Begrüßung und Warm-up
Christian: Ich freue mich heute, Sascha Lobo hier begrüßen zu dürfen. Sascha ist Unternehmer, Autor, Podcaster, digitaler Vordenker. Also unglaublich viele Rollen. Ich glaube, die meisten kennen ihn auch schlicht und ergreifend. Ich schätze ihn dafür, dass er Dinge beim Namen nennt. Er ist sehr direkt, wie ich es immer empfinde. Du hast auch dieses Thema Digitalisierung geprägt, kann man sagen, bevor es mal ein Buzzword geworden ist. Kenne ich aus der allerersten Twitter-Zeit, komme nach ganz kurzem noch streifen. Du beschäftigst dich sehr stark auch mit den Bürokratie-Themen, das eint uns ein bisschen, auf Politik, wie man es besser macht, wer gründet das alles. Das ist so Sascha, ein Riesenpaket. Erstmal herzlich willkommen hier bei Tell Your Story, dem Podcast.
Sascha: Dankeschön.
Christian: Vielleicht um warm zu werden, wir sind bald gleich warm, es ist alles ein bisschen heute etwas hektisch hier, darf man glaube ich sagen, mit der Anreise und so weiter. Ich mache immer gerne sowas, dass man so zwei Wortpaare hat und du einfach spontan sagst, was dich anspricht, was nicht. Als Beispiel wäre sowas wie Marmelade oder Nutella. Da kann man nicht falsch oder richtig.
Sascha: Ist einfach so. Marmelade natürlich.
Christian: Schon, oder? Lieber gemacht oder lieber perfekt?
Sascha: Gemacht, auf jeden Fall. Aus digitaler Perspektive schon.
Christian: Always online oder digitale Pausen?
Sascha: Beides. Solange always online, bis man merkt, dass ab und zu eine Pause einem hilft, danach wieder länger online zu sein.
Christian: Einzelbüro oder Coworking?
Sascha: Noise-Canceling-Kopfhörer.
Christian: Perfekt. Ist KI mehr Chance oder mehr Gefahr?
Sascha: KI ist eine gigantische Chance und eine riesige Gefahr, vor allem und in erster Linie sie zu verpassen.
Christian: Buch oder Tablet?
Sascha: Geht beides. Ich schreibe ab und zu ja auch noch Bücher und dingliche Bücher. Das ist fast das einzige Printprodukt, was ich noch überhaupt verarbeiten kann. Das Tablet hat sich interessanterweise vor ungefähr, ich würde sagen, acht, neun Jahren aus meiner täglichen digitalen Nutzung komplett rausgesaugt, rausdiffundiert. Es ist bei mir immer nur noch Laptop oder Smartphone.
Christian: Laut scheitern oder leise erfolgreich?
Sascha: Was war nochmal dieses leise? Ich habe davon gehört. Es gibt Leute, die ... Also ich glaube, die allermeisten Dinge, die es sich lohnt zu tun, können eine gewisse Resonanz entfalten. Und wenn man das tut, dann ist immer der Risiko-Teil davon, dass man laut etwas betreibt, was nicht so großen Erfolg hat. Habe ich schon ein halbes Dutzend Mal gemacht. Ist weniger schlimm, als man glaubt, aber schlimmer, als man hofft.
Christian: Jetzt vielleicht Berghain oder Grüner Wald.
Sascha: Da habe ich eine interessante Geschichte. Als ich vor ein paar Jahren eine sehr gesunde Phase hatte, haben mich Freunde Sonntagmorgen um 7.30 Uhr in Sportklamotten verschwitzt vor meiner Tür gesehen und sind zu mir gekommen und haben gesagt, ey wow, du kommst gerade aus dem Berghain. Und tatsächlich war ich gerade vom Joggen gekommen und das war irgendwie best of both worlds.
