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Salon Bei Freunden mit braunen Lederstühlen, Backsteinwand, offener Industriedecke und runder Theke in der Raummitte.

Die Wettschuld, die ein Berufsleben wurde

Mit Instagram machte er seinen Salon früh sichtbar. Später musste er einen Standort aufgeben, obwohl 300.000 Euro darin steckten. Heute weiß er: Zwei Salons können mehr einbringen als drei.

Porträt von Christoph Filser, der vor schwarzem Hintergrund lächelnd in die Kamera schaut.

Kurz gefasst

  • Mach die Ergebnisse deines Teams sichtbar. Über Balayage-Fotos mit Hashtags wie Kempten kamen neue Kundinnen, die zunächst alle zu Christoph wollten. Erst als er die Arbeiten seiner Mitarbeiterinnen zeigte, wuchsen auch deren Kundenstämme.
  • Rechne nach, ob der nächste Standort sich lohnt. Drei Salons fühlten sich für Christoph nach Wachstum an. Dann stellte er fest, dass er mit dreien teilweise weniger verdiente als mit zweien, und gab den dritten nach drei Jahren wieder auf.
  • Bilde so aus, dass niemand unersetzlich ist. Sieben Menschen aus Christophs Team haben sich über die Jahre selbstständig gemacht. Damit das Unternehmen nicht an einer Person hängt, setzt er auf Ausbildung und regelmäßige Weiterbildung für alle.
  • Sprich Probleme an, statt sie mitzuschleppen. Im Salon wird viel gelacht, fehlender Anspruch ist das für Christoph aber nicht. Weil er nur noch zwei Tage pro Woche im Salon ist, klärt er Probleme sofort, statt sie wochenlang mit sich herumzutragen.

Christoph Filser wurde Friseur, weil er eine Wette auf das WM-Finale 2002 verlor. Heute führt er in Kempten zwei Salons und gibt Masterclasses zu Finanzen und Steuern. Wie wird aus einer Wettschuld ein Unternehmen?

Vom Fachabitur in den Salon

Nach dem Fachabitur wusstest du nicht, wie es weitergehen soll. Entschieden hat es am Ende ein Fußballspiel. Wie das?

Ich war in der Schule nie besonders stark. Am Ende hatte ich mein Fachabitur und keine Ahnung, was ich damit anfangen soll. Gleichzeitig hatten sich meine Eltern getrennt, und ich wollte meinen Vater nicht auch noch um eine Wohnung fürs Studium bitten. Damals war ich sehr eitel und ungefähr alle zwei Wochen bei meiner Friseurin. Ich erzählte ihr von meiner Ratlosigkeit, und sie sagte: Werd doch Friseur. Ich hielt das für einen Spaß. Dann kam die WM 2002. Ich setzte auf Deutschland, sie auf Brasilien, und tatsächlich standen beide im Finale. Bei einem Sieg Deutschlands hätte ich lange kostenlos die Haare geschnitten bekommen. Gewinnt Brasilien, arbeite ich eine Woche meiner Schulferien im Salon mit, mit allen Aufgaben, die ein Azubi so hat. Brasilien gewann 2:0. Also trat ich meine Wettschuld an, empfing schon am ersten Tag Kunden, brachte Getränke und wusch Haare. Dabei merkte ich, dass ich das viel lieber mache als Schule. Plötzlich kamen Talente zum Tragen, die vorher nirgends gebraucht wurden: Menschen, Kommunikation, Kreativität.

Sichtbar werden mit Instagram und Liveshows

2016 hast du dich mit den beiden Chefs deines damaligen Salons selbstständig gemacht, mit zwei frisch ausgelernten Mitarbeiterinnen ohne Kundenstamm. Wie habt ihr euch sichtbar gemacht?

Instagram wurde gerade relevant, damals noch als reine Fotoplattform. Ich habe früh erkannt, dass Balayage ein großer Trend wird, während das in Kempten kaum jemand anbot. Also organisierte ich Modelle, fotografierte die Arbeiten und stellte sie mit Hashtags wie Kempten und Balayage online. Darüber kamen tatsächlich neue Kundinnen, die zunächst allerdings alle zu mir wollten. Also fing ich an, meine Mitarbeiterinnen mit ihren eigenen Ergebnissen sichtbar zu machen, und so wuchsen nach und nach ihre Kundenstämme. Als Facebook noch wichtiger war, haben wir sogar Liveshows gesendet. Der Laden schloss um 20 Uhr, um 20:15 Uhr begann unsere Bei Freunden Prime Time. Nicht jeder im Team war anfangs begeistert. Das änderte sich, als sie plötzlich in der Stadt erkannt wurden und merkten, dass das im vollen Restaurant durchaus Vorteile hat.

Ein Salon, der sich nicht mehr trug

Und was war der Moment, an dem du wirklich kurz davor warst, alles hinzuschmeißen?

