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Martin Meyer erklärt im Tonstudio gestikulierend etwas, neben ihm hört ein Kollege zu, vorn unscharf Mischpult und Technik.

Vom Orchesterverein ins Berliner Homestudio

Vom Beatbauen auf der Couch bis zur House Stage beim Wurzelfestival: Martin Meyer hat sich sein Leben mit Musik Schritt für Schritt erarbeitet. Er erzählt, warum er zwei Labelprojekte gestoppt hat und was im Berliner Booking schiefläuft.

Martin Meyer sitzt auf einer Betonmauer und blickt von oben in die Kamera, hinter ihm blauer Himmel.

Kurz gefasst

  • Mach eine Pause, wenn nichts kommt. Es gibt Phasen ohne Jobs oder Ideen, und manchmal versteht Martin die Vision hinter einem Mix einfach nicht. Er bleibt dann hartnäckig, bildet sich weiter und macht bewusst eine Pause, statt sich von der Niederlage abschmettern zu lassen.
  • Hör auf, wenn nur Arbeit und kein Geld zurückkommt. Für das Label mit Diskolusion und Our Planet of House koordinierte Martin fünf oder sechs Künstler pro Platte, wochenlang und unentgeltlich. Zurück kam Anerkennung, aber kein Geld. Deshalb liegt das Label jetzt auf Eis.
  • Tu dich mit anderen zusammen, auch auf der Bühne. Mit Babxi macht Martin die Reihe Heart to Hearts, in der jeder Slot ein B2B-Set ist. Das bricht die starren Bookingstrukturen auf, bringt mehr Slots und spontanere Sets, und Newcomer spielen gemeinsam mit einem größeren DJ.
  • Such dir jemanden, der dich berät. In der Anfangszeit in Berlin war sein Freund Daniel Meißner eine große Hilfe und stand ihm mit Ratschlägen zur Seite. Wer heute aus Musik einen Beruf machen will, dem rät Martin zu einem Mentor, dem man vertraut.

Mit sechs steckten ihn die Eltern in den Orchesterverein, das Architekturstudium brach er ab. Heute legt Martin Meyer in Berliner Clubs auf, mischt und mastert bei Stereovoltage und baut Sample Packs. Wie hält er das zusammen?

Musikschaffender statt nur Produzent

Du legst in Clubs und auf Festivals auf, produzierst eigene Tracks, mischst und masterst bei Stereovoltage und baust Sample Packs. Wer bist du in einem Satz?

Drei Fragen in einem Satz, das ist schwierig. Im Grunde würde ich sagen: Ich bin Musikschaffender. Nur Musikproduzent trifft es nicht, wenn man sich das alles anschaut. Die Musikproduktion ist allerdings meine große Leidenschaft und das, was ich am liebsten mache. Durch mein Studium habe ich auch alles andere gelernt, deswegen bin ich gerne überall am Start, wo Hilfe gebraucht wird. Am meisten arbeite ich in meinem Homestudio, aber eben auch in Clubs, in Bars und ab und an im Soho House, wo ich als Techniker arbeite.

Was treibt dich heute morgens aus dem Bett, auch wenn die Nacht erst früh zu Ende ging?

Es klingt sehr cheesy, aber: einfach der Spaß. Ich habe das Gefühl, es ist das, was ich am besten kann und wo ich mich zu Hause fühle. Schon bei den ersten Schritten am Schlagzeug wusste ich, dass das meins ist. Das soll nicht abgehoben klingen, es war irgendwie einfach so. Dazu kommt der Antrieb, besser zu werden. Sich zu entwickeln, macht wahnsinnig viel Spaß. Ideen hat man ja auch nur in den Dingen, in denen man gut ist.

Vom Schlagzeug zu den ersten Beats

Geboren und aufgewachsen bist du in Frankfurt, gelandet bist du in Berlin. Was war vorher?

Meine Eltern haben mich mit sechs in den Orchesterverein gesteckt, was mega cool war, dafür bin ich ihnen heute dankbar. Damals war ich schon auch ein bockiges Kind und hatte nicht immer Lust. Ich habe aber schnell gemerkt, dass ich das ganz gut kann, und hatte Schlagzeuglehrer, die mich gefördert haben. Bei Jugend musiziert war ich auf Landes- und Bundesebene dabei. Dann kamen die ersten Bands. Und dann habe ich mein Architekturstudium abgebrochen.

Was war der Auslöser?

