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Julia Bösch lächelt während der Podcast-Aufnahme hinter dem Mikrofon.

„Mit jedem Zweifel ist meine Motivation gestiegen“

Julia Bösch baut mit Outfittery genau das, wovon alle sagen, es lasse sich nicht skalieren: Kleidung, die jemand anderes auswählt. Heute sind es 130 Millionen Euro Umsatz in 13 Ländern. Wie kommt man da hin?

Das nimmst du von
Julia Bösch
mit
  • Nimm Zweifel als Antrieb. Als Julia Bösch ihre Idee erzählte, hörte sie, das nutzen vielleicht hundert Leute, und skalieren lasse sich so ein Service ohnehin nicht. Ihre Motivation stieg mit jeder Ablehnung.
  • Fang mit einem Behelf an, wenn dir die Ware fehlt. Weil keine Marke mit dem kleinen Unternehmen arbeiten wollte, bestellten die Gründerinnen für jeden Kunden bei Zalando und packten die Sachen in ihre eigene Box um.
  • Sag deinen Investoren selbst Bescheid, wenn es eng wird. Als Zalando mitten in der Finanzierungsrunde denselben Service ankündigte, rief Julia Bösch die Geldgeber an, bevor die es woanders lasen.
  • Prüf vor einer Fusion die Grundprinzipien, nicht die Kultur. Dieselbe Kultur zu erwarten, hält Julia Bösch für unrealistisch. Vor den Zusammenschlüssen mit Modomoto und Lookiero lernten sich die Gründerteams über Jahre kennen.

Julia Bösch ist Mitgründerin und CEO von Outfittery, einem Personal-Shopping-Dienst aus Berlin. Wer dort bestellt, sucht selbst nichts aus: Die Kundschaft erzählt, was sie mag, dann stellen über 200 Stylistinnen und Stylisten gemeinsam mit einem Algorithmus eine Box zusammen. Behalten wird, was gefällt, der Rest geht zurück, die Beratung kostet nichts. 2012 ist Outfittery mit zwei Gründerinnen gestartet, heute sind es 130 Millionen Euro Umsatz in 13 Ländern und über 500 Mitarbeitende.

Im Tell Your Story Podcast spricht Julia Bösch mit Christian Steiger über die Jahre dazwischen. Über den Onkel, der beim Weihnachtsessen bleich wurde. Über einen Anwaltsbrief eine Woche nach dem Launch. Über den Tag, an dem Zalando denselben Service ankündigte, mitten in einer laufenden Finanzierungsrunde. Und darüber, warum ausgerechnet Menschen ihr wichtigster Vorteil sind, während alle anderen daran arbeiten, Menschen zu ersetzen.

Zwei Wochen mit vierzehn

Aufgewachsen ist Julia Bösch am Bodensee, ohne Unternehmerinnen und Unternehmer in der Familie oder im Umfeld. Der Knackpunkt war ein Schülerpraktikum mit vierzehn: zwei Wochen beim wahrscheinlich einzigen Startup der Region, das Suchmaschinenmarketing machte, lange bevor es Google AdWords in Deutschland gab. Von da an wollte sie irgendwann selbst gründen. Nach dem BWL-Studium in München ging sie zu einem kleinen Onlineshop für Schuhe nach Berlin: vierzig Mitarbeitende, sechs Millionen Euro Umsatz. Zwei Jahre später waren es tausendfünfhundert Menschen und fünfhundert Millionen. Es war Zalando, und Julia Bösch brachte dort die ersten fünf Auslandsmärkte live.

Ich habe einfach jegliche Angst vor Geschwindigkeit verloren.

Ein Personal Shopper auf der Fifth Avenue

Was sie an Mode faszinierte, war nicht die Mode, sondern ein Problem: Je mehr Auswahl ein Shop bereitstellt, desto schwerer fällt manchen Menschen die Entscheidung. Den Anstoß gab ein Freund in New York, der sich einen Personal Shopper leistete. Ausgerechnet dieser Freund, sonst ein Shopping-Muffel, war danach glücklich und sah auch noch gut aus. Aus der Frage, wie sich das kostenlos für Millionen Menschen anbieten lässt, wurde Outfittery. Die Reaktionen fielen eindeutig aus: Vielleicht hundert Leute würden das nutzen, hieß es, und skalieren könne so ein Service ohnehin nicht.

Mit jeder Ablehnung und mit jedem Zweifel ist meine Motivation gestiegen.