Web und Society: die frühen Jahre
Christian: Wir mögen es ja gerade im Tell-Your-Story-Bereich immer so ein bisschen über das Why zu sprechen. Du kennst mit Sicherheit den Simon Sinek mit Why, How, What, vielleicht so kurz als Intro, weil von Lex ja unser Why ist, wir wollen Unternehmertum erleichtern, that's it. Im What sind wir dann so Buchhaltung, das How ist eigentlich spannend, eher so Technologie, aber vor allem auch Bühnen geben, weil gerade die Kleinen und die Soloselbständigen, ich glaube, kannst du vielleicht auch noch was dazu sagen, die kriegen eigentlich keine Sichtbarkeit, was gar nicht gut ist zum Thema Leise, man muss ja sichtbar werden, Vorbilder schaffen. Das ist das, was hier ist, das treibt uns. Wir haben uns mal gekreuzt in einem Weg, das habe ich auch nochmal geguckt, das war 2009, vielleicht erinnerst du dich auch noch, an die Webciety damals. Ist auch spannend, 2009, CeBIT, wer es noch kennt. 2019, glaube ich, nee, 2018 war die CeBIT sogar verschwunden, ich glaube, drei Jahre später die Webciety. Aber du warst damals so der Vorreiter, auch das Gesicht eigentlich ein bisschen, so habe ich das auch wahrgenommen, der Webciety, also dieses Web und Society, also damals schon diesen politischen und auch diesen gesellschaftlichen, so wie ich es wahrgenommen habe. Wenn du dich da vielleicht auch daran erinnerst, wie war das denn damals? War das so die zweite Aufbruchsstimmung nach der ersten Dotcom-Blase und 2008 Finanzkrise? Wenn du da mal so erzählen magst, was dich da getrieben hat.
Sascha: Das war für mich sehr, sehr spannend, weil ich gemerkt habe, dass eine ganze Reihe von Instrumenten entstanden, die mir als sehr überzeugtem und eingefleischtem Unternehmer und Selbständigen erleichtert haben, unabhängiger zu werden. Mobile Internet kam auf in Form von Smartphones. Social Media kam auf, um eigene Reichweiten nicht nur zu schaffen, sondern auch ganz funktional zu bedienen. In diese Stimmung hinein habe ich mit der CeBIT eine Website, die Halle gemacht. Das heißt, bis dahin war weitgehend die CeBIT auf irgendwelche Hardwarehersteller, die da ihre Festplatten präsentiert haben, fokussiert. Und ich dachte, man müsste eigentlich auch Internetgeschäftsmodelle dorthin bekommen. Das hat am Anfang super funktioniert und dann ist es leider, das kann man glaube ich inzwischen sagen, die NDAs sind verjährt, auch daran gescheitert, dass das Geschäftsmodell Messe damals sich noch nicht so leicht transformieren lassen wollte, wie ich das erhofft hatte. Insofern, ja, das war eine sehr, sehr frühe Situation, wo ich zwischen Web und Ökonomie und Gesellschaft versucht habe zu vermitteln und das ist eigentlich bis heute so. Ich glaube, dass es anders unternehmerisch und digital mit Geschäftsmodellen erst recht jetzt in Zeiten von künstlicher Intelligenz auch kaum geht. Insofern kämpfe ich und da empfinde ich dich auch als Mitstreiter, kämpfen viele seit langer Zeit mehr oder weniger für das Gleiche, nämlich für eine menschenwürdige digitale Transformation, jetzt Geschmacksrichtung künstliche Intelligenz, die uns zumindest in Ansätzen, in Teilen endlich ins 21. Jahrhundert bringt.
Unternehmer aus Geld und Freiheit
Christian: Was hat dich motiviert, Unternehmer zu sein?
Sascha: Geld. Ganz eindeutig Geld. Für mich ist als jemand, der im festangestellten Kontext schwierig bis gar nicht funktioniert, ist Geld verdienen eine sehr attraktive Option, wenn man selbständig ist einerseits und andererseits natürlich die Freiheit. Denn ich weiß, übernächsten Dienstag kann, wenn ich möchte, ich irgendwas anderes tun, als von 9 bis 18 Uhr in ein Büro zu gehen, dann ist das für mich Teil meines Antriebs, das ist jetzt die ein bisschen verkopfte Übersetzung davon, dass ich drei kleine Kinder habe und versuche ab und zu auch für die dann da zu sein, wenn eigentlich normale Bürozeiten sind.
Christian: Fühlt sich das schwerer an mit Kindern? Also das Thema, jetzt bist du sehr erfolgreich, aber mit der Verantwortung kommt ja eine andere Dimension dann, oder?
Sascha: Kinder sind großartig, aber alles fühlt sich schwerer an mit kleinen Kindern. Also buchstäblich alles. Schlafen sowieso, Atmen fühlt sich schwerer an. Aber trotzdem würde ich diese Erfahrung nicht missen wollen.
Christian: Wie alt sind deine Kinder?
Sascha: Meine Kinder sind zur Stunde drei, zwei und ein Jahr alt.
