Begrüßung und Warm-up
Christian: Willkommen beim Tell Your Story Podcast. Hier geht es nicht um Lebensläufe, sondern um die Menschen, die Gestalter, die Macher und Macherinnen, und was die eigentlich so bewegt und tun. Mein heutiger Gast ist Patrick Schnitzler. Ich freue mich super, dass du da bist, lieber Patrick.
Patrick: Vielen Dank für die Einladung.
Christian: Sehr, sehr gerne. Ja, was kann man bei Patrick sagen? So ein kleines Intro mache ich ja schon über dich. Gründer von klima&so, es gibt ja auch Patrick und so. Content Creator. Und du hast dich mal sehr bewusst aus einem vermeintlich sicheren System, zumindest aus einem gesellschaftlich als sicher bezeichneten Rahmen, herausbewegt, etwas Eigenes gemacht und dabei vor allem ganz arg Haltung bewiesen. Darüber werden wir heute sprechen, um zu verstehen, was dich da antreibt. Patrick, schön, dass du da bist. Ich bin gespannt.
Christian: Was wir hier im Podcast immer machen, ist so ein kleines Wortpaar, so ein Fragenhagel. Da kann man nicht richtig falsch liegen, es ist völlig entspannt. Aber es hilft vielleicht ein bisschen für die Zuhörer und Zuhörerinnen, dich schon ein bisschen kennenzulernen. Was ist denn der Patrick für ein Mensch? Eine ganz einfache Frage, die könnte ich jetzt wahrscheinlich selber beantworten, weil wir gerade einen hatten: Kaffee oder Tee?
Patrick: Kaffee.
Christian: Wenn du jetzt Tee gesagt hättest, wäre ich ganz verwirrt geworden. Bringt schlechten Einstand. Stadt oder Natur?
Patrick: Stadt.
Christian: Sicherheit oder Freiheit?
Patrick: Freiheit.
Christian: Das finde ich immer sehr spannend. Siehst du dich als Content Creator oder Unternehmer? Ist da ein Oder?
Patrick: Das ist, glaube ich, sehr schwierig zu sagen, was jetzt was ist. Ich glaube, man wechselt da immer wieder die paar Schuhe, die man trägt. Aber das ist auch das sehr Interessante, zwischen Unternehmer, Content Creator, Kreativem und random Projekten, die man einfach aus Interesse macht. Am Ende wäre das Allgemeine zu sagen, man folgt seiner Leidenschaft und seinem Interesse, mal als Unternehmer, mal als Content Creator und mal als Kreativer.
Christian: Sehr schön. Da werden wir gleich ein bisschen tiefer reingehen, das gibt viel Material. Ich muss mich gerade zurückhalten. Think like an athlete oder think like a founder?
Patrick: Denke wie ein Athlet.
Christian: Laden oder Neugier?
Patrick: Neugierig.
Christian: Und die letzte Frage: Wirkung oder Erfolg?
Patrick: Wirkung.
Christian: Sehr schön. Die letzte Frage eigentlich ist: Hast du unseren Podcast schon abonniert?
Patrick: Ich glaube nicht. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich sehr wenig Podcasts abonniert habe. Ich bin so ein Folgenhörer.
Christian: Also für alle, die unseren Podcast noch nicht abonniert haben: Wir würden uns super freuen, wenn ihr das tut. Heute sind superspannende Menschen dabei. Patrick, guckt mal rein. Es lohnt sich total, da reinzuhören, weil es um die Menschen dahinter geht. Es sind Vorbilder. Wir freuen uns über jeden Klick, jedes Abonnement. Vielen Dank.
Das Why: Menschen ermutigen
Christian: Im Podcast reden wir genau darüber, und du hast in den ersten Fragen schon ein bisschen darauf geantwortet. Es geht uns total darum, an das Why zu kommen. Du kennst bestimmt den Simon-Sinek-Talk, diesen berühmten TED Talk, Golden Circle, Why, How, What. Es geht darum, warum Menschen oder Unternehmen Dinge machen, und wie und was.
Christian: Ich sage kurz ein Beispiel, wie wir das überlegen. Unser Why: Wir wollen Unternehmertum einfach machen. Im How sind es zwei Seiten der Medaille, einerseits unsere Lösungen, da können aber nur die Kunden sagen, ob es gut oder schlecht ist, und andererseits das, was der Podcast hier darstellt, nämlich Tell Your Story.
Christian: Wir wollen Unternehmern und Unternehmen eine Bühne geben, die vielleicht nicht immer gesehen werden. Jetzt bist du ein bisschen bekannter, du hast schon Bühnen. Aber wir suchen genau diese Vorbilder, damit in Deutschland wieder mehr gegründet wird, weil die Leute Lust auf Selbständigkeit bekommen und nicht Angst davor. Darum geht es uns.
Christian: Wir kennen uns jetzt auch schon ein bisschen. Hast du so ein Warum? Gibt es dieses Why hinter Patrick als Mensch, warum du die Dinge tust, die du tust? Gar nicht so sehr, was du tust, sondern was dich persönlich antreibt.
Patrick: Ja, das gibt es inzwischen, aber das gab es auch eine ganze lange Zeit nicht. Wenn ich mich in die Zeit zurückversetze, in der ich das nicht hatte, war es sehr schwierig, darüber zu sprechen und nachzudenken. Wenn man keine Antwort findet und alle sagen immer, du musst ein Warum haben, dann kreiert das so eine Leere, und man fragt sich, bin ich das Problem oder habe ich es noch nicht gefunden, was muss ich tun, wie so eine Checkliste, um das zu finden. Aber inzwischen würde ich sagen, ist es auf jeden Fall da, und das macht vieles einfacher, weil du immer wieder zu dieser einen Erkenntnis oder Frage zurückgehen kannst: Bringt mich das näher an dieses Warum? Oder ist es etwas, was mich sogar davon abhält, andere Dinge zu tun, die mich näher an das Warum bringen?
Christian: Was wäre denn der Satz? Gibt es einen ganzen Satz dafür? Kannst du es noch ein bisschen beschreiben?
Patrick: Ich bin ein sehr visueller Mensch, und ich hatte mal ein Coaching, wo wir eine geführte Meditation gemacht haben. Die Übung war, dass man hinter einem Vorhang steht und durch die Meditation in ein Szenario gebracht wird. Das Szenario war: Du sitzt auf deiner Veranda, du bist steinalt, die Menschen kommen nochmal, um dein Leben zu feiern, und sie geben dir alle so etwas wie Geburtstagskarten. Du öffnest eine Karte nach der anderen, von Menschen, die in deinem Leben waren und jetzt zu dir kommen. Und was steht in der Karte? In dem Moment war das voll klar. Das war noch eher am Anfang der Journey, von meiner Gründung und der Selbständigkeit, da habe ich noch nicht groß Content gemacht. Es war dieser Moment: Da kommen Menschen und sagen, hey, danke, dass du mir gezeigt hast, dass es sich lohnt, einfach Dinge zu tun, Dinge zu wagen, sich für Dinge einzusetzen, und dass man sich nicht einfach dieser Ohnmacht oder dieser Sicherheit hingibt, sondern wirklich das macht, worauf man Bock hat, und das verändert, was man in der Welt verändert sehen möchte. Das wurde für mich dieses Warum. Und das kann ich heute gut in meinem Unternehmen und in meinem Content abbilden, mit verschiedenen Facetten. Aber immer wieder dieses: Befähigt es Menschen zu sagen, dann gehe ich jetzt diesen Schritt, weil Patrick mir gezeigt hat, es lohnt sich auf eine Art. Und was sich lohnt, das muss jeder selber finden. Aber dafür möchte ich inspirieren.
