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Begrüßung und Einordnung
Christian: KI-Gesichter sind manchmal ein bisschen gruselig, wenn man sie so anguckt.
Verena: Ich bin gruselig?
Christian: Nein, die KI-Gesichter.
Verena: Ich dachte, du hast gesagt, sie ist ganz schön gruselig, wenn man sie so anguckt.
Christian: Wir haben ja ein Touch-up hinter uns, da kann gar nichts mehr passieren, da ist alles gut. Ja, erst mal wunderschön, dass du da bist. Ich freue mich wirklich, weil du eigentlich etwas Ähnliches machst wie wir als Lexware und wie vielleicht auch ich: immer wieder für Unternehmertum eintreten, ganz besonders für Startups. Sollen wir starten?
Verena: Let’s go.
Christian: So, herzlich willkommen, liebe Verena, Verena Pausder. Ich freue mich wahnsinnig, dass du heute hier bist, beim Tell Your Story Festival im Tell Your Story Podcast.
Verena: Danke schön, freue mich auch.
Christian: Wie stellt man eine Verena Pausder vor? Da muss ich selber ein bisschen mit Kärtchen arbeiten, weil sich keiner merken kann, was du alles machst. Ich versuche es einigermaßen schnell aufzusagen, und du sagst, ob ich etwas vergessen habe: Unternehmerin, Gründerin, Investorin, Autorin, Podcasterin, Bildungsaktivistin, Politikberaterin, Sportunternehmerin, Aufsichtsrätin, Vorstandsvorsitzende, Mutter, LinkedIn-Phänomen, Female-Leadership-Vorreiterin.
Verena: Du hast aber auch noch ein paar schöne Sachen dazugedichtet. Das ist gut, für einen Smalltalk immer ein guter Opener.
Christian: Eigentlich geht es ja darum: Egal, was du bist, viel wichtiger ist, was du tust und wie du wirkst. Am Ende geht es immer um Wirkung, und auch bei Sichtbarkeit geht es um Wirkung. Du bringst diesen Gründergeist in die Politik zurück, der dort definitiv fehlt – sehr stark in deiner Rolle als Vorstandsvorsitzende vom Startup-Verband. Aber es sind ja auch all die Unternehmer, Unternehmerinnen und Selbstständigen, die genauso eine Lobby brauchen. Ich bin froh, dass es Menschen wie dich gibt, die auch die unbequeme Wahrheit aussprechen. Du setzt dich für Digitalisierung in Schulen ein, das ist super. Wir wollen heute über Mut, Unternehmertum und Sichtbarkeit sprechen.
Christian: Als kleines Kennenlernen starte ich immer gern mit einem Wortpaar, sowas wie Nutella oder Marmelade.
Verena: Hätte ich Marmelade gesagt.
Wortpaare zum Aufwärmen
Christian: Es geht nicht um richtig oder falsch, einfach zum Warmwerden. Businessplan oder Bauchgefühl?
Verena: Bauchgefühl.
Christian: Morgenroutine oder Chaosstart?
Verena: Morgenroutine.
Christian: LinkedIn oder Instagram?
Verena: Instagram.
Christian: Doch nicht so einfach. Mood oder Methode?
Verena: Mood.
Christian: Elevator Pitch oder Deep Talk?
Verena: Deep Talk.
Christian: Gesetz ändern oder selbst gründen?
Verena: Inzwischen würde ich sagen Gesetz ändern, aber das sage ich nur für mein Leben. Generell: gründen.
Christian: Zuversicht oder Optimismus?
Verena: Zuversicht.
