Lexware
Tom Gabler zeigt auf ein Anatomie-Poster des Nervensystems an der Wand seiner Praxis.

Eine eigene Praxis statt 15-Minuten-Takt

Tom Gabler behandelt in seiner Freiburger Praxis vor allem Sportler, ohne Kassensitz und zu Solidaritätspreisen. Wie kam er dahin, und warum musste er sich das meiste selbst beibringen?

Physiotherapeut Tom Gabler steht lächelnd in seinem Praxisraum, hinter ihm Trainingsgeräte und beleuchtete Wandnischen.
Kurz gefasst
  • Rechne aus, was deine Zeit wirklich kostet. Für ein Kassenrezept werden im Prinzip nur 15 Minuten bezahlt. Tom Gabler kam damit trotz Studium und sämtlicher Fortbildungen oft auf unter 20 Euro die Stunde und zog daraus den Schluss, ohne Kassensitz zu arbeiten.
  • Lass die Leute zahlen, was sie zahlen können. Statt jeden Termin gleich abzurechnen, arbeitet er mit Solidaritätspreisen: Wer es sich gut leisten kann, zahlt mehr, wer jung ist oder weniger verdient, zahlt weniger. Zusammen mit Privatversicherten trägt sich die Praxis damit.
  • Hol dir das Wissen, das dir nach der Ausbildung fehlt. Nach dem Studium hatte er vor allem Grundlagen, quer über alle Fachbereiche. Er hängte die Sportphysiotherapie beim Deutschen Olympischen Sportbund an, qualifizierte sich auf Fingerverletzungen beim Klettern und zahlt für die Osteopathie-Ausbildung rund 20.000 Euro über fünf Jahre.
  • Richte den Arbeitsplatz nach deiner Arbeit ein. In keiner angestellten Stelle hatte er den Platz, um zu sprinten oder hunderte Kilo zu bewegen, was Leistungssportler an ihre Grenzen bringt. Als er die eigene Praxis einrichtete, hätte er fast geheult.

Tom Gabler wollte eigentlich Medizin studieren und rutschte in Deutschlands ersten Physiotherapie-Studiengang, der zufällig in der Nachbarstadt Lübeck aufgebaut wurde. Heute behandelt er in seiner Freiburger Praxis hauptsächlich Sportler, ohne Kassensitz und zu Solidaritätspreisen. Warum musste er sich so viel selbst beibringen?

Tom, du warst 2016 in Deutschlands erstem primärqualifizierenden Physiotherapie-Studiengang und arbeitest heute selbstständig in Freiburg. Was machst du genau?

Ich bin vor allem Physiotherapeut. Ich habe mich viel auf Sportler konzentriert und dann noch mehr auf kletterspezifische Verletzungen. Erst habe ich die Sportphysiotherapie beim Deutschen Olympischen Sportbund gemacht, danach mich weiter qualifiziert auf Fingerverletzungen bei Profi-Klettersportler:innen. An sich ist das aber nur ein kleiner Teil meiner Arbeit. Jetzt habe ich hier viel Abwechslung, meine eigene Praxis und bin sehr glücklich.

Zufällig in den ersten Studiengang gerutscht

Vorher hast du Garten- und Landschaftsbau gemacht und dich für Forstwirtschaft, Lehramt, Musik und Sportwissenschaften beworben. Wie kam die Physiotherapie dazu?

Ich habe mein Leben lang viel Sport gemacht, auch Leistungssport, und hatte nie eine Überschneidung mit Physiotherapie. Viele wissen ja früh, was sie machen wollen. Das kann man bei mir überhaupt nicht behaupten. Nach dem Abi habe ich im Garten- und Landschaftsbau gearbeitet, beim Vater meiner damaligen Freundin. Einen Steg bauen oder eine Terrasse, mir das selbst beibringen und zusammensägen, ein Tag Arbeit, und abends sieht man, was man geschafft hat. Genial! Irgendwann wollte ich dann studieren und noch mehr mit meinem Kopf und den Händen anstellen, aber mein Abi war zu schlecht für Medizin.

Und dann kam der Studiengang bei dir um die Ecke.