Christian: Stark. Hast du das heute noch, wenn du dieses wunderschöne Bild gerade beschreibst, hast du das selber im Kopf, auf der Veranda zu sitzen? Kommen da heute noch Leute vorbei und geben dir einen Zettel?
Patrick: Ja, es ist wirklich so, dass ich an gewissen Weggabelungen wieder an dieses Bild zurückdenke. Es gibt auch andere Bilder, die ich in dem Coaching oder sonst im Leben genutzt habe und bei denen ich festgestellt habe, hey, die haben mir voll geholfen, eine Entscheidung zu treffen, ob ich den linken oder den rechten Weg gehe, wenn sich so eine Weggabelung auftut. Wenn man einmal diese fixen Bilder im Kopf hat, ist es für mich sehr wirkungsvoll, dahin zurückzugehen und zu sagen: Wie habe ich damals entschieden, basierend auf welchem Bild von mir selbst oder auf welcher mentalen Vorstellung? Das ist immer wieder da und kommt alle halbe Jahr mal wieder. Und auch jetzt, während ich davon erzähle, habe ich das im Kopf.
Christian: Man kann sich vorstellen, du hast gerade viel im Kopf, also damals auch.
Patrick: Ja, ich merke gerade selber, das lädt mich auf, und es berührt mich nochmal auf eine andere Art, als wenn ich mit dir einfach über Politik diskutieren würde. Da habe ich nicht so die Emotionen, wie ich sie gerade spüre, weil ich selber in dem Bild bin.
Christian: Ja, das ist stark.
Raus aus der vermeintlichen Sicherheit
Christian: Was bei dir spannend ist, und darüber würde ich gerne sprechen, wir waren im Intro schon dabei: Du kommst aus der vermeintlichen Sicherheit, also einem Job. Wir sind alle unterschiedlich sozialisiert und aufgewachsen, Eltern, die drumherum gucken und sagen, Mensch Junge, mach doch etwas Vernünftiges.
Christian: Vielleicht ist es heute anders bei jüngeren Menschen, du bist ja jung. Aber wie war das? Gab es so einen Tipping Point, ein Erlebnis, oder warum kommt so ein Punkt, an dem du sagst, nee, das ist es nicht? Gibt es da einen Anstoß? Wie ist das passiert? Waren das andere Menschen, die dich beeinflusst haben? Vielleicht die Veranda-Geschichte. Wie passiert sowas? Es ist ja meistens nicht der klassische Weg, dass man in so ein Haltungsthema kommt, mit deinem Why, Menschen zu zeigen, dass man sich verändern kann und seinen Weg gehen soll.
Patrick: Hätte ich auch nicht erwartet. Als ich Abi gemacht habe, war mein erster Plan, zur Polizei oder zum BKA zu gehen. Wenn ich mir vorstelle, dass das passiert wäre, will ich nicht wissen, was für ein Mensch ich jetzt wäre. Vielleicht wäre ich ultra unglücklich, oder ich hätte nie erfahren, wie mein Leben heute aussehen könnte. Das ist eine Reihe von Entscheidungen. Menschen wollen immer hören, es gab diesen einen Punkt, und da ist mir klar geworden, und jetzt habe ich mein Leben umgestellt. Aber das passiert nicht. Du gehst von der Schule, gehst an die Uni oder machst deine Ausbildung, dann stellst du fest, ja, ist voll interessant, und dann kommst du in diese Wirklichkeit des operativen Doings, bei mir in einer Unternehmensberatung.
Patrick: Du gehst mit der Erwartung rein: Ich reise rum, ich trage Anzüge, ich bin angesehen, meine Eltern können bei ihren Freunden erzählen, der verdient jetzt Geld und ist Unternehmensberater, und alle haben Bilder im Kopf und sind happy. Und dann denkst du nach drei Monaten in deinem ersten Praktikum: Okay, das ist eigentlich Wirtschaftsmilitär, weil es klare Hierarchien gibt, und wenn ich nicht die nächsten zwei Jahre diese Hürden nehme, habe ich hier nichts zu melden, eher im Gegenteil, dann fliege ich sogar raus. Und Freiheiten null. Das ist zu arbeiten, das ist das Projekt, das ist die Deadline. Hast du eine Idee, ja cool, aber wir machen das so, weil der Steerco und der Projektleiter beim Kunden das so haben wollen. Das hat sich gefangen angefühlt, und auf einmal platzt die Blase: Okay, Unternehmensberatung ist es nicht. Dann kommt eins zum anderen, die nächste Hypothese war: Dann muss ich in ein Startup gehen, da habe ich Freiheit, da lerne ich schnell. Und dann ist man in den ersten ein, zwei Startups.
Patrick: Die scheitern. Das sind dann aber nicht die Startups, mit denen man wächst. Ich war nicht der dritte Mitarbeiter bei Flink und deswegen auf einmal super erfolgreich, sodass es danach easy war, einen Job zu finden. Die Realität ist, dass die meisten in Early-Stage-Startups sind, und dann scheitern die, und keiner hört je davon.
Christian: Dann ist Scheitern auch nicht so toll in dem Moment, oder? Ist das für dich alles Lernen oder Frustration?
Patrick: Es ist total nervig, weil du selber immer die Storys siehst und denkst, kann ich nicht auch einer von denen sein, der als 15. Mitarbeiter bei Zalando per Default reich wird? Warum sind das immer die anderen, warum nicht ich?
