In ihrem Gnu-Shop bietet Jasmin Gnu limitierten Merch an

„Dafür hat man ja die Reichweite”

Jasmin Gnu nimmt ihre Community überall mit hin: vom Gaming in Silent Hill bis zum gesellschaftskritischen Meinungskanal. Wie gelingt ihr das, ohne an Relevanz einzubüßen? Wieviel Haltung verträgt Social Media und wann wird Wandel zur Pflicht?

Gamerin Jasmin Gnu posiert in ihrem Merch

Zum Interview erscheint sie pünktlich. Es ist 12:30 Uhr. Andere lassen da den Stift fallen, Jasmin Gnu hat bis eben gestreamt und ist direkt ins Interview gekommen. Im Anschluss hat sie einen Call mit ihren Thumbnail-Designern. Trotz Muskelkater sitzt sie kerzengerade auf ihrem weißen Gaming-Stuhl, weiße Kopfhörer, das Haar zum Dutt, Brille auf der Nase. Sie justiert noch kurz das Mikro vor sich.

Hinter ihr baut sich zur Hälfte des Raums eine grüne Wand auf. Die andere Hälfte weiß, davor ein Regal, obenauf ein Gnu-Plüschtier. Ein Regalfach tiefer: Spyro, der Drache aus dem gleichnamigen Videogame. Darunter ein lebensechter Halo-Helm. Jasmin Gnus Bürotür steht offen, eine Statue von Vergil aus Devil May Cry 5 scheint sie offen zu halten. Und diese Tür wird sich wohl auch nie schließen. „Mit dem Zocken würde ich nie aufhören”, sagt sie.

Jasmin Gnu ist Mitte 30. Seit 2021 ist sie die reichweitenstärkste Zockerin im deutschsprachigen Raum. Von Haus aus ist sie Grafikdesignerin mit einem Master in Mediendesign. Sie arbeitete am Fraunhofer-Institut. Ursprünglich wollte sie selbst Games programmieren. Daraus wurde aber nichts. „Ich war einfach zu schlecht, es wäre sehr schwer für mich geworden”, bedauert sie. Gleichzeitig aber hat ihr das Zocken so viel Spaß gemacht, dass sich eine andere Tür öffnete – „eine bessere sogar”, sagt sie rückblickend. „Wenn halt ‘was nicht klappt, dann ergibt sich was anderes Schönes.”

Gnu Undercover

Ihr heutiges Standing hat sich Jasmin Gnu über Jahre erkämpft. Der Start als Gamerin in einer männlich dominierten Szene war hart, misogyn und antifeministisch. Sie hat sich „durchbeleidigen” lassen. Zu Beginn war das „ganz normal im Gaming, vor allem in Ego-Shooter-Games wie Counter-Strike oder Valorant.” Dort gehe es teils immer noch so toxisch zu, berichtet sie. Deswegen startete sie undercover mit dem Decknamen „Gnu". So blieb sie als Frau beim Zocken lange unerkannt. Hat sich das mittlerweile nicht verändert? Ja, doch, „da hat sich schon vieles verbessert”, findet Gnu.

Als sie vor fünf Jahren die Eine-Million-Marke auf YouTube knackt, hetzt ein Content Creator gezielt mit Videos gegen sie. Parallel aber gibt es auch so etwas wie „Male Allyship” in der Szene – Gamer, die sich für sie freuten und sich für sie einsetzten. Das veränderte vieles für sie. Was Jasmin Gnu im Gaming erlebt hat, prägt auch, wie sie heute Verantwortung im Netz wahrnimmt.

Community-Deal: Love in – love out

Gnu fordert einen Führerschein für Content Creators. „Der sollte entzogen werden”, bei Täuschung und Abzocke wie beim „Fanblast”-Skandal oder beim „Tinder-Schwindler”: „Wie kann es denn sein, dass der nach der Netflix-Doku erst richtig groß geworden ist auf TikTok?”, fragt sie. Auch Plattformen müssten zur Verantwortung gezogen werden. Was Content Creators betrifft: Sie setzen den Ton in ihren Communities. „Man braucht sich nicht über eine beleidigende Community wundern, wenn man sich selbst so ausdrückt.” Ihre eigene Community bezeichnet sie als „cute” und „süß”. Anderen Creators rät sie: „Love in – love out”. Vor Recherche- und Reaction-Videos schwört sie ihre Zuschauer:innen auf Respekt ein. Hater blockt sie eigenständig.

Mehr als eine Content Creatorin: Gnu ist Arbeitgeberin

Generell macht Gnu den Eindruck, sie mache vieles einfach kurzerhand selbst. Dabei geht längst nichts mehr „einfach” oder „kurzerhand”. Und sie ist auch längst nicht mehr „nur” YouTuberin, Streamerin oder Gamerin: Gnu ist Arbeitgeberin. Ihre Organisation wirkt minutiös getaktet, nichts ist zufällig. Sie beschäftigt heute ein Dutzend Freelancer, darunter Management, Cutter, Thumbnail-Designer, Recherchehilfen. Und das seit vielen Jahren verlässlich mit stabiler Auftragslage. „Wir arbeiten wie ein eingespieltes Team“, sagt sie. „Jeder weiß, dass der andere liefert. Ich lasse auch niemanden hängen.“

Jasmin Gnu mit ihrem Gnu-Merch
Über ihren Gnu-Shop hat sich Jasmin Gnu ein weiteres finanzielles Standbein aufgebaut: Fans finden dort limitierte Statement-Pieces und Accessoires.

„Das muss so. Seit zehn Jahren muss das.“

Schaut man sich ihre Kanäle an, so reihen sich dort Videos mit der Info „hochgeladen vor einem Tag, vor 2 Tagen, vor 3, 4 ,5, 6” – ein Tag Pause – „hochgeladen vor 8 Tagen”. Und das betrifft nur einen Kanal. Gnu bespielt insgesamt vier YouTube-Kanäle und Instagram. Sie streamt auf Twitch und tiktokt – gefühlt Tag für Tag. „Es erfüllt mich”, sagt sie. Gleichzeitig sei es eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Manchmal heißt die Leidenschaft dann „Herpes Herbert”, manchmal Schlafmangel oder Schlafstörung – alles keine Seltenheit. Demnächst macht Gnu eine Recherche im Schlaflabor. Nein, andersherum: Sie macht einen Selbsttest, eine Challenge im Schlaflabor – und darüber dann eine Recherche, „damit vielleicht auch andere Menschen entdecken, wie sie ihren Schlaf optimieren können.”

Sie schaue selbst gern TV-Sendungen wie Abenteuer Diagnose. Demnächst will sie ein Recherche-Video über Lipödem machen. Das haben sich „die Leute” von ihr gewünscht. Und Gnu findet: „Wie wichtig bitte, dass Menschen – ob über Abenteuer Diagnose oder über meinen Kanal – Krankheitsbilder entdecken, unter denen sie vielleicht selbst seit Jahren leiden, aber keine Diagnose finden!” Das sei ihr schon in zwei Fällen passiert. „Dafür sollte man die Reichweite, die man hat, auch einsetzen.”

„Your influence – your responsibility”

Fühlt sie sich manchmal wie eine Orientierungshilfe für junge Menschen? Richtet sie auch mal – als Social-Media-Justitia? Wo sieht sie ihre Verantwortung? Gnu denkt nach. Ihre Verantwortung hat sie das erste Mal gespürt, als sie ihrer Community live begegnet ist: „Das war auf der gamescom. Da standen plötzlich all die Leute, die mich sonst nur digital schauen, direkt vor mir – und ich dachte: ‘Die sind ja erst 12 oder 13!’“. Gnu fasst sich an die Schläfen. Es war der Moment, in dem ihr bewusst wurde, wie jung ihr Publikum auch ist. „Oh Gott”, dachte sie, „und das habe ich mal hochgeladen – peinlich!" Im Nachgang habe sie viele Videos offline genommen, die ihr plötzlich unpassend erschienen. Viele von Gnus Zuschauer:innen begleiten sie seit zehn Jahren, vom Schulkind bis zum jungen Erwachsenen. „Das ist total süß, man vergisst das leicht, weil man sie nicht regelmäßig sieht, aber es sind Menschen, die mir seit einem Jahrzehnt folgen.“