Das Why: Akteurin statt Zuschauerin
Christian: Im Podcast versuche ich immer, den Simon-Sinek-Talk zu nehmen, diesen sehr bekannten TED-Talk, da geht es um Why, How und What. Was ist das Why von Verena? Und zum Drüber-Nachdenken: Was ist das Why von uns, von Lexware? Wir wollen Unternehmertum erleichtern. Und im How haben wir zwei Pole: einerseits Sichtbarkeit mit Tell Your Story, also wie schaffen wir es, Gründer, Gründerinnen und Selbstständigkeit wieder sichtbar zu machen, und andererseits sind wir ein Unternehmen, das am Ende auch Profit machen muss. Und dann kommt erst das, wofür man uns kennt: Buchhaltung, Rechnungsstellung. Wenn ich dich frage: Was treibt dich an, was ist dein Warum?
Verena: Also erst mal habe ich Finanzen, Rechnungslegung und Controlling studiert. Ich finde Buchhaltung total cool, das sage ich nicht nur, weil ich hier bin. Was ist mein Why? Akteur statt Opfer zu sein. Ich mag es nicht, wenn wir auf die Welt gucken und sagen: Mag ich nicht, ist doof, könnte besser sein – und dann nicht ins Wie oder in die Aktion gehen. Mein Why ist, dass ich einen Beitrag dazu leisten möchte, dass Dinge besser werden. Ich möchte die sein, die es macht und nicht nur darüber redet. Ich möchte, dass wir nicht die Hoffnung verlieren, dass es geht. Ich bin wirklich eine sehr starke Idealistin, gekreuzt mit Unternehmertum. Ich glaube wirklich, dass wir die Welt verändern können. Aber erst, wenn wir anfangen, es zu tun, entfaltet es Wirkung, zieht andere nach und zeigt einem dann auch, wie schwer es ist.
Verena: Ich wäre manchmal so gern in der Opposition, müsste nichts umsetzen und könnte den ganzen Tag schlau reden, was die anderen mal machen müssten. Deswegen habe ich auch gar keine Sympathie für Parteien wie die AfD, die uns den ganzen Tag erzählt, was sie für ein Land bauen würde, wenn sie mal würde, und noch keine Sekunde Verantwortung übernommen hat. Ich bin gerne die, die Macht übernimmt, auf die Gefahr hin, dass es auch mal nicht klappt. Ich bin die, die eher Ja sagt, in der Hoffnung, dass es etwas verändert. Und ich bin auch die, die weiß, dass man mal eine Pause machen muss, weil Weltverbessern ganz schön anstrengend ist.
Christian: Du beschreibst eigentlich Unternehmertum. Wir sagen gern: einfach machen. Wir wissen aber, dass es nicht einfach ist. Unternehmertum will immer etwas verändern, immer Zukunft gestalten. Man kann so leicht in eine Verzagtheit oder Verdrossenheit kommen, statt zu sagen: Das wird sich nicht ändern, wenn wir nur darüber motzen.
Verena: Wer unseren Podcast hört, hat das vielleicht schon mal von mir gehört: Meine Teenager-Söhne sagen zurzeit sehr häufig zu mir „it’s not that deep“. Egal, wie ich versuche, sie zu erziehen oder wo ich den Finger in die Wunde lege, in ihren Augen ist es nicht so deep. Und ich finde, das können wir uns mehr vornehmen. Wir machen uns manchmal so einen Kopf, ob wir etwas anfangen sollten, ob wir gründen sollten. Wenn wir uns aber fragen, was das maximale Risiko ist, dann ist es sicher ein finanzielles, und vielleicht ist der Lebenslauf danach nicht mehr ganz geradlinig. Aber eigentlich ist es not that deep, weil du am Ende deines Lebens keine Medaille dafür kriegst, dass du vorsichtig die ganze Zeit Dinge eher nicht gemacht hast.
Verena: Ich war heute Morgen im Raumfahrtministerium bei Dorothee Bär mit acht Spacetech-Gründern. Wenn man denen zuhört, was die für Bretter bohren und welche Visionen sie haben, und überlegt, wie lange wir schon an Raketen in diesem Land bauen – und jetzt kommen acht junge Wilde und haben in sechs Jahren Dinge geschafft, die wir in den letzten 40 Jahren nicht geschafft haben – dann denke ich: Wir dürfen nicht immer dem Alten so viel Credit geben, wir müssen mehr Neues wagen.