Patrick: Und du scheiterst dann. Ich fand das interessant, weil man irgendwann lernt, das Ganze in Perspektive zu setzen, und dann hört man von Fail Forward, also scheitere nach vorne. Am Ende ist mir das aus Versehen passiert. Du gehst hin, hast eine Hypothese und sagst, okay, ich gehe als erster Mitarbeiter in irgendein Startup, und dann geht es in die Pleite. Was dann? Ich war sogar zu blöd, mich arbeitslos zu melden. Dann sitzt du drei Monate da, hast kein Geld, sitzt in Berlin, und es war wirklich so, ich kann nicht mal ins Kino gehen oder mir nachmittags einen Kaffee holen, weil meine Miete so hoch ist. Dann merkst du, okay, das ist die Bottomline. Ich halte es sogar aus, drei Monate nur bei Netto Lebensmittel zu kaufen und sonst nichts zu haben. Und trotzdem kann ich leben und diesen Druck aushalten. Das war danach meine Baseline, die mir die Freiheit gegeben hat zu sagen, ich kann Risiken eingehen, die andere nicht eingehen, weil ich weiß, wie das Leben da unten aussieht, es ist immer noch privilegiert, aber da unten eben. Und dann habe ich weiter hochriskante Jobs genommen, weil das für mich kein Risiko mehr war. Es ändert sich ja nichts. Okay, gehe ich halt drei Monate keinen Kaffee trinken. Aber wenn mir das einen Weg ermöglicht, der mich eher zu Glück bringt als die Unternehmensberatung, in der ich mache, was andere wollen, dann ist das doch geil.
Was Scheitern lehrt und der Konzern-Job
Christian: Du hast schon Glück gespürt, auch in dem Moment? Oder sagst du, Mist, wäre ich doch bei der Beratungsfirma geblieben und hätte mir den Anzug angeschmissen?
Patrick: Ja, natürlich. Da könnte ich jetzt vielleicht Urlaub planen, stattdessen gucke ich, ob ich gerade ein Sonderangebot im Netto finde, um beim Beispiel zu bleiben. Das hatte ich nicht, und unglücklich hat es mich nicht gemacht. Rückblickend würde ich sagen, das definiert nicht die Lebenszufriedenheit. In dem Moment ist es natürlich beschissen, in Teilen. Aber mit ein bisschen Weitsicht und Rückblick ist das trotzdem ein cooles Leben. Ich habe trotzdem in Berlin gewohnt, mein Gym konnte ich mir noch leisten, das wollte ich. Aber Spotify und Netflix habe ich gecancelt, weil die 30 Euro im Monat helfen. Und rückblickend ist das das Absurde: Kennst du das, wenn Leute von ihrer schlimmsten Zeit rückblickend sagen, das war geil? Das habe ich manchmal auch.
Christian: Das kenne ich total, ich glaube, das ist etwas Menschliches und gar nicht so schlecht, weil es verblasst und eher das Gute bleibt. Das ist auch gut so, sonst wird man nur frustriert. Ich denke an die lustigen Sachen und nicht an das Schlimme. Ich kenne es noch von Fotoalben, wo die Bilder verblassen. In der digitalen Welt verblasst ja nichts, deswegen weiß ich gar nicht, wie das heute ist. Aber das kenne ich sehr gut.
Patrick: Ich finde das bei Erfahrungen spannend. Unser Gehirn ist gut darin, das Schlechte zu vergessen und das Gute hervorzuheben, denn was wären wir für Menschen, wenn wir das Negative genauso erinnern würden wie das Positive. Aber auf schwierige Zeiten und Struggles zurückzublicken, die meistens charakterbildend sind, finde ich super interessant, weil du es im Moment nicht merkst, aber rückblickend oft schließen kannst: Da habe ich mich angepasst, oder mein Charakter hat sich verformt, was das, was danach kam, möglich gemacht hat. Das ist krass, weil du merkst, es sind eigentlich Zyklen, die du durchläufst. Um die Frage zu beantworten, sehr lange Antwort: Du merkst, okay, Startup-Job geht nicht. Dann bin ich während Covid, weil ich mal die Sicherheit und einmal diese Corporate-Erfahrung wollte, die ich noch nicht hatte, zu Zalando gegangen und habe da auch etwas gemerkt.
Christian: Wie groß war Zalando da schon? Groß?
Patrick: Groß. Es war Peak Covid, und ich hatte eine ganz verrückte Rolle, ich war der Special Task Force Manager für alle Covid-related Topics, was super viel Verantwortung war.
Christian: War das auch dein Titel?
Patrick: Nee, ich war einfach Special Project Manager. Und auf einmal bist du in so einem 11.000-Mitarbeiter-Konzern verantwortlich und reportest an den Senior Vice President. Die Tests, wann passieren die Impfungen, 5000 Impftermine organisieren, mit dem Softwareanbieter sprechen, der das dann on-premise auf dem Zalando-Office-Boden durchführt und so weiter. Auf einmal war ich so: Krass, voll viel Verantwortung, es ist eigentlich voll der Erfolg, und ich spüre, dass ich durch die Impfungen, die ich mitorganisiert habe, etwas im Leben der Menschen verändere.
Patrick: Und dann war es trotzdem so: Ja, aber irgendwie reicht das noch nicht. Dann merkst du jedes Mal: Okay, das ist es nicht, das ist es nicht, das ist es nicht. Ich glaube, es ist voll wichtig, nicht aufzugeben und neue Hypothesen aufzustellen, was funktionieren kann. Das ist am Ende der Unterschied, diese Leidensfähigkeit, wie oft bin ich bereit, in den Augen anderer zu scheitern, um nicht zu sagen, okay, dann setze ich mich hier bei Zalando hin. Es gibt eine klare Karriere, klare Ziele, man spielt ein bisschen, dass man viel Freiheit hat. Es ist nicht so krass wie in einer Unternehmensberatung, aber es ist ein Konzern, da gibt jemand das Ziel vor, und du hast darauf hinzuarbeiten. Man hätte sich auch hingeben können, alle wären zufrieden gewesen, meine Eltern wären happy gewesen, das Konto wäre happy gewesen. Und dann sagst du: Ja, nee, das kann es nicht sein.
Christian: Du beschreibst gerade sehr schön, was in meiner Welt das Lernen ist. Klingt vielleicht ein bisschen flach, aber das ist genau dieses immer wieder irgendwo Stolpern. Wenn ich an meine Tochter denke, wird es ganz bewusst, als kleines Kind, das laufen lernt. Die sagt ja auch nicht, ich bin dreimal hingefallen, dann lasse ich den Scheiß. Genau dieses immer wieder ein Stück schlauer werden, vielleicht auch das Negative ein bisschen vergessen. Und was du oft gesagt hast, vielleicht nehme ich es auch nur so wahr, weil ich es bei mir selber bemerke: Was sagt das Umfeld, was sage ich als Patrick? Die Eltern sind glücklich, das Konto ist glücklich, alles ist glücklich, nur vielleicht ich gar nicht, weil ich nicht mache, was ich will, sondern Erwartungen erfülle. War das auch so? Hattest du viel Erwartungen um dich herum, Freunde, Eltern, Familie? Wie haben sie reagiert, als du gesagt hast, ich habe alles gekündigt, Netto ist mein Essensgeber und mein Luxus ist das Gym? Als Papa sehe ich das heute auch ein bisschen anders, ehrlich gesagt.
Christian: Man macht sich Sorgen, obwohl man weiß, das Wichtigste ist, dass das Kind glücklich ist. Das klingt wieder poetisch, ist aber so. Dann kommt ein Schutzinstinkt, man macht sich Sorgen: Was macht der Junge jetzt? Um Gottes Willen, irgendwann sind wir auch nicht mehr da. Hattest du das alles gespürt und Druck damit?
