Severin Werner ist Filmregisseur aus Berlin mit einem Fokus auf der Schnittstelle zwischen Mensch und Sport. Angefangen hat alles in Freiburg, und dort wollte er auch bleiben. Warum er trotzdem gegangen ist und was ihn der Umzug gelehrt hat, erzählt er hier.
Regie zwischen Sport und Gesellschaft
Severin, du bist Filmregisseur und arbeitest von Berlin aus. Was bucht eigentlich jemand, der bei dir anfragt?
Am meisten werde ich aktuell für Sportwerbung gebucht, das sind auch die prominentesten Projekte in meinem Portfolio. Wer bei mir bucht, bucht einen Regisseur, der das komplette Projekt begleitet, von Anfang bis Ende. Ich betreue es konzeptionell, entwickle die Storyline und das Bild, alles in Absprache mit der Kundschaft. Während der Produktion stelle ich sicher, dass das, was im Vorfeld abgesprochen war, möglichst so umgesetzt wird. Film ist ein sehr bewegtes Medium, viele Entscheidungen fallen ad hoc. Meine Arbeit besteht darin, dass es trotzdem in die richtige Richtung geht und nicht ein Zufallsprodukt wird.
Was treibt dich morgens aus dem Bett, auch nach einem Drehtag, der nicht so lief wie geplant?
Das hat sich im Laufe der Zeit verändert. Was mich heute bewegt und warum ich wahnsinnig gern auf den Dreh gehe, ist das Kollaborieren mit verschiedenen kreativen Köpfen. Ich merke, dass mir das immer wichtiger geworden ist. Und dann ist da die Liebe zum Medium Film, weil es so wunderbar viel kombiniert: die visuelle und die auditive Ebene, die zusammenkommen und etwas ganz Tolles schaffen. Dazu ist es meine Aufgabe als Regisseur, den Leuten am Set eine gute Zeit zu ermöglichen: dass sich jeder gesehen fühlt und das hat, was er braucht um gute Arbeit zu leisten.
Dich zieht besonders die Schnittstelle von Sport und gesellschaftlichen Themen an. Woran hast du gemerkt, dass es genau diese Verbindung ist?
Ich bin in einer recht sportlichen Familie aufgewachsen. Mein Vater ist ein wahnsinnig fahrradbegeisterter Mensch und hat mich immer motiviert, Sport zu treiben. Durch ein Projekt, das ich letztes Jahr mit dem Verein Benefit in Freiburg umgesetzt habe, habe ich gemerkt, was für eine Ressource Sport für Menschen ist. Vor allem für Menschen aus sozial schwächeren Schichten und für Menschen mit Fluchtgeschichte. Da steckt wahnsinnig viel Potenzial drin, das noch nicht so gut erforscht ist.
Wie die Selbstständigkeit begann
Dein Vater leitet seit Jahrzehnten einen Fahrradladen. Hat dich das beeinflusst, dass er selbstständig ist?
Definitiv. Darüber habe ich sogar schon mit zwei meiner besten Kumpels geredet. Bei einem ist die Mutter auch selbstständig, beim anderen sind die Eltern immer angestellt gewesen. Uns ist aufgefallen, wie viel leichter wir zwei uns vorstellen konnten, selbstständig zu sein, weil wir von unseren Eltern die Erfahrung gemacht haben, dass es funktioniert. Dass es nicht wahnsinnig unsicher und prekär ist, sondern dass man sehr wohl eine Familie großziehen kann, während man selbstständig ist. Und dass man wahnsinnig viele Freiheiten hat.
Wie hat alles angefangen?
In Freiburg. Ich bin dorthin gegangen, weil ich nach meinem Philosophiestudium meinen Master machen wollte. Den habe ich dann wegen Corona nicht angefangen, sondern bin in ein Startup gegangen, beworben hatte ich mich als Motion Graphic Designer. Ich bin immer mehr in die Videografie gerutscht und habe allein Werbefilme für das Startup gedreht. Irgendwann habe ich gemerkt: Allein komme ich nicht weiter, ich muss in eine größere Filmproduktion. Dort habe ich alle Stationen durchlaufen, von Editor über die Kameraassistenz und die Kamera bis zum Regisseur. In der Rolle habe ich mich wahnsinnig wohl gefühlt, weil mir die Konzeption so viel Spaß gemacht hat. Als sich die Filmproduktion dann aufgelöst hat, gab es für mich nur einen Weg weiterzumachen, nämlich mich selbstständig zu machen.
Und wie liefen die ersten eigenen Monate?
Die ersten Aufträge kamen noch über das Netzwerk, über Kundschaft, die schon mit der Filmproduktion zusammengearbeitet hatte. Dann kam ganz viel Akquise dazu, wobei ich sagen muss, dass das nicht so viel gebracht hat. Es waren oft nicht die geraden Wege, über die die Kundschaft kam, es war eher wieder über Kontakte. Ich hatte auch gemerkt, dass es besser funktioniert, wenn ich als Soloregisseur auftrete und selbst Aufträge an Land holen muss, versus irgendwie für die Firma. Das fiel mir viel leichter.
Stabilität finden und Freiburg verlassen
Was hat dann für Stabilität gesorgt?
Ich hatte das Glück, über eine Produktion in Freiburg für eine ganze Schuh-Kampagne angefragt zu werden. Das war ein wiederkehrender Auftrag, so eine Art Baselayer. Bei vielen Solo-Selbstständigen ist es ja so: Du brauchst am Anfang zwei, drei feste Kundinnen und Kunden, und darauf kannst du aufbauen und dich weiter professionalisieren. So war es bei mir auch. Dann kamen tröpfchenweise Aufträge dazu, mit der Zeit auch immer größere, die einen wieder weitergebracht haben.
Was war die größte Hürde?
Aus Freiburg wegzugehen. Ich habe echt lange mit mir gehadert, ich wollte unbedingt, dass es in Freiburg klappt und dass ich dort als Regisseur wachsen kann. Aber ich habe mir selbst eingestehen müssen, dass es einfach nicht funktionieren wird. Ich habe es lang genug probiert, und ich merke jetzt in dem neuen Umfeld, dass es die richtige Entscheidung war. Die schwierigste war es trotzdem: den Ort zu verlassen, an dem man so gewachsen ist. Ein Kumpel von mir hat mal die Metapher benutzt, dass man die Blume an einen anderen Ort stellen muss, damit sie mehr Sonne abbekommt und weiter wachsen kann.
Was hast du aus diesem Schritt gelernt?
Dass man keine Angst haben braucht, sich in ein kompetitiveres Umfeld zu begeben. Das war nämlich die Sorge von vielen Leuten in Freiburg, mit denen ich über die Entscheidung gesprochen habe. Mein Learning war: Klar gibt es eine Competition, aber der Benefit von einem größeren Netzwerk an Leuten, die in ihren Bereichen wahnsinnig professionalisiert sind und mit denen man Projekte umsetzen kann überwiegt. Ich hatte auch Glück und habe gleich ein Büro in Berlin gefunden, mit anderen selbstständigen Fotografinnen, Editors und Visual Artists. Ein sehr hilfsbereites Umfeld. So kompetitiv und hart, wie alle befürchtet haben, habe ich es bisher gar nicht wahrgenommen.
Momente, die bleiben
Gibt es eine Geschichte von einem Dreh, die du auf Partys erzählst?
Rückblickend wild fand ich, dass ich für meinen Dokumentarfilm „Segum“ über den Läufer Filmon Teklebrhan wirklich alleine nach Äthiopien gegangen bin, nach Addis Abeba, und dachte, ich kann da jetzt alleine an diesem Dokumentarfilm arbeiten. Ich hatte keinen Fixer, nur den Protagonisten, der zum Glück Leute vor Ort kannte. Einer dieser Kumpels hat dann Dinge für uns geregelt. Und in Kenia habe ich die Top-Elite der Laufwelt filmen dürfen. Da saß ich rückwärts hinten auf einem Motorrad, ohne Helm, ohne Sicherung, ohne irgendwas, und habe die Leute auf ihren Longruns gefilmt, teilweise über total holpriges Gelände. Es klingt alles ein bisschen wild, wenn man sich so blauäugig in das Ganze reingestürzt hat.
Was ist der schönste Moment an dieser Arbeit?
Der Moment, in dem ein Publikum den Film zum ersten Mal sieht. Letztes Jahr haben wir den Film für den Benefit-Verein und allen Leuten gezeigt, die mitgewirkt haben. Wenn man als Regisseur diese Wirkung sieht, ist das immer der schönste Moment.
Und gibt es einen einzelnen Moment, der herausragt?
Es gibt einen kleinen Moment, der mir immer wieder einfällt, relativ am Anfang meiner Selbstständigkeit. Eigentlich war es kein besonderer Moment: Ich war auf dem Weg ins Büro in Freiburg, unter der Woche vormittags um zehn, mit dem Fahrrad in die Innenstadt, auf den Straßen war nicht viel los, die Sonne hat geschienen. Und ich habe mich so frei gefühlt wie bisher noch nie in meinem Leben. Das kam einfach so zu mir, weil die Selbstständigkeit da erst so richtig durchgesickert ist. An dieses Gefühl erinnere ich mich oft.
Ich habe mich so frei gefühlt wie bisher noch nie in meinem Leben.
Was er Anfängern rät
Was würdest du jemandem sagen, der gerade mit dem Filmemachen anfängt und überlegt, davon zu leben?
Es ist super wichtig, sich auf die Geschichte, die Konzepte und die Ideen zu konzentrieren, anstatt viel Wert auf die beste Technik zu legen. Am Anfang würde ich mich nicht verschulden oder große Anschaffungen machen. Klar braucht man ein Basic Kit, aber viele versteifen sich darauf, dass sie manche Projekte nicht machen können, weil sie nicht die beste Technik haben. Sonst heißt es viel filmen, auch auf eigene Faust, und manchmal muss man über seinen Schatten springen und Leute mit interessanten Marken anfragen, ob die Hilfe brauchen. Vielleicht ist es sogar hilfreich, erst mal in einer Filmproduktion anzufangen. Da kommt man in ein super Netzwerk und in bestehende Strukturen und lernt wahnsinnig schnell. Bei jemandem zu lernen, der einen hohen Anspruch an das Medium hat, ist eigentlich immer The Way to go.
Was soll von deiner Geschichte hängen bleiben, in einem Satz?
Wenn du eine Leidenschaft für eine Sache hast, dann ist diese Sache es wert, dass du ihr eine Chance gibst. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass du deine Selbstständigkeit schwer planen kannst. Es ist super schwer, im Vorfeld zu prognostizieren, wie es laufen wird. Ich will aber jeden ermutigen, es zu probieren. Wenn eine Motivation da ist, die einen wirklich jeden Tag aufstehen lässt, dann ist das ein super starker Antrieb, und dann muss man sich da reinstürzen. Ich glaube, dass es dann in den meisten Fällen auch klappt.
In eigener Sache
Severin Werner hat vor diesem Porträt schon zweimal für Lexware gearbeitet. Er führte Regie bei unseren Filmen über die SC-Freiburg-Profis Cora Zicai und Noah Atubolu. Das sagen wir hier, weil es dazugehört.
Auf das Interview hatte die Zusammenarbeit keinen Einfluss. Die Fragen kamen von der Redaktion, die Antworten von ihm, freigegeben hat er den Text wie alle anderen bei Tell Your Story auch. Wir porträtieren ihn, weil seine Geschichte zu diesem Format passt: ein Solo-Selbstständiger, der sich seinen Weg selbst gebaut hat.





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