Ich saß mit meinem damaligen besten Kumpel Tim auf der Couch, wir hatten mal wieder Hip-Hop gehört, und dann meinte ich zu ihm: Hey, guck mal, diese Songs klingen gar nicht so kompliziert, das können wir doch auch. Innerhalb von zwei Tagen waren wir mega süchtig danach. Wir haben die ganze Zeit Beats gebaut und sie uns gegenseitig gezeigt, immer so ein bisschen: Wer hat den geileren gemacht? Das war viel interessanter als das Architekturstudium, das mich total gelangweilt hat. Irgendwann habe ich gemerkt: Diese Passion brennt noch doller in dir als alles, was vorher mit Schlagzeug war. Also habe ich mir in Berlin ein Studium gesucht und bin dahin gezogen. Danach bin ich schnell dazu übergegangen, Projekte zu machen: Bands aufnehmen, mal was mischen, Beats und Samples bauen. Learning by doing. Eine große Hilfe war mir in der Anfangszeit auch mein Freund Daniel Meißner, der mir mit seinen Ratschlägen viel zur Seite stand.

Hürden, Sample Packs und ein Label auf Eis

Was war die größte Hürde, seit du von Musik lebst? Der Moment, in dem du gedacht hast: Mache ich den Scheiß hier wirklich weiter?

Es gibt viele Hürden. Eine große ist die Selbstvermarktung, dieses permanente Sich-nach-außen-Tragen, immer wieder mit neuen Leuten in Kontakt kommen. Vor allem aber, sich von Niederlagen nicht so abschmettern zu lassen, sondern sie als Learning mitzunehmen und wieder aufzustehen. Ich sitze an einem Mix und kriege es nicht hin, weil ich die Vision nicht verstehe. Man muss wirklich hartnäckig sein und wissen, wie man sich weiterbildet. Manchmal hat man einfach eine Zeit lang keine Jobs oder Ideen, dann macht man am besten eine Pause.

Stereovoltage betreibst du mit Daniel Meißner. Erklär mal, was ihr anbietet, so als würdest du es einer Nachbarin am Briefkasten erklären.

Das mit dem Label ist bei Stereovoltage gestrichen. Die Idee war, unser Produzentenduo in eine Plattform zu verwandeln, auf der alle möglichen Künstler releasen können. Das war zu viel Arbeit, und am Ende war es sowieso immer nur ich, der dort released hat. Was wir derzeit vor allem anbieten, sind Sample Packs. Samples sind wie kleine Bausteine, aus denen man Songs baut. Viel elektronische Musik funktioniert heute in Loops, und diese Loops findet man in solchen Packs: ein Shaker-Loop, eine Hi-Hat, ein ganzes Schlagzeuggerüst, aber auch Keyboards oder Bässe. Wir bedienen momentan sehr nischige Richtungen, alles ein bisschen schneller, ein bisschen härter, ein bisschen undergroundiger. Das erste Pack war Hardgroove Techno, eine Richtung aus den 90ern, die gerade wieder auflebt.

Rausbekommen habe ich zwar die Anerkennung der anderen, aber keine Kohle.

Im Juni 2024 hast du mit Diskolusion und Our Planet of House ein eigenes Label gestartet. Was hast du daran vorher am meisten unterschätzt?

Das liegt inzwischen auch erstmal wieder auf Eis. Da fließt wahnsinnig viel Zeit rein, und das war alles unentgeltlich. Es ist unfassbar schwierig, Artists zu koordinieren. Wenn du fünf oder sechs davon mit Deadlines auf eine Platte kriegen willst und am Ende sollen alle gleich und hochwertig klingen: Das hat mich Wochen gekostet. Rausbekommen habe ich zwar die Anerkennung der anderen, aber keine Kohle. Das war für mich in dem Moment einfach nicht sustainable. Die eine Platte kam gut an, die andere weniger, und dann merkt man, wie man schnell in diesen Gedankenkreis kommt: Warum mache ich das eigentlich?

Von Kater Blau bis New York

Woran merkst du, dass es funktioniert? Nenn mir zwei, drei Meilensteine.

Ein großer war, als ich 2024 mit meinem Kollektiv im Kater Blau aufgelegt habe. Das war jahrelang einer meiner Lieblingsclubs, gerade in meiner Anfangszeit in Berlin, insofern ein schöner Full-Circle-Moment. Komplett voller Dancefloor, die Stimmung hat gekocht. Dann die Festivals: Beim Wurzelfestival bauen wir mittlerweile die House Stage mit. Bei meiner eigenen Musik sind es die Label-Releases. Ich habe gerade eine EP auf Ears on Earth veröffentlicht und merke, dass DJs auf mich zukommen und mit mir kollaborieren wollen. Letztes Jahr habe ich mit einem Kumpel mein erstes Hip-Hop-Album gemacht, alles auch von mir produziert. Monetär ist es hier und da immer noch schwierig, gerade mit kleineren Künstlern ist nicht mega viel Money im Pot. Aber die Projekte werden besser, und es kommen jedes Mal größere Sachen. Ich habe das Gefühl, die Belohnung für kreative Arbeit ist, dass man mehr kreative Arbeit machen kann.

Martin Meyer legt gemeinsam mit Philipp Höne an Plattenspielern auf, die Bühne ist lila beleuchtet.
Martin Meyer spielt im Studio auf einem Keyboard, im Hintergrund sitzt eine zweite Person auf dem Sofa.

