Frederike Bettermann ist Innenarchitektin und vermietet in einer alten Dorfschule am Schaalsee vier nahezu plastikfreie Ferienwohnungen. Mit better.LIVING macht sie daraus eine Plattform für gesundes Wohnen. Wie streng muss man dafür mit sich sein?
Gesundes Wohnen fängt im eigenen Haushalt an
Frederike, du bist Innenarchitektin, Gastgeberin, Shopbetreiberin und hältst Vorträge. Wie fasst du das in einem Satz zusammen?
Ich mache Wohnen ein bisschen besser. Not perfect, just better. Good, better, Bettermann: Der Name ist Programm. Ich bin waschechte Hamburgerin, über zehn Generationen, und seit mehr als 20 Jahren Innenarchitektin. Und das alles vom 300-Einwohner-Dörfchen Kittlitz am Schaalsee aus in die Welt hinaus.
Über gesunde Ernährung wissen wir viel, über gesundes Wohnen wenig, sagst du. Wie ist das zu deinem Thema geworden?
Vor ein paar Jahren habe ich eine Doku von Jenke von Wilmsdorff über Plastik gesehen. Die hat mich nachhaltig geprägt, und ich habe angefangen, Kunststoffe aus meinem eigenen Haushalt zu entfernen. Von da war es nur ein kleiner Schritt, das auf meine Arbeit zu übertragen und auch meine Kundschaft von natürlichen Materialien zu überzeugen. Daraus ist mein Konzept Longevity Interior entstanden. Die Frage „Welchen Einfluss hat unser Wohnumfeld auf unsere Gesundheit?“ stelle ich mir seitdem bei jedem Projekt.
Gab es ein Projekt, an dem du gesehen hast, wie sehr ein Raum auf die Gesundheit schlagen kann?
Ein älteres Ehepaar, das seit über 30 Jahren in seinem Haus wohnt. Die Frau war schon in ein anderes Zimmer umgezogen, weil die Atmosphäre im Schlafzimmer sie so bedrückt hat, und das hat sich auf ihre Stimmung niedergeschlagen. Wir haben die Wohnräume heller und großzügiger gestaltet und das Schlafzimmer mit natürlichen Materialien und entspannenden Farben zu einem Wohlfühlort gemacht. Fast zwei Jahre später erzählen beide noch, wie gut sie schlafen und wie gern sie einfach zu Hause sind. Die geringere Kunststoffbelastung merken sie vor allem beim Atmen, sagen sie.
Eine Dorfschule voller Stockbetten
Wie bist du vom Styling und der Innenarchitektur zu einem eigenen Unternehmen gekommen?
Ich habe viele Jahre private und gewerbliche Projekte betreut und daneben als Stylistin für Fotoproduktionen gearbeitet, unter anderem für den Impressionen-Katalog und für Tchibo. Während Corona waren solche Produktionen mit großen Teams nicht mehr möglich. Nach der Pandemie, als ich gerade aus einem Burnout herauskam, haben wir das Haus gefunden, aus dem THE BETTERHEIM geworden ist. Eigentlich hat damit alles angefangen. Später habe ich ein gemeinsames Dach für diesen Ort und meine Innenarchitektur gesucht, und daraus ist better.LIVING entstanden. Seit anderthalb Jahren baue ich daraus eine Plattform auf, die nachhaltiges Wohnen für alle möglich machen soll.
Ich mache Wohnen ein bisschen besser. Not perfect, just better.
Wie seid ihr an dieses Haus gekommen?
Mein Mann hat es gefunden, eher durch Zufall. Wir haben lange nach etwas Eigenem in der Schaalseeregion gesucht, und plötzlich stand da dieses ehemalige Schullandheim mit Reetdach, Backstein und 400 Quadratmetern. Für uns privat viel zu groß, aber meine Vision war schnell da: Ferienwohnungen, in denen man nachhaltige Einrichtung erleben kann, mit Shop und Showroom. Beim ersten Besuch haben wir nur durch die Fenster geluschert. Drinnen standen noch ungefähr 40 Stockbetten! Ich bin Baustellen gewohnt, mich hat der Zustand nicht abgeschreckt. Trotzdem war es gewaltig, dort zu stehen: der unausgebaute Dachboden mit dem Blick in die Reetdachkonstruktion, die beschriebenen Tapeten, überall diese rund 200 Jahre alte Geschichte. Ich finde es schön, dass wir sie heute mit unseren Gästen weiterschreiben.
Sanieren ohne Kunststoff, mitten in der Baustoffkrise
Ihr habt das Haus ohne Kunststoffe kernsaniert. Wo bist du an deine Grenze gekommen?
Beim Fußboden im alten Schulsaal, denn das Haus war die Dorfschule von Kittlitz, bevor es Schullandheim wurde. Unter dem Boden kamen sieben weitere Schichten zum Vorschein, vom Linoleum-Turnhallenboden über Teppich bis zu alten Holzdielen. Ein Fundament gab es nicht, alles war auf Sand gebaut. Wir brauchten einen neuen Betonunterbau und Estrich für die Höhenunterschiede. Beim Estrich stand ich im Konflikt mit meinem eigenen Anspruch: Künstliche Zusätze verkürzen die Trocknungszeit, und an dieser Stelle war Zeit Geld. Wir wollten mit der Vermietung starten. Ich habe einen Mittelweg gewählt, etwas weniger Zusätze und eine mittellange Trocknungszeit, die wirtschaftlich noch machbar war. Das hat mich zwei, drei schlaflose Nächte gekostet. Leichtgefallen ist mir das nicht, aber auch das gehört zur Geschichte dieses Hauses. An allen anderen Stellen bin ich bei natürlichen Materialien geblieben, auch wenn die Handwerker immer wieder vorgeschlagen haben, was sie von ihren üblichen Baustellen kannten.