Genau, zum ersten Mal, angesiedelt an der medizinischen Fakultät in Lübeck. Da dachte ich, ich mache erst Physiotherapie, lasse mir das anrechnen und wechsle dann rüber. So bin ich reingerutscht. Ich wusste gar nicht, was das ist, aber es hat etwas Praktisches, etwas Medizinisches und etwas, wo man viel nachdenken kann. Man romantisiert die Medizin leider sehr. Ich bin froh, dass ich nicht gewechselt bin, mit der Physiotherapie hatte ich viel mehr Möglichkeiten und Zeit wirklich auf die Menschen ein zu gehen.

Was das Studium nicht mitgeliefert hat

Ihr wart der allererste Jahrgang. Was habt ihr ausgebadet?

Die Dozenten waren mit Herz dabei, aber du saßt in den medizinischen Vorlesungen, und die hatten teilweise gar keinen Plan, dass die Physiotherapie dabei war. Man wurde zum Teil stiefmütterlich behandelt. Die Medizin ist schon sehr elitär und denkt, sie sei der Gipfel der Welt, dabei sind es meistens Leute, die gut auswendig lernen können. Einige Prüfungen waren fürchterlich, mit Physikumsaltfragen überhaupt nicht auf die physiotherpeuthische Arbeit ausgelegt.

Danach hast du dich durch alles gearbeitet, was es an Fortbildungen gibt. Warum reicht ein Abschluss nicht?

Ich war nie zufrieden mit dem, was man nach dem Studium, oder der Ausbildung an Wissen mitbekommt um dann tatsächlich praktisch zu Behandeln. Das waren vor allem die Grundlagen, weit gestreut über alle Fachbereiche, von der Pädiatrie bis zur Neurologie. Richtig Plan hat man von nichts. Es gibt viele Studien, wo man dann denkt „jetzt habe ich ein Thema begriffen“, und dann kommt die Nächste die dem widerspricht. Irgendwann dachte ich, wenn ich wirklich verstehen will was wirkt und warum, muss ich es selbst durchdringen. Dafür musste ich mich durch extrem viel Mist durchwühlen. Evidenzbasierte Praxis ist in Deutschland immer noch jung. Ich will wissen, wie die Probleme und Schmerzen entstehen und so behandeln, dass die Leute nicht abhängig von mir werden. Ständig neu zu überlegen frustriert viele, mich spornt es an. Ich bin froh, dass ich mich durch den ganzen Berg gegraben habe.

Tom Gabler steht mit der Hand in der Hüfte neben einer Wand voller Anatomie-Poster zu Nerven- und Verdauungssystem.
 Tom Gabler beugt sich zu einem Skelettmodell und hält dessen Kniegelenk, im Hintergrund Anatomie-Poster und Behandlungsliege.

Warum 15 Minuten pro Rezept nicht reichen

Angestellt konntest du irgendwann nicht mehr so arbeiten, wie du es für richtig hältst. Woran lag das?

Das ist nicht der Fehler der Praxen, in denen ich war, das ist ein Systemproblem. Wer Kassenpatienten behandeln will, muss ganz schön zurückstecken, weil im Prinzip nur 15 Minuten pro Rezept bezahlt werden. Wenn Oma Erna zum Termin kommt, hat sie ein neues Knie, erst muss die Orthese runter, dann muss man sie überzeugen, dass sie da jetzt auch Belastung draufgeben darf, und sie erzählt noch, was die Enkelkinder am Wochenende gemacht haben. Dann ist es längst vorbei, du sagst hallo und tschüss und schiebst den Nächsten rein. So will man nicht behandeln, und so will man als Patient auch nicht behandelt werden.

Es gibt Hybridlösungen bei Kassenpatienten, längere Termine gegen Aufpreis. Warum nicht das?

Im Prinzip finde ich gut, dass man das überhaupt macht. Aber dann musst du als Therapeut auf einmal fragen, ob jemand 15 Euro pro Termin drauflegt, damit die Praxis im Halbstunden-Takt arbeiten kann. Dann fühlt man sich wie an der Rewe-Kasse mit der Rewe-Plus-Karte, dabei sollte man sich doch damit beschäftigen, was fachlich am besten hilft. Darauf hatte ich keine Lust. Ich bin kein Verkäufer, ich bin Therapeut. Mit Studium und sämtlichen Fortbildungen habe ich oft unter 20 Euro die Stunde verdient. Das finde ich komplett unmöglich, eine Wertschätzung der Arbeit und Verantwortung muss sich auch im Gehalt bemerkbar machen. Ein Dilemma.

