Zwillingsschwestern aus dem Vertrieb: Mit Twin Concepts schulen Regina Diez und Claudia Thum aus Salem Belegschaften in Microsoft 365 und Copilot. Am Anfang stand eine Lizenz, die kaum etwas konnte. Wie wird aus Frust ein Unternehmen?
Vom Silvestervorsatz zur KI-Ausbildung
Claudia, Ende 2023 wusstest du nach eigener Aussage noch nicht einmal, was ChatGPT ist. Wie kam die KI in euer Leben?
Claudia: Über einen Vorsatz. An Silvester habe ich mir für 2024 vorgenommen: „Ich kümmere mich jetzt um KI. Jeder redet davon und ich weiß nicht einmal, was ChatGPT ist.“ Dann habe ich angefangen, Kurse zu besuchen. Aus einem Kurs wurde der nächste, ich habe viel Zeit und auch einiges an privatem Geld in meine Weiterbildung gesteckt. Je mehr ich gelernt habe, desto mehr wollte ich wissen. Regina hatte ChatGPT damals schon genutzt, ich habe sie immer weiter mit hineingezogen. Im Juni 2024 haben wir dann gemeinsam die Ausbildung zu TÜV-zertifizierten KI-Trainerinnen begonnen.
Wo standet ihr beide zu diesem Zeitpunkt beruflich?
Claudia: Ich war Territorial Sales Managerin in der Elektronikbranche, Regina Key Account Managerin im Maschinenbau und in der industriellen Reinigungsbranche. Wir kannten den Alltag mittelständischer Unternehmen sehr gut. In der Ausbildung haben wir viele faszinierende Tools kennengelernt, im beruflichen Alltag war aber ein großer Teil davon aus Sicherheitsgründen gesperrt. So ist Microsoft 365 Copilot für uns immer stärker in den Mittelpunkt gerückt.
Eine Copilot-Lizenz, die kaum etwas konnte
Claudia, deine Copilot-Lizenz hattest du schon im April 2024 bekommen. Wie war der erste Kontakt?
Claudia: Ich habe mich so gefreut, dass ich zu Hause durch die Wohnung gehüpft bin. Ich war überzeugt: Jetzt kann ich das Gelernte endlich im Arbeitsalltag einsetzen. Umso größer waren danach die Enttäuschung und der Frust. Am deutlichsten wurde es bei Präsentationen. Ich hatte erwartet, dass Copilot aus meinen Informationen eine brauchbare Präsentation aufbaut. Das Ergebnis war inhaltlich und gestalterisch kaum verwendbar, manche Aussagen ergaben keinen Sinn. Auch bei Meetingprotokollen fehlten Inhalte, und wichtige Punkte waren nicht enthalten.
Warum habt ihr trotzdem nicht aufgegeben?
Claudia: Ich habe immer gesagt: „Da steht Microsoft dahinter. Das wird besser.“ Im Mittelstand arbeiten sehr viele längst mit Outlook, Word, Excel und Teams. Wenn KI im Mittelstand wirklich ankommen soll, dann muss Copilot eine Lösung sein. Ich wollte nicht nur feststellen, dass etwas nicht funktioniert. Ich wollte verstehen, warum, und wie man doch zu brauchbaren Ergebnissen kommt. Also habe ich Regina gebeten, sich in ihrem Unternehmen ebenfalls eine Lizenz zu besorgen, und mein Mann hat auch mitgetestet.
Regina: Claudias Vertrauen in Copilot war deutlich größer als meines. Wenn etwas nicht funktionierte, war ich eher skeptisch. Claudia hat dagegen immer wieder gesagt: „Das wird besser. Wir müssen verstehen, wie es funktioniert.“
Wann wurde aus dem Frust eine Geschäftsidee?