Christian: Du bist nah dran an diesen politischen Themen und siehst, dass Gelder und Investitionen eher in Bestehendes fließen. Wie machst du den Gründern Mut, die etwas vorstellen und erwarten, dass der Bund etwas tut?
Verena: Wir sind ja nicht selbstständig oder Unternehmer geworden, um auf die Politik zu warten. Sonst hätten wir etwas anderes gemacht. Seit Corona haben wir uns an einen Modus gewöhnt, dass wir, wenn es nicht läuft, sagen: Die Politik ist schuld und muss eine Lösung bringen. In manchen Bereichen ist das richtig, während Corona war es richtig. Aber jetzt wieder mehr dahin zu gehen, zu sagen, ich mache erst mal – die acht, die heute Morgen saßen, die gibt es trotz der Politik und nicht wegen der Politik. Die sind hierhergekommen, weil sie angefangen haben und nicht gewartet haben, bis der Staat ihnen einen Auftrag gibt. Auf dieses Mindset sollten wir uns wieder rückbesinnen und miteinander kooperieren, statt ständig zu den Ministerien zu rennen und zu sagen: Ihr müsstet mal. Ich habe trotzdem eine große Wishlist an die Politik, aber mir fällt morgen auch genug ein, was ich tun kann, wenn die nicht zuhören.
Christian: Wie kann man sich in dem Raum bewegen, dass wir wieder etwas tun können, um es für alle Unternehmer und Unternehmerinnen leichter zu machen?
Verena: Mutterschutz für Selbstständige ist so ein Thema, vorne im Eingang sitzt Johanna dazu. Solche Sachen müssen wir tun, auch bei einer Elterngeldkampagne konnte ich mich nicht zurückhalten. Ich sage nicht, dass wir keine Verbesserungen anbringen sollen. Aber das darf nicht zum Selbstzweck werden, dass wir nur noch zusammensitzen und sagen, so schlimm war die Politik noch nie – und gleichzeitig würde es keiner von uns hier im Raum anders machen.
Herkunft und unternehmerisches Elternhaus
Christian: Woher kommt dieser unternehmerische Geist? Ist das von der Familie? Wo ist da das Warum?
Verena: Ich bin sicher total unternehmerisch aufgewachsen. Mein Vater hat ein Familienunternehmen geführt, das es auch noch gibt, und meine Mutter hat sich selbstständig gemacht, weil sie nicht nur die Frau meines Vaters sein, sondern selbst etwas schaffen wollte. Ich war von zwei Eltern in völlig unterschiedlichen Phasen umgeben, bei denen es eigentlich den ganzen Tag um Herausforderungen ging: Wer hat die Rechnung nicht bezahlt, wer hat gekündigt, wie verpacken wir noch die 1.000 Pakete im Keller? Als Kind kriegst du das mit und liebst oder hasst es. Meine Schwester hat es ziemlich gehasst, ich habe es geliebt – aber gar nicht so, dass ich Unternehmerin werden wollte, sondern es war einfach so viel Energie im Raum. Meine Mutter hat mit Werbemittelhandel begonnen, wo wir Schweizer Taschenmesser in kleine Kartons einpacken mussten. Das war sehr anfassbar.
Verena: Aber wenn jedes Kind, das in einem Unternehmer-Setting aufwächst, danach total Lust auf Unternehmertum hätte, hätten wir nicht 80 Prozent Nachfolgeprobleme. Es ist also kein Automatismus.
Christian: Deine Eltern waren bestimmt ganz schön eingespannt.
