Tim Busam gestaltet mit allive Grabsteine, in die Angehörige Briefe einwerfen können. Tanja Bosbach begleitet Familien als freie Bestattungsberaterin. Gemeinsam wollen sie Leben auf Friedhöfe bringen, die immer leerer werden. Wie soll das gehen?
Briefe einwerfen, Gärten ohne Pflege
Tim, ihr habt einen Grabstein entwickelt, in den man Briefe einwerfen kann. Wie muss man sich das vorstellen?
Tim: Das ist ein Grabstein, der auf dem Grab steht und über die reine Information hinausgeht. Ein normaler Stein sagt mir: Hier liegt Person XY begraben, mit Geburts- und Sterbedatum. Wir erweitern das um etwas Emotionales. Am Ende ist es kein Grabstein mehr, sondern eher ein Trauerhelfer, weil er zuhört. Ich gehe in den Austausch, nicht mit der verstorbenen Person, sondern mit mir selbst.
Tanja: Es bleibt ja immer ganz viel unausgesprochen. Mit dem Stein kann man dem Verstorbenen noch schreiben oder ihn weiter am Leben teilhaben lassen. So bleibt man im Trauerprozess in Kontakt. Und wir bringen mehr Leben und Gemeinschaft auf den Friedhof.
Wer darf etwas einwerfen, und wer liest die Briefe?
Tim: Jeder, der an das Grab kommt, kann etwas einwerfen. Und niemand kommt an den Inhalt heran. Es ist ein komplett geschlossenes System, und genau das schafft eine wahnsinnige Intimität. Ich muss keine Angst haben, dass jemand Drittes mitliest. Ich kann Wünsche äußern, aber auch Sorgen, Ängste, vielleicht meine Wut. Technisch ist der Stein so gebaut, dass ein natürlicher Zersetzungsprozess stattfindet. Er entleert sich in ungefähr zehn bis zwölf Monaten von selbst.
Tod ist alles andere als tot.
Tanja, ihr entwickelt auch ganze Friedhofskonzepte. Für wen?
Tanja: Für die Hinterbliebenen, die Freunde, die Familien. Viele sagen, sie möchten anonym bestattet werden. Aber wer möchte schon vergessen werden? Meistens steckt dahinter, dass man keine Pflegeverpflichtung hinterlassen will. Niemand soll 30 Jahre lang jede Woche zum Gießen ans Grab müssen. Deshalb entwickeln wir Friedhofssysteme, die pflegefrei sind. So entstehen Gärten, in denen man etwas einwerfen kann, um die man sich aber nicht kümmern muss.
Tim: Austauschräume. Warum gibt es Bänke auf Friedhöfen? Früher gab es kein Telefon, kein Handy. Die Leute haben sich mit ihrem Leid dort getroffen, sich zusammengesetzt und darüber gesprochen. Wir wollen den Friedhof wieder zu einem Ort machen, an dem Begegnung stattfindet. Denn Tod ist alles andere als tot.
Zwei Wege in die Bestattungsbranche
Tanja, du bist seit zwölf Jahren in der Branche. Wie kam es zur Selbstständigkeit?
Tanja: Ich war 10 Jahre fest als Beraterin und Trauerbegleiterin in Bestattungshäusern angestellt. Ich habe Hinterbliebene beraten, begleitet und Bestattungen organisiert. Eine gute individuelle Begleitung liegt mir am Herzen und als Selbständige Freiberuflerin kann ich seid knapp 2 Jahren, mit dem passenden Bestatter noch viel individuellere Bestattungsmöglichkeiten erarbeiten, ohne das höhere Gesamtkosten entstehen. Tim und allive habe ich auf der „Leben und Tod“ in Freiburg kennengelernt, einer Messe zu Bestattung und Trauerbegleitung. Danach haben wir angefangen, zusammen Konzepte zu entwickeln.
Tim, bei dir begann es 2021 mit einem Studentenprojekt. Was war der Auslöser?
Tim: Wir haben in Ravensburg Design studiert, und Design hat immer die Vorgabe, Probleme zu lösen. Das Problem haben wir während Corona erkannt, weil wir im Freundeskreis selbst mehrere Todesfälle hatten. Auf eine Familie kommt wahnsinnig viel finanzieller Aufwand zu, und gleichzeitig wird ganz wenig auf ihre Bedürfnisse eingegangen. Also haben wir gesagt: Lass uns Lösungen schaffen.
Gegenwind von den Etablierten
Was war die größte Hürde?
Tim: Die traditionelle Bestattungskultur, das traditionelle Bestattungsnetzwerk.
Tanja: „Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass jemand mit Ihnen arbeiten möchte, ne?“
Tim: In dieser Branche wird so viel Geld verdient, dass die Leute dort keine Veränderung wollen. Keine Veränderung heißt aber nicht, dass es gut ist für die Familien. Es gibt so viele tolle Ideen, aber für ihre Verbreitung ist dieses bestehende Netzwerk einfach der Tod. Du darfst dich nicht davon abhängig machen. Du musst dich durchboxen.