Gab es einen Moment, an dem du alles hinschmeißen wolltest?
Während der Sanierung habe ich mich ernsthaft gefragt, ob wir das noch stemmen können. Wir haben mitten in der Baustoffkrise gebaut. Als der Ukrainekrieg begann, riefen die Händler ständig an: „Die Materialien, die du brauchst, werden gerade alle drei Tage teurer. Willst du nicht jetzt alles abrufen?“ Plötzlich fuhren vier Lkw mit Lehmputz, Holzfaserdämmung und allem anderen vor, und unser Garten sah aus wie ein Baustoffcenter. Unser Nachbar hat mit dem Traktor aus den Stapeln sogar ein Labyrinth für die Kinder gebaut. Das klingt im Rückblick lustig, war damals aber ein enormer Druck. Wir mussten noch einmal mit der Bank sprechen, und ich habe gezweifelt, ob ich das alles leisten kann. Getragen haben mich Familie, Freunde und mein Netzwerk. Alle haben gesagt: Macht weiter, das wird toll. Heute bin ich sehr froh, dass wir durchgehalten haben.
Und heute, mit dem Start-up obendrauf?
Manchmal frage ich mich: Will ich zu viel? Ich könnte mir doch einfach als Herbergsmutti am Schaalsee eine schöne Zeit machen. Aber ich stehe hinter der Idee, nachhaltiges Bauen und Wohnen für mehr Menschen zugänglich zu machen. Inzwischen haben wir hier auch ein Netzwerk aus Naturparkpartnern, Wirtschaftsförderung und Unternehmerinnen. Dieser Rückhalt bestärkt mich.
Was machst du heute anders als am Anfang?
Ich höre mehr auf mein Bauchgefühl. Was mir am Anfang Bauchschmerzen gemacht hat, hat sich später oft genau als das Problem herausgestellt, das ich befürchtet hatte. Deshalb wähle ich bewusster aus, mit wem ich zusammenarbeite, und ich habe gelernt, Nein zu sagen. Und ich höre mehr auf meinen Körper. Manchmal heißt das, eine Pause einzulegen, obwohl sie überhaupt nicht in den Plan passt. Langfristig ist das die gesündere Entscheidung.
Was im BETTERHEIM den Alltagstest besteht
Ein Gast fragt dich beim Frühstück, was better.LIVING eigentlich ist. Was sagst du?
better.LIVING ist das Dach für alles, was ich rund ums nachhaltige und gesunde Wohnen mache. Ich will zeigen, dass natürliche Materialien, schönes Design und ein alltagstaugliches Zuhause zusammenpassen und dass man dafür nicht gleich alles perfekt machen muss. Hier im BETTERHEIM kannst du es ausprobieren, im better.SHOP findest du ausgewählte Produkte, mit better.INTERIORS helfe ich bei der Einrichtung, und im better.JOURNAL teile ich Wissen. Erleben, verstehen und zu Hause umsetzen, das gehört zusammen.
Bevor du etwas empfiehlst, testest du es im BETTERHEIM. Was ist durchgefallen?
Kaffeevollautomaten. Die sind zu prätentiös für Ferienwohnungen, andauernd wollen sie entkalkt werden. Wir haben sie durch Filtermaschinen mit Dauerfiltern aus Metall ersetzt, dazu gibt es in jeder Wohnung eine French Press. Die Vollautomaten stehen jetzt im Personalraum unserer Solidarischen Landwirtschaft. Außerdem läuft in Kaffeemaschinen viel Wasser durch Kunststoffteile, und das bedeutet jedes Mal Mikroplastik. Bei den Bettdecken habe ich dagegen einen Kompromiss gemacht: Daunen sind für Allergiker und für Ferienwohnungen nur bedingt geeignet. Wir haben uns für eine Füllung aus recycelten Kunststoffen entschieden und sind damit sehr zufrieden.
Woran merkst du, dass das alles trägt?
Dieses Jahr waren die Sommerferien im Juli und August komplett ausgebucht, ebenso die Feiertage von Ostern bis Pfingsten. Das war eines unserer erklärten Ziele, und wir sind stolz, dass wir es schon in der dritten Saison geschafft haben. Auszeichnungen und Artikel in den Medien helfen bei der Sichtbarkeit, Workshops und Retreats tragen die Idee weiter.
Klein anfangen statt alles umkrempeln
Wo wird beim Trendthema gesundes Wohnen der meiste Unsinn verkauft?
Bei saisonalen Dekoartikeln und Wohnaccessoires. Das Marketing suggeriert, dass dieses Stehrümmchen das ultimative Glück bringt, und am Ende landet es im Müll oder in der nächsten Flohmarktkiste. Dabei ist es gerade hier einfach, auf Kunststoffe zu verzichten. Meine liebste Wahl sind Urlaubsmitbringsel und kleine Kunstwerke.
Und was soll von deiner Geschichte hängen bleiben?
Ich möchte Lust auf Veränderung machen. Niemand muss sein ganzes Zuhause auf einmal umkrempeln. Man kann klein anfangen, beim nächsten Kauf bewusster entscheiden und nach und nach mehr natürliche Materialien in den Alltag holen. Ich habe bei unserem eigenen Haus erlebt, dass zwischen Anspruch, Budget und Alltag manchmal Kompromisse nötig sind. Trotzdem kann man viel bewegen. Genau dafür steht mein Motto: Not perfect, just better.






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