geworden ist?
Ein großer Meilenstein war meine erste eigene Manager-Linie. Innerhalb meines Netzwerks hat sich eine weitere Führungskraft mit eigenem Team entwickelt, das zunehmend selbstständig arbeitet. Genau diese Multiplikation finde ich so spannend: Am Anfang startet man allein, dann werden aus einer Person drei, aus drei zehn und irgendwann vielleicht 50. Dazu kamen Kooperationen mit Unternehmen und anderen Selbstständigen. Und es war ein besonderer Moment, als ich es auf eine Top-10-Liste innerhalb Österreichs geschafft habe. Wenn ich daran denke, dass ich mit ein paar freien Stunden neben meinem Job als Unternehmensjuristin angefangen habe, macht mich das schon stolz.
Welcher Moment war bisher der schönste?
Als ich für eine erreichte Position ausgezeichnet und auf die Bühne geholt wurde. Gemeinsam mit meiner kleinen Tochter ging ich damals rauf. Sie auf dem Arm zu haben und gleichzeitig für etwas ausgezeichnet zu werden, das ich mir selbst aufgebaut hatte, war unglaublich. Da kamen die beiden Welten zusammen, zwischen denen ich mich früher entscheiden zu müssen glaubte: Mama sein und beruflich etwas erreichen.
Eine Mama mit sicherem Job fragt dich, ob sie sich selbstständig machen soll. Was sagst du ihr?
Ich würde ihr zuerst drei Fragen stellen: Bist du glücklich? Fühlst du dich erfüllt? Und hast du genug Zeit für dich und die Dinge, die dir wichtig sind? Wenn sie alle drei aus voller Überzeugung mit Ja beantwortet, würde ich ihr nicht raten, etwas zu verändern. Wenn sie ins Nachdenken kommt: Dann schau dir die Alternativen an und probier es einfach mal aus. Man muss nicht gleich sein ganzes Leben umkrempeln. Ich habe nicht meine Karriere gegen das Mama-Sein eingetauscht. Ich habe lediglich aufgehört, Karriere nur auf eine einzige Art zu definieren.






.png)