Ich hatte einen großen Salon mitten in der Innenstadt wunderschön eingerichtet, am Ende waren da rund 300.000 Euro drin, für mich ein echtes Herzensprojekt. Dann kam die Pandemie, und der Standort hatte durch seine Lage und die fehlenden echten Fenster ohnehin Nachteile. Entscheidend war irgendwann, dass meine Mitarbeiter dort nicht mehr arbeiten wollten. Ich musste akzeptieren, dass ein wunderschöner Salon und eine riesige Investition nichts bringen, wenn das Modell nicht mehr funktioniert. Gleichzeitig liefen hohe Kosten und ein langfristiger Mietvertrag weiter. Für mich fühlte es sich an, als müsste ich meinem eigenen Körper einen Arm abschneiden, damit der Körper überlebt. Parallel musste ich meine damaligen Mitgesellschafter aus dem Unternehmen herauslösen. Es gab mehrfach Momente, in denen ich dachte: Jetzt geht es wirklich nicht mehr. Im September 2026 habe ich die letzte Rate eines Darlehens aus dieser Zeit zurückgezahlt.

Für mich fühlte es sich an, als müsste ich meinem eigenen Körper einen Arm abschneiden, damit der Körper überlebt.

Heute stehen auf eurer Website nur noch Bei Freunden Original und Bei Freunden Studio. Was machst du anders als in deinem ersten Jahr als Chef?

Viele Entscheidungen habe ich damals aus dem Ego heraus getroffen. Drei Salons und 37 Mitarbeiter fühlten sich automatisch nach Wachstum an. Irgendwann stellte ich fest, dass ich mit dreien teilweise weniger verdiente als mit zweien. Zum aufgegebenen dritten passt ein Sprichwort: Wenn du merkst, dass du im falschen Zug sitzt, steig möglichst früh aus, denn je länger du weiterfährst, desto teurer wird der Rückweg. Nach drei Jahren habe ich genau das getan. Geblieben sind zwei Welten mit gleicher Qualität, gleichen Preisen und gleichen Standards, aber anderer Atmosphäre. Das Original ist modern-alpin, das Studio urbaner, mehr Fabrik und Loft. Wir gehen ja auch zu verschiedenen Italienern, weil wir uns in verschiedenen Räumen wohlfühlen. Größere Entscheidungen treffe ich heute mit SWOT-Analysen und Risikomatrizen, nicht mehr aus dem Bauch heraus.

Das Team als eigentliche Investition

Du hast einmal gesagt, du fändest schneller einen neuen Kunden als einen kompetenten Mitarbeiter. Welche Investition ins Team hat sich am meisten gelohnt?

Es ist keine einzelne Schulung, sondern das konsequente Investieren in die Entwicklung meiner Mitarbeiter und Auszubildenden. Über die Jahre haben sich sieben Menschen aus meinem Team selbstständig gemacht. Einerseits schade, weil ich gute Leute verliere. Andererseits zeigt es, wie stark sie geworden sind. Deshalb ist für mich vor allem die Ausbildung entscheidend. Wenn jemand geht, wegzieht oder sich selbstständig macht, darf das Unternehmen nicht von dieser einen Person abhängen. Im Friseurhandwerk gibt es keine Maschinen, in die wir investieren. Unsere Wertschöpfung entsteht durch Menschen, und auch die brauchen regelmäßig ein Update. Dieses Update ist Weiterbildung.

Empfangstresen aus Altholz im Salon Bei Freunden, dahinter Frisierplätze mit Spiegeln und ein Rennrad an der Wand.
Christoph Filser sitzt lachend in schwarzer Kleidung und Basecap auf einem weißen Friseurstuhl vor grauem Studiohintergrund.

Seit Juli 2026 bist du Smart-Salon-Ambassador bei L'Oréal. Was hat sich dadurch an einer normalen Woche in Kempten verändert?

Früher war ich praktisch rund um die Uhr im Salon. Heute sind es ungefähr zwei Tage Büro, zwei bis drei Tage unterwegs für Masterclasses und Vorträge, und zwei Tage stehe ich selbst am Kunden, meistens Donnerstag und Freitag. Ich wohne rund 50 Kilometer entfernt, also muss der Alltag sitzen. Kommt ein Event dazwischen, fliege ich morgens zurück und stehe nachmittags wieder im Salon. Möglich ist das nur, weil über die Jahre ein Team entstanden ist, das nicht davon abhängt, dass ich jeden Tag da bin. Schönreden will ich es trotzdem nicht: Meine Abwesenheit kostet Umsatz. An den Tagen, an denen ich selbst arbeite, machen wir regelmäßig besonders viel.

Dein Video „Der Beauty Barber“ lag 2024 bei über 21 Millionen Aufrufen. Wie erklärst du jemandem, der dich nur daher kennt, was du werktags tust?