Verena: Total. Mein Vater hat Urlaub gehasst, das war für ihn Zeitverschwendung, weil man nicht arbeiten konnte. Meine Mutter hat Urlaub geliebt, aber dann ein schlechtes Gewissen gehabt, dass er arbeitet und sie nicht. Au-pairs waren immer da. Bei meiner Schwester und mir ist das alles total positiv konnotiert. Wir dachten ja nicht, dass sie den ganzen Tag die Nägel lackiert und deswegen nicht auf uns aufpasst, sondern dass sie etwas aufbaut. Du vermisst natürlich trotzdem, dass sie nicht in der ersten Reihe saßen oder bei vielen Leichtathletik-Wettkämpfen nicht wussten, in welcher Disziplin ich antrete. Einmal habe ich im Kindergarten erzählt, am nächsten Tag kämen alle Mütter und Väter und hätten etwas gebacken. Das stimmte nicht. Meine Mutter hat abends um elf noch gebacken und saß morgens als einzige Mutter mit mir im Kindergarten. Ich war selig.
Christian: Es ist ja nicht so, dass alle Kinder sofort Lust haben, in die Fußstapfen zu treten.
Verena: Das willst du ihnen auch nicht vorgeben. Wir haben vier Kinder und sind beide Unternehmer. Stell dir vor, wir würden sagen: Ihr werdet aber auch alle Unternehmer. Wie viel Abgrenzung und wie viele Psychologentermine die dann bräuchten, um sich von uns freizuschwimmen. Ich glaube, das große Geschenk ist, seiner Leidenschaft folgen zu dürfen. In meinem Fall war die große Abgrenzung, nicht ins Familienunternehmen zu gehen. Unser Unternehmen ist über 300 Jahre alt, und dann bist du die erste Generation, die Nein, danke sagt – das war nicht so ganz trivial.
Die erste Gründung: die Salatbar
Christian: Und was war deine erste Gründung? Wie kam es dazu?
Verena: Es war eine Salatbar-Kette. Also überhaupt keine Kette, aber ich wollte eine Franchise-Kette für Salatbars gründen, so wie es heute Dean & David gibt. Ich habe aber nicht mal den ersten Laden eröffnet. In meinem Kopf war es ein deutschlandweites Unternehmen. Das hatte ich 2002 in New York gesehen, dort gab es an jeder Ecke convenient, healthy Fast Food. In Deutschland gab es das damals noch gar nicht. Ich bin zurück und dachte: Das ist es. Ich habe bei der Münchener Rück gekündigt, vier Investoren und 100.000 Euro gewonnen und war wahnsinnig stolz. Dann habe ich sehr viel Zeit auf Salatdressings, den Raum und die Schürzen der Kellner verwendet und sehr wenig auf Ladenflächensuche und Themen wie Fettabscheider.
Verena: Ich hatte das perfekte Branding und das tollste Konzept und habe einfach keine einzige Ladenfläche in AAA-Lage bekommen, weil ich gegen Kamps, Häagen-Dazs und Nordsee angetreten bin. Die hatten Zehn-Jahres-Verträge und großes Eigenkapital im Rücken. Ich hatte 400.000 Euro minus das, was ich schon ausgegeben hatte. Das einzig Gute an dieser ersten Gründung war, dass ich mir ein Stop-Doing-Datum gesetzt hatte: Ich höre nach einem Jahr auf den Tag auf, wenn ich nicht die erste Fläche eröffnet habe. Das hatte ich als völlig hypothetisch hingestellt, weil ich dachte, das passiere eh nicht. Dann kam dieses Datum, ich hatte keinen Laden, und ich habe mich daran gehalten und den Investoren zwei Drittel ihres Geldes zurückgezahlt – ohne dass ich etwas geschaffen hatte.
Christian: Bist du immer so konsequent? Man geht ja manchmal in so einen Tunnel und redet es sich schön: Jetzt bin ich ja kurz davor.
