Stefanie ist seit 20 Jahren selbstständig im Handwerk, baut Kulissen und coacht heute Frauen in ihrer Persönlichkeit, die einen Handwerksbetrieb führen oder übernehmen. Auf der Baustelle wurde ihr oft die Kompetenz abgesprochen. Was brauchen Chefinnen, um sich dort durchzusetzen?
Zwanzig Jahre auf der Baustelle
Stefanie, du bist seit 20 Jahren im Handwerk. Was hast du dort als Frau erlebt?
Ich habe festgestellt: Sobald ich die Baustelle betrete und mein biologisches Geschlecht sichtbar wird, wird an meiner Kompetenz gezweifelt. Das hat mich jahrelang sehr wütend gemacht. So wütend, dass ich vor drei Jahren einen Verein mitgegründet habe, der sich für mehr sichtbare Diversität im Handwerk einsetzt: „Buntes Handwerk e.V.“. In der Funktion als 2. Vorständin bin ich in der Branche mit diesen Themen leider wieder gegen Wände gelaufen, obwohl wir als Verein sehr viele Unterstützerinnen und Unterstützer haben. Das hat mich aber letzten Endes dahin geführt, dass ich heute positiv auf das Ganze blicken möchte und sage: Hey, die Frauen, die im Handwerk arbeiten und einen Betrieb übernehmen, gehören einfach supportet. Egal, ob das für wichtig erachtet wird oder nicht.
Wie bist du selbst ins Handwerk gekommen?
Ich bin ein klassisches Lehrerkind aus Süddeutschland. Nach dem Abitur wollte ich unbedingt studieren, aber ich konnte einfach nicht noch länger zuhören und sitzen. Ich wollte etwas Kreatives machen, etwas Kulturelles und irgendetwas mit Handwerk. So bin ich im Theater gelandet und habe ganz klassisch eine Ausbildung zur Bühnenplastikerin gemacht – ein Handwerk. Mit 25 habe ich mich selbstständig gemacht und mache seither Dekorationsbau und Setdesign. Aber ich wusste auch: Irgendwann will ich nicht nur mit meinem Körper arbeiten, sondern auch mit meinem Kopf.
Warum sich im Handwerk so wenig bewegt
Wie kam das Coaching zu deinem Handwerk dazu?
Tatsächlich durch den gemeinnützigen Verein, den wir gegründet haben. Da kamen jede Woche so viele Geschichten rein von jungen Leuten, vor allem von jungen Frauen, die sich in ihren Betrieben nicht mehr wohlgefühlt haben und sich an uns gewandt haben. Da war mir klar: dagegen will ich etwas tun. Betriebskultur im Handwerk zu coachen, ist unfassbar breit. Deshalb konzentriere ich mich jetzt erst einmal auf Frauen, die einen Betrieb übernehmen. Denn dort herrschen alte Muster und Strukturen, die man – ohne es zu wissen – automatisch mit übernimmt. Und das kann auf Dauer zu Konflikten führen, die unnötig Zeit und Energie kosten. Und genau das kann ich verändern. Und es macht mega Spaß.
Hat sich die Branche in den letzten Jahren nicht verändert?
Wenn ich mir anschaue, wie die Branche vor fünf bis zehn Jahren war, muss ich sagen: ziemlich ähnlich wie heute. Ich habe vor kurzem ein halbes Jahr in einem Betrieb gearbeitet, in dem leider immer noch herumgeschrien wurde. An meinem letzten Arbeitstag hat mein Chef sogar einen Stuhl aus Wut nach mir geworfen. Er war der Meinung, er muss so handeln, weil der Laden sonst ja nicht laufen würde. Oder: Kundinnen haben mir erzählt, dass sie von anderen Gewerke-Chefs auf Baustellen immer noch „Engelchen“ und „Schätzchen“ genannt werden. Man möchte gerne glauben, dass es inzwischen anders ist. Aber die Realität sieht halt noch anders aus. Ich höre leider fast jeden Tag solche Geschichten.
Gab es einen Moment, in dem du hinschmeißen wolltest?
Den gab es tatsächlich nicht, dafür war ich früh genug resilient. Man kriegt irgendwann einfach ein dickes Fell. Wobei, in dem Moment, als der Stuhl nach mir geworfen wurde, hm? Ich glaube, wäre das nicht ohnehin mein letzter Arbeitstag gewesen, hätte ich wahrscheinlich hingeschmissen. Es ist eher frustrierend, wenn ich erzähle, dass ich Frauen im Handwerk coache, und von manchen Handwerkskammern höre, das sei unnötig, wir hätten doch andere Probleme. Dann sind das schon eher Momente, in denen ich nicht weiß, ob ich noch Lust habe, weiterzumachen.
