Lucas Böse entwickelt in Bremen Marken und Designsysteme für Solo-Selbstständige und B2B-Unternehmen. Jahrelang hat er versteckt, dass er stottert. Heute steht es auf seiner Visitenkarte. Was hat sich verändert, seit er offen damit umgeht?
Plakate in der Abi-Zeit, Visitenkarten für 80 Euro
Lucas, auf deiner Visitenkarte steht „Hi, ich bin Lucas, der stotternde Designer“. Wer bist du, in einem Satz?
Ich bin Lucas, 1994 geboren, seit der Kindheit Stotterer, seit über zehn Jahren Brand Designer, und ich baue in meinem kleinen Designbüro in Bremen Marken, die man nicht mehr alle drei Monate hinterfragt.
Zum Design bist du schon in der Schule gekommen. Wie fing das an?
In der Abi-Zeit wurde jemand gesucht, der Plakate gestaltet. Ich hab gern am Rechner rumprobiert. Was ich am Design so mag: Visuell kann man so viel erzählen, ohne ein Wort zu sagen. In der Schulzeit war mein Stottern sehr belastend, weil ich immer ein wenig anders war. Und in dieser Zeit will man nichts anderes, als dazuzugehören. Mobbing hab ich zum Glück nie erlebt. Trotzdem war Design mein Weg, um mit anderen ins Gespräch zu kommen.
Nach dem Abi bist du an die Kunstschule Wandsbek gegangen und danach in eine Content-Marketing-Agentur nach Hannover. Wann kamen die ersten eigenen Kunden?
An der Kunstschule hab ich endgültig meine Stimme gefunden. Andere haben mich um Rat gefragt, es fiel mir leicht. Da wusste ich: Das isses. Also hab ich mich im Sommer 2015 parallel selbstständig gemacht. Erste Kunden waren etwa ein Friseursalon, Visitenkarten für 80 Euro. In Hannover hab ich dann die Liebe zum Content Marketing gefunden. Durch Content Menschen helfen, geiles Konzept! Dort hab ich auch Zeitschriften mit einer Auflage von 60.000 gestaltet. Gleichzeitig wurden meine eigenen Kunden mehr, weil ich auf Instagram angefangen hatte, ganz ohne Erwartungshaltung.
Ein Workshop und ein Post ohne Rückweg
Im April 2023 warst du bei einem Personal-Branding-Workshop des Designers Chris Do. Was ist dort passiert?
Ich wollte eigentlich nur ein paar Tipps. Was ich dort erlebt hab, hat mein Leben verändert. Es ging darum, das eigene Schattenwort zu finden: Welches Wort versteckst du vor anderen? Bei mir war es „Stottern“. Ich war richtig gut darin geworden, es zu verstecken. In dem Workshop ging es aber darum, offensiv damit rauszugehen und sich verwundbar zu machen. Weil du dann nichts mehr verstecken kannst.
Bis zum öffentlichen Post hat es trotzdem noch gedauert. Wie war der Moment, bevor du auf „Posten“ gedrückt hast?
Ich hab mich dann relativ spontan entschieden, weil ich es satt hatte, mich vor jedem Gespräch erklären zu müssen. Der Post fing an mit „Ich hab kein Bock mehr, mich zu verstecken“. Ein Einstieg, bei dem man weiß: Ein Zurück gibt’s nicht mehr. Der Text war fertig, ich war unfassbar nervös, hab leicht gezittert und auf Posten gedrückt. Für meine Zahlen damals war das überragend. Sonst hatte ich fünf, sechs Likes, diesmal 80 und sehr viele Kommentare. In den Tagen danach kam viel Zuspruch, auch von privaten Kontakten, die wussten, wie sehr mich das belastet. Es war der richtige Schritt.
Das erste Jahr in Vollzeit
Im August 2023 bist du voll in die Selbstständigkeit gegangen und hast auf LinkedIn als „der stotternde Designer“ angefangen. Wie sah ein normaler Tag in den ersten Monaten aus?
Prio eins war Sichtbarkeit. Wenn mich keiner kennt, kann bei mir auch keiner was kaufen. Also hab ich mir vorgenommen, fünfmal pro Woche auf LinkedIn zu posten. Geschrieben hab ich auf einem acht Jahre alten MacBook. Neben mir im Büro stand der volle Wäscheständer, weil sonst kein Platz war. Fünf bis sechs Stunden am Tag hing ich auf LinkedIn, parallel liefen Kundenprojekte. Nach drei Monaten kamen die ersten Aufträge über die Direktnachrichten rein.
Was ist in dieser Zeit schiefgegangen?
Massiv das Zeitmanagement. Ich saß jeden Abend teilweise bis 23 Uhr am Schreibtisch, weil ich zu viel auf einmal angenommen hab. Dabei waren es nicht mal große Aufträge, es war einfach „viel hilft viel“. Im Nachhinein romantisiert man solche Geschichten gern, mental war es aber teilweise echt zu viel. Und dann gab es den einen Monat, in dem das Konto nicht gedeckt war. Zwei Projekte waren abgeschlossen, alles lief entspannt, und ich hatte den Cashflow der kommenden Monate nicht im Blick. Wenn ich da nicht aufgepasst hätte, wäre das eine sehr schlechte Spirale nach unten geworden. Ich hab das aber auch als Weckruf gebraucht, um nicht von der Bremse zu gehen. Ich hab wieder mehr Zeit in Sichtbarkeit gesteckt, und ab da lief es besser.
Wenn mich keiner kennt, kann bei mir auch keiner was kaufen.
Was machst du heute anders als in deinem ersten Jahr?