Patrick: Ich bin super dankbar, meine Eltern haben mich immer in allem supportet. Aber trotzdem spürst du es durch Mikrokommunikation. Ganz einfaches Beispiel: Wenn meine Eltern andere Menschen treffen und die fragen, was ich gerade mache, dann ist das nicht das Problem meiner Eltern, und sie supporten mich oder spüren keine große Unsicherheit über mein Leben. Aber man kriegt mit, das ist irgendwie ein Thema, und die Kinder der anderen haben den sicheren Job und den sicheren Weg gewählt, und die fragen, aber eigentlich fragen sie nicht, sondern sie drücken ihre eigene Unsicherheit aus, indem sie meine Eltern fragen.
Patrick: Das strahlt natürlich ab, und irgendwann fragt man sich: Okay, jetzt bin ich in einem gewissen Alter. Ich bin nicht von der Uni gegangen und habe mit 22 gegründet und war das Genie. Ich hatte sechs Jobs in vier Jahren in Berlin. Da klopft dir keiner auf die Schulter und sagt, ey, echt mutig, wie du eine Hypothese nach der anderen testest. Sondern die Leute sagen: Wie lange willst du das noch machen? Das spürt man, und irgendwann fragt man sich, wenn alle weiterkommen, alle die ersten Beförderungen kriegen, dann gibt es so dieses, du kannst dir ausrechnen oder Freunde sagen dir, was sie verdienen und was du verdienst. Dann gibt es diese Gedanken. Ich glaube, das ist voll wichtig und irgendwann eine Fähigkeit, bei sich selbst zu bleiben und zu sagen: Kann ich das ausblenden und eher über den Gedanken kommen, was macht mich glücklich und wo finde ich die Erfüllung, für die ich bereit bin zu leiden? Weil am Ende leiden wir so oder so. Arbeit ist nicht immer geil, Privatleben ist nicht immer geil. Die Frage ist, wofür willst du leiden, wofür Stress haben und dich anstrengen? Ich hatte keinen Bock, mich für andere anzustrengen, in dem Sinne, dass ich ein Zalando joine, da Karriere mache und die Karotte vor der Nase habe.
Christian: Ich nenne es lieber Ausdauer, Leid ist ein toughes Wort. Aber klar, es gibt immer einen Teil, das hast du schön gesagt. Man hat immer ein kleines Yin und Yang zwischen Privat und Job. Wenn privat mal nicht gut läuft, ist der Job erstmal nicht mehr so wichtig, aber es schwingt zusammen, und umgekehrt: Wenn du im Job unglücklich bist, wirkt sich das aufs Privatleben aus. Das kennt jeder, egal ob angestellt oder selbständig. Da eine Balance zu finden. Und dann ist das nächste, ich hatte das auch mit Mitarbeiterinnen: Man hat so einen Kuchen, und da gibt es Stücke. Normalerweise ist ein Stück Gehalt, dann ist ein Stück plötzlich Familie. Die Stücke verschieben sich, da kommt ein neues hinzu, vielleicht Kinder, zack, ist ein Riesenstück da. Auch im Positiven: Das, was man früher als Leiden empfand, ist jetzt vielleicht so, dass ich gar nicht mehr hinschaue, es interessiert mich nicht mehr. Wenn du auf die ganzen Stationen schaust, gibt es eine Unterschiedlichkeit zwischen dem, was du früher als Leiden hattest, und dem, was dich glücklich gemacht hat?
Patrick: Ja, auf jeden Fall. Man unterschätzt als Mensch immer die Fähigkeit, dass nicht nur der Bizeps wächst, wenn man ins Gym geht, sondern auch eine Resilienz, mit der du mental größeren Druck aushalten und dich schneller erholen kannst, wenn etwas beschädigt wird, wenn du gescheitert bist, also was andere scheitern nennen. Das einfach linear nach vorne zu denken, ist ein Riesenfehler. Wenn ich allein die letzten knapp über drei Jahre seit der Gründung sehe, wie oft ich auf die Fresse geflogen bin, wie oft man aufstehen musste, welche Skills man lernen musste, wenn man sich keinen Experten einkaufen konnte, das ist im Moment alles mega beschissen. Aber wenn ich hier mit dir sitze und erzählen kann, was in den letzten drei Jahren alles passiert ist und wie das dazu beigetragen hat, dass ich resilienter wurde und mehr Skills habe, da könnten wir wahrscheinlich eine ganze Staffel aufnehmen. Und das ist eigentlich das Geile.
Der Wendepunkt: Die Ahrtal-Flut
Christian: Erzähl mal kurz: Das ist ja kein einmaliger Moment, wo du sagst, jetzt gehe ich in die Gründung, jetzt mache ich klima&so. Du hast vorhin gesagt, in den Hierarchien kann man gar nicht so gestalten, weil man nur ein kleines Zahnrädchen ist. Ich sage das deswegen: Ich hatte mal so einen Moment, keinen schönen, weil eine gute Freundin verstorben ist. Da gibt es so einen Tipping Point, doofer Begriff, aber wo die Lebensfragen plötzlich sehr groß werden. Wohin will ich, und macht das alles Sinn? Das hattest du nicht, du bist Stück für Stück näher gekommen. Und dann kam der Moment, jetzt mache ich es. Kannst du erzählen, wie das war?
Patrick: Ich glaube, die darunterliegende Journey war immer: Wie kriege ich ein Leben, in dem ich gerne arbeite und das Gefühl habe, es gibt einen Sinn, für den ich arbeite? Das hatte ich schon seit der Uni. Aber ich habe es nicht gefunden, und dann war ich bei Zalando, und dann gab es wahrscheinlich diesen einen Tipping Point: Im Sommer 21, als die große Ahrtal-Flut war, gab es auch eine große Überschwemmung, Luftlinie einen Kilometer von meinem Elternhaus entfernt, wo mein Onkel noch gelebt hat. Erftstadt-Blessem heißt das.
Patrick: Und das kann man sich nicht vorstellen. Du bist bei Zalando, ich war in einem Meetingraum, gehe raus, Meeting vorbei, gucke auf mein Handy, drei verpasste Anrufe von meinem Vater. Ich rufe zurück, wir haben einen FaceTime-Call, und er steht an der Brücke, über die ich sonst 50 Mal mit dem Fahrrad fahre. Und die Brücke ist kaum noch zu sehen, weil das Wasser alles überflutet hat. Da stellst du fest, dass sich innerhalb von Sekunden das Leben von Menschen ändern kann, und nicht nur irgendwo in Bangladesch, wenn Schlammhügel zusammenbrechen und eine Stadt überfluten, sondern auch bei uns, und dass auch eine gute Freundin von jetzt auf gleich sterben oder eine Krankheit haben kann. Das war ein einschneidendes Erlebnis, wo man sich mit einer anderen Dringlichkeit hinterfragt: Geht es darum, dass ich meine persönliche Selbsterfüllung finde und versuche, mich in dem System, in den Erwartungen anderer dahinzudribbeln? Oder muss man nicht einfach mal mit einer anderen Dringlichkeit, Klarheit und Aggressivität die gleichen Fragen noch extremer stellen? Und dann habe ich mich gefragt: Was ist eigentlich mein Beitrag, um ein großes Problem der Menschheit zu lösen, den Klimawandel? Und der war scheiße.
