Büsra Sayed verkauft mit ihrem Berliner Label CARAMELLA Hijabs, Sporthijabs und Burkinis. Angefangen hat sie im Keller der Eltern, dann kamen 20.000 Teile mit Nahtfehlern und eine Rede im Bundestag. Wie antwortet man darauf, ohne leiser zu werden?
Eine Lücke, die vor dem Spiegel begann
Büsra, du führst von Berlin aus das Modest-Fashion-Label CARAMELLA und machst Comedy über die Vorurteile, mit denen du aufgewachsen bist. Wo hat das angefangen?
Vor dem Spiegel, mit 17. Ich hatte gerade angefangen, Hijab zu tragen, und das Angebot war eine Katastrophe: durchsichtige Tücher, null Elastizität, überall Stecknadeln am Kopf. Das perfekte Kleid hatte hinten einen tiefen Ausschnitt. Ich bin durch die Osnabrücker Innenstadt gelaufen und habe die Lücke im Einzelhandel regelrecht gesehen. Die Modebranche hat Frauen wie mich nicht mitgedacht. Nicht aus Bosheit, sondern weil wir nie am Tisch saßen, als die Regeln gemacht wurden.
Bestätigt hat mir das meine Community auf Social Media, fast täglich. Woher hast du dein Hijab? Wo findest du deine Sachen? Ich hatte keine gute Antwort, weil es diese Sachen nicht gab. Irgendwann war klar: Wenn niemand das Problem löst, löse ich es selbst.
Aufgewachsen bist du in Georgsmarienhütte, studiert hast du Öffentliches Management. Wie bist du vom Hörsaal zur Gründung gekommen?
Meine Großeltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei. Von klein auf war klar: Wir müssen doppelt und dreifach Gas geben. In der Schule war ich das Kind, das alle zum Lachen bringt. Trotzdem sind Sätze hängen geblieben. Meine Deutschlehrerin riet mir einmal, mehr Frauenmagazine zu lesen, damit ich mein Deutsch verbessere. Heute liest sie über mich darin.
Nach dem Fachabitur kam der Satz, den viele Jugendliche von ihren Eltern kennen: Mach was Sicheres. Also habe ich Öffentliches Management studiert. Parallel habe ich auf Instagram angefangen, erst mit Outfits, dann mit Comedy. Mein erstes virales Video war Gurbetçi kızı, die Auswanderertochter, die in gebrochenem Türkisch mit ihrer Mutter über den Sommerurlaub im Dorf streitet.
Irgendwann saß ich im Hörsaal und habe mich gefragt, worauf ich eigentlich warte. Ich wollte meine eigene Chefin sein und nicht mein Leben lang darauf warten, eingeladen zu werden. Also habe ich mein angespartes BAföG genommen, das Studium abgebrochen und CARAMELLA gegründet.
Sechs Bestellungen und 70 Prozent Nahtfehler
Rund 10.000 Euro BAföG für den ersten Wareneinkauf, das Lager im Keller deiner Eltern. Wie war der Tag, an dem die Ware kam?
Alles oder nichts. Ich habe die Ware in Schwerlastregale einsortiert, dabei lief Musik, aber meine Gedanken waren lauter. Was, wenn sich keiner dafür interessiert? Doch, deine Community kauft dir die Regale leer, sie vertraut dir. Und wenn nicht? Dann bleibst du auf der Ware sitzen.
Dann kam der Softlaunch. Ich habe den Webshop live geschaltet, nur um zu testen, ob eine Bestellung technisch durchgeht. Ich hatte keinen Link geteilt und nicht verraten, wie die Website heißt. Am nächsten Morgen hatte ich trotzdem sechs Bestellungen. Die Leute hatten meinen Markennamen einfach auf gut Glück gegoogelt. Zum ersten Mal wusste ich: Das hier kann funktionieren.
Danach hast du 20.000 Hijabs in der Türkei produzieren lassen. Was ist passiert, als die Lieferung ankam?
Ich stand in unserem Lager zwischen Bergen von Kartons und war einfach nur glücklich. Ich habe den ersten Karton aufgemacht, mir ein Teil nach dem anderen angeschaut, und dann kam der erste Nahtfehler. Und der zweite. Und der dritte. Am Ende waren es 70 Prozent.
Das war der Moment, in dem ich fast hingeschmissen hätte. Ich habe mich gefragt: Gibst du jetzt auf? Und dann habe ich mir selbst gesagt: Nein. Hör auf zu heulen, du bist ein Business Boss. Also habe ich drei zusätzliche Mitarbeiter eingestellt und jedes einzelne Teil prüfen lassen. Das hat mich ein ganzes Jahr zurückgeworfen. Aber wir haben keine einzige negative Rezension bekommen.
Made in Germany und ein Regal bei L&T
Heute kommen eure Stoffe aus Portugal und Italien, genäht wird in Deutschland. Was machst du seitdem anders?
Ich wollte nicht mehr auf Qualität hoffen, sondern sie selbst sehen können. Heute produziere ich Made in Germany. So, wie ich es bin. Am Anfang habe ich auf den Stückpreis geschaut, heute schaue ich auf das Teil in meiner Hand. Unsere Produktion sitzt bei zwei Frauen, mit denen ich direkt reden kann, wenn etwas nicht passt. Das ist teurer pro Teil, aber günstiger fürs Unternehmen. 20.000 Hijabs mit 70 Prozent Nahtfehlern sind nämlich kein Schnäppchen.
Den Preis pro Hijab mussten wir um rund zehn Euro erhöhen. Ich habe offen gesagt, dass er für mehr Qualität, mehr Fairness und mehr Transparenz steht. Die Reaktion war überwiegend positiv. Geschrieben haben vor allem Schülerinnen und Studentinnen, die sich das gerade einfach nicht leisten können. Ich habe selbst mit angespartem BAföG angefangen.