In deiner Gigliste stehen im März 2024 innerhalb von zwei Wochen Mönchengladbach und New York. Wie kam es dazu?

In Gladbach war das ein Crew Exchange: Wir hatten die Leute von Spacewax nach Berlin geholt, die haben hier in der Renate gespielt, und dafür sind wir zu ihnen gefahren. Nach New York sind wir gekommen, weil Typo Space gar kein Club ist. Wir hatten hier in Berlin ein Open Air veranstaltet, und auf einmal stand ein Typ vor uns und meinte: Was ist das denn für ein geiler Sound? Ich wohne in New York und habe ein Startup auf dem Broadway. Der hat uns dann dorthin eingeladen, um auf seinem Geburtstag zu spielen. Es gibt ja immer wieder Leute, die so etwas vorschlagen und viel reden, aber es hat tatsächlich geklappt. Und along the way haben wir noch ein paar weitere Gigs aufgegabelt, unter anderem den in der Chapel Bar, einer Kapelle aus dem 19. Jahrhundert, die zur Bar umfunktioniert wurde und zur Fotografiska gehört.

Booking aufbrechen und geduldig bleiben

Seit Anfang 2026 machst du mit Babxi die Reihe Heart to Hearts, in der jeder Slot ein B2B-Set ist. Was läuft im Berliner Booking schief?

Wir haben das Format gemacht, um diese starren Bookingstrukturen ein bisschen aufzubrechen. Booking ist, das muss man wirklich sagen, viel Vetternwirtschaft. Da geht es oft wenig darum, wie gut du bist und was du für Musik spielst, sondern eher darum, sich Gefallen hin und her zu schieben. Bei B2Bs hat man erstens mehr Slots. Andererseits schafft man neue Kombinationen, und die Sets werden spontaner. Du weißt ja nicht, was die andere Person auf dem Stick hat. Und Newcomer bekommen beispielsweise die Möglichkeit, mit einem größeren DJ zusammenzuspielen, weil es bei uns nur zusammen geht.

Was würdest du jemandem sagen, der heute überlegt, aus Musik seinen Beruf zu machen?

Ich würde raten, sehr geduldig zu sein, es ist ein Markt, in den viele Leute wollen. Sich schnell Hilfe holen. Bei Sound-Unis wäre ich eher vorsichtig. Man kann den Weg gehen, aber günstig ist es nicht. Und ich würde mir auf jeden Fall einen Mentor suchen, dem man vertraut und der einem mit seinen ganzen Problemchen weiterhelfen kann. Es ist ja nicht damit getan, dass man einen Beat aus seinem Ableton rausholen kann. Es ist auf jeden Fall kein Weg, mit dem man schnell Geld verdient. Aber es ist etwas, das dein ganzes Leben umkrempeln kann und dir unglaublich viel Sinn und Erfüllung geben kann. Darauf sollte man abzielen, nicht auf die schnelle Kohle.

Was soll von deiner Geschichte hängen bleiben? Ein Satz.

Dass kreative Wege nicht linear sind, sondern ganz viele verschiedene Abzweigungen haben können, auch dürfen und vielleicht auch sollen, um die Arbeit zu formen, die man macht. Ich habe schon total viele verschiedene Sachen angefangen und auch wieder aufgehört, und das hat nicht unbedingt mit Scheitern zu tun, sondern auch mit Neugier. Jeder Weg ist total individuell und das ist gut so.

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© Foto Credits:
Sean Danne, Marius Hoch-Geugelin, Luisa Demmer, Francesco Rizzi
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Häufige Fragen zu

Martin Meyer

Wer ist Martin Meyer?

Martin Meyer ist Musikproduzent, DJ und Toningenieur in Berlin. Er ist in Frankfurt aufgewachsen, spielte früh Schlagzeug und brach sein Architekturstudium ab, um Musik zu machen. Mit Daniel Meißner betreibt er Stereovoltage.

Was bietet Stereovoltage an?

Stereovoltage bietet vor allem Sample Packs an, also Loops und Klangbausteine, aus denen man Songs baut. Das Angebot bedient eher nischige, schnellere und härtere Richtungen. Das erste Pack war Hardgroove Techno. Daneben mischt und mastert Martin dort Tracks.

Warum hat Martin Meyer seine Labelprojekte gestoppt?

Ein Label kostet viel Zeit, und bei Martin war die Arbeit unentgeltlich. Fünf oder sechs Artists mit Deadlines auf eine Platte zu bringen, hat ihn Wochen gekostet. Zurück kam Anerkennung, aber kein Geld, deshalb liegt das Label auf Eis.

Was rät Martin Meyer Menschen, die von Musik leben wollen?

Er rät zu viel Geduld, weil viele Leute in diesen Markt wollen. Wer anfängt, sollte sich früh Hilfe holen und einen Mentor suchen, dem er vertraut. Das Ziel sind Sinn und Erfüllung, nicht schnelles Geld.

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