Patrick: Ich habe bei Zalando gearbeitet, das ist nicht Teil der Lösung, das muss man nicht erklären. Ich habe mich nachmittags und abends über fehlende Klimapolitik aufgeregt, meine Eltern hatten die Flut vor der Haustür, und dann fragt man sich: Okay, was jetzt? Ich habe nicht sofort klima&so gegründet, aber dann entsteht ein Nährboden, auf dem viel mehr wachsen kann, wo man sagt, okay, fuck it. 10.000 Euro in der Gründung zu verlieren, ist nichts im Vergleich dazu, es versucht zu haben, ein Problem, das die ganze Menschheit bewegt, wenigstens in Teilen zu lösen.
Christian: Das ist stark. Aber dann hattest du diesen Moment, wo es greifbar war. Es ist etwas anderes, wenn es weit weg passiert und man es nicht greifen kann, und plötzlich, oh, das ist ja hier. Es ist nicht dieses Klima-irgendwas, sondern plötzlich ist es da. Es ist dein Heimatort, wo du aufgewachsen bist, du hast die Brücke vor Augen und denkst, die ist jetzt vielleicht gleich weg. Vorher ist das nicht vorstellbar. Wenn das einer erzählt, so ein Schwachsinn würde hier nicht passieren. Und dann kommt man auf so eine Idee. Wie hast du das gestartet? Wie bist du losgegangen? Das eine ist der Antrieb, dann muss man es ja tun. Wir sagen bei Lexware oft, einfach machen. Wir wissen aber, das ist nicht einfach zu machen. Wie bist du vorgegangen, was hat dir geholfen, wie hast du Entscheidungen getroffen?
Einfach anfangen ohne Masterplan
Patrick: Es gibt keinen Masterplan. Bei allem, egal ob Gründung oder Content, es gibt diese Masterpläne nicht. Es gibt niemanden, der eine Schublade aufzieht und sagt, so, jetzt werde ich Content Creator und gründe ein Nachhaltigkeitsstartup. Das passiert nicht. Alle Leute, die das machen und später mehr oder weniger sichtbar oder erfolgreich sind, haben mit gar keinem Plan angefangen. Und sie waren bereit, sich im Zweifel komplett zum Affen zu machen. Wenn du das machst, hast du schon mal 95 Prozent.
Christian: Wo hast du dich denn zum Affen gemacht, aus heutiger Perspektive?
Patrick: Wir haben angefangen, für klima&so zu recherchieren. Mit klima&so berechnen wir den CO2-Fußabdruck von Social-Media-Kampagnen. Warum? Weil wir gemerkt haben, wir wollen etwas in diesem Klimabereich tun. Wie kam die Idee? Durch meine Historie, die Dringlichkeit, das nach hinten Schieben der Prioritäten, durch den Angriffskrieg von Russland gegen die Ukraine, damals war noch Covid. Ich habe mich gefragt: Wie kriegen wir diese Prioritäten wieder hin? Die Welt sieht nochmal ganz anders aus, das hätte ich mir nicht vorstellen können, aber so ist es. Für mich war das so: Ich war sauer, dass dieses Thema, das unsere Zukunft stark definieren wird, so hinten runterfällt, und habe gedacht, ich kann nicht acht Stunden am Tag Fashion machen und dieses Thema hinten runterfallen lassen und mich in 30 Jahren darüber aufregen, dass es so gekommen ist.
Patrick: Also auch Dinge in die Hand nehmen. Dann haben wir angefangen zu recherchieren. Damals war ein NFT-Hype. Man konnte digitale Bilder, die einzigartig sind, kaufen, für alle, die nicht so drin sind. Durch den Hype gab es zum ersten Mal Artikel, auch im Handelsblatt, wie viel Strom dadurch verbraucht wird, dass Leute Bilder hin und her schicken. Und dann kommt man von eins zum anderen, und auf einmal war die Frage: Eine Instagram-Story hat ja wahrscheinlich auch einen CO2-Fußabdruck. Wir haben recherchiert, und es kam raus, es gibt keinen, der sich darüber jemals richtig Gedanken gemacht hat. Und dann stehst du da, hast gar keine Ahnung. Ich hatte keine Ahnung von Marketing, keine Ahnung von Nachhaltigkeit, ich konnte dir nicht sagen, wie die Regulatorik ist, inwiefern Unternehmen CO2-Fußabdrücke messen müssen. Ich hatte gar keinen Plan, und du fängst einfach an zu recherchieren, führst die ersten Gespräche, schreibst random Leute aus dem Social-Media-Kontext an, hey, wir haben eine Idee.
Patrick: Und dann fällst du wieder nach vorne und merkst, okay, da hat jemand etwas gefragt, das ich nicht beantworten konnte. Dann recherchierst du es, und im nächsten Gespräch kannst du es beantworten.
Christian: Aber das hat dich vollgepackt, das ist Leidenschaft. Das macht man dann, auch wenn man es noch nicht kann, dann bohrt man sich da rein.
Patrick: Weil man daran glaubt, dass es das auf der Welt geben muss. Wenn du nicht die Überzeugung hast, egal ob du ein Unternehmen gründest oder Finanz-Content für junge Studierende machst, weil es wichtig ist, dass sie früh checken, wie Finanzmärkte funktionieren, wenn du nicht das Gefühl hast, das muss es geben, sonst fehlt etwas, und nicht diese fast schon dumme Überzeugung hast, dann wird es schwer. Aber du findest sie auch durch das Tun. Man darf sich nicht hinsetzen und warten, bis die Überzeugung über einen herrscht. Wenn du anfängst zu gehen und merkst, Leute haben wenig Plan, und ich habe auch nicht viel Plan, aber allein zehn Minuten Recherche machen mich zum Top-5-Prozent-Experten in dem Bereich, dann merkst du, es reicht schon, andere Menschen auf das nächste kleine Level zu bringen. Und das machst du immer weiter, und irgendwann hast du geilen Content oder ein Unternehmen, das für andere ein Problem löst, für das sie keine Zeit und Ressourcen haben.