Erklär es einer Nachbarin, die noch nie von Modest Fashion gehört hat: Was verkaufst du?
Stell dir vor, du möchtest dich modisch anziehen, nur mit etwas mehr Stoff: lange Ärmel, hoher Ausschnitt, weite Schnitte, nichts Durchsichtiges. Das ist Modest Fashion. Angefangen haben wir mit Hijabs, die nicht rutschen, nicht durchscheinen und sich ohne zwanzig Nadeln binden lassen. Dann kam der FITJAB, unser Sporthijab ohne Nadeln, und der Burkini mit UV-Schutz 50+.
Im Herbst 2026 kommt Kleidung: Bluse, Hose, Blazer und Sakko, entworfen von unserer Designerin Meriem Lebdiri. Und das Wichtigste für die Nachbarin: Du musst kein Hijab tragen, um bei uns einzukaufen.


Inzwischen hängen deine Sachen bei L&T in Osnabrück. Was ging dir durch den Kopf, als du zum ersten Mal davorstandest?
Als Jugendliche bin ich unzählige Male an L&T vorbeigeschlendert. Gekauft habe ich dort nie etwas. Ich konnte es mir nicht leisten, und später, als ich Hijab trug, hing dort auch nichts, das für mich gemacht war. Die Anfrage kam dann von L&T, nicht von mir. Als ich das erste Mal vor dem Regal stand, war mein erster Gedanke ganz einfach: Das sind meine Sachen. Hier. In diesem Haus. Dann kam das Mädchen von damals dazu, das vor dem Schaufenster stand, und ich habe kurz nichts gesagt.
Zwischen diesem Mädchen und diesem Regal lag ein Weg, den ich mir so nicht ausgesucht hätte: ein Keller voller Kartons, 70 Prozent Nahtfehler und eine Bundestagsrede über mich. Aber er hat hierher geführt. Zurück nach Osnabrück, ins Regal statt in den Karton.
Ein Rabattcode als Antwort auf den Bundestag
Bei Miss Germany 2025/26 standest du als erste Hijab-Trägerin im Finale. Kurz danach sprach Beatrix von Storch im Bundestag über dich, und du hast mit dem Rabattcode AFD10 geantwortet. Wie kam es dazu?
Ganz spontan. Follower haben mir den Ausschnitt geschickt. Aber im Kopf hat es sofort gerattert: Was machst du jetzt daraus?
Ich hätte mich verteidigen können. Aber ich habe in meiner Jugend oft genug erlebt, wie es sich anfühlt, sich zu rechtfertigen. Wer sich rechtfertigt, überlässt der anderen Seite die Deutungshoheit. Also habe ich mich vor die Kamera gesetzt, im blauen Hijab, ohne Skript, ohne Team, und gesagt: „Meine Freundin Beatrice von der AfD macht das erste Mal Werbung für mich und meine Brand im Bundestag, deswegen seid gefälligst nett zu ihr.“ Dazu der Rabattcode AFD10, zehn Prozent auf alle Hijabs, auch in AfD-Blau.
„Wer sich rechtfertigt, überlässt der anderen Seite die Deutungshoheit.“
Hat dir jemand davon abgeraten?
Niemand, weil ich niemanden gefragt habe. Als mein Team das Video gesehen hat, war es schon online. Hätte ich lange überlegt, hätte ich der Person, die mich angegriffen hat, die Macht gegeben, mich leiser zu machen. Diesen Gefallen tue ich niemandem.
Eine Grenze habe ich mir trotzdem gesetzt. Als ich Hasskommentare in einem Reel gezeigt habe, habe ich die Namen zensiert. Ich trage Verantwortung für rund 180.000 Menschen, die mir folgen, und ich will nicht, dass meine Community Hass zurückschickt. Mit Liebe auf Hass antworten ist für mich kein Slogan. Es ist die wichtigste Regel, die ich mir gesetzt habe.
Das Video hat über sieben Millionen Aufrufe. Die Zeit danach nennst du deinen schönsten Moment als Gründerin. Warum?
Weil ich am wenigsten damit gerechnet habe. Ich habe die Namen auf den Bestellungen gelesen. Eine Pfarrerin. Ein Bürgermeister. Atheistinnen. Männer. Und eine 70-jährige Frau aus Sachsen hat mir geschrieben, dass sie sich das Hijab ins Wohnzimmer gehängt hat, um Flagge zu zeigen. In den Kommentaren stand „Der Code funktioniert ja wirklich“. Dann habe ich in die Bestellungen geschaut: Die haben wirklich bestellt.
Menschen, die von dieser Art Diskriminierung selbst gar nicht betroffen sind, haben sich hinter mich gestellt. Und vor mich, um mich zu schützen. Die Liebe ist da, der Hass ist nur manchmal lauter. Und ich hätte nie gedacht, dass ich das mal einem Stück Stoff in AfD-Blau verdanke.
Was sie jungen Frauen mitgibt
Was sagst du jungen Frauen, die eine Idee haben und sich nicht trauen?
Geh den Weg, auch wenn ihn vor dir noch niemand gegangen ist. Dass dort noch keine steht, heißt nur, dass du die Erste sein kannst.
Und dann ein paar unromantische Sachen. Fang klein an. Ich habe mit meinem gesparten BAföG und dem Keller meiner Eltern angefangen, nicht mit einem Investor. Und rechne damit, dass es nicht immer fair zugeht. Nicht alle starten bei null, manche starten bei minus drei. Unterschätzt zu werden hat sogar einen Vorteil: Es schafft Platz für Plot Twists. Ich kämpfe nicht. Ich gehe meinen Weg. Das kannst du auch.






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