Vom Gaming zum gesellschaftskritischen Kanal

Mit Meinungen ist Jasmin Gnu vorsichtig, aber nicht zurückhaltend. Auf ihrem YouTube-Kanal „Gnu glotzt“ postet sie Reactions. Sie mischt sich ein, sie bewertet, sie lernt, und sie korrigiert sich auch. „Ich will nicht die Social Media-Justitia sein“, sagt sie, „aber wenn ein Thema gefährlich wird, dann muss ich es ansprechen.“ Oft lernt sie aber selbst von ihren Zuschauer:innen. „Ich hab schon oft gemerkt: Meine Meinung war vielleicht zu einseitig. Im Live-Chat kommen Leute, die dann sagen: ‘Hey, du siehst gerade diese Gruppe gar nicht’, und dann denke ich: ‘Stimmt’. So wächst man.“ In diesen Momenten wird deutlich, was sie meint, wenn sie sagt, „Reactions müssen mehr sein als nur anschauen und zwei Kommentare abgeben“. Was gehört für sie zu einer guten Reaction? „Ahnung vom Thema haben”. Und wenn nicht? “Dann mach es live, lass den Chat laufen, da sind immer Leute, die ihr Wissen teilen.” Was auch dazu gehört:

„Haltung über Zahlen und Charakter über Reichweite”

Haltung. Gewissenhaft sein. In den Diskurs gehen: Was Jasmin Gnu lebt, schätzt auch ihre Community. Genau darin liegt ihr Kompass. Als sie bei einem Event Creators in den USA begegnet, prahlen diese mit ihrem Income. Gnu reagiert genervt. „Können wir bitte mal über was anderes reden? Geld beeindruckt mich nicht. Zeig mir lieber deinen Charakter.“ Dazu passt, dass sie auch nur Werbung für Marken mache, die sie selbst möge. „Mein Management prüft genau, ob es Skandale gab oder ob mir eine Kooperation schaden könnte“, erzählt sie. Kommerz um jeden Preis, das ist nicht ihr Ding. „Haltung, Content, Werbung – das muss alles zueinander passen.“ Selbst der Algorithmus stört ihren moralischen Kompass nicht: „Wenn YouTube meine Videos zu Themen wie Essstörungen drosselt, dann nennen wir es halt ‘ED’. Aber wir machen das Video trotzdem.“

Jasmin Gnu ist die reichweitenstärkste Gamerin im deutschsprachigen Raum
Als erste deutsche Gaming-YouTuberin knackte Jasmin Gnu die Marke von über einer Million Follower:innen.

Zwischen Leben und Leitbild: Kill your Darling!

Während andere von ihren Reichweiten träumen, hat Jasmin Gnu ihren erfolgreichsten Kanal, ihren „Darling” mit 1,5 Millionen Abonnent:innen, „bewusst gekillt” – heißt: Sie hat den Output von fünf auf ein Video pro Woche gedrosselt. „Ich wusste, das haut mich komplett aus dem Algorithmus. Aber das musste sein, um Neues aufzubauen.“ Was als Gaming-Kanal auf YouTube begann, hat Jasmin Gnu ausgeweitet: Sie macht Reactions auf ihrem Meinungskanal, 622.000 Abonnenten nehmen teil. Auf ihrem Kanal „Verspieltes Gnu” sind weitere 688.000 Abos. Dort liefert Gnu komplette Gameplays, „denn ich liebe Story Games und erlebe diese gerne mit euch zusammen!”, lautet die Beschreibung.