Patrick: Und das beste Beispiel, nur als kleine Story: Irgendwann musst du ein Berechnungsmodell bauen. Das TikTok-Video hat eine Million Aufrufe, wie kriegen wir diese Millionenzahl umgewandelt in Tonnen CO2? Ich habe Wirtschaftspsychologie studiert, nie große Modelle gebaut, barely Excel-Skills, ich kann Summenformeln. Und dann sitzt du da und denkst, ja, shit, wir brauchen so ein Berechnungsmodell. Wie machen wir das? Dann fängst du an, Leute anzuschreiben, die dir vielleicht helfen können. Und vielleicht hast du Glück, wie wir irgendwann, dass ein totaler Experte, der früher beim Fraunhofer genau sowas gemacht hat, gegenüber auf dem Flur im Büro sitzt, und du gehst rüber und klopfst. Aber diese Zufälle entstehen nur, wenn du komplett naiv anfängst, einfach loszulaufen und zu sagen, okay, das Berechnungsmodell ist ein Problem für Zukunfts-Patrick in sechs Monaten, der wird dafür schon eine Lösung finden. Aber jetzt ist erstmal wichtig, dass er ein paar LinkedIn-DMs schreibt. Und das ist das Ding: Du musst einfach einen Bauklotz auf den nächsten setzen und nicht beim ersten Bauklotz schon fragen, kriege ich den sechsten überhaupt noch draufgestapelt.
Christian: Total dabei. Am Anfang braucht es ein bisschen Mut oder ein bisschen mehr, je nachdem, wie man gestrickt ist, und dann geht es eigentlich nur noch um Ausdauer. Ausdauer kann auch mal heißen, okay, das Ding wird nichts mehr, wo es vielleicht auch wirtschaftlich keinen Sinn mehr macht, unabhängig von der Leidenschaft. Aber als ihr gestartet habt, ihr seid ja zu zweit gestartet. Wie war das? Habt ihr euch aufgeteilt? Da geht ja so ein Unternehmertum los. Du hast schon ein bisschen unternehmerische Erfahrung, vor allem verschiedene Perspektiven von Startups. Habt ihr euch von Anfang an gleich aufgeteilt? Hast du den einen Teil gemacht, dein Partner etwas anderes? Wie muss ich mir das vorstellen, und wie ist das heute?
Patrick: Ja, also am Anfang haben wir beide alles gemacht.
Patrick: Wie gesagt, wir sind komplett bei null, Scopes, ich war am Anfang so, ja, Scope 1, 2, 3, okay, Google.
Christian: Damals hat man noch gegoogelt.
Patrick: Damals hat man noch gegoogelt, ja. Das ist wirklich eine andere Zeit. Aber am Anfang haben wir beide einfach, du sitzt zu zweit da und überlegst, dann gibt es ein digitales Whiteboard bei Miro, und man schiebt ein paar Post-its zusammen. Beide machen alles. Und irgendwann kriegst du so einen gewissen Workflow, wo gar nicht mehr jeder alles machen kann, weil das Volumen zu krass wird. Wenn du sagst, hey, wir müssen jetzt, keine Ahnung, ich habe einmal 150 Content Creator angeschrieben und gefragt, ob die Bock haben, mit mir über Nachhaltigkeit bei Social Media zu sprechen. Du kannst dir die Response-Rate vorstellen.
Patrick: Aber du kannst nicht sagen, du machst 75 und du machst 75, sondern dann sitzt du anderthalb Tage da und schreibst 150 DMs, bis die Plattformen sagen, hör mal, bist du ein Bot oder ein Mensch? Und dann hast du natürlich selber die Gespräche, und dein Co-Founder nicht, und der macht in der Zeit andere Sachen. So sortiert sich das irgendwann. Aber wir haben sehr lange Sachen parallel gemacht. Nachher hat sich herausgestellt, wer eigentlich für die Außenkommunikation und Sales zuständig ist, und mein Co-Founder hat sich eher um Produktthemen gekümmert, das Aufbereiten und Finalisieren des Berechnungsmodells mit dem Partner, den wir am Start haben. Also die nach innen gekehrten Produktthemen. Ich war eher Kommunikation, Sales und so etwas.
Christian: Wie wichtig war das? Du bist ja nicht nur das, du bist ja auch ein Creator. Kam das mit der Erkenntnis, ohne das wird es gar nicht gehen, oder ist das einfach random passiert, so wieder im Patrick-Move, dass du so reingestolpert bist?
Patrick: Ja, man stolpert so rein, und ich finde, das macht rückblickend am meisten Spaß, dass man Sachen anfängt. Zum Beispiel, als klima&so angefangen hat: Klar, wir wollen so etwas wie den grünen Haken auf Plattformen bringen. Das war so die Vision. Was wäre, wenn, keine Ahnung, Lexware nicht den blauen Haken hat, sondern den grünen, und alle Follower wissen, okay, Lexware kompensiert die CO2-Emissionen, die durch den Content und die Kampagnen entstehen. Das war die Vision. Super einfach, ist crazy. Ist lange noch nicht passiert, weil es mit den Plattformen gerade ist, wie es ist. Aber wir haben andere Wege gefunden. Und dann hast du irgendwann die Hypothese: Naja, wir können jetzt nicht als Menschen, die gar keine Connections in Marketing und Nachhaltigkeit haben, einfach herkommen und sagen, so, wir machen das jetzt alles nachhaltig, wer macht mit? Sondern wir müssen Teil der Industrie werden. Wir müssen Content Creatoren und Agenturen zeigen, dass wir verstehen, was deren Game ist. Von Anfang an war für uns klar, dass wir, wenn wir das machen, auch selber zu Creatoren werden müssen. Wir müssen selber bei LinkedIn Content machen, bei TikTok, bei Instagram stattfinden, wir müssen auch spüren, was die Menschen da draußen, die nachher unsere Kunden sein sollen, spüren. Und das war ein krasser Struggle, weil wir es vorher nicht gemacht haben. Okay, wie schreibt man jetzt LinkedIn-Posts?
Haltung gegen Hass und Gegenwind
Patrick: TikTok war damals noch viel kleiner als jetzt. Wir sind Deutsche, ja. Da haben wir gedacht, ja, machen wir so ein bisschen Klima-Education bei TikTok. Einen Tag später hatten wir die erste Morddrohung in den Kommentaren.
Christian: Ehrlich?
Patrick: Ja, total crazy, wirklich.
Christian: Das hätte ich jetzt gar nicht gefragt: Habt ihr so Hater?
Patrick: Ja, klar, voll. Ich weiß nicht, wann genau das ausgestrahlt wird, aber vor wenigen Tagen ist der ADAC-Vorstand zurückgetreten, weil er gesagt hat, wir müssen auch in der Automobilindustrie aufstehen und gucken, dass wir nachhaltig werden. Nur um zu zeigen, in welcher Zeit wir gerade leben. Vor knapp über drei Jahren haben wir angefangen, und als wir die ersten TikTok-Videos gemacht haben, war die Idee, hey, guck mal, wir machen Social Media nachhaltig, lass mal so die nachhaltige Education-Stimme auf den Plattformen werden. Haben wir dann schnell verworfen, weil du durch so Top-Level-Education einfach nur diese ganzen Schwurbler anziehst. Du hattest nur Kommentare mit:
Patrick: Ey, keine Ahnung, sucht euch die nächste Brücke und springt runter, es ist alles Quatsch, was ihr hier labert, die Erde war vor tausend Jahren schon genauso heiß. Da kannst du nicht gegen ankämpfen.