Verena: Ich glaube, ich bin so konsequent, weil ich immer die Sorge hatte. Ich war von Doktoranden umgeben, die im sechsten Jahr ihrer Doktorarbeit waren und keiner traute sich mehr zu fragen. Mein Horror war, irgendwann in den Raum zu kommen und alle so: Machst du immer noch deine Salatbar, die noch nicht aufgemacht hat? Mein Großvater hat immer gesagt: Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Hätte ich damals gewusst, dass ich diese Geschichte mal auf der Bühne als großen Baustein meines Erfolgs erzähle, hätte ich gesagt: läuft. Aber de facto hatte ich meinen Bausparvertrag bei meinem Vater in Zahlung gegeben, den er auch eingezogen hat, die Investoren um ein Drittel ihres Geldes gebracht, nichts auf die Straße gebracht und bei der Münchener Rück gekündigt, während alle anderen bei McKinsey und J.P. Morgan Karriere gemacht haben. Im Rückblick not that deep, aber mit 25 das Gefühl: Hätte besser laufen können.
Christian: Man hat oft diese Fuck-up-Nights. In dem Moment, wenn das Unternehmen scheitert, ist es überhaupt nicht toll.
Verena: Nein, da lädt dich keiner ein. Beim Fuck-up-Format stehen ja immer Menschen, die danach gut weitergemacht haben und über den Misserfolg von vor 20 Jahren reden können. Hätte ich gestern etwas in den Sand gesetzt, wollte das heute keiner hören.
Christian: Haben deine Eltern es dann supportet, dass du etwas Eigenes machst, oder das Gegenteil?
Verena: Genau das Gegenteil. Zwei Unternehmereltern sagen nicht Hurra, wenn ihr Kind Unternehmerin werden will.
Christian: Was wäre die Alternative gewesen, eine Bank?
Verena: Münchener Rück, einfach dableiben, ist doch ein DAX-Konzern, ist sicher. Und als es nicht geklappt hat, kam natürlich das „Habe ich dir ja gleich gesagt“.
Christian: Aber woher kommt das dann, wenn die Eltern selbst erfolgreich waren? Ich erwische mich selbst dabei: Wenn ich an meine Tochter denke, die ist acht, dann will man, dass sie für ein Ding geht, für das Spaß und Leidenschaft da sind. Und dann kommen so komische Ängste: Aber ist das sicher? Rational ist es einfach, aber in der emotionalen Rolle ist es gar nicht so einfach.
Verena: Ja, die Sorge kommt daher, dass man sich an die schweren Momente erinnert. Unser Unternehmen hat damals Textilien gewebt, heute eher Hightech-Gewebe. In den 90er Jahren sind 99 Prozent der Weber in diesem Land pleitegegangen. Das war genau die Zeit, als ich Teenager war und mein Vater gerade die Verantwortung übernommen hatte. Der denkt ja nicht, meine Tochter gründet und es wird ein Unicorn, sondern: Meine Tochter gründet und es geht pleite. Du hast eher die schweren Momente im Kopf und willst dein Kind davor beschützen. Bei meinem älteren Sohn merke ich es selbst: Der ist fertig mit der Schule und macht gerade ein Praktikum bei einem Berliner Start-up, und es macht ihm so einen Spaß. Dann lag ich abends im Bett und habe mir vorgestellt, der Gründer macht ihm ein Jobangebot: Bleib doch, hier kannst du AI on the job lernen, wer muss noch studieren? Und ich dachte: Um Gottes willen, der muss doch erst mal etwas lernen, das ist viel zu früh. Dabei wäre das eigentlich total bescheuert gedacht, denn was lernt er in der Uni über AI, was er dann drei Jahre später beim gleichen Jobangebot besser könnte? Wir haben so eine komische Beziehung zu vermeintlicher Sicherheit, selbst als Vollblutunternehmerin.
Netzwerk, Vorbilder und Dranbleiben
Christian: Hattest du Menschen, die dich begleitet haben, gerade in Phasen wie der Salatbar, wo du gemerkt hast: Oh, da brauche ich noch ganz andere Dinge? Hattest du immer ein Netzwerk drumherum?