Zwei neue Azubis sagten kurz nach ihrem Start zueinander: Wie cool, jetzt können wir hier jeden Tag zusammen chillen. Ich stand daneben und dachte, das hier ist immer noch Arbeit. Bei uns darf sehr viel gelacht werden, ich bin unkonventionell und mache bei fast jedem Spaß mit. Aber Lockerheit darf nicht mit fehlendem Anspruch verwechselt werden. Wenn es um Leistung oder Probleme geht, bin ich sehr klar und direkt. Gerade weil ich nur noch zwei Tage pro Woche im Salon bin, möchte ich Probleme nicht wochenlang mit mir herumtragen. Je länger man wegschaut, desto seltener lösen sie sich von selbst.

Kundenglück, Handwerk und Durchhalten

2025 haben dich die International Hairdressing Awards zum International Hair Influencer of the Year gewählt. Ist das dein schönster Moment?

Den hätte ich mir am Anfang meiner Laufbahn niemals vorstellen können. Unternehmerisch war es der Moment, als wir mit den zwei Salons zum ersten Mal eine Million Euro Jahresumsatz erreicht haben. Magisch war auch der nicht, weil sich im Lauf des Jahres längst abgezeichnet hatte, dass wir die Grenze erreichen. Wenn ich wirklich überlege, lande ich immer wieder bei den Kunden. Wenn ich einen meiner Läden aufsperre, wenn jemand sich nach dem Termin im Spiegel sieht und sich freut, wenn Menschen wiederkommen und ich merke, dass ich ihnen etwas Gutes getan habe: Das sind bis heute echte Erfolgserlebnisse. Als Friseur hast du eigentlich jeden Tag die Chance, eine kleine gute Tat zu tun.

Du schreibst, deine Geschichte solle nicht nur als dein eigener Weg gelesen werden. Als was denn sonst?

Ich stehe auch deshalb auf Bühnen, weil ich das Friseurhandwerk repräsentieren möchte. Wir haben einen wunderschönen Beruf, bei dem wir unmittelbar etwas für Menschen tun. Genau deshalb finde ich digitale Lösungen wichtig, die Handwerkern die Arbeit rund um ihr Handwerk abnehmen. Meine Leute sollen möglichst wenig Zeit mit unnötiger Organisation verbringen. Bei Fachkräftemangel und steigenden Lohnkosten bedeutet Effizienz für mich nicht, Menschen stärker unter Druck zu setzen, sondern die Arbeit um sie herum besser zu organisieren. Einen Friseur, der einen Menschen versteht, berät und ihm ein gutes Gefühl gibt, durch einen Roboter zu ersetzen, ist extrem anspruchsvoll. Je digitaler unsere Welt wird, desto wertvoller wird echtes Handwerk.

Je digitaler unsere Welt wird, desto wertvoller wird echtes Handwerk.

Was würdest du jemandem sagen, der heute denselben Schritt überlegt?

Nicht aufgeben. Selbstständigkeit heißt, dass es Phasen gibt, in denen man verzweifelt und sich fragt, ob das alles funktioniert. Gerade wenn man Mitarbeiter führt, reicht der eigene Wille manchmal nicht aus. Du kannst jemandem alle Möglichkeiten geben, aber nicht jeder geht im gleichen Tempo. Deshalb muss man sich immer wieder an die eigene Vision erinnern. Wenn ich vor 100 Menschen spreche und fünf davon verändern wirklich etwas, habe ich schon etwas bewirkt. Hab den Mut, dich immer wieder neu zu erfinden, und hör nicht auf, wenn es schwierig wird.

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Christoph Filser
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www.christophfilser.de
© Foto Credits:
Christoph Filser
Auf einen Blick

Häufige Fragen zu

Christoph Filser

Wer ist Christoph Filser?

Christoph Filser ist Friseurmeister und führt in Kempten die beiden Salons Bei Freunden Original und Bei Freunden Studio. Er gibt Masterclasses und Vorträge, unter anderem zu Finanzen und Steuern. 2025 wählten ihn die International Hairdressing Awards zum International Hair Influencer of the Year.

Wie wurde Christoph Filser Friseur?

Nach dem Fachabitur wusste er nicht, wie es weitergehen sollte. Mit seiner Friseurin wettete er auf das WM-Finale 2002, er auf Deutschland, sie auf Brasilien. Brasilien gewann, und er arbeitete als Wettschuld eine Woche seiner Schulferien im Salon mit. Dabei merkte er, dass ihm die Arbeit mehr lag als die Schule.

Warum hat Christoph Filser einen seiner Salons aufgegeben?

Drei Salons fühlten sich nach Wachstum an, brachten ihm teilweise aber weniger ein als zwei. Nach drei Jahren gab er den dritten auf. Heute führt er zwei Salons mit gleicher Qualität, gleichen Preisen und gleichen Standards, aber unterschiedlicher Atmosphäre.

Was rät Christoph Filser Menschen, die sich selbstständig machen?

Er rät, nicht aufzugeben, auch wenn es Phasen gibt, in denen man verzweifelt. Wer Mitarbeiter führt, sollte wissen, dass nicht jeder im gleichen Tempo geht. Wichtig ist für ihn, sich immer wieder an die eigene Vision zu erinnern und den Mut zu haben, sich neu zu erfinden.

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