Ein Anwaltsbrief nach sieben Tagen

Gestartet ist der Service unter einem anderen Namen: Paul's Secret, nach einem Personal Shopper namens Paul, den die Gründerinnen getestet hatten. Eine Woche nach dem Launch kam ein Anwaltsbrief aus München, ein Unternehmen mit ähnlichem Namen drohte mit Klage. Der eigene Anwalt riet ab, in eine Marke zu investieren, die man bald verlieren könnte. Der neue Name entstand unromantisch: Ein Tool kombinierte Keywords und prüfte die Domains, um zwei Uhr nachts spuckte es aus, dass outfittery.com und outfittery.de frei waren.

Der größte Kleiderschrank Europas

Kunden gab es von Anfang an, Ware nicht. Die Marken wollten mit einem so kleinen Unternehmen nicht arbeiten, auf den Modemessen gab es kein Interesse. Also bestellten die Gründerinnen für jeden Kunden bei Zalando, packten die Sachen in eine Outfittery-Box um und schickten zurück, was nicht behalten wurde. Ein tragfähiges Geschäft war das nicht, aber es zeigte, welches Sortiment funktioniert. Heute hat sich das Verhältnis gedreht, jetzt wollen die Marken zu Outfittery.

Der Tag, an dem Zalando dasselbe ankündigte

Erst wurde das Modell belächelt, dann kopiert. Zalando stieg ein, Peek & Cloppenburg auch. Die Ankündigung fiel mitten in eine fast abgeschlossene Finanzierungsrunde. Julia Bösch rief die Investoren selbst an, weil die es wenigstens von ihr hören sollten. Statt Panik kam Gelassenheit: Diese Geldgeber waren früh bei Spotify eingestiegen und hielten das Kopiertwerden für eine Bestätigung. Die Konkurrenten verschwanden nach etwa drei Jahren wieder.

Leute, es ist was total Tolles passiert.

Warum der Mensch bleibt

Gewachsen ist Outfittery seitdem auch durch Zusammenschlüsse, 2019 mit dem Wettbewerber Modomoto und zuletzt mit Lookiero aus Spanien. Beide Male stand die Warnung im Raum, die Hälfte aller Fusionen scheitere an der Kultur. Bei der Frage nach der Zukunft bleibt Julia Bösch bei ihrem Gegentrend: In einer Welt voller Agenten und KI-Systeme wachse das Bedürfnis nach echter menschlicher Verbindung. Je besser der Algorithmus auswählt, desto mehr Freiheit bleibt den Stylistinnen und Stylisten für Kreativität und für den Draht zur Kundschaft. Den Titel für einen Film über ihre Geschichte hat sie auch schon: Impossible Possible.

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Häufige Fragen zu
Julia Bösch
Wer ist Julia Bösch?

Julia Bösch ist Mitgründerin und CEO von Outfittery. Aufgewachsen ist sie am Bodensee, in einer Familie ohne Unternehmerinnen und Unternehmer. Nach dem BWL-Studium in München ging sie mit 25 nach Berlin zu Zalando und leitete dort die Internationalisierung. 2012 gründete sie Outfittery mit ihrer Mitgründerin Anna. Seit die Mitgründerin sich operativ zurückgezogen hat, führt Julia Bösch das Unternehmen allein.

Was macht Outfittery?

Outfittery ist ein Personal-Shopping-Dienst. Die Kundschaft beschreibt, was sie mag und braucht, dann stellen über 200 Stylistinnen und Stylisten gemeinsam mit einem Algorithmus eine Box mit Kleidung zusammen. Behalten wird, was gefällt, der Rest geht zurück. Die Beratung selbst kostet nichts. Das Unternehmen kommt heute auf 130 Millionen Euro Umsatz in 13 Ländern und über 500 Mitarbeitende.

Wie ist Outfittery entstanden?

Die Idee entstand aus einer Beobachtung bei Zalando: Je mehr Auswahl ein Shop bietet, desto schwerer fällt manchen Menschen die Entscheidung. Den Anstoß gab ein Freund in New York, der sich einen Personal Shopper leistete und danach glücklich war, obwohl er Shopping sonst nicht mochte. Gestartet ist der Service vier Monate später unter dem Namen Paul's Secret. Nach einem Anwaltsbrief musste der Name weichen, der neue kam aus einem Tool, das freie Domains suchte.

Was rät Julia Bösch Gründerinnen und Gründern?

Zweifel von außen nimmt sie als Antrieb, ihre Motivation stieg mit jeder Ablehnung. Bei Rückschlägen setzt sie auf Angriff statt Rückzug und auf ein Gründungsteam, in dem sich zwei Menschen gegenseitig hochziehen. Für Fusionen rät sie, die Grundprinzipien der anderen Seite abzuklopfen, statt auf dieselbe Kultur zu hoffen. Und für die harten Momente hat sie einen eigenen Trick: Sie sagt sich, dass sie irgendwann ein Buch über diese Reise schreibt und das gerade das spannendste Kapitel wird.

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