Definitiv Timeblocking. Du musst über deine eigene Zeit bestimmen, sonst macht es jemand anders. Anfangs hab ich viel grob geschätzt und nach Gefühl entschieden. Das klappt so lange, bis das Konto nicht mehr gedeckt ist. Außerdem ist Kommunikation alles. Früher hab ich im Urlaub gearbeitet, weil ich alles möglich machen wollte. Heute weiß ich, dass es diese Pausen braucht. Und ich mach keinen Content mehr für den Algorithmus, sondern für die Kunden, die ich haben möchte.
Was Branding mit Zuhören zu tun hat
Was bietest du heute an? Erklär es jemandem, der noch nie über sein Logo nachgedacht hat.
Unternehmen fangen meistens erst mal an, haben ein Logo, und Markenaufbau ist egal, weil es zuerst Kunden braucht. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem du ins Büro kommst und denkst: Das, was wir sind, wird nach außen überhaupt nicht sichtbar. Das ist der Moment, in dem ich dazukomme. Mit meinem Konzept Brand Mind® erarbeite ich den Markenkern, damit jeder im Team weiß, wofür das Unternehmen steht. Darauf aufbauend entsteht ein Designsystem, das auch in zehn Jahren noch funktioniert. Damit man nicht nach drei Wochen wieder alles hinterfragt. Ich nenne das TRUE Branding, weil es ein Unternehmen aus der Vergleichbarkeit holt. Dann wirst du nicht mehr über den Preis verglichen, weil die Leute mit dir arbeiten wollen.
Du sagst, das Stottern hat dir beigebracht, den Raum zu lesen. Welches Kundengespräch fällt dir dazu ein?
Ein Branding-Prozess ist für mich keine Dienstleistung, sondern ein Dialog zwischen zwei Menschen. Ich achte genau darauf, wie etwas gesagt wird, nicht nur was. In einem Call hab ich einer Kundin ihr Konzept vorgestellt. Normalerweise wird dann irgendwas gesagt. Aber es war einfach Stille. Meine Kundin hatte Tränen in den Augen, weil sie sich endlich gesehen gefühlt hat. Da krieg ich beim Schreiben noch Gänsehaut.
Auch auf LinkedIn schreiben dir viele Menschen. Welche Begegnungen bleiben?
Die Nachrichten haben fast immer denselben Kern: „Dank dir hab ich mich jetzt auch getraut.“ Besonders im Kopf bleiben mir die Begegnungen in der echten Welt. Man kennt sich online und sieht sich dann auf einem Event oder einer Messe. Da spürt man richtig, wie viel Dankbarkeit in so einer Umarmung stecken kann. Weil die Person sich zeigt, wie sie ist, weil sie ihre Angst überwunden hat.
Zehn Worte vor 100 Leuten
Inzwischen stehst du sogar auf Bühnen, obwohl du bei Nervosität stärker stotterst. Wie war dein Auftritt in der Leica Welt?
Freiwillig vor Menschen sprechen, no way! Das war mein größtes Horrorszenario. Dank Tim Robert Zander, der mich mit auf die Bühne genommen hat, hab ich es gewagt. Fünf Minuten vor 100 Leuten. Während meiner „Rede“, das waren bestimmt zehn Worte in zwei Minuten, war es komplett still. Niemand hat mir die Worte aus dem Mund genommen. Danach gab es tosenden Applaus, weil alle wussten, wie schwer mir das fällt. Das hat mir gezeigt: Menschen haben Zeit, Menschen hören dir zu. Und ich werde gesehen. Heute helfen mir Atemtechniken. In der zweiten Hälfte eines Auftritts werde ich lockerer, weiche vom Skript ab, und die Witze sitzen besser. Dann will ich gar nicht mehr runter von der Bühne. Meine Slides brauche ich noch hinter mir, die geben mir Halt, wenn mal kein Wort rauskommt. Es ist ein langer Weg. Aber ich geh immer weiter.


Woran merkst du sonst, dass es funktioniert?
Zu meiner ersten Masterclass hatte ich direkt 13 Teilnehmende, die ich sechs Wochen begleiten durfte. Und einmal wurde ein Angebot angenommen, obwohl ich die teuerste von drei Optionen war. Da hab ich gemerkt: Branding schafft es wirklich, dass der Preis egaler wird. Menschen kaufen dort, wo sie sich gesehen fühlen. Mein schönster Moment ist aber eigentlich immer der nächste, wenn jemand auf einem Event zu mir kommt und sagt: „Du bist doch der stotternde Designer, oder?“ Bin einfach sehr stolz auf meine Kunden, meinen Weg und mich. Und es ist okay, das selbstbewusst zu sagen. Hätte ich früher auch nicht!
Was rätst du jemandem, der sich selbstständig machen will, vielleicht mit etwas, das er für eine Schwäche hält?
Sei du selbst, wirklich zu 100 Prozent. Mach es den Leuten kinderleicht, sich an dich zu erinnern. Wenn dir der Erstkontakt schwerfällt, mach es wie ich: Ich hab mir eigene Stotterkarten drucken lassen. Da steht drauf: „Hi, ich bin Lucas, der stotternde Designer. Daher kommt nicht jedes Wort sofort raus. Wird besser, je länger wir uns kennen.“ Bau dir eine Marke aus zwei Worten. Ich bin der stotternde Designer. Wenn du große Ohren hast und Döner verkaufst, sei Döner-Dumbo. Dolle Worte wirken doll. Viele wollen nicht darauf reduziert werden. Das versteh ich. Aber Menschen stecken dich eh in Schubladen, bau dir lieber deine eigene. Und nimm dich selbst nicht so ernst.






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