Was ermöglicht dir die Selbstständigkeit, was vorher nicht ging?

Erstmal darauf einzugehen, welche Taktung die Leute brauchen. Auf dem Rezept steht, zweimal wöchentlich, sechsmal 20 Minuten, daran muss man sich rein rechtlich halten. Das geht oft an der Lebensrealität vorbei. Als Selbstständiger kann ich entscheiden wie oft, wie lange und in welchen Abständen die Therapie stattfindet und sinnhaft ist. Ob nach einem Kreuzbandriss zweimal die Woche bis zum nächsten Wettkampf, oder einmal im Monat zur Kontrolle. Ich arbeite deswegen nicht mehr mit den Kassen zusammen. Erfülle die Vorgaben, oder das Rezept wird nicht bezahlt heißt es da. Ich fange das über Privatversicherte und Solidaritätspreise auf: Wer es sich gut leisten kann, zahlt mehr, wer jung ist oder nicht so viel verdient, zahlt weniger. Das geht glücklicherweise total gut auf und Alle sind glücklich damit.

Ich bin kein Verkäufer, ich bin Therapeut. Mit Studium und sämtlichen Fortbildungen habe ich oft unter 20 Euro die Stunde verdient.

Zwischen Physiotherapie und Osteopathie

Physiotherapie und Osteopathie klingen für viele gleich. Was bekommt jemand, der heute zu dir kommt?

Physiotherapie ist für mich vor allem Bewegung und Vertrauen in die Belastung wiederherstellen. Wenn jemand mit dem Mountainbike voll auf die Fresse geflogen ist und sich die Hand gebrochen hat, unterstütze ich den Rehabilitationsprozess. Es ist als hätte man einen Trainer an der Seite, der über deine Heilungszeiten und die richtigen Übungen und Intensitäten zur richtigen Zeit Bescheid weiß. In der Osteopathie wird viel weniger mit Trainingssteigerung gearbeitet, dadurch auch seltener, vielleicht einmal im Monat oder nur zweimal im Jahr. Da schaut man auf die Bewegungen des Handgelenkes und deren Einfluss auf die Hand, oder den Weg nach oben zum Unterarm und damit folgend der Schulter, ggf. des Nackens und der Brustwirbelsäule. Wenn jemand eigentlich wieder alles machen könnte und es funktioniert trotzdem nicht, oder sogar ganz andere Probleme enstehen gucke ich osteopathisch, wo es gerade hängt.

Wie bist du überhaupt zur Osteopathie gekommen?

Über Dozenten von einigen Fortbildungen. Zum Beispiel in der Sportphysiotherapie war ein Dozent ein Osteopath der einen Eindruck bei mir hinterlassen hat. Sie waren laufende Anatomieatlanten, wussten auf alles eine Antwort und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass Sie nie alles gesagt haben was Sie über ein Thema wussten. Meine Bachelorarbeit habe ich über Migräne geschrieben, und da ist sich niemand sicher, woher sie genau kommt. Darüber bin ich in die Halswirbelsäule eingestiegen und habe eine Fortbildung in Atlastherapie gemacht, geleitet von einem Osteopathen. Damit habe ich später eine Kollegin behandelt, die seit Jahren Kopfschmerzen hatte. Nach fünf Minuten waren sie weg.

Und dann kam der Vater einer Freundin richtig?

Der ist Architekt und wurde seit zwei Jahren heiser, wenn er sich aufgeregt hat. Keiner wusste, woher das kommt, er hat schon gedacht, er lässt sich operieren. Die Halswirbelsäule hat eine Verbindung zum Recurrens, einem Nerv, der eine Schleife um die Stimmbänder dreht und mit dem Vagussystem verbunden ist. Wir haben das in einer Stunde mit einer Manipulationstechnik so hinbekommen, dass er nie wieder heiser wurde. Da dachte ich, scheiße, dann muss da ja irgendwas dran sein, jetzt muss ich diese Osteopathie wohl lernen.

Die Ausbildung läuft an Wochenenden, parallel zur Praxis, aus eigener Tasche. Was kostet sie dich?