Claudia: Am 24. Juli 2024 bin ich zu Regina gefahren und habe gesagt: „Ich gründe jetzt ein Unternehmen und schule Copilot in Firmen.“ Mein Gedanke war: Wenn es mir trotz Leidenschaft, Ausbildung und ständigem Austausch so schwerfällt, Copilot sinnvoll einzusetzen, wie soll es dann erst Mitarbeitenden gehen, die das Programm einfach vorgesetzt bekommen?
Gründung und die schwierigen ersten Monate
Regina, wie hast du reagiert?
Regina: Meine erste Antwort war: „Ich mache nicht mit.“ Mir war das viel zu unsicher. Ich hatte eine feste Stelle, ein großartiges Gehalt und fand das Risiko zu groß. Aber Claudia ließ sich nicht abbringen, sie wollte notfalls allein gründen. Erst als die Idee konkreter wurde und klar war, dass wir direkt in den Unternehmen an den echten Aufgaben der Mitarbeitenden schulen, habe ich zugesagt. Am 14. August 2024 hatten wir den Notartermin und haben die Twin Concepts GmbH gegründet.
Kurz darauf kam noch jemand dazu: dein Sohn Florian. Wie kam es dazu?
Regina: Direkt nach dem Notartermin war unsere ganze Familie auf einem Hüttenwochenende im Allgäu. Bei einer Fahrradtour habe ich Florian spontan gefragt: „Hast du nicht Lust mitzumachen?“ Seine Antwort war genauso spontan: „Ja, warum nicht?“ Er kam aus einem Start-up in Hamburg, ist zwei Wochen nach dem Notartermin eingestiegen und hat Anteile übernommen. Er hat unsere Website und die Funnels aufgebaut und war ungefähr ein Jahr lang geschäftsführender Gesellschafter.
Euer erster Schulungskunde war MEVA Schalungs-Systeme, deren Geschäftsführerin eure Schwester Irene ist. Klingt nach einem leichten Start.
Regina: Im Gegenteil. Ich hatte Claudia ausdrücklich gebeten, in der Familie keine Kundenakquise zu betreiben. Mein Satz war: „Lass Irene mit Copilot in Ruhe.“
Claudia: Ich war aber überzeugt, dass Copilot für MEVA interessant sein könnte. Also habe ich nicht locker gelassen. Im Nachhinein war diese Hartnäckigkeit wichtig, weil daraus unser erster Schulungskunde entstanden ist.
Regina: Ich erinnere Claudia trotzdem bis heute gern daran, dass der ursprüngliche Auftrag lautete: „Lass Irene mit Copilot in Ruhe.“
Gab es Tage, an denen Aufhören ernsthaft auf dem Tisch lag?
Claudia: Nicht nur einen. Wir waren überzeugt, dass der Bedarf riesig sein müsste. Insgeheim haben wir geglaubt: Wir veröffentlichen einen LinkedIn-Post und danach sind die Auftragsbücher voll. So war es natürlich nicht. Es gab Monate mit zu wenigen Kunden und zu wenig Umsatz. In manchen Nächten lagen wir wach und haben uns gefragt, ob wir zurück in sichere Anstellungen gehen.
Regina: Im Juni 2025 haben Claudia und ich zusätzlich Trainertätigkeiten angenommen, um uns finanziell über Wasser zu halten. Im August 2025 hat sich Florian aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, weil die Umsätze noch nicht für drei Personen gereicht haben. Er ist bis heute Gesellschafter und hilft uns bei technischen Themen. Seit November 2025 konzentrieren wir uns wieder vollständig auf Twin Concepts.
Durchhaltevermögen klingt im Rückblick immer geradlinig.
Was hat euch in dieser Zeit gehalten?
Claudia: Zuerst die Verbindlichkeit uns selbst gegenüber. Wir hatten schon so viel Zeit, Energie und privates Geld investiert, wir wollten der Idee eine echte Chance geben. Und unsere beiden Männer. Sie haben uns mental und finanziell den Rücken gestärkt. Wenn wir gezweifelt haben, haben sie gesagt: „Bleibt dran. Macht weiter. Das wird schon.“ Durchhaltevermögen klingt im Rückblick immer geradlinig. In Wirklichkeit bedeutet es manchmal einfach, trotz schlafloser Nächte am nächsten Morgen weiterzumachen.