Christian: Okay, da ist man noch all in. Die Annie, meine Tochter, die ist jetzt acht, da wird es ein bisschen leichter. Aber das finde ich ganz spannend, weil es auch als Unternehmertum oft mit Mut oder auch mit sowas bezeichnet wird. Und da kommt es vielleicht in der Verantwortung auch nochmal anders rein. Also sprich, wenn ich darüber nachdenken muss, wie ich sonntags die Brötchen auf den Tisch kriege und die Zukunft meiner Kinder vielleicht auch gestalten möchte. Da hätte ich mir vorstellen können, dass das Unternehmertum noch einen anderen Winkel kriegt.
Sascha: Man darf sich da nicht zu krass selbst reinsteigern. Das gilt für die meisten Selbständigen. Man lügt sich schon in die Tasche, wie viel Aufwand das ist, am Ende unternehmerisch tätig zu sein. In welcher Facette auch immer. Das geht inzwischen, finde ich das interessant, sogar innerhalb von Unternehmen. Also man kann inzwischen in den richtigen Unternehmen mit der richtigen Kultur bestimmte Elemente der Selbständigkeit auch unternehmerisch innerhalb eines Unternehmens irgendwie ausleben. Wenn man eigenverantwortlich handelt, dann lügt man sich gerne in die Tasche, dass man ja eigentlich super viel Freizeit hat und dann ist man trotzdem irgendwie zwar auf dem Spielplatz mit den Kindern am Dienstagnachmittag, aber schaut immer wieder unauffällig in die Mails und fragt dann aber kurz irgendwie die Nachbarin, das ist nur ein ganz kurzer Call, den ich jetzt mache, ich muss mal hier hinter das Häuschen gehen und so. Also das sind schon Elemente, auf die man aufpassen muss. Ich auch übrigens. Aber gleichzeitig sehe ich das sehr flexible, sehr schnelle, auch ich würde sagen freiere Arbeiten, was man darüber hat, dass das leichter mit der gegenwärtigen KI-Transformation vereinbar ist.
Bürokratie als größtes Hindernis
Christian: Das würde ich auch unterschreiben. Was war dann vorher schwerer? Gibt es Themen, die dich auch echt so richtig abgefuckt haben? Da sagst du, oh Mann, habe ich da keinen Bock drauf.
Sascha: Die gibt es immer noch. Bürokratie ist da ein riesiger Teil.
Christian: 42 Prozent sehen das auch so.
Sascha: Ja, ich glaube, ich habe meine Bürokratie tatsächlich erst auch nur ansatzweise in den Griff bekommen, als ich angefangen habe, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten, die das besser beherrschen als ich. Könnte ich das nicht leisten? Also Aufträge handhaben und Aufträge bekommen, die mir erlauben, in fast allen Bereichen Arbeitsteilung herzustellen. Wenn ich das nicht leisten könnte und wenn es nicht die entsprechenden Plattformen gäbe, die das einfacher machen würden, dann glaube ich, wäre ich sehr unerfolgreich. Und zwar in dieser ganz klassischen Hinsicht, dass man denkt, das ist doch eigentlich eine gute Idee, warum klappt es nicht? Und die schlimmste und treffendste Antwort ist, ja, weil du das nicht richtig hinkriegst. Insofern freue ich mich wahnsinnig, dass ich Bürokratie-Hacks gefunden habe und zwar Kooperationen, Zusammenarbeit mit anderen Leuten.
Christian: Die dir quasi da den Rücken freihalten sozusagen, die das machen für dich.
Sascha: Das habe ich über die Jahre ganz unterschiedlich gehandhabt. Das hängt ein bisschen vom eigenen Wirtschaften ab und wie erfolgreich man da ist. Ob man da Leute andocken kann, die sich darum kümmern oder ob man versucht, innerhalb von Netzwerken so Bürokratie-Skalierungseffekte zu erzielen. Da gibt es unterschiedliche Herangehensweisen. Und wenn man zwischendurch vielleicht sogar noch einen gnädigen Steuerberater erwischt, der irgendwie den sprichwörtlichen Schuhkarton, den es ja in Deutschland leider immer noch gibt, irgendwie komplett entgegennimmt, ohne dass man je wieder drauf schaut und dann trotzdem keinen Quatsch damit macht, dann sind genau das die Hacks, die einigermaßen funktionieren. Dass diese überhaupt notwendig sind, liegt an diesem bürokratischen Desaster, was wir in den letzten 15, 20 Jahren sogar noch verstärkt haben.
