Michel Koller schneidet Haare, seit 2017 im eigenen Salon, heute in Merzhausen bei Freiburg. Wer bei ihm bucht, bekommt Zeit, Beratung und selten genau das, was auf dem Foto im Handy ist. Warum eigentlich nicht?
Wie Michel Koller zum Friseur wurde
Michel, in einem Satz: Wer bist du, was machst du, für wen?
Ich bin Michel Koller. Ich liebe Schönheit und alles, was mit Schönheit zu tun hat. Und ich möchte Menschen helfen, diese Schönheit an sich zu entdecken und ein Gefühl dafür zu bekommen.
Dein Laden ist an sechs Tagen in der Woche offen, Abendtermine gibt es nach Absprache. Was treibt dich morgens aus dem Bett, auch an Tagen, an denen es nicht so gut läuft?
Das tägliche Begleiten von Menschen und das Ergebnis, das dabei rauskommt. Dass ich mich kreativ ausleben kann, dass Menschen mir vertrauen und ich ihnen so viel Raum geben darf. Das ist eine Selbstverwirklichung. Ich mache das für meine Kundschaft, aber auch für mich selbst. Es ist einfach ein großes Bedürfnis, etwas zu kreieren, und dabei kann ich noch Gutes bewirken.
Erzähl mal von ganz vorne. Wie ist Michel zu Haaren gekommen?
Ich habe schon als Kind gemalt, meistens Frauen mit schönen langen Haaren. (lacht) Ich hatte immer einen Blick fürs Detail, auch dafür, wie sie angezogen sind und wie sie am besten illustriert sind. Eigentlich wollte ich Comics malen, aber ich habe die Schule nicht so ernst genommen. Ich komme aus einem Haushalt, der nicht so strukturiert war. Die Idee, als Friseur anzufangen, kam von meiner Mutter. Ich habe damals immer Serien geschaut und dachte: Ah, das könnte der Person auch passen. Freunden und Bekannten habe ich dann Look-Ideen weitergegeben. Guck mal, du bist ein Typ wie die. So bin ich zum Friseur gekommen. Es hat gleich sehr gut zu mir gepasst, weil es alle meine persönlichen Bedürfnisse erfüllt hat. Und ich bin sehr ehrgeizig. Ich habe früh gelernt, was es heißt, richtig Gas zu geben, und bin recht kompromisslos, wenn es um meine Leidenschaft geht. Ich hatte gute Trainer und habe mir Vorbilder gesucht. Später war ich selbst Trainer und habe viele Seminare besucht. Das mache ich bis heute, gerne.
Was Kundschaft bei ihm bucht
Was genau bucht jemand bei dir, wenn er heute anruft? Erklär es so, als würdest du es jemandem am Briefkasten erklären.
Du buchst bei mir den Raum, die Zeit mit mir und die Intensität meiner Skills, die du sonst nicht so oft bekommst. Ich erfülle keine Wünsche, aber ich versuche mit dir herauszufinden: Was bringst du mit? Was für ein Typ bist du? Du lernst dabei sehr viel über dich selbst. Was kann ich aus dem machen, was ich mitbringe? Und ist es überhaupt das, was mich tatsächlich ausdrückt? Das ist ein großer Unterschied zu jemandem, der nur Dienst leistet. Dazu kommt die Atmosphäre, der tolle Raum, gute Getränke. Ich umsorge sehr. Das gibt es woanders wahrscheinlich auch, aber nicht so, wie ich es mache. Und alles unter dem Aspekt Echtheit.
Was passiert, wenn jemand mit einem Foto auf dem Handy reinkommt und du beim Hinsehen schon weißt, das wird nicht funktionieren?
Dann gebe ich ehrlich Feedback. Und erst mal frage ich, was auf dem Foto eigentlich ist. Was ist die Essenz des Fotos, was drückt es für dich aus? Ist es der kleine Teil Blond, der dir gut gefällt, die Farbgebung, oder die Person, mit der du dich identifizierst? Dann versuche ich zu erörtern, worum es eigentlich geht, und passe das an. Ein Nein gibt es bei mir nicht, ich erfülle eben nur keinen Eins-zu-eins-Wunsch. Ich bin manchmal ein bisschen Lebensberater.


Als der Leistungsdruck zu groß wurde
Was war in diesen neun Jahren die größte Hürde?
Ich habe meine Grenzen nicht gut gesetzt, habe mich zeitweise überarbeitet und versucht, es allen recht zu machen, alles auf meine Lasten. Ich war auch ein bisschen eigenverliebt und dachte: Mich kann ja niemand ersetzen. Da habe ich mich völlig übergangen. Es gab eine Zeit, in der meine Leidenschaft und meine Kreativität zu einem Leistungsdruck wurden, den ich schwer halten konnte. Wäre ich da nicht ein Stück zurückgetreten, hätte ich es wahrscheinlich hingeschmissen, weil ich nichts mehr gefühlt habe außer leisten, leisten, leisten.
Gab es einen Moment, in dem du gespürt hast, so geht es nicht weiter?
Einen richtigen Moment hatte ich nie, das war eher ein Konstrukt aus Zusammenfügungen, die mir aus den Händen geglitten sind. Es war immer die gleiche Kundschaft, immer ähnliche Typen. Ich hatte so viele Anfragen, aber die Hälfte davon hat mich gar nicht erfüllt, weil ich weniger mich umgesetzt habe als das, was gut ankommt, um Sicherheit im Business zu haben. Dann habe ich auch noch Corona bekommen. Das war ein Burnout, würde ich schon sagen. Da musste ich echt zu mir selber finden.