Schulungen an echten Aufgaben
Wie würdet ihr jemandem beim Bäcker erklären, was ein Unternehmen bekommt, das euch bucht?
Claudia: Keine trockene Computerschulung. Wir zeigen den Mitarbeitenden an ihren echten Aufgaben, wie Microsoft 365 und Copilot ihnen die Arbeit erleichtern: E-Mails schneller bearbeiten, Besprechungen vorbereiten, Protokolle erstellen, Präsentationen aufbauen. Denn eine KI kann nur mit den Informationen arbeiten, die sie findet. Die Leute probieren alles selbst aus und lernen auch, wo die Grenzen liegen und warum Ergebnisse immer geprüft werden müssen. Die Verantwortung bleibt beim Menschen.


Ihr steht als Trainerinnen über 50 vor Gruppen, die bei KI oft an junge IT-Leute denken. Hat euch jemand unterschätzt?
Regina: Offen hat uns noch niemand gesagt: „Ihr seid zu alt dafür.“ Aber manche waren überrascht. Wir kommen aus dem Vertrieb, wir sind keine Technikfans, die schon als Kinder programmiert haben. Wir haben uns das Wissen mit unzähligen Kursen und viel Ausprobieren selbst erarbeitet. Genau das scheint vielen Mut zu machen: „Wenn die das lernen konnten, kann ich das auch.“
Zwei Schwestern, ein Unternehmen: Wo knirscht es bei euch?
Regina: Einen großen Streit hatten wir tatsächlich noch nicht. Am häufigsten sind wir uns bei den Preisen uneinig. Ich würde sie eher erhöhen, Claudia möchte sie lieber stabil halten.
Claudia: Wir können sehr direkt miteinander sprechen. Das ist manchmal intensiv, aber so bleibt nichts lange unausgesprochen.
Stolze Momente und ein Rat zum Neuanfang
Welcher Moment seit der Gründung war der schönste?
Claudia: Das Feedback nach einer ganztägigen Präsenzschulung bei einem Kunden in Leonberg. Ein Freitag im Sommer, über 30 Grad, und am Ende hatten die Teilnehmenden wirklich verstanden, wie sie Copilot für ihre Arbeit nutzen können.
Regina: Für mich die Resonanz auf unsere Keynote beim KI-Festival in Heilbronn im Juli 2025. Vor großem Publikum über ein Thema zu sprechen, das für uns kurz vorher völlig neu war, hat mich sehr stolz gemacht.
Claudia: Und dann gibt es Nachrichten wie diese nach einer Schulung: „Ich hab’s getestet! Funktioniert bei mir! DAS IST KRASS!!!!“ Die Großbuchstaben und Ausrufezeichen gehören unbedingt dazu. Da probiert jemand etwas selbst aus und stellt fest: Ich kann das. Dann wissen wir wieder genau, warum wir das machen.
Vielleicht bist du heute endlich erfahren genug dafür.
Was sagt ihr jemandem, der glaubt, zu alt für so einen Schritt zu sein?
Regina: Warte nicht darauf, dass die Angst verschwindet oder dass du dich vollkommen bereit fühlst. Bei uns war beides nicht der Fall. Prüfe ehrlich deine Finanzen, und wenn ein Umweg nötig ist, dann gehe ihn. Unsere Trainertätigkeiten nebenher waren kein Rückschritt, sondern Teil unseres Weges.
Claudia: Mit über 50 haben wir etwas, das wir mit 25 noch nicht hatten: jahrzehntelange Berufserfahrung und ein gutes Gespür für Menschen und Unternehmen. Du bist nicht zu alt für einen Neuanfang. Vielleicht bist du heute endlich erfahren genug dafür.






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