Angestellt im Land und politische Wirkung
Christian: Da bin ich völlig bei dir. Das ist auch ein Anspruch. Deswegen sagen wir Unternehmertum erleichtern, weil es ist ja Werbung, aber genau das treibt uns ja auch an, wie kriegt man den Quatsch weg? Also nicht alles ist Quatsch, aber ein Teil davon ist einfach völlig überzogen und das verstehe ich auch mit deinem Wort, wenn einer sagt, du musst mutig sein, um selbständig zu werden, das finde ich ganz schrecklich, dass wir es in Deutschland haben. Also dieses, ich glaube, du hast den Begriff auch mitverwendet, der von dir oder Kati Bruns ist, ich weiß nicht genau, ich fand den sehr schön, hab ihn auch mal geklaut, ist angestellt im Land.
Sascha: Ja, das hat Kati Bruns eindeutig geprägt, ich hatte bloß die große Freude, den mit als erster immer wieder in den Erwachsenenmedien zu benutzen und nicht nur in den sozialen Medien und dadurch prägt er sich dann gerade bei Menschen, die außer FAZ und Spiegel wenig ernst nehmen, doch auch ein bisschen eine Begrifflichkeit. Insofern danke an Kathi, dass sie da auch so aktivistisch weiter arbeitet.
Christian: Die ist auch die Kämpferin. Definitiv.
Sascha: Und ich mag auch ihre Überspitzungen, die dann dazu führen, dass Leute darüber nachdenken, die bis dahin dachten, ach so, eigentlich alles in Ordnung. Denn es ist nicht alles in Ordnung.
Christian: Siehst du eine Wirksamkeit, wenn du eben genau, ich meine, du bist ja jemand, der ein Multiplikator ist. Du hast eine Stimme, du hast eine sehr scharfe Sprache, aber absolut positiv, ist ja direkt und sauklar. Merkst du, dass es auch was nutzt, wenn du da auch Bühne gibst und diese Themen einfach hart ansprichst, hast du schon Wirkung, wo du sagst, du bist vielleicht auch stolz drauf und sagst, wow, das hat ja echt gewirkt.
Sascha: Ja, ich bin sehr stolz darauf, dass es nach innen wirkt in puncto seelische Hygiene. Würde ich das nicht sagen, dann würde es mir schlechter gehen. Ich bin sehr stolz darauf, dass mich immer wieder Leute ansprechen und sagen, danke, dass du das offen formulierst. Ich bin tatsächlich höchst enttäuscht, dass meine Wirkung in den politischen Apparat hinein, trotz quasi bester Beziehungen und immer wieder Gesprächen, dass diese Wirkung jetzt in den letzten 15 Jahren selbständigen Lobbyismus als Privatperson nahe Null ist. Also das Brett, was man da bohren muss, ist nicht nur dick, das ist gar kein Brett, das ist Marmor. Und da glaube ich, dass wir auf absehbare Zeit leider versuchen müssen, uns irgendwie als Selbständige so mit reinzumogeln in andere gesetzliche Sphären. Ich habe ein bisschen Hoffnung jetzt, was den Digitalminister angeht. Karsten Wildberger, absolut, der hat ein paar Sachen gesagt, wo ich sagen würde, wenn er das ernst meint, dann müsste er eigentlich auf Selbständige zugehen und zwar sehr, sehr massiv und da auch in andere Bereiche so reinfuhrwerken. Bei der Arbeitsministerin bin ich mir da leider ein bisschen unsicher, ob die nicht sehr viel Unfug treibt, aber beim Digitalminister glaube ich, der hat eine sehr, sehr zentrale Eigenschaft, von der ich glaube, dass sie notwendig ist. Ich denke nämlich als ehemaliger High-End-Unternehmensberater hatte er ja als Einstellungsvoraussetzung, dass er sich traut, sich unbeliebt zu machen. Und das ist genau notwendig, um da ein bisschen reformatorisch zu werden.
Aus Fehlern lernen
Christian: Wenn man was verändert, ist man ja selten beliebt bei so verkrusteten Strukturen. Wir versuchen es halt über die Automatisierung. Wir können es nicht abschaffen, aber wir können es so leicht machen, dass es sich als selbst schon gar nicht mehr anfühlt. Das wäre so der Traum, den wir haben. Das Schönste, wenn irgendjemand sagt, dank Lexware habe ich mich selbständig gemacht. Da würde ich sagen, wow, das ist ja, wer geht nicht Endstufe sozusagen.
Sascha: Absolut.