Was machst du heute anders als am Anfang?
Ich überprüfe öfter, ob ich mir treu bin. Und ich gehe an manchen Stellen nicht mehr so auf Nummer sicher. Ich möchte jetzt auch mehr Vorbild sein, weil ich einen Mitarbeiter habe, und in dieser Funktion zeigen: Lass dich nicht auf faule Kompromisse ein, die dir nachher die Energie nehmen. Du musst dich bewegen, nur in Bewegung bleibt man lebendig.
Du musst dich bewegen, nur in Bewegung bleibt man lebendig.
Der Neuanfang in Merzhausen
Es gibt viele Friseursalons in und um Freiburg. Was hat dich überzeugt, von Staufen nach Merzhausen zu gehen?
Das Gebäude, das ich jetzt habe, ist besonders. Es gibt diese kleine Terrasse, es ist ein bisschen gehoben, modern, viele Fenster, recht clean. Ich hatte das Gefühl, da kann man etwas sehr Zeitloses reinbauen und meine Vision von einer schönen Atmosphäre eher realisieren. Ein Arbeitsambiente, in dem ich gerne bin und in dem auch Kunden gerne sind. Das funktioniert. Staufen war ganz nett, aber letzten Endes war es irgendwann nur noch der Tennis- und der Golfclub, der mich gebucht hat, und ich wollte näher am Puls der Stadt sein. Es hat vorher nur nie das Gebäude gepasst.
Gibt es eine Sternstunde in diesen neun Jahren?
Die Eröffnung von diesem Salon und dass alles klappt. Der letzte Kredit war abbezahlt, ich hätte in Staufen auch noch mal gut verdienen können, und ich habe mich entschieden, hier einen neuen aufzunehmen. Dass ich das Risiko noch einmal eingegangen bin und dass ich das Gefühl habe, die Reise ist eben nicht am Ende, sondern beginnt wieder, das ist für mich eine große Sternstunde.
Kannst du den Moment beschreiben?
Das war direkt nach der Eröffnung. Mein Lehrling hatte auch angefangen, sich weiterzuentwickeln. Wir hatten beide einen vollen Tag, ich hatte viel positives Feedback bekommen und natürlich auch Angst vor dem neuen Kredit. Dann stand ich abends draußen auf der Terrasse, habe gerade die Stühle eingepackt, kurz nach oben geschaut, wie man sich das so im Film vorstellt, und dachte: Geil, dass es nicht einfach nur weiterging, sondern dass ich noch einmal einen neuen Weg gegangen bin.
Sein Blick auf den Beruf
Woran merkst du, dass es läuft?
Natürlich kann man das finanziell messen. Ich kann meine Preiserhöhungen machen, ohne mich hunderttausendmal zu rechtfertigen. Der Zulauf ist sehr, sehr groß, und meine Zahlen kommen immer auf die Ziele, die ich mir setze. Aber ich merke es auch daran, wie über mich gesprochen wird. Kunden sagen zu mir: Ich wollte nicht mehr zum Friseur, ich wollte zu einem Künstler. Als das vor Kurzem wieder passiert ist, dachte ich, ja, es geht in die richtige Richtung. Ich habe Kunden, die mir seit circa 20 Jahren treu sind und weite Wege fahren. Aus der Schweiz, aus Österreich, aus Hamburg und Heilbronn, auch international.
Was ist dein nächstes Ziel?
Noch mehr Künstler in ihrer Darstellung zu unterstützen. Ich habe immer viele Ideen, viele davon verlaufen im Sande, aber die Essenzen bleiben. Und ich habe das Gefühl, die Kundschaft bewegt sich mit dorthin, wo ich gerne sein möchte, ohne zu murren. Jeder fühlt sich gut aufgehoben. Das ist, glaube ich, auch sehr messbar.
Was wird über den Friseurberuf ständig erzählt, das schlicht nicht stimmt?
Dass Friseur sein nicht zum Erfolg führt. Oder dass es nur Menschen machen, die nichts anderes gefunden haben. Ich bin ja selbst in den Beruf gekommen, weil ich das, was ich eigentlich machen wollte, nicht gemacht habe. Aber Friseure sind oft kultivierte, weit gefächerte Menschen, die einen Blick auf ganz viele Ebenen haben, weil sie mit so vielen Kunden zu tun haben. Viele sind nicht so einfach gestrickt, wie es ihnen nachgesagt wird. Und man kann sehr erfolgreich sein, gerade in der heutigen Zeit.
Was würdest du jemandem sagen, der heute überlegt, sich als Friseur selbstständig zu machen?
Drei Dinge. Erstens: Bleib dran, sei ehrgeizig und geh den Extra-Weg. Zweitens: Verkauf dich nicht unter deinem Wert und kommuniziere das. Und drittens: Sorge dafür, dass es den Menschen um dich herum gut geht, und sag ihnen, dass du dir das andersherum genauso wünschst. Ich habe meinem Mitarbeiter direkt gesagt: Pass auf, ich möchte immer, dass es dir gut geht, deswegen darfst du mir alles sagen. Und andersherum wünsche ich mir das genauso. Wenn es einem von uns nicht gut geht, kann man sich das sagen, weil man weiß, der andere hat es im Blick. Dadurch ist die Atmosphäre total offen. Das ist eine der wichtigsten Haltungen in allen Systemen.
Was soll von deiner Geschichte hängen bleiben? Ein Satz.
Egal, was ihr macht, bewegt euch mit Liebe, Fairness und Leidenschaft, dann kommt der Erfolg von alleine.





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