Christian: Ja, aber wie seid ihr damit umgegangen? Auch du persönlich, du hast ja gestartet, das hast du vorher nicht gemacht, oder? Habe ich es richtig verstanden, deine ersten Begegnungen in diesem ganzen Social-Media-Umfeld waren eigentlich mit negativen Kommentaren? Hast du das ausgerechnet, wie sehr dich das trifft? Das trifft ja schon irgendwo.
Patrick: Also ich hatte eigentlich nie so große Probleme mit dem Beginn von klima&so und damit, öffentlich zu werden. Es war wie ein neues Level an Identität. Vorher hatte ich das Gefühl, dass ich, wenn Leute mich kritisiert haben, das so persönlich genommen habe. Und ab klima&so, ab dieser Klarheit, warum ich das mache, ab der Klarheit, warum jedes Content-Piece Teil dieses größeren Whys ist, war das so: Ja, keine Ahnung, beleidige mich, ist mir doch scheißegal, ich gehe weiter, du kannst mich hier nicht abbringen.
Christian: Hast du eine Methode dafür? Letztes Jahr in der Creator-Studie waren es 27 Prozent, die schon Burnout hatten. Sicherlich ist das auch ein Einfluss, wenn du viel Negatives reinkriegst, dann brauchst du eine gewisse Resilienz und Stärke oder diese tiefe Leidenschaft und den Glauben, was ich tue, ist egal, was ihr sagt, ich ziehe es durch. Schön gesagt, aber hast du da eine Methodik, oder bist du einfach so stark als Typus, dass das echt abprallt?
Patrick: Also ich glaube, man lernt auch dazu. Du wirst nicht geboren und bist beim ersten Mal, wenn du Widerspruch bekommst, so, ja hier, Spiegel. Das muss man sich antrainieren. Ich hatte aber in meinen Jobs davor immer wieder Situationen, wo ich angeeckt bin, wo ich eine klare Haltung zu Themen hatte und das von Vorgesetzten nicht geteilt wurde. Ich hatte Erfahrung damit, auch in Meetingräumen mit erfahrenen Menschen zu sitzen, die mir sagen, nein, das siehst du falsch, und ich habe gesagt, okay, dann sind wir unterschiedlicher Meinung. Das hatte ich dann ein bisschen in den digitalen Raum übertragen. Und ich glaube, erst recht, wenn Menschen teilweise persönlich werden, war das so: Ja, okay, das Problem liegt nicht bei mir, sondern offensichtlich bei dir, und das kann jetzt jeder in den Kommentaren nachlesen.
Patrick: Ja, ich habe leider keine Methodik. Ich habe mal ein Video von irgendeinem komischen Coach gesehen, da kann man drüber streiten, aber ich fand das Bild ganz cool: Wenn ich jetzt sage, deine blauen Haare gehen gar nicht, dann sagst du ja auch nicht, oh Mann, das trifft mich jetzt, weil du keine blauen Haare hast. Macht gar keinen Sinn. Was ich dann eher schwierig finde, ist die Tatsache, wenn Leute inhaltlich versuchen, da zu widersprechen.
Christian: Ach, spannend, also persönlich kannst du trennen?
Patrick: Genau. Aber dass sie mich in meiner Rolle so anzweifeln, das finde ich schwieriger. Und ich glaube, das ist die höchste Stufe von, wie resilient ist man, wenn man das Gefühl hat, die verstehen mich einfach nicht. Das finde ich ganz schwierig zu ertragen. Wir hatten mal den Fall, wir machen noch viel Vorträge und Education in Agenturfeldern, weil die mit Nachhaltigkeit eigentlich nicht in Kontakt kommen. Dann kommen wir hin und sagen, hey, guck mal, so sieht es aus, das ist voll wichtig, Nachhaltigkeit nicht nur in der Autoindustrie oder beim Stahl, sondern auch im Marketing und Social Media, und das ist viel, da müssen wir was machen, hier ist eine Lösung. Und dann hast du regelmäßig Leute im Publikum, die Rückfragen stellen, wo du dir denkst, ja, okay, wo hast du das her? Bis zu Leuten, die sagen, also Klimawandel gibt es doch gar nicht. Und dann stehst du da vorne und bist so für die:
Patrick: der Robert Habeck der Marketingindustrie. Und auf einmal musst du Politik verteidigen. Dann sprichst du eigentlich zu ihm und widersprichst der Person, die die Frage stellt, gibt es eigentlich Klimawandel? Weil du dich darum kümmern musst, dass die Leute im Publikum nicht abhängen. Das sind so Rollen, in denen man sich gar nicht erwartet. Was mir teilweise echt schwerfällt: Du hast diese persönliche Erfahrung, dass meine Eltern, meine Familie, Verwandte erfahren haben, wie das ist, wenn der Klimawandel dir in die Fresse schlägt, und dann ist dein Leben nicht mehr das gleiche, innerhalb von Minuten verändert sich das. Und dann kommt da irgendein dahergelaufener Vogel und sagt, das gibt es nicht, und ich zweifle an deinem Berechnungsmodell und an der Arbeit, in die du die letzten drei Jahre Herz, Blut, Schweiß und Tränen gesteckt hast. Das ist beschissen, das geht dann schon ran. Das triggert eher als irgendein komischer Typ, der bei TikTok mit einem Pseudonym schreibt, ich finde dich scheiße.
Christian: Ist es schlimmer oder besser geworden, jetzt innerhalb der drei Jahre? Ist es leichter für euch, ein Verständnis, oder dreht es gerade wieder? Was ist deine Wahrnehmung?
Patrick: Ich finde, das schwankt sehr. Es ist, glaube ich, einfach konstant gleich schwer. Du hast so einen Mix, der sehr emotionalisiert und mich auch immer wieder sehr emotional werden lässt, dieses Gefühl von: Wir müssen darüber nicht diskutieren, 99,9 Prozent der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in dem Bereich arbeiten, sind sich einig. Die Prognosen sind klar. Die Modelle, die in den 90ern die Zeit jetzt vorausgesagt haben, treffen zu. Das passiert. Und die Wahrscheinlichkeit, dass auch die zukünftigen Modelle genau das widerspiegeln, was die Zukunft ist, ist sehr hoch. Die Fragen sind glasklar. Und jetzt stecke ich mit meinem Mitgründer, wir sind zwei Menschen, die etwas gebaut haben, das so auf der Welt nicht wieder existiert, und du kommst daher und sagst, deine Zahlen sind zu hoch. Mit welcher Begründung? Sag es einfach. Nee, das kommt mir sehr hoch vor. Ja, hast du die letzten eineinhalb Jahre da reingesteckt, um das auszurechnen? Ich glaube nicht.