Verena: Damals garantiert noch nicht, und schon gar nicht für die Themen, weil ich völlig fachfremd war. Ich habe schon immer versucht, mir ein Netzwerk zu bauen. Aber man muss ehrlich sein: Wenn du mit 25 nach einer gescheiterten Salatbar zu jemandem sehr Bekanntem gehst und sagst, möchtest du mein Mentor werden, hat der bedingt Interesse. Deswegen sage ich heute den Menschen, die fragen, ob ich ihre Mentorin werde: erst mal machen, loslegen, dann anbieten, wie kann ich dir helfen, und dann irgendwann die Frage stellen. Es ist ein bisschen wie beim Dating: Beim ersten Match würdest du auch nicht sagen, willst du mich heiraten. Heute habe ich ein fantastisches Netzwerk, aber das ist über 20 Jahre gewachsen, nicht mit 25 entstanden. Ich habe viel eingezahlt.
Christian: Es gibt ja wahnsinnig viele Coaches gerade. Manchmal gilt es, einfach loszulegen. Man muss eine gewisse Erfahrung haben, bevor man überhaupt über Probleme und Weiterentwicklung sprechen kann.
Verena: Wenn alle Gründer und Gründerinnen, die erfolgreich verkauft haben, jetzt Investoren werden – wir haben zu wenig Gründer und Gründerinnen. Es braucht weiterhin sehr stark die, die erst mal machen, bevor man fragt, wer mir helfen kann oder wie ich anderen helfen kann.
Christian: Sind das heute alles Menschen, die dich ganz lange begleitet haben?
Verena: Genau, die mich lange kennen. Der Grund, warum ich heute Abend hier bin, ist Sascha, der die Agentur Hyper gegründet hat. Mit dem bin ich seit 16 Jahren eng verbandelt, wir haben zusammen bei Bertelsmann gearbeitet. Wenn er mich etwas fragt, sage ich Ja. Das muss aber über die Zeit entstehen. Das ist es, was uns in dieser LinkedIn-Welt fehlt, wo man sagt: Jetzt sind wir vernetzt. Was heißt das? Was machen wir dann, wenn wir vernetzt sind? Ob ich 197.000 Leute auf LinkedIn habe, die kannst du mir morgen wegnehmen, mein Leben ist genau gleich. Aber wenn du mir den Inner Circle wegnimmst, der mich trägt, macht das einen Riesenunterschied.
Christian: Wahrscheinlich gar nicht so viele, oder?
Verena: Gar nicht, wahrscheinlich fünf. Freunde habe ich noch ein paar mehr. Aber die, die mich bei großen beruflichen Entscheidungen wirklich eng coachen, da rufe ich neben meinem Mann vielleicht noch drei andere an. Dieser Inner Circle bedeutet mir die Welt, der Rest ist schön, aber nicht mein Leben.
Christian: Hattest du ein klassisches Vorbild? Meine Frau und ich sind Design-Fans, wir mögen Eames. Da gibt es ein Lieblingszitat von mir: The details are not the details, they make the product. Hast du auch so etwas, das dich antreibt?
Verena: Ich suche mir von vielen verschiedenen Menschen etwas zusammen. Ann-Kristin Achleitner zum Beispiel hat mich früh beeindruckt: Ich habe in St. Gallen studiert, als sie dort jüngste Professorin wurde, und ich dachte: Wie kann man so früh Professorin für Unternehmertum, Mutter und Aufsichtsrätin sein? Dann habe ich die Gründerin von Bellybutton kennengelernt, eine Schwangerschaftsmarke, als ich mit dem ersten Kind schwanger war, und dachte: Wie toll ist diese Frau, wie komme ich an die ran? Damals habe ich gesehen, dass alle ihre Wettbewerber bei Google auf ihr Brand-Keyword geboten haben. Da habe ich ihr einen kleinen One-Pager geschickt, was sie im Online-Marketing verbessern und an Kosten sparen könnte, und geschrieben: Wir kennen uns nicht, aber ich finde eure Marke so toll und bin gerade schwanger, falls du Lust hast, können wir Kaffee trinken. Und sie hat geantwortet: Lass uns bitte Kaffee trinken.
Christian: Über welchen Weg war das?