Christian: Aber ich meine, du hast so viel gegründet und in unterschiedlichen Bereichen können wir gar nicht alles auf heute eingehen. Und da ist es natürlich immer spannend zu hören, was sagt denn jemand, der erfolgreich geworden ist damit und auch natürlich seine Ups und Downs, die haben wir alle, aber auch als Angestellter sicherlich. Gibt es da so ein paar Tipps, wo du sagen würdest, liebe Gründer, liebe Gründerin, das würde ich jetzt am Anfang vielleicht ein bisschen anders starten, hätte ich hier und da vielleicht auch eine Abkürzung nehmen können. Gibt es da Themen, wo du sagst, das war was?
Sascha: Ja, ganz viele. Ich wäre am Anfang gerne klüger gewesen.
Christian: Heute nicht mehr?
Sascha: War ich nicht. Was wichtig ist, dass bei mir sehr viel mehr Downs da waren als Ups.
Christian: Ja?
Sascha: Ja, viel, viel mehr. Nur habe ich diese Downs jetzt, sagen wir mal, nicht auf die große Vermarktungshupe draufgesetzt. Ich habe die nie verschwiegen. Die sind auch googlebar und nachfühlbar. Warum auch, sollte ich die verschweigen. Aber die Downs waren viel zahlreicher. Und gleichzeitig sehe ich, dass jede Form von Erfolg auch damit zu tun hatte, dass ich aus einem Down gelernt habe. Ich will sagen, was ich allen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg geben wollen würde, ist, dass man sich aktiv vornimmt, aus eigenen Fehlern und aus eigenen, sagen wir mal, Schwierigkeiten zu lernen. Denn aus Fehlern lernen passiert nicht von allein. Es ist nicht so, dass man einen Fehler macht und danach ist man für alle Zeit und Ewigkeit davor gefeit. Es ist eher im Gegenteil so. Das ist auch ein Trick, den ich gut beherrsche.
Christian: Echt?
Sascha: Ja, weil man muss sehr interessiert an den eigenen Fehlern sein und sehr interessiert an einer Analyse gerade der schmerzhaftesten Punkte, damit man die gleichen Fehler nicht nochmal macht. Und dadurch, dass in vielen unternehmerischen Fällen man halt danach bei der Analyse nicht denkt, oh, das war der Fehler, sondern dann beschreibt man einen Fehler, den man sich gewünscht hätte, weil man ihn irgendwie gern gut beheben kann, dadurch entsteht halt häufig die Situation, dass man den gleichen Fehler in anderem Gewand nochmal macht. Insofern würde ich da einem raten oder einer raten, die jetzt neu gründet, sich darauf zu fokussieren, wenn es nicht klappt, wenn es klappt, super, wenn es nicht klappt, versuchen rauszufinden, woran es wirklich gelegen hat. Und daraus versuchen zu lernen.
Film, Sichtbarkeit und Provokation
Christian: Ja, finde ich auch viel Spannendes. Eigentlich eine Lernkultur, nicht eine Fehlerkultur.
Sascha: Ja, wobei wir in Deutschland mit beidem gewisse Probleme haben.
Christian: Das können wir heute tatsächlich nicht vertiefen. Ein bisschen knapp heute, aber was ich noch von dir hätte gerne, ist so, wenn über Sascha Lobo ein Film gedreht werden würde, was wäre der Titel?
Sascha: Ja, ehrlicherweise habe ich jetzt in den letzten, glaube ich, fast 20 Jahren drei oder vier Filme gedreht und fast alle hatten irgendwie absurde Wortspiele mit meinem Namen im Titel. Der erste war für Arte der Loboist, das war ein Lobbyismus-Film. Tatsächlich, würde ein Film über mich gedreht, glaube ich, wäre das ungefähr so wie bei meinem Wikipedia-Eintrag. Da habe ich irgendwann mal, da steht total viel Unsinn drin, also wirklich grotesker Quatsch, aber ich habe irgendwann mal einen heiligen Eid geschworen, meinen eigenen Wikipedia-Eintrag nicht zu editieren. Einfach für Peace of Mind. Das geht nicht. Das ist völlig inakzeptabel. Das ist eine Grenze, die ich nicht überschreiten werde. Nur so kann ich Frieden damit machen, dass da halt viel Quark drin steht. Und auch immer neuer Quark reingeschrieben wird. Genauso würde ich das mit einem Film sehen, wenn je ein Film über mich gedreht werden sollte. Was jetzt unwahrscheinlich erscheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Aber wenn das so passieren sollte, dann würde ich mir sehr wünschen, dass ich nicht die Person bin, die einen Titel aussuchen muss.