Patrick: Das ist so ein Mix, wo die Dringlichkeit des Problems hoch ist, es ist ein extrem großes Problem, ich habe eine extrem komplizierte Lösung in der Tasche, und dann kommt jemand und sagt, nee. Ich habe selten etwas erlebt, was mich so tief trifft und auf eine Art wütend und traurig macht wie diese Mischung: Ich stehe irgendwo, versuche Leute zu educaten, ich kriege kein Geld dafür, das ist häufig abends um sieben Uhr, und danach gibt es noch Getränke, und dann kommen die Leute alle zu einem, und ich beantworte alle Fragen und mache fast politische Arbeit, und dann kommt so ein Hirni und meint, nee, ist nicht.
Christian: Kann ich gut nachvollziehen. Ich glaube, das geht jedem Unternehmer, jeder Unternehmerin so. Da, wo die Leidenschaft ist, ist man natürlich auch angreifbar.
Geschäftsmodell und Abschlussfrage
Christian: Eine Frage noch zum Business, das interessiert mich auch. Kannst du kurz sagen, was das Geschäftsmodell von klima&so ist? Wie macht ihr Umsatz?
Patrick: Also wir haben zwei Kundengruppen. Wir verkaufen an Brands direkt und an Agenturen. An Agenturen haben wir ein Retainer-Modell. Das heißt, wir befähigen Agenturen, ihren Brand-Kunden auszuweisen, wie viel Emissionen durch deren Kampagnen verursacht wurden. Und mit Brands direkt arbeiten wir mehr auf dem strategischen Level. Wir schauen alle halbe Jahr oder einmal im Jahr rein: Was sind eure Marketing-CO2-Emissionen, und wie können wir Nachhaltigkeit mit Marketing-Performance vereinen? Da gibt es sehr viele Möglichkeiten, wenn man sich einmal hinsetzt und die Daten zusammen mit den Nachhaltigkeitsdaten auswertet, erkennt man, hey, das macht aus Marketing-Sicht keinen Sinn und ist auch komplett die CO2-Schleuder. Also Kampagnen, die komplett beschissen performen, wo sich aber keiner die Zeit genommen hat zu sagen, hey, lass mal abstellen. Oder was wir häufig sehen, der Plattform-Mix: Du machst sehr viel auf YouTube, die Reichweite ist aber vielleicht sehr gering, und du hast am besten noch die Videos in 4K bereitgestellt, was eh fast keiner abspielt, weil du dann siehst, 60 Prozent der Leute gucken das auf dem iPhone. Da ist der Bildschirm so klein, da brauchst du kein 4K. Dann hast du aber das Vierfache an CO2-Emissionen verursacht, als wenn du es einfach als HD hochlädst. Das sind einfach solche Sachen.
Christian: Einfach Mittel, ohne Nachteil zu haben.
Patrick: Genau, wo wir sagen, hey, das ist ein Weg, wo wir deine Marketing-Performance vielleicht sogar verbessern können. Da haben wir mit Yellow eine schöne Case Study, wo wir zeigen können, hey, Marketing-Performance besser, Emissionen um, ich glaube, keine Ahnung, 20 Prozent runter.
Christian: Die packen wir in die Shownotes, da müssen wir ein paar Leute informieren, weil das ist schon stark, was ihr auf die Beine stellt.
Christian: Ihr könntet jetzt noch weiterreden, ich muss echt sagen, es macht mega Spaß mit dir. Ich finde dich hochinteressant, du hast ein mega wichtiges Thema, und man merkt und spürt die Leidenschaft dahinter. Bei mir kommt das klar an, Hut ab davor. Eine Frage stelle ich immer zum Schluss: Wenn man über dich einen Film drehen würde, was wäre der Titel, wie müsste der Film heißen? Der ist natürlich CO2-neutral, das meine ich nicht, aber hast du eine Idee, wie er heißen müsste?
Patrick: Also vielleicht, um erstmal weiter Bedenkzeit zu bekommen: Ich habe so Jahresmottos. Das kann ich jedem empfehlen, anstatt sich Jahresziele zu setzen. Mir hilft es, ein Motto im Jahr zu haben und immer wieder zurückzukommen und zu sagen, gehe ich jetzt links oder rechts, um dieses Jahresmotto zu erfüllen. Letztes Jahr hatte ich zum Beispiel das Motto Take off, wie ein Flugzeug, das abhebt, und das war sehr viel verbunden mit, okay, dann muss ich jetzt auch so Mainstream-Kommunikation machen, habe sehr viel Instagram und TikTok gemacht, was unabhängig von meinem Business passiert. Und dieses Jahr, also wenn es jetzt einen Film gäbe, nur über, wie ist das Leben von Patrick 2026.
Christian: Also der Frame ist mal ein Jahr.
Patrick: Genau, in einem Jahr. Mein Motto dieses Jahr ist Schnitzcore. Weil mein Nachname ja Schnitzler ist, und Schnitz ist immer so ein bisschen ein Spitzname. Und das ist Schnitzcore, weil ich einfach das, wo ich jetzt gut drin bin, was ich für mich gefunden habe, wo ich einen Unterschied machen kann, mehr machen will, und Sachen, die links und rechts von mir gemacht werden mussten, einfach abgeben will, weil ich nicht der Beste bin, weil ich die Zeit haben will, um zu sagen, jetzt ist so Schnitz-hardcore-mäßig, jetzt kommt das durch, was ich wirklich gut kann, und das wird auch skaliert, in Unternehmersprache. So wäre das Motto für das Jahr Schnitzcore. Aber um einen Filmtitel zu haben, vielleicht wäre es einfach Change. Weil ich glaube, Wandel ist immer da. Du kannst jedes Jahr an denselben Urlaubsort fahren, jedes Mal wird der Urlaub anders sein, weil du als anderer Mensch hinkommst und sich der Urlaubsort ein Jahr lang verändert hat. Und ich glaube, das ist eigentlich eine schöne Sache, und davor sollten wir nicht zurückschrecken, sondern die Chance darin sehen.
Christian: Total. Patrick, ganz, ganz vielen Dank für die ganzen Insights. Ich habe jetzt einen guten Blick, was dich treibt. Schnitzcore kenne ich jetzt auch. Hat richtig Spaß gemacht, und es ist natürlich toll, was ihr macht, und auch völlig nachvollziehbar in deinem Werdegang. Es ist ein mega wichtiges Thema, das ihr da vorwärtstreibt. Wenn euch die Folge gefallen hat, würde ich mich super freuen, wenn ihr den Podcast abonniert. Es sind wahnsinnig viele spannende Geschichten dabei, und ihr habt das auch bei Patrick gehört.
Christian: Auch Patrick ist, wie alle anderen schon im Podcast, irgendwie ein Vorbild und hoffentlich animiert das, selber etwas zu machen, was auch immer das ist und welche Selbständigkeit euch treibt. Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.