Verena: Über E-Mail, das gab es schon, ich bin ja erst 46. Das war noch die Zeit, in der auf jeder Pressemitteilung unten die E-Mail-Adresse stand. Das war damals wesentlich leichter als heute.
Christian: Es ist nicht so einfach, dass es auch noch jemand liest.
Verena: Mein Mann sagt immer: It’s a numbers game. Du musst 20 solcher E-Mails schreiben, oft anlaufen, damit irgendwann eine Tür aufgeht.
Christian: Am Anfang ist es Mut, dann kommt die Ausdauer. Ich kenne keine gerade Linie. Es gibt keine Gründergeschichte, egal aus welchem Bereich, die geradlinig verlief.
Verena: Es gibt diesen schönen Satz aus einer Under-Armour-Werbung: It’s what you do in the dark that puts you into the light. In dem Moment, in dem wir hier im Licht sitzen, wirkt alles einfach. Aber die Stunden, in denen du nachts Babys durch die Gegend getragen hast und am Morgen wusstest, dir geht der Cash im Start-up aus und du hast trotzdem etwas angenommen, was du eigentlich noch gar nicht kannst – die hat keiner porträtiert gesehen. Bei Sportlern sieht man das am besten: Die sind nicht einfach drei Jahre im Becken geschwommen, bevor sie ihren Lichtmoment hatten.
Christian: Die Amerikaner machen das gut, die zeigen den Sportler beim 100-Meter-Lauf unter zehn Sekunden, aber die trainieren sich den Arsch ab.
Verena: Selbstständige genauso, die arbeiten sich auch ab. In dieser Welt, in der wir denken, ein Post und ein flashy Image reichen – nein. Es ist immer noch die harte Arbeit, die uns dahinbringt. Damit sage ich nicht, es muss immer hart sein, aber ich bin auf die Dinge stolz, von denen ich weiß, dass sie nicht vom Himmel gefallen sind.
Christian: Drangeblieben.
Verena: Drangeblieben und immer weitergemacht.
Kinder, Leidenschaft und der Mut zum Aufhören
Christian: Es ist aber auch spannend, dass du sagst: Es gibt auch den Punkt, an dem man sich einen Endpunkt setzt.
Verena: Das ist mein größter Tipp. Aufhören sollte viel mehr eine Stärke sein, als es ist. Wir feiern sehr stark den Anfang, was auch gut ist, weil sich sonst noch weniger Menschen trauen. Aber Aufhören gehört dazu. Ich bewundere Menschen sehr, die sagen: Ich höre jetzt auf, es hat nicht funktioniert – statt es schleichend auslaufen zu lassen, weil man sich kein Enddatum traut. Jacinda Ardern, die Premierministerin aus Neuseeland, hat gesagt, ich gehe jetzt, obwohl sie noch gar nicht hätte gehen müssen.
Christian: Es ist nicht einfach, sich in dem Moment einzugestehen, dass man es nicht geschafft hat.
Verena: Ja, das ist verdammt schwer. Du hast so viel reingetan, und auch wenn du dreimal in der BWL-Vorlesung Sunk Costs lernst, fühlst du trotzdem jede Minute, die du reingesteckt hast. Das dann zu beerdigen und zu sagen, das wird nie wieder etwas, ist hart, und du kriegst in dem Moment auch keine Anerkennung dafür. Trotzdem ist es richtig.
Christian: Man lernt unfassbar viel. An der Selbstständigkeit ist man halt mit dem nackten Rücken im Wind, da kommt keiner und rettet einen. Man muss gucken, was der nächste Schritt ist. Kommen deine Kinder zu dir und fragen dich, ob du ein Role Model bist?