Was Chefinnen ins Wanken bringt
Viele Frauen im Handwerk sind fachlich stark. Warum geraten sie ins Wanken, wenn sie einen Betrieb übernehmen?
Die Frauen im Handwerk sind absolute Macherinnen. Meistens sind sie richtig gut in dem, was sie machen, wenn nicht sogar besser als mancher Kollege. Warum? Weil sie sich ständig beweisen müssen. Aber wenn sie dann Führungskraft werden, zum Beispiel, weil sie einen Betrieb übernehmen, fangen sie an, leise an sich zu zweifeln. Sie werden teilweise unsicher und geraten ins Wanken, wenn sie unter Druck stehen. Das liegt aber nicht daran, dass sie tatsächlich schwach sind. Aber sie werden in bestehende Rollengefüge geworfen und mit alten Mustern konfrontiert, die die Branche und die Betriebe womöglich mitbringen, weil das Handwerk größtenteils noch männerdominiert und tradiert ist. Und das macht es nicht gerade einfach. Wir Frauen im Handwerk haben gelernt, uns entsprechend anzupassen und besser zu sein als die Männer. Das heißt aber auch, nach den Spielregeln zu spielen, die uns die Männer im Handwerk vorgeben. Das ist nicht unbedingt falsch, aber in dem Moment hinderlich, in dem du als Inhaberin klar und standhaft auftreten musst. Unter Druck musst du genau wissen, wofür du stehst, wofür dein Betrieb steht und wie du dein Team führen möchtest. Und all das gilt es herauszufinden und zu lernen, bevor es zu spät ist und man sich nur noch im Funktionsmodus befindet und den Betrieb eher verwaltet als erfolgreich führt.
Wir Frauen im Handwerk haben gelernt, uns entsprechend anzupassen und besser zu sein als die Männer.
Was machst du im Coaching anders?
So, wie Männer derzeit coachen, greift das bei Frauen einfach nicht richtig. Es gibt ein ganz einfaches Prinzip: Ein Mann ist erfolgreich, wenn er etwas tut, dadurch etwas hat und sich darüber definiert. Frauen funktionieren etwas anders. Wir sind Schöpferinnen. Wir sind, dann tun wir, und dann haben wir. In den gängigen Coachings werden einem aber erst mal 15.000 Theorien und 15.000 Strategien vermittelt. Als Frau hörst du dir das alles an, fühlst dich als Person aber noch gar nicht so weit, all das umzusetzen. Deshalb sage ich: Fangt nicht mit den Methoden an, fangt bei der Person an. Wer einen Betrieb übernimmt, muss erst einmal wieder zurück zu sich selbst, und sich fragen, wie er den Betrieb führen will. Erst wenn die alten Glaubenssätze und Muster abgelegt sind und das Standing da ist, können die Methoden kommen. Das ist das Coaching-Programm, mit dem ich gerade an meinen Kundinnen arbeite. Und mir werden die Türen eingerannt, weil die Frauen merken: Das funktioniert. Vor allem langfristig und nicht nur für den Moment.
Wie das Coaching im Alltag wirkt
Wie würdest du deinem Nachbarn erklären, was du anbietest?
Ich unterstütze Frauen in Führungspositionen im Handwerk dabei, ihre Persönlichkeit so zu stärken, dass sie sich endlich ernst genommen fühlen und unter Druck standhaft bleiben. Damit sie sich auf der Baustelle nicht mehr fragen müssen: Was mache ich hier eigentlich? Warum bin ich schon wieder viel zu nett? Warum darf er mich Engelchen nennen? Ich coache sie in ihrer Führungsidentität, damit sie den Betrieb auf ihre Weise führen – so, dass er zu ihnen passt und nicht anders herum.


Woran merkst du, dass dein Ansatz funktioniert?
Ein großer Meilenstein erlebte ich neulich, als die Kundin mit dem Respekt-Thema im entscheidenden Moment sagen konnte: „Entschuldigung, ich möchte nicht, dass du so mit mir sprichst, vor allem nicht vor meinen Mitarbeitenden. Es ist ja schön, wenn du denkst, dass wir uns verstehen – ich mag dich ja auch. Aber bitte sprich mich so an, wie du auch gerne angesprochen werden möchtest.“ Das Schöne war: Sie hat es nicht aus Wut heraus gesagt wie zuvor, sondern selbstbewusst, mit fester Stimme, nett und wohlwollend. Die beiden sind sich auf Augenhöhe begegnet, und sie wurde seither nicht wieder Engelchen oder Schätzchen genannt. Das war für mich der innere Jackpot, weil wir ab da darauf aufbauen konnten. Ich schaffe durch meine Arbeit ein Bewusstsein in den Köpfen der Frauen. Und dann geht es in Richtung Veränderung. Wissen wird zu verkörpertem Wissen. Und das ist die Lösung.