Christian: Okay. Ganz als allerletztes noch, ich habe dich einmal auch getroffen auf der re:publica, einer der ersten, glaube ich. Da weiß ich noch, hast du mal gesagt, ich habe mehr Follower auf damals noch Twitter als Spiegel. Erinnerst du dich an die Zeit? Den muss ich kurz noch ansprechen. Weil du hast auch gesagt, es wird kein Twitter-Advent ohne mich stattfinden. Das hat mir imponiert. Du hast wahrscheinlich auch schon nichts vergessen, dass wir uns da mal kurz ausgetauscht haben. Ist auch wirklich wichtig. Ich fand es sehr stark. Ich habe einfach mega Anspruch jetzt rein. Das Ding, das reite ich. Da bin ich auch irgendwie ein Gesicht für das Ganze, was in Deutschland passiert, so wie ich das jetzt interpretiere. War das auch so? War das so der Anspruch in der Zeit?
Sascha: Anspruch? Also ich bin großer Anhänger davon, in der Öffentlichkeit bestimmte Mechanismen zu testen. Und da kommt man manchmal auch in Bereiche der, sagen wir mal, nicht überbordenden Sympathie hinein. Das, was du gerade beschrieben hast, ist ja jetzt nicht die sympathischste Umgangsweise. Es ist aber gleichzeitig eine Art und Weise, und das haben wir danach später in sozialen Medien auch ganz oft gesehen, dass man erst mal auf den Schlamm haut, dass es spritzt und dann die daraus entstehende Erwartungshaltung, auch wenn sie negativ ist, versucht, mit hochqualitativen Inhalten zu füllen oder vielleicht sogar zu kontern, wenn es eine negative Erwartung ist. Und mit diesem Prinzip habe ich einigermaßen gute Erfahrungen gemacht. Einigermaßen nur deshalb, weil es manchmal auch total backfiret, um es ganz konkret zu sagen. In diesem Fall hat das allerdings gut funktioniert, weil ich relativ lange bei Twitter eine sehr große Reichweite hatte und quasi tatsächlich darüber in bestimmten Sphären so eine Art Image aufgebaut habe von jemandem, der relativ früh bei neuen Entwicklungen immer wieder vorne mit dabei ist und die A selbst verwendet und B erklärt. Und das ist im Prinzip bis heute mein Beruf im weitesten Sinn.
Christian: Mega.
Abschluss
Christian: Sascha, ganz, ganz lieben Dank, dass du heute dabei warst, hier am Tell Your Story Podcast. Hat super Spaß gemacht, ein bisschen gerafft alles, aber ich hoffe, wir konnten ein paar Dinge auch entlocken und dich nochmal als Person kennenlernen.
Sascha: Auf jeden Fall. Ich habe auch große Freude daran, nicht nur das zu erzählen, sondern ich versuche immer die Teile zu erzählen, die anderen Leuten nutzen. Also ich bin jetzt nicht völlig frei von Eitelkeit, ich weiß, erwartet man gar nicht, aber bin ich völlig frei von Eitelkeit.
Christian: Ja, über deinen Look haben wir noch gar nicht gesprochen. Das ist ja auch kein Zufall wahrscheinlich.
Sascha: Nee, ist wirklich kein Zufall. Ich werde halt gerne angestarrt. Aber das ist ja im positiven Kontext im Internet sowieso die Regel. Ich glaube aber, dass so sehr ich nicht tauge, um ein Vorbild zu sein in ganz, ganz vielen Bereichen, in so einzelnen ausgewählten Sphären, ist das manchmal eine Ermutigung. Wenn jemand wie ich, der, sag ich mal, ein bisschen zu mutig ist. Und das ist gar nicht positiv gemeint. Das ist jetzt nicht so, dass ich mega mutig bin, sondern dass ich ein bisschen zu nassforsch bin. Dass ich manchmal Sachen sage, die ein bisschen zu zugespitzt sind. Dass ich mich manchmal auf ein Eis wage, was dann tatsächlich auch ein bisschen bricht. Dass so eine Person trotzdem irgendwie einigermaßen in dieser Gesellschaft ankommen kann. Und das sage ich gar nicht mit einer Herablassung, sondern das sage ich eher mit einer Freude daran, ab und zu auf eine Weise zu provozieren, die anderen Leuten aufstößt, dann merkt, oh, da bin ich zu weit gegangen, aber es geht irgendwie trotzdem weiter.
Christian: Super. Alles gesagt für heute. Ganz vielen Dank, Sascha.
Sascha: Dankeschön.
Christian: Danke dir.