Verena: Als Role Model? Nein, überhaupt nicht. Stehen die morgens auf und sagen, Mami, du bist mein großes Vorbild? Nein. Das sind Teenager und Kinder, denen ist erst mal relativ egal, was ich den ganzen Tag mache, die freuen sich, wenn ich nach Hause komme. Sie finden es erst mal cool, dass ihre Mutter genauso wie ihr Vater den Anspruch hat, das Leben so anzugehen, weil sie sehr stark der Meinung sind, dass Frauen und Männer alles schaffen können. Morgen nehme ich einen Sohn mit an die Zeppelin-Universität am Bodensee, weil ich dort bei einer Female Founders Night spreche. Solche Momente, in denen sie dabei sind oder wenn wir mit Fast & Curious auf Tour gehen, finden sie dann doch spannend. Aber meine kleine Tochter hat neulich gesagt: Mami, kannst du mir einen Beruf nennen, den ich in der Schule sagen kann, wenn Leute fragen, was meine Mutter macht? Das sind keine Berufe, die die anderen Kinder verstehen.
Christian: In der Softwarebranche ist das auch nicht besser, da versteht auch keiner, was man treibt. Neigst du dazu, ihnen Tipps zu geben?
Verena: Tipps nicht, aber mein Why oder How in der Erziehung ist: findet eine Leidenschaft. Es ist mir egal, welche. Ich möchte nicht, dass sie lethargisch durchs Leben gehen und sagen, das ist alles nicht so spannend, da hat mich meine Mutter angemeldet oder das wollte mein Vater. Wenn ich es schaffe, dass alle vier irgendetwas haben, für das sie brennen – was nichts damit zu tun haben muss, was ich bin – ist das großartig. Mein großer Sohn ist fanatischer Rugby-Spieler, geht jetzt für ein halbes Jahr auf eine Rugby-Academy, hat ein Stipendium bekommen. Ich habe noch nie ein Rugby-Spiel gesehen und keinen Zugang zu diesem Sport. Aber es ist seine große Leidenschaft, und das ist mir wichtig. Sie sollen nicht unsere kleinen Copycats werden, sondern etwas finden, für das sie die Extrameile gehen.
Christian: Das ist das Schönste, was man sagen kann. Eine kleine Abschlussfrage, unsere Signature-Frage: Wenn man einen Film über Verena Pausder drehen würde, was wäre der Titel?
Verena: Erst mal würde ich nicht so gern einen Film über mich sehen. Ich habe eine komische Mischung in mir: Ich sitze wahnsinnig gern auf Bühnen, bin aber in großen Räumen sehr introvertiert. Aber der Titel wäre wahrscheinlich so etwas wie „Dream big, fail fast and keep trying“.
Christian: Auch auf Englisch?
Verena: Ja, weil es immer cooler klingt. Träum groß, scheiter schnell und versuch es immer wieder.
Christian: Vielen, vielen Dank, es hat mega Spaß gemacht. Die Zeit ist im Flug vergangen. Ich schließe jetzt den Hauptteil ab, danach machen wir noch ein paar Spotlights, die wir für Social Media nutzen. Es geht nicht um Werbung, wir verdienen daran nichts, sondern immer um Vorbilder: Was treibt eine Verena an, was ist vielleicht nicht so gut gelaufen, und kann ich das auch erreichen?
Spotlight: Schnelle Fragen zum Schluss
Christian: Was würdest du deinem 25-jährigen Ich raten?
Verena: Nicht so viel darauf zu geben, was andere über dich denken, sondern einfach zu machen.
Christian: Was ist deine Superkraft?
Verena: Gelassenheit. Es gibt wenig, wo ich denke: Jetzt haben wir wirklich ein Problem.
Christian: Warum brauchen wir mehr Gründerinnen?
Verena: Wo soll ich anfangen? Wir haben 19,8 Prozent Gründerinnen. Frauen gründen Unternehmen mit weniger Fluktuation, die mehr Gewinn machen und länger durchhalten, und sie gründen in anderen Bereichen. Für mich ist eine gute Wirtschaft eine, in der wir 50 zu 50 die Chance haben, unsere Unternehmen zu gründen und groß zu machen – und in der wir jungen Mädchen zeigen, dass das möglich ist.
Christian: Vielen, vielen Dank.
Verena: Danke schön.