Ohne Wut, aber mit klarer Grenze. Ist das deine Haltung?
Wir dürfen nicht verkennen, dass wir in einem Patriarchat leben – so ist es nun mal. Es bringt nichts, sich aggressiv dagegen zu wehren, zu schimpfen und wütend zu sein. Wenn wir verstehen, warum sich Männer angegriffen fühlen, weil ihre Privilegien plötzlich infrage gestellt werden, hilft das auch uns Frauen. Das wünsche ich mir so sehr, von Männern und von Frauen: dass wir freiwillig kurz auf unsere Privilegien verzichten, die Perspektive wechseln, uns in unser Gegenüber hineinversetzen und die Situation dann neu bewerten. Und im besten Fall dann anders handeln. Nämlich respektvoll und auf Augenhöhe.
Wofür sie das macht
Für wen machst du das letztlich?
Ich glaube, irgendwie für Deutschland. Das Handwerk ist der zweitgrößte Wirtschaftszweig. Als Frau entscheidest du dich aktiv dafür, ins Handwerk zu gehen, und liebst im besten Fall deinen Job. Ich jedenfalls tue es. Und wenn wir Handwerkerinnen eins können, dann machen, verändern, kreieren und produzieren. Ich will, dass das Handwerk am Leben bleibt. Wenn wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren unser Mindset nicht verändern und Frauen nicht aktiv fördern – vor allem in der Nachfolge und in Führungspositionen –, dann lassen wir einen ganz großen Zweig links liegen. Das können wir uns gerade in der aktuellen Situation nicht leisten.
Was gibst du jemandem mit, der etwas wagt, das für andere erst einmal unplausibel klingt?
Keine Angst vor der Angst zu haben. Angst ist der Ehepartner von Mut – beides gehört zusammen. Wo Angst ist, ist auch Mut. Wir sind nur ängstlich, weil unser Nervensystem unbekannte Situationen einfach noch nicht kennt. Wir brauchen Mut, um zu starten und mit der Zeit geht die Angst. Für mich war die Selbstständigkeit mit 25 auch echt herausfordernd, aber sie hat mir nie Angst gemacht. Ich wusste: Solange ich meinem Herzen folge, kann mir nichts passieren. Das klingt abgedroschen, aber: Follow your heart and tell your truth. Wenn du mit einer Überzeugung rausgehst, musst du nur einen Menschen finden, der die gleiche Vision hat. Bei dreien merkst du: Es könnte ein Business Case werden. Bei fünf ist der Markt auf deiner Seite, dann ist es kein Zufall mehr. Dann: go for it. Lass dir nicht sagen, dass es nicht geht. Denn geht immer. Irgendwie.
Du hast gerade das Nervensystem erwähnt. Warum ist es dir so wichtig?
Wir wollen immer so viel aus dem Verstand heraus entscheiden, weil wir glauben, dort liegt die Antwort. Wir können viel wollen, aber solange unser Nervensystem nicht bereit ist, kommt das ganze Wissen nicht wirklich im Körper an. Wir müssen unseren Körper erst darauf vorbereiten, neuen Rollen und Aufgaben gewachsen zu sein. Also, Leute, kümmert euch um euer Nervensystem. Schaut, dass ihr den Erfolg und das Wachstum, das ihr wollt, auch aushalten könnt. Ich würde niemals coachen, wenn ich nicht selbst auch in einem Coachingprogramm wäre, um mich stets weiterzuentwickeln. Was nicht funktioniert: ganz schnell nach oben wollen. Wenn du es so erreichst, fällst du sofort wieder. Du musst langsam, organisch und immer wieder Stufe für Stufe die Treppe hochgehen und vor allem deinen Körper bzw. dein Nervensystem mitnehmen. Das durfte ich auch auf die harte Tour lernen. Ich bin hochgeflogen, tief gefallen und habe mich wieder langsam hochgearbeitet. Aber immer mit meinem Nervensystem. Und jetzt bin ich zum ersten Mal so richtig in meiner Kraft und kann tun, was mir Spaß macht – aus voller Überzeugung!






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