Ungefähr 20.000 Euro über die fünf Jahre, etwa 400 Euro pro Kurs, etwa ein Kurs im Monat, immer Donnerstag, Freitag, Samstag. Das Geld ist mir inzwischen egal, es sind vor allem die Zeit und die Nerven. Viele Sachen sind recht unwissenschaftlich, da bin ich auf Kriegsfuß, und ich finde, darüber muss man diskutieren. Dafür ist aber keine Zeit eingerechnet, also sitzt man da und muss das alles schlucken. Jetzt ziehe ich es durch.

Die eigene Praxis und was bleibt

Was war der schönste Moment, seit du selbstständig bist?

Die Praxis einrichten, da habe ich fast geheult. Es ist manchmal peinlich, wie Physiotherapiepraxen ausgestattet sind. Wer Leistungssportler betreut, braucht krasse Maschinen mit unglaublichem Gewicht, damit jemand überhaupt an seine Grenzen kommt. Ich habe in keiner Praxis gearbeitet, in der ich den Platz hatte, zu sprinten oder hunderte Kilo zu bewegen. Hier kann ich alles so aufbauen, wie ich es möchte. Der zweite Moment kam nach dem ersten Jahr: Ich arbeite total selbstbestimmt. Läuft etwas nicht, kann ich nicht sagen, das System ist schuld oder mein Arbeitgeber. Ich kann es ändern.

Was würdest du jemandem sagen, der denselben Weg überlegt?

Ich würde es jedem empfehlen. Es gibt auch Praxen, die wirklich versuchen es gut hinzukriegen. Aber wer einen hohen Anspruch an seine Arbeit hat und sehr glücklich damit sein will, kommt um den Schritt kaum herum. Es ist alles nicht so schwer, wie man sich das vorstellt. Klar, ich habe keinen Kassensitz, aber auch das ist wuppbar. Wenn man sich traut und einigermaßen organisiert ist, schafft man das.

Was soll von deiner Geschichte hängen bleiben?

Dass es eine absolute Erfolgsgeschichte ist. Es ist extrem viel, wo ich mich durchgezwängt habe und was echt keinen Spaß gemacht hat. Ich würde es Alles wieder machen, weil ich glaube, dass es dazugehört hat, dass ich so viel gelernt habe und nun so frei und selbstbestimmt bin.

© Foto Credits:
Marius Hoch-Geugelin
Das Lena Prinzip
Mehr Zeit für deine Idee
Wer sich selbstständig macht, kennt den Papierkram, der nebenbei mitläuft. Das Lena Prinzip zeigt dir, wie du mit KI Verwaltung abgibst und mehr Zeit für das bekommst, was wirklich zählt.
Auf einen Blick
Häufige Fragen zu
Tom Gabler
Wer ist Tom Gabler?

Tom Gabler ist Physiotherapeut und führt eine eigene Praxis in Freiburg, in der er vor allem Sportler behandelt. Er studierte ab 2016 in Lübeck, im ersten primärqualifizierenden Physiotherapie-Studiengang Deutschlands. Heute arbeitet er ohne Kassensitz und bildet sich zum Osteopathen weiter.

Warum arbeitet Tom Gabler ohne Kassensitz?

Weil die Kassen pro Rezept im Prinzip nur 15 Minuten bezahlen und die Vorgaben festlegen, wie oft und wie lange er behandeln darf. Das geht nach seiner Erfahrung an der Lebensrealität vorbei. Ohne Kassensitz entscheidet er selbst über Taktung, Dauer und Abstände der Therapie.

Was sind Solidaritätspreise in der Physiotherapie?

Ein Preismodell, bei dem sich der Betrag danach richtet, was jemand zahlen kann: Wer es sich gut leisten kann, zahlt mehr, wer jung ist oder weniger verdient, zahlt weniger. Tom Gabler finanziert seine Praxis darüber zusammen mit Privatversicherten.

Was rät Tom Gabler Physiotherapeuten, die sich selbstständig machen wollen?

Er würde den Schritt jedem empfehlen, der einen hohen Anspruch an seine Arbeit hat und damit glücklich sein will. Es sei nicht so schwer, wie man es sich vorstellt, auch ohne Kassensitz. Wer sich traut und einigermaßen organisiert ist, schafft das.

Tell Your Story Podcast

Diese Folge schauen oder hören.

weiterempfehlen
Gib dieser Geschichte eine Bühne