Wann wird Wandel zur Pflicht?

Gnu glaubt an ständige Weiterentwicklung. Und dabei bedeutet Veränderung bei ihr nicht Rückzug, sondern bewusste Steuerung. „Wenn etwas funktioniert, cool! Aber dann überleg direkt: Was kommt als Nächstes?“ Sie wolle nicht mit 40 noch dieselben Formate machen wie mit 30. „Man muss wissen, wann man etwas loslässt. Kill your Darling – das ist manchmal der einzig richtige Schritt.“ Und bei jedem dieser Schritte nimmt Jasmin Gnu ihre Community bewusst mit. „Worüber sollte ich eine Recherche oder Reaction machen?”, fragt sie. „Die Leute stellen Wunschthemen auf meinem Discord ein – auch Challenges.” Dafür zwängt sie sich dann schon mal durch Höhlen. Sie lernt Poledance und tritt nach nur einem Monat Training zum Wettbewerb an. Aktuell trainiert sie Eiskunstlauf. Sie will eine Pirouette stehen. Dafür trainiere sie täglich. Deswegen auch der Muskelkater.

Was rät sie Creator:innen, um relevant zu bleiben?

Sich komplett auszuprobieren, das zu tun, was ihnen Spaß mache. „Das ist wichtig! Schau: Was kann ich machen, was niemand anderes macht – oder nur wenige andere? Und wenn ein Format gut läuft, lade parallel Content zu weiteren Themen hoch.” Zu Fortnite-Zeiten haben alle nur was zu Fortnite gemacht, „denn das lief”. Sie habe zwischen den Fortnite-Videos aber immer mehr ausprobiert, damit – „falls es abstürzt – die neuen Sachen schon da sind.” Das würde sie allen empfehlen. Was noch? „Frag dich: Was bedeutet mir der Kanal? Was möchte ich daraus machen?” Man selbst entwickle sich weiter, die Spiele ändern sich auch. „Der Fokus muss klar sein: Möchtest du Entertainment machen? Möchtest du Wissen teilen? Möchtest du es kombinieren?”

Wenn sie als Content Creatorin einen Wunsch frei hätte,

dann würde sie „gern verstanden werden als jemand, der Fehler machen darf.” Sie und auch befreundete Creator:innen haben ein Problem damit, wenn sie auf Podeste gestellt werden. „Da will ich gar nicht hin. Ich bin nicht unfehlbar.“ Einmal habe sie sich unglücklich ausgedrückt und dafür Entsetzen aus ihrer Community geerntet. „Ich bin so enttäuscht!”, schrieben einige. „Ich wünschte mir, man dürfte auch mal danebenliegen, ohne direkt gecancelt zu werden.“

Die Zeit fürs Interview ist um. Jasmin Gnu verschiebt ihren anschließenden Call um fünf Minuten – für eine weitere Frage und ein abschließendes Statement. „Es sind ältere Leser, oder?”, vergewissert sie sich noch. Ja. Dann gehe das an alle Eltern: „Befasst euch mit den Content Creators, denen eure Kinder folgen. Achtet darauf, was für Games sie spielen. Auch im Minecraft- und Roblox-Kosmos, der jugendfrei ist, mischt sich extrem viel 18+-Content. Teils werden dort krasse Ansichten geteilt.”

Und über all dem wacht das Gnu auf dem Regal – Sinnbild für Ausdauer, Gemeinschaft und Migration. Ein Tier, das sich zu Millionen vereint, kollektiv wehrt und Regenwolken über Tausende Kilometer hinweg folgt.

Mehr zu Jasmin Gnu findest du auf ihrem YouTube-Kanal: Jasmin Gnu - YouTube

Fotocredits: Lyonel Stief
Text: Despina Borelidis

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