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Nina Wrede sitzt auf einem Gymnastikball, hebt eine Hand und spricht mit einer Person, die ihr gegenüber auf einem zweiten Ball sitzt.

Vom Lippenbewegen im Chor zur eigenen Praxis

Nina Wrede glaubte lange, sie könne nicht singen. Heute führt sie in Freiburg eine eigene Praxis für Stimme und erzählt, wie sie den Schritt in die Selbstständigkeit geschafft hat.

Nina Wrede sitzt auf einem Gymnastikball, hebt eine Hand und spricht mit einer Person, die ihr gegenüber auf einem zweiten Ball sitzt.
Kurz gefasst
  • Such dir jemanden, der den Weg schon kennt. Nina Wrede wurde von ihrem Berufsverband durch die Gründung begleitet und nahm zusätzlich ein gefördertes Existenzgründungsprogramm von Steinbeis wahr. Ohne diese Begleitung, sagt sie, hätte sie deutlich öfter in der Luft gehangen.
  • Halt an deiner Nische fest, auch wenn andere zweifeln. In den Logopädiepraxen, in denen sie angestellt war, kam die Frage, ob es überhaupt genug Stimmpatienten gebe. Nina Wrede hat trotzdem von Anfang an gesagt, dass sie irgendwann nur noch mit Stimme arbeiten will.
  • Knüpf Kontakte, bevor du die Tür aufmachst. Nina Wrede ist gut vernetzt mit HNO-Praxen und mit dem Institut für Musikermedizin in Freiburg. Schon in den ersten Monaten hatte sie eine Warteliste, womit sie selbst nicht gerechnet hatte.
  • Plan mehr Puffer ein, als du für nötig hältst. Zwischen zwei Terminen bleibt Nina Wrede eine Viertelstunde für die Nachbereitung, die oft nicht ausreicht. Als eine ältere Patientin absprang, füllte sie die Lücke kurzfristig aus der Warteliste.

Im Schulchor bewegte Nina Wrede oft nur die Lippen. Heute ist die Stimme ihr Beruf: In ihrer Freiburger Praxis stimmig begleitet sie Menschen therapeutisch und künstlerisch auf ihrem eigenen Weg mit der Stimme. Was passiert da eigentlich im Raum?

Der Weg zur eigenen Stimme

Nina, du lässt dich schwer in eine Berufsbezeichnung packen. Wer bist du, was machst du, und von wo aus?

Ich bin Nina Wrede, staatlich geprüfte Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin und auch Sängerin. Ich arbeite mit Menschen rund um die Stimme, ob therapeutisch oder künstlerisch, und das seit Anfang Juni in meiner eigenen Praxis in Freiburg. Ich könnte es auch anders sagen: Ich begleite Menschen dabei, wieder in Kontakt mit sich und mit ihrer Stimme zu kommen und dieser Raum zu geben.

Was interessiert dich so sehr an der Stimme, dass du daraus einen Beruf gemacht hast?

Mich berührt das Thema sehr, weil es etwas sehr Persönliches ist. Die Stimme ist an keinem einzigen Tag dieselbe, also Stimmung ist auch Stimme. Viele kommen hierher und haben total Angst, sich mit ihrer Stimme zu zeigen, weil sie in der Vergangenheit erfahren haben, dass es unsicher war, der eigenen Stimme Raum zu geben. Und dann beobachte ich, dass die Stimme mit den Stunden immer mehr loslassen kann, und dann geht was auf.

Auf deiner Webseite steht, dass du lange geglaubt hast, nicht singen zu können, und im Schulchor oft nur die Lippen bewegt hast.

Das ist interessant, wenn ich jetzt zurückschaue. Ich habe im Chor die Lippen bewegt und dachte: Ist meine Stimme jetzt richtig? In der Pause bin ich dann aber in einen Raum gegangen, in dem ein Flügel stand, habe Klavier gespielt und für mich selber gesungen. Es war schon da, diese Neugier und diese Freude, die mir die Musik und die Stimme bringt. Aber da waren noch viel zu viele andere Themen, die im Teenageralter präsent sind, und viele Selbstzweifel auch. So: Bin ich da jetzt gut genug?

Bevor du die dreijährige Ausbildung in Bad Nenndorf gemacht hast, hast du Produktdesign und Kommunikationsdesign studiert. Wie kam der Wechsel?

Ich wollte Produktdesign studieren, weil ich Menschen helfen wollte. Jetzt muss ich schon lachen, weil ich dann herausgefunden habe: Ja, es kann Menschen den Alltag erleichtern, wenn Produkte gut gemacht sind, aber das war einfach nicht das, was ich wirklich wollte. Es hat sehr viel mit Konsum zu tun. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe gemerkt, da geht es für mich nicht weiter. Dann habe ich diese unbekannte Ausbildung in einem unerwarteten Moment auf einem Flyer gesehen. Auf der Website war ein Video darüber, und das hat mich total direkt berührt. Ich wusste: Das ist es. Es ist eine der besten Entscheidungen meines Lebens, diese Ausbildung gemacht zu haben (lacht). Man hat dort sehr viel Selbsterfahrungszeit mit Körper, Atem und Stimme. Ich habe also zuerst selbst erfahren, was meine Patientinnen und Schülerinnen erfahren.

Wer in der Praxis sitzt

Für wen machst du diese Arbeit? Wer sitzt bei dir im Raum?

Die Stimmtherapie ist für alle Menschen, die ein Thema mit ihrer Stimme haben, sei es Heiserkeit, Rauigkeit oder eine Stimme, die im Alltag nicht mehr belastbar ist. Ob die Person zu Hause mit Freunden spricht oder auf einer Bühne steht. Es geht darum, die Stimme wieder auf eine gesunde Basis zu bringen und eine physiologische Sprech-/Singtechnik zu erarbeiten, die langfristig und ökonomisch genutzt werden kann. Der andere Bereich ist Sprechbildung und Gesangsunterricht, da geht es um Entfaltung, um Ausdruck, um das Erkunden von Emotionen. Das Alter ist eigentlich nicht relevant, es sind alle Altersstufen hier vertreten.

Gab es einen Menschen, bei dem sich durch die Arbeit mehr verändert hat als nur der Klang?

Stimme ist niemals nur die reine Stimmerzeugung. Sie hängt immer mit dem ganzen Körper zusammen, mit dem inneren Erleben und dem System, in dem die Person lebt. Bei einer Person, an die ich gerade denke, hat sich wirklich das Vertrauen zu sich selbst wieder geöffnet. Einfach dieses: Ich kann sicher sein. Schon allein das ist ein Schritt in Richtung: Ich darf neu lernen, ich darf Altes loslassen und muss nicht mein ganzes Leben in diesem alten Glaubenssatz gefangen sein. Die Person hat am Anfang gesagt, Karaokesingen wäre auf einer Skala von 1 bis 10 eine 12. Also 12 Angst und Wegrennen. Und hat mit mir inzwischen ein Lied gesungen, von mir am Klavier begleitet.

Der Schritt in die eigene Praxis

Was war die größte Hürde auf dem Weg in die eigene Praxis?

Es waren auf jeden Fall Sorgen und Ängste im Spiel. Ich hätte früher nie gedacht, dass ich eine Praxis aufmache. Aber mein Wunsch war dann doch groß genug, dass es geklappt hat. Ich wollte einfach nur noch Stimme machen. In den Logopädiepraxen, in denen ich angestellt war, ging das nicht. Ich habe immer direkt gesagt, als ich kam: Ich will irgendwann nur noch Stimme machen. Und dann kam die Frage: Gibt es denn überhaupt genug Stimmpatientinnen, weil es schon eine Nische ist. Trotzdem habe ich weitergemacht, weil ich diese Vision hatte, hier meinen eigenen Raum einzurichten und die Atmosphäre gestalten zu können. Die ersten zwei Monate sind geschafft.

Wie sieht ein ganz normaler Dienstag aus deinen ersten Monaten aus?

Frühestens starte ich um 9 Uhr, und zum Glück kann ich das mittlerweile selbst entscheiden. Ich fahre mit dem Fahrrad an der Dreisam entlang zur Praxis, ein wunderschöner Arbeitsweg. Dann kommen zwei, drei erste Patientinnen, mit denen ich jeweils eine Dreiviertelstunde arbeite. Zwischendurch habe ich eine Viertelstunde Nachbereitungszeit, die oft nicht ausreicht, weil eins nach dem anderen auf der To-do-Liste reinrollt. Gestern ist mir zum Beispiel eine ältere Dame abgesprungen, die körperlich nicht mehr kann. Da dachte ich, mit der habe ich jetzt safe einen regelmäßigen Termin. Dann muss man flexibel bleiben und die Lücke aus der Warteliste füllen.

Woran hast du gemerkt, dass die Praxis gut anläuft?

Damit, dass ich schon eine Warteliste habe, hätte ich wirklich nicht gerechnet. Ich bin aber auch gut in Kontakt mit allen möglichen HNO-Praxen und mit dem Institut für Musikermedizin in Freiburg. Ansonsten sehe ich, dass die Leute meistens mit einem Lächeln rausgehen oder zumindest mit einem: Hey, danke, irgendwie ist heute wieder was in Bewegung gekommen. Es gehören auch Tage dazu, an denen mal etwas nicht klappt. Dann sage ich: Hey, das hat hier auch Raum, das ist voll okay. Manchmal gibt es Chaos, und dann wird es langsam wieder stimmig. Es ist ein Prozess.

Manchmal gibt es Chaos, und dann wird es langsam wieder stimmig. Es ist ein Prozess.

Zwischen Praxisraum und Bühne

Gibt es einen Moment, seit du die Praxis hast, der für dich heraussticht?

Es ist ein bisschen random, aber mir ploppt ein Moment auf mit einer mindestens 85-jährigen Frau, mit der ich eine Weile gearbeitet habe. Irgendwann habe ich sie einfach gefragt: Wollen wir eigentlich per Du sein? Und sie meinte: Chillig! Chillig, ja, ich bin die Soundso. Das fand ich so süß. Und eben auch, dass das Alter keine Rolle spielt, sondern einfach der Kontakt.

Du stehst als Sängerin im Duo A Pinch of Soul auf Bühnen. Was nimmst du von dort mit in die Praxis und umgekehrt?

Von der Bühne nehme ich dieses In-Kontakt-Sein mit. Wenn ich meine Songs aufführe, ist es für mich gar nicht so eine Aufführung nach dem Motto: Ich stehe hier, schaut mich an. Sondern eher: Hey, ich gehe mit mir in Kontakt und zeige euch etwas ganz Persönliches, was vielleicht auch verletzlich sein kann. Ihr könnt meine Emotionen spüren, und die fließen dann zu euch. Dieses In-Kontakt-Kommen erlebe ich auch bei Menschen, die sich zum ersten Mal trauen, in einem geschützten Rahmen ein Lied zu singen. Von der Therapie für die Bühne finde ich es schwieriger. Vielleicht den Mut, Fehler zu machen. Den Perfektionismus ein bisschen infrage stellen. Damit können Menschen einfach besser connecten: Ah, die ist auch menschlich, die liefert nicht nur ab.

Was sie anderen mitgibt

Was würdest du jemandem sagen, der heute überlegt, sich mit einer eigenen Praxis selbstständig zu machen?

Aus der Langzeitperspektive kann ich es noch nicht sagen, aber bis jetzt: Ich würde es immer wieder machen, weil ich es total genieße, mir das selbst einteilen zu können. Man muss aber schon strukturiert sein. Und obwohl ich eine strukturierte Person bin, merke ich, dass ich in großen Bürozeiträumen auch mal abschweife. Und man sollte sich am besten eine Begleitung suchen. Ich wurde gut begleitet vom Verband der Atem-, Sprech- und Stimmlehrer:innen, weil die auf dem Schirm haben, was ich in diesen Prozessen noch nicht wusste. Das hat mir viel Sicherheit gegeben, auch in Momenten, in denen ich dachte: Okay, weiß ich nicht, was mache ich jetzt? Ohne den Verband hätte ich deutlich öfter in der Luft gehangen. Und es gibt auch geförderte Existenzgründungsprogramme mit Coachings, von Steinbeis zum Beispiel. Das habe ich auch gemacht.

Was soll von deiner Geschichte hängen bleiben? Ein Satz.

Ich gebe eine Frage mit: Bist du schon mal mit deiner Stimme in Kontakt gekommen, und wann war das?

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© Foto Credits:
Marius Hoch-Geugelin
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Wer ist Nina Wrede?

Nina Wrede ist staatlich geprüfte Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin und Sängerin. In Freiburg führt sie ihre eigene Praxis stimmig. Zuerst studierte sie Produktdesign und Kommunikationsdesign. Dann machte sie die dreijährige Ausbildung in Bad Nenndorf und arbeitete in Logopädiepraxen.

Was macht eine Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin?

Sie arbeitet mit Menschen an ihrer Stimme, therapeutisch und künstlerisch. Im therapeutischen Teil geht es darum, die Stimme wieder auf eine gesunde Basis zu bringen und eine Technik zu erarbeiten, die im Alltag trägt. Im künstlerischen Teil geht es um Sprechbildung und Gesangsunterricht, also um Ausdruck und Entfaltung.

Für wen ist Stimmtherapie geeignet?

Stimmtherapie hilft bei Heiserkeit, bei Rauigkeit und bei einer Stimme, die im Alltag nicht mehr belastbar ist. Ob jemand zu Hause mit Freunden spricht oder auf einer Bühne steht, spielt keine Rolle. Auch das Alter ist nicht entscheidend, bei Nina Wrede sind alle Altersstufen vertreten.

Was rät Nina Wrede Menschen, die sich selbstständig machen wollen?

Sie würde es immer wieder machen, weil sie es genießt, sich die Zeit selbst einteilen zu können. Sie rät aber, strukturiert zu arbeiten und sich eine Begleitung zu suchen. Ihr selbst hat der Berufsverband Sicherheit gegeben, dazu ein gefördertes Existenzgründungsprogramm.

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