Der schönste Moment in dreizehn Jahren Selbstständigkeit hat nichts mit Umsatz zu tun. Es ist der Tag, an dem Steffi Schöne ihren Salon nach dem Lockdown wieder aufschließen darf. MEDUSA Friseur liegt in der Gauchstraße in der Freiburger Altstadt, sechs Plätze, alles auf Termin. Steffi ist Friseurmeisterin und führt den Laden seit März 2013 zusammen mit ihrem Geschäftspartner, der gleichzeitig ihr bester Freund ist. Schnitt, Farbe, Beratung. Wenn sie selbst in einem Satz sagen soll, wer sie ist, klingt das so: „Ich bin Friseurmeisterin, die mit ihrem besten Freund und guten Geschäftspartner sowie einem tollen Team ein Geschäft führt und dort jeden Tag das tut, was sie liebt: Haare schneiden und Menschen glücklich machen.“
Näher an den Menschen
Bevor Steffi Haare schneidet, arbeitet sie mit Technik. Ihre erste Ausbildung ist die zur foto- und medientechnischen Assistentin, dann schult sie um. „Ich habe umgeschult, weil ich näher an den Menschen sein wollte.“ 2004 fängt sie im Friseurhandwerk an, weil der Beruf zwei Dinge zusammenbringt, die sie sucht: kreatives Arbeiten und den Umgang mit Menschen.
Nach der Ausbildung landet Steffi bei einem Franchise-Betrieb von Tony & Guy. Dort beginnt sie fachlich noch einmal von vorn. Eine Trainerin und der Chef bilden sie komplett neu aus, und das bleibt. „Diese Ausbildung hat meinen Schneidestil nachhaltig geprägt.“
Das zweite Wohnzimmer
Was Steffi an diesem Beruf hält, ist nicht der Schnitt allein, sondern das, was während des Schnitts passiert. „Ich liebe es, der Kundschaft ein gutes Gefühl zu geben, sowohl fachlich als auch auf der sozialen und menschlichen Ebene.“ Ihr Geschäft nennt sie ihr zweites Wohnzimmer. Das übertrage sich, sagt sie, und deshalb fühle sich die Kundschaft dort auch so wohl.
Praktisch heißt das, dass vor jeder Behandlung ein Gespräch steht. Nicht Schnitt, nicht Farbe, sondern erst einmal zuhören. „Wir versuchen, die Menschen dort abzuholen, wo sie gerade stehen.“ Was brauchen sie? Welcher Schnitt steht ihnen, welche Farbe passt dazu? Gearbeitet wird erst danach.
Wird das gut gehen mit einem Freund?
Bis zum eigenen Laden vergehen neun Jahre. Die größte Hürde davor ist nicht das Geld, sondern die Angst vor der Unsicherheit, die zur Selbstständigkeit gehört. Sie hängt an zwei Fragen: Wird sich das auszahlen? Wird das funktionieren mit einem Freund als Geschäftspartner?
Heute beantwortet Steffi beide Fragen mit demselben Argument. Sie ist gern selbstständig, weil sie es nicht allein tut. Mit ihrem gleichberechtigten Geschäftspartner teilt sie die Verantwortung und auch den Spaß. Dazu kommt das, was sie an der Selbstständigkeit ohnehin schätzt: für sich selbst arbeiten, frei gestalten, selbst entscheiden.
Woran Steffi sich aus dem März 2013 erinnert, ist nicht die Eröffnung, sondern der Umbau davor und wie viele Freundinnen und Freunde dabei mitgeholfen haben. Stolz und gerührt, so beschreibt sie das heute.
Acht Jahre bis zur Null
Nach der Eröffnung beginnt die Phase, die auf keiner Feier vorkommt: abbezahlen. Acht Jahre dauert es, bis die Schulden weg sind. Steffi zählt diesen Punkt selbst zu ihren Meilensteinen, gleich neben einem, der sich nicht datieren lässt, nämlich der ständigen Wertschätzung vieler Kundinnen und Kunden.
Ein Shampoo zum Zehnjährigen
2023 wird die MEDUSA zehn Jahre alt. Zum Jubiläum gibt es eine eigene Edition, ein Shampoo mit dem Namen des Salons darauf. Dahinter steckt kein Marketingplan, sondern ein Dankeschön: für zehn Jahre Treue. Bei manchen Kundinnen ist es sogar länger, weil sie Steffi schon kannten, bevor sie sich selbstständig gemacht hat.
Grenzen ziehen
Dreizehn Jahre in einem Beruf, in dem man den ganzen Tag ansprechbar ist, verändern etwas. Gefragt, was sie am deutlichsten über sich gelernt hat, nennt Steffi nicht das Handwerk. „Ich habe sehr gut gelernt, mich abzugrenzen: vor respektlosem Verhalten von Kundschaften und der Tatsache, dass manche denken, man sei omnipräsent als Selbstständige.“
Das bleibt nicht bei der Haltung, sondern steht im Geschäftsmodell. Die MEDUSA arbeitet rein auf Termin und hat keine Laufkundschaft, ein solcher Salon lebt vom Kalender. Jeder ausgefallene Termin trifft den Umsatz direkt. „Wir ziehen klare Grenzen und haben Regeln aufgestellt, die verständlich kommuniziert und durchgezogen werden.“ Das hilft finanziell, sagt Steffi, und im Kopf.
Ökostrom ohne große Glocke
An anderer Stelle macht der Salon etwas, worüber er kaum spricht. Seit dem ersten Tag läuft die MEDUSA mit Ökostrom, der Kaffee ist Fairtrade, Flaschen werden nachgefüllt statt weggeworfen, die Geräte sind energieeffizient. Zum Thema gemacht hat Steffi das nie.
Der Grund ist unspektakulär. „Es kommt daher, weil wir auch privat so agieren.“ Was privat selbstverständlich ist, muss im Salon nicht erklärt und schon gar nicht beworben werden. Steffi fasst es in einem Wort zusammen: „Wir stehen auf Understatement.“
Sechs Plätze, zwei Auszubildende
Understatement heißt nicht Stillstand, aber eben auch nicht Wachstum. Größer geworden ist die MEDUSA nie, die sechs Plätze von 2013 sind die sechs Plätze von heute. Was der Salon stattdessen tut, ist ausbilden. Melissa hat ihre Lehre hier gemacht, Pauline ist im zweiten Lehrjahr.
In einem Sechs-Plätze-Salon auszubilden ist aufwendiger als in einem großen Betrieb. Warum Steffi sich das antut, sagt sie in einem Satz.
„Es ist nicht nur ein Geschäft, das wir führen: Es ist Teil unserer Identität und wir tun es aus vollem Herzen.“
Sammeln, scannen, abgeben
So geordnet wie der Terminkalender läuft nicht alles im Betrieb. Beim Papierkram fällt die Antwort kurz aus: „Alles sammeln, einscannen und ab zum Steuerberater. Wir sind da eher etwas chaotisch.“
Rechnen und vertrauen
Wer heute überlegt, sich als Friseurin oder Friseur selbstständig zu machen, vielleicht sogar bewusst klein, bekommt von Steffi keinen Motivationsspruch, sondern einen Taschenrechner. „Gut kalkulieren und durchrechnen und vertrauen, dass das, was man gerne macht, sich auszahlt.“ Beides gehört bei ihr zusammen, das Rechnen und das Vertrauen.
Was von dreizehn Jahren bleiben soll, hat Steffi ebenfalls in einen Satz gefasst.






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