Tanja, wie läuft ein Gespräch beim klassischen Bestatter ab?
Tanja: Ich habe nie bei solchen gearbeitet. Begleite aber Familien in der Trauerbegleitung. Es dauert ca. eine Stunde. Er legt dir die Hand auf die Schulter und sagt: Ich weiß, was gut für Sie ist. Dann kommt die Frage: Erdbestattung oder Feuerbestattung? Rosen oder Nelken? Den Sarg oder den Sarg? Wenn es ganz schlimm läuft, heißt es noch: Der Sarg wird Ihnen doch Ihre Mutter wert sein. Da geht es ums nackte Geldverdienen und nicht um die Menschlichkeit dahinter.
Tim: Und nicht darum, was gebraucht wird.
Zwischen Würstchenstand und Sauna
Wann habt ihr gemerkt, dass euer Ansatz ankommt?
Tim: Anfang dieses Jahres. Vielleicht ein bisschen provokant: Wir sind auf die zweitgrößte Verbrauchermesse Deutschlands gegangen und haben uns mit unseren Grabsteinen zwischen Würstchenverkäufer und Saunaproduzent gestellt. Zehn Tage lang.
Tanja: Mitten im Leben halt.
Tim: Es hat polarisiert, und es hat interessiert. Der Pressesprecher der Messe fand, dass wir der Exot sind, und hat uns als Aufhänger genommen. Dann kamen der MDR, die Bild-Zeitung und die Deutsche Presse-Agentur, die es in ganz Deutschland ausgespielt hat. Gerade wenn jemand zu früh stirbt und viel Trauer zu verarbeiten ist, dann hilft das. Seitdem bekommen wir Anfragen und Wünsche aus ganz Deutschland. Da geht es nicht ums Produkt, sondern darum, dass wir Menschen helfen können.


Auch Kommunen fragen inzwischen bei euch an. Warum gerade jetzt?
Tanja: Immer mehr Leute gehen den Weg über die Schweiz oder die Niederlande, um die Asche ausgehändigt zu bekommen. Aber wer sie zu Hause oder im Garten hat, hat keinen Trauerort.
Zudem fehlt der Trauerort für Verwandte und Freunde. Wir wollen die Friedhöfe erhalten und gemeinsam mit Kommunen und Gemeinden Konzepte entwickeln um den Friedhof zum Begegnungsorten zu machen. Buntere lebendigere Orte die ohne Pflegeverpflichtung für die Familien Raum für Trauer, Leben und Begegnung schaffen. Der Wunsch nach Kolumbarien wird immer größer und da gibt es furchtbar hässliche Sachen. Da haben wir uns überlegt das muss doch auch schön gehen. Daraus ist ein Kolumbarium entstanden, welches Raum für sehr viele individuelle Konzepte bietet.
Was bei den beiden ankommt
Tim, du bist fachfremd in diese Branche gekommen. Wie hat dein Umfeld reagiert?
Tim: Es kamen viele Fragen von Freunden und Familie: Bist du dir sicher, dass du in den Bereich willst?
Tanja: Dass du das kannst.
Tim: Genau. Macht das nicht etwas mit dir? Dabei ist das total falsch. Ich bekomme zwar viele schlimme Geschichten mit, aber was bei mir ankommt, ist Dankbarkeit und Wertschätzung. Wenn die Familien mir ihre Geschichte erzählen, haben sie ein Lächeln im Gesicht.
Was war euer schönster Moment?
Tanja: Wenn man so richtig merkt, man tut das Richtige.
Tim: Wenn Kinder auf den Friedhof zu ihrem Papa rennen, die Hand an den Stein legen, „Hallo Papa, wir sind da“ sagen und einen Brief einwerfen. Dann stehe ich da und bin total erfüllt. Vor Kurzem hat ein zwölfjähriger Junge mit einem Hirntumor mit mir seinen eigenen Stein gestaltet. Er wollte für seine Geschwister und seine Mama einen schönen Stein gestalten. Wie er trotz dieser Situation mit Freude damit umgegangen ist, das ist unglaublich. Da läuft es einem eiskalt den Rücken runter. Aber ich weiß, wie er sich dabei gefühlt hat. Und was ich durch ihn für eine Inspiration erfahren habe.
Was gebt ihr Menschen mit, die einen ähnlichen Weg gehen wollen?
Tanja: Den eigenen Weg gehen, weitermachen, an das glauben, was man macht. In der Selbstständigkeit macht man das ja aus dem Herzen heraus, zumindest ist es bei mir so. Genug Zeit für die Angehörigen haben, Wege finden, die sonst nicht möglich sