Begrüßung und Warm-up
Christian: Herzlich willkommen, Miriam. Ich freue mich sehr, dass du, die Miriam Wohlfarth, heute hier zu Gast bist beim Tell Your Story Podcast. Wunderschön, dass du da bist.
Miriam: Danke für die Einladung an diesen schönen Ort hier.
Christian: Miriam, ich will dich mal ganz kurz vorstellen, auch wenn ich es wahrscheinlich gar nicht muss, weil du bist ja, weiß Gott, eine feste Größe rund um die Digitalwirtschaft. Ich glaube, es gibt wenige, die dich nicht kennen oder schon mal auf irgendeinem Event gesehen haben, auf einem Panel, auf einer Stage, auf einer Keynote, also wirklich voll am Start. 2009 hast du damals Ratepay gegründet, da war auch eine ganz hohe Bewertung drin.
Christian: Jetzt noch relativ frisch CEO, Co-CEO von Banxware seit 2020. Ich sage relativ frisch, weil fünf Jahre aber auch schon wieder eine gewisse Zeit sind. Ich liebe es, weil das heißt, man baut Unternehmen und nicht nur so ein Hop-on, Hop-off.
Christian: Deine Auszeichnungen kann ich gar nicht alle aufzählen, dann wäre wahrscheinlich unsere Zeit rum. Du bist überall aufgetreten, im Manager Magazin. Es gibt kaum etwas, wo du nicht erwähnt wurdest. Auch dieses Jahr konnte ich mitverfolgen, dass du tolle Preise eingeheimst hast, zu Recht. Richtig, richtig stark.
Miriam: Danke.
Christian: Du engagierst dich aber auch für die Gründerinnen und Gründer und als Aufsichtsrätin in diversen Bereichen, zumindest soweit man das öffentlich weiß. Heute möchte ich mit dir über das Thema Unternehmertum sprechen, mit all den Höhen und Tiefen, und vor allem darüber, warum du die Dinge tust, die du tust. Schön, dass du da bist.
Miriam: Danke für die schöne Intro.
Christian: Wir machen jetzt ein kleines Wortpaar-Spiel. Da kannst du gar nichts falsch machen, einfach spontan: Kaffee oder Tee?
Miriam: Kaffee.
Christian: Marmelade oder Nutella?
Miriam: Salzig.
Christian: Salzig, ehrlich? Witzig, das geht mir genauso. Die meisten sagen nicht Nutella wegen der Palme, aber ja. Frankfurt oder Berlin?
Miriam: Berlin.
Christian: Ich mag Frankfurt aber gern.
Miriam: Ich finde, Frankfurt hat in den letzten Jahren auch echt gewonnen.
Christian: Ist Krise aus deiner Sicht mehr Chance oder mehr Risiko?
Miriam: Immer Chance.
Christian: Lieber Bootstrapping oder VCs?
Miriam: Das kommt auf das jeweilige Geschäftsmodell an. Eigentlich ist es ein Traum, etwas zu bootstrappen, weil du dann komplett unabhängig bist. Aber bei manchen Sachen geht das einfach nicht. Bei einem Technologieunternehmen musst du sehr viel Geld haben, das du selbst einsetzen kannst. Das hatte ich leider nicht. Also kommt es immer drauf an.
Christian: Pay now oder pay later?
Miriam: Das muss ich ja beantworten. Ich muss pay later sagen.
Christian: Bauchgefühl oder Businessplan?
Miriam: Bauch.
Christian: ChatGPT oder Gemini?
Miriam: ChatGPT.
Das Why: Kunden glücklich machen
Christian: Wir gehen den Podcast ein bisschen nach dem Golden Circle von Simon Sinek durch, mit Why, How, What. Ich sage es mal so: Lexware ist unser Why, Unternehmertum erleichtern, das ist das, was uns antreibt. Im How machen wir es einerseits mit unserer Haltung. Mit Tell Your Story wollen wir Unternehmerinnen und Unternehmern und vielleicht auch denen, die es werden wollen, Vorbilder und eine Bühne geben. Auf der anderen Seite machen wir hoffentlich gute Lösungen. Dann kommt erst das What, also Buchhaltung, Rechnungsstellung, Lohn und so weiter. Wenn ich jetzt auf dich schaue: Was ist das Why von Miriam, was ist dein Antrieb? Nicht was du machst, sondern warum.
Miriam: Ich glaube, es ist eigentlich, den Kunden glücklich zu machen. So hat das alles angefangen, weil ich es immer besser machen wollte. Ich hatte immer dieses Etwas, es cooler und besser zu machen, weil ich schon sehr lange im Vertrieb gearbeitet habe. Da war meine Aufgabe, die Kunden happy zu machen. Und das hieß oft, viele Dinge zu verbessern, anders zu machen, zu hinterfragen, warum etwas nicht geht. Aber im Endeffekt: meine Kunden immer glücklich machen, das hat mich angetrieben.
Christian: Du kommst also immer vom Markt oder vom Kundenbedürfnis?
Miriam: Immer vom Kundenbedürfnis, ja.
Vom Konzern ins Startup
Christian: Ist es so auch entstanden, als du damals dein erstes Startup gemacht hast? Was hast du gefunden, von dem du gesagt hast, das ist nicht gut gemacht?
Miriam: Wir gehen viele Jahre zurück. Ich habe im Jahr 2000 angefangen, in der Online-Finanzbranche zu arbeiten, damals für ein Startup, einen Payment-Provider, also ein Internet-Kassensystem. Und damals haben alle Kunden gesagt: Warum habt ihr eigentlich keinen Rechnungskauf? Warum gibt es nur Kreditkarte? PayPal war damals noch ganz am Anfang. Ich habe gesagt, ja, weil das können die alle nicht. Aber die Deutschen wollten gerne mit Rechnung bezahlen, weil sie das aus der Katalogwelt kannten: Sachen geschickt bekommen, Papier in der Hand, später überweisen.
Christian: Katalogwelt, meinst du sowas wie Quelle?
Miriam: Viele Zuhörerinnen und Zuhörer wissen gar nicht mehr, wovon wir sprechen. Aber es gab damals große Papierberge, wo man sich etwas ausgesucht und angekreuzt hat und dann mit gutem Namen bezahlt wurde, im wahrsten Sinne des Wortes. Otto hat das damals zum Beispiel mit erfunden. Im Prinzip sind das Kleinkredite, Minikredite, die aber kostenlos waren. Man gibt ein Zahlungsziel und der Käufer zahlt nach 14 oder 30 Tagen. Das ist Pay Later, wie man es heute nennt. Damals hieß es schnöde Rechnungskauf. Und die Kunden haben mich immer gefragt: Warum haben Sie das nicht, Frau Wohlfarth? Wir brauchen das. Ich habe für mein Unternehmen, das war zuerst niederländisch, dann englisch, immer gefragt, warum wir sowas nicht machen können. Und dann habe ich mir gedacht: Ich kann mich damit nicht zufriedengeben. Ich hasse es, wenn man mir das Gefühl gibt, das geht nicht. Ich hatte ja in einem Startup gearbeitet und gesehen: Die können das. Also kann ich das auch.
Miriam: Ich hatte keine Ahnung von Businessplänen. Ich habe mein VWL-Studium abgebrochen, hatte am Anfang VWL und Politik studiert. Aber von Businessplänen hatte ich keine Ahnung. Es war der Bauch, der gesagt hat: Das muss doch gehen. So hat es angefangen.
Christian: Hast du Unternehmer in der Familie?
Miriam: Nein, gar nicht. Ich bin ganz normal aufgewachsen, im normalen Mittelklassehaushalt. Vater Ingenieur, Mutter Buchhalterin, beide keine Unternehmer. Mein Vater kannte damals sogar die SAP-Gründer, er war bei IBM und hat immer gesagt, er habe seine Chance verpasst. Sein Traum war eigentlich, selbst etwas zu machen, er hatte viele Patente. Deshalb hat er mich später mit der Idee sehr gefördert. Aber Vorbilder in dem Sinn gab es nicht.
Miriam: Dann Studium, abgebrochen, gereist, herumgejobbt, im Reisebüro gelandet. Ich habe eine Lehre als Reiseverkehrskauffrau gemacht, das fand ich aber schrecklich. Da saß ich an so einem Tresen, es war im Schwabenland, und die Leute kamen und fragten nach Last Minute. Ich war frustriert, habe mich in der Branche hochgearbeitet und bin im Vertrieb gelandet. Und jetzt kommt der Twist: Ich habe im Jahr 2000 Pieter van der Does kennengelernt, CEO und Gründer von Adyen. Adyen ist heute eines der größten Payment-Unternehmen der Welt. Damals war das eine kleine Klitsche namens Bibit Global Payment Services. Dieser Mann hat mich für immer verändert.
Christian: Wie kam es zu der Begegnung?
Miriam: Es ging damals um ein Buchungssystem für Flüge, darum, Flugtickets ins Internet zu bringen. Damals wurden Flüge noch im Reisebüro gebucht, und es kam die große Wende, dass sich das Ticketing ins Web verlagert. Über dieses Buchungssystem haben wir uns kennengelernt. Ich habe dann in dieser Firma angefangen und war plötzlich mit Gründern zusammen, was ich gar nicht kannte. Für mich wurde das ein Traum von Arbeit, weil ich aus dem Konzern kam. Die letzte Station war Hapag-Lloyd, sehr angepasst. Man musste einen dunkelblauen oder schwarzen Hosenanzug tragen, außer freitags, Casual Friday. Man hat mir sogar nahegelegt, meine strubbeligen Haare öfter glatt zu machen, damit es seriöser wirkt. Das war eine ganz andere Zeit, 1999, 2000.
Miriam: In diese Startup-Welt habe ich dann hineingeschnuppert. Es gab damals offiziell noch keine Startup-Szene. Ich habe meinen Job gekündigt und bin dahin. Jeder hat gesagt: Was geht die zu so einer Klitsche?
Christian: Wie hat dein Umfeld reagiert? Hat dein Papa gesagt, nimm lieber den sicheren Job?
Miriam: Meine Mutter fand das ganz schlimm, dass ich den Konzern verlasse. Etwa 90 Prozent der Menschen um mich herum fanden das eine Schnapsidee. Mein Vater hat gemeint: Wenn dich das total reizt, dann mach das. Von ihm habe ich ein Zitat, das er immer unter seinen E-Mails hatte: „Begeisterung ist das Prinzip aller Möglichkeiten.“ Ich dachte immer, er hat das von irgendwem kopiert, aber das war von ihm. Er hat gesagt: Miriam, wenn dir das Spaß macht, dann mach das.
Christian: Das ist toll. Als Eltern will man ja immer das Beste, und das Zitat trifft den Kern: Wenn man begeistert etwas macht, das Spaß macht, ist das eigentlich das Beste. Gleichzeitig will man lieber etwas Sicheres.
Miriam: Ja. So hat das alles vor langer Zeit angefangen. Und da habe ich das Unternehmertum für mich entdeckt. Wir waren ganz klein am Anfang, als ich kam, vielleicht 13 Leute.
Christian: Also kennt man sich noch alle, sitzt zusammen.
Miriam: Wir waren damals alle noch jung, auch abends saßen wir zusammen. Es war ein schönes Miteinander, eine besondere Zeit. Das wollte ich immer wieder erleben.
Ein Chef, der zum Vorbild wurde
Christian: Du hast gesagt, er hat dein Leben ein bisschen geprägt.
Miriam: Im Nachhinein würde ich sagen, er war mein Vorbild und ein toller Chef. Ich bin nie diskriminiert worden. Er wurde damals Vater und hat mich gefragt, wie es bei mir aussieht mit Kindern. In Deutschland darf man das als Vorgesetzter ja gar nicht fragen. Aber er war Holländer. Ich habe gesagt, in Deutschland sagt man immer Kind oder Karriere, und ich liebe meinen Job. Dann meinte er, ich solle in dem Alter mal schauen, sonst werde es schwierig. Und als ich sagte, dann muss ich ja aus dem Job raus, meinte er: So ein Quatsch, du kannst weiterarbeiten, ich helfe dir auch finanziell. Plötzlich habe ich das ganz anders gesehen. Ich finde, in Unternehmen herrscht oft eine familienfeindliche Stimmung, das Thema darf man am besten gar nicht ansprechen, sonst wird man als schwach dargestellt. Mütter werden oft anders angeguckt. Bei Ratepay habe ich später sehr gerne Mütter eingestellt.
Christian: Das ist super, dass du diese Erfahrung gemacht hast, weil es auch heute noch nicht so einfach ist.
Miriam: Ich bin in Süddeutschland aufgewachsen, da war es schon so. Ich hatte selbst einen inneren Konflikt: einerseits Familie und Kinder, andererseits wollte ich Karriere machen. Ich hatte das Glück, dass mir oft die richtigen Menschen zur richtigen Zeit begegnet sind.
Christian: Hast du das Glück gehabt oder es gesucht, weil du es provoziert hast?
Miriam: Ich spreche Menschen gerne an. Wenn ich neben jemandem sitze, komme ich leicht ins Gespräch. Das hat mir immer geholfen, weil du weißt, du hast ein Netzwerk.
Christian: Ein Netzwerk, das du aktivieren kannst, in dem immer jemand helfen oder einen anderen Weg zeigen kann.
Miriam: Total.
Die Idee zu Ratepay
Miriam: Die erste Firma hieß Bibit, das war noch nicht Adyen. Adyen ist quasi das Bootstrapped-Unternehmen, das aus dem Verkauf von Bibit entstanden ist, später kamen Investoren dazu. Peter ist da immer noch CEO. Ich hätte ganz am Anfang zu Adyen mitgehen können. Aber meine Tochter wurde 2004 geboren, Adyen wurde 2006 gegründet. Mein Kind war gerade eineinhalb. Er kam und fragte, ob ich Lust hätte mitzumachen. Aber ich hatte mir in Berlin gerade alles mit Kinderbetreuung, Babysitter, Tagesmutter aufgebaut, es funktionierte. Und dann diese Frage. Ich habe gesagt, das geht nicht, ich müsste die ganze Zeit nach Holland fahren. Für die Zeit war das unpassend, also habe ich abgelehnt.
Miriam: Dann sind die nach einem Jahr wahnsinnig erfolgreich geworden. In der Finanzkrise wurde Bibit an die Royal Bank of Scotland verkauft und mit Worldpay gemerged. Die Royal Bank of Scotland kam 2008 in eine starke Schieflage. Das war die große Chance für Adyen, weil Adyen und Bibit am Anfang technisch fast gleich waren, die URL war praktisch identisch.
Christian: Ach was.
Miriam: So konnten die ersten Kunden ohne Tech-Aufwand migrieren, während RBS in einer Schockstarre handlungsunfähig war. Ich bin dann erstmal für ein Jahr zu Ogone gewechselt, auch ein Payment-Anbieter, weil ich merkte, da kippt alles, ich gehe lieber raus. Zu Adyen wollte ich damals nicht, Peter und ich waren etwas verschnupft, das hat sich aber wieder geklärt. Bei Ogone hat es mir aber nicht so gefallen. Mir hat dieser Vibe gefehlt. Und dann kamen wieder die Kunden, die unglücklich waren, weil sie keinen Rechnungskauf hatten.
Miriam: Ich dachte: Peter hat schon wieder etwas gegründet, und ich habe das damals alles mit aufgebaut, ich weiß doch, wie es geht. Das ist vielleicht der Moment, es auch zu tun.
Christian: Und dann kam Ratepay.
Miriam: Ja, ein Zahlungsanbieter für Deutschland, der die deutsche Zahlart in den Markt bringt. Das war total naiv, viele Leute haben mich richtiggehend ausgelacht.
Christian: Das war ja mitten in der Finanzkrise, 2008, 2009, mit Lehman.
Miriam: Es war mitten in der Finanzkrise, hatte aber gar nicht so viel damit zu tun. Es war nur das Momentum. Ich dachte, das probierst du jetzt einfach. Und da sind wir wieder beim Netzwerk. Ich habe gedacht, ich kann mich ein Jahr selbst finanzieren. Ich war auch nicht ganz auf mich allein gestellt, ich lebte in einer Beziehung. Beim Verkauf von Bibit hatte ich etwas Geld. Das war das, was ich at risk setzen konnte. Und wenn es nach einem Jahr nicht klappt, höre ich auf, ich kenne ja viele Leute in der Branche und finde wieder etwas.
Christian: Du wusstest, du kommst wieder rein. Das gibt Ruhe, ohne zu wissen, ob es funktioniert. Hast du Ratepay allein gestartet?
Miriam: Nein. Mir war bewusst, ich konnte weder programmieren noch war ich die Finanzerin. Auch das habe ich von Peter gelernt, mein lebendes Lernobjekt. Er kam selbst aus dem Vertrieb, hatte vorher bei Elsevier gearbeitet, einem Publishing-Haus.
Christian: Elsevier, ja, kenne ich.
Miriam: Seine zwei Kumpels konnten den Rest, der eine war der Techie, der andere der Finanzer. Er hat immer gesagt, du musst nicht alles selbst können. Das habe ich verinnerlicht. Ich wusste: Ich kann gut verkaufen, mich hinstellen, mit Leuten sprechen, Vertrieb macht mir Spaß. Aber ich kann nicht programmieren und bin nicht gut mit Businessplänen. Also suchst du Leute, die genau das können. Die habe ich in meiner Zeit bei Ogone kennengelernt, bei einem Projekt für Otto, wo wir einen White-Label-Anbieter für Payment bauen sollten. Da habe ich zwei kennengelernt, die perfekt gepasst haben, und sie überredet, das zusammen zu machen.
Christian: Mit gleichen Shares?
Miriam: So haben wir angefangen, und dann noch Oliver Beste mit reingenommen, den Gründer von MyToys, ein Ex-McKinsey, als Berater mit Shares. Er hat uns geholfen, einen ordentlichen Businessplan aufzustellen. Am Anfang war es total unprofessionell, ehrlich. Aber das ist Startup.
Christian: Wenn man vorher alle Fragen gewusst hätte, hätte man es wahrscheinlich nie gemacht.
Miriam: Absolut. Anderthalb Jahre später kam mein Co-CEO Jesper rein und schimpfte, alles sei so unprofessionell. Aber so ist Startup. Du fängst mit einer groben Idee im Kopf an und musst die ganze Zeit anpassen. Nach zwei Jahren ist es im Grunde noch dieselbe Idee, aber eigentlich etwas ganz anderes. Dafür ist manchmal sogar ein bisschen Naivität gut, weil du davon träumst, etwas zu verändern. Wenn du die Energie hast und Leute, die die Dinge können, dann schaffst du es auch.
Miriam: Schau dir die richtig erfolgreichen Firmen an: Die sind meistens nicht auf dem Reißbrett entstanden.
Christian: Da bin ich völlig bei dir. Ein Startup sucht nach etwas, das man skalieren kann. Erst wenn das kommt, will ich professionelle Prozesse. Vorher ist es Schwachsinn, etwas durchzuorchestrieren, das man gleich wieder wegwirft.
Miriam: Wenn du als Beratung etwas konzipierst, hört sich das professioneller an. Aber dann hast du einen Plan und hältst dich daran. Das ist meiner Meinung nach ein großes Problem, warum viele scheitern, weil sie sich unbedingt an einen Plan halten wollen. Und das ist auch sehr deutsch.
Rollen im Team und gegenseitige Wertschätzung
Christian: Diese vermeintliche Sicherheit, sage ich immer. Deswegen finde ich die agile Welt die passendste Antwort: lieber auf Veränderung reagieren als einen Plan befolgen. Das heißt nicht, dass man keinen Plan hat, das wird oft verwechselt. Stark finde ich, was du sagst: dieses Zulassen, dass man nicht alles kann.
Christian: Und dann so schlau zu sein, Leute zu holen, die das können. In einem Unternehmen funktioniert es ja nur dann. Wenn beide dasselbe können, ist der Beziehungsclash fast gesetzt, dann ist der Struggle intern, wer es besser weiß.
Miriam: Genau.
Christian: Und in etwas, das du nicht so gerne machst, wirst du dich nie einmischen, weil du froh bist, dass es jemand anderes macht.
Miriam: Bei Banxware ist mein Co-Gründer Anwalt. Ich habe immer gesagt, wenn ich Ratepay nochmal from scratch machen würde, dann nur mit Anwalt oder Anwältin, weil das so ein reguliertes Business ist. Am Anfang haben wir da viel blödes Zeug gemacht. Ihm vertraue ich da blind. Und er vertraut mir. Er will gar nicht so auf Veranstaltungen mit Kunden gehen, das mag er nicht, und das ist auch in Ordnung.
Christian: Das ist gut, weil ihr genau zusammenpasst. Jeder hat seinen Bereich, keiner macht dem anderen etwas streitig. Hattest du auch schon andere Konstellationen?
Miriam: Sicher hat man immer mal wieder solche Themen. Je nach Charakter und Tätigkeit wird der Wert von Arbeit unterschiedlich bemessen. Nimm den Wert davon, in einem Podcast zu sitzen oder auf einem Panel einen Vortrag zu halten. Das scheint für manche die Glamour-Welt zu sein. Sie sehen aber oft nicht, dass das auch aufregend und anstrengend ist. Du bist ständig unterwegs, kriegst trotzdem deine E-Mails und musst sie bearbeiten. Da können im Team Missstimmungen entstehen, weil der eine das Gefühl hat, der andere macht die schöne Reise und ich die harte Arbeit. Wichtig ist, dass man sich als Team immer wieder berappelt und anerkennt, was die Leistung des Einzelnen ist. Nur im Gesamtzusammenspiel funktioniert das Ganze. Das habe ich im Laufe der Jahre gelernt.
Christian: Das auch auszusprechen.
Miriam: Auch auszusprechen, wenn man merkt, dass es irgendwo hin tendiert.
Christian: Das höre ich oft von Menschen mit einer gewissen Erfahrung. Wenn man das nicht ausspricht oder sogar mal schriftlich fixiert und neu ausmacht, wird es schwer. Man sieht ja immer nur den kleinen Moment, den roten Teppich, nicht die Vorbereitung und die anstrengenden Gespräche. Wir haben kürzlich eine Studie im Creator-Bereich gemacht: Viele Jugendliche wollen Creator werden. Aber hinter dem Creator-Leben steckt Disziplin, Arbeit, Tag und Nacht, kein Wochenende.
Miriam: Das ist einfach so. Ich muss aber kurz sagen, für den Podcast: Das ist nicht der Anwalt, mit dem ich dieses Thema hatte.
Christian: Das habe ich auch gerade gedacht, das war nur als Beispiel.
Miriam: Wir haben da wirklich ein ganz tolles Verhältnis. Aber es gab andere Konstellationen, und da kann ich empfehlen, mal ein Teamcoaching zu machen, damit man sich wieder schätzen lernt. Das ist ein tolles Gefühl. Jeder bringt seinen Beitrag wie ein Puzzleteil. Frag dich mal: Was macht ein tolles Unternehmen aus, welche Person besetzt was? Dann merkst du schnell, wenn etwas fehlt: Wer macht das? Woher kommen die Kunden?
Christian: Dinge sichtbar machen.
Miriam: Und sehen, womit die anderen jeden Tag struggeln. Sichtbarkeit und Anerkennung für den jeweils anderen.
Christian: Ein schöner Tipp: das zu verschriftlichen, zu überlegen, wer hier was macht und ob man die Arbeit des anderen wirklich wertschätzt. Oft heißt es Purpose. Purpose kann ich dir nicht geben, ich kann dir sagen, was wir machen, aber ob das dein Purpose wird, musst du entscheiden. Zumindest muss klar sein, wohin die Reise geht.
Against All Odds: Vorbild sein
Christian: Wir müssen leider zum Schönsten aufhören, dann lade ich dich einfach nochmal ein. Ich finde gerade das zum Schluss stark. Du bist ein Vorbild für ganz viele, und das auch als Frau. Mir ist gerade im letzten Jahr aufgefallen, wie viele Preise du bekommst. War das schon immer so oder war das ein Preisjahr?
Miriam: Es war durchaus ein Preisjahr. Es gab vor fünf Jahren mal eins und dann wieder ruhigere Zeiten. Ich habe mich sehr gefreut.
Christian: Das kommt aber nicht von ungefähr, sondern durch Disziplin, Ausdauer und Arbeit. Meine Abschlussfrage: Wenn man einen Film über Miriam Wohlfarth drehen würde, welchen Titel sollte der haben?
Miriam: Da nehme ich einen Preis, den ich mal bekommen habe. Ich war 2020 auf dem Titel des deutschsprachigen Forbes-Magazins. Ich wusste das gar nicht, ich dachte, da kommt nur eine Geschichte. Der Titel hieß „Against All Odds“. Das ist ja auch ein Film. Ich habe den Artikel gelesen und fand, der Titel passt zu meiner komischen Geschichte. Ich glaube auch, man muss Vorbilder haben, und ich bin gerne Vorbild. Aber ich will nicht auf einen Sockel gestellt werden, weil ich das selbst gar nicht bin. Ich bin relativ normal und lebe ein normales Leben. Ich habe halt immer gedacht: Das kann doch nicht sein, es muss besser gehen.
Christian: Und das auch im Finanzfeld, da hast du viel bewirkt. Es geht nicht um den Sockel, aber man darf schon hochschauen und sagen: Das ist doch geil, was eine Miriam geschafft hat.
Miriam: Dieses „Against All Odds“ passt, weil mir immer alle gesagt haben, das geht nicht. Als ich die Idee zu Ratepay hatte, war ich auf einer Party, da war auch ein hoher Manager von eBay, der meinte: Du willst gründen? Erstens bist du zu alt, und dann ein Kind, und kein Beraterhintergrund. Der hat mich fast ausgelacht. Und ich dachte: Dir zeige ich es noch. Oder auf der ersten Messe mit Ratepay, dem Versandhandelskongress in Wiesbaden, da waren wir ein Jahr alt, und es kamen Banker und sagten: Was macht ihr da, das ist Quatsch, das ist gar nicht erlaubt. Was glauben diese Leute eigentlich, einem immer erzählen zu wollen?
Christian: Ungefragt.
Miriam: Ungefragt. Das hat mich immer angespornt. Wenn mir jemand sowas sagt, denke ich: Jetzt zeige ich es erst recht.
Christian: Besser kann man nicht abschließen. Ganz lieben Dank, Miriam, dass du heute da warst, für die Insights und dafür, was dich angetrieben hat.
Miriam: Sehr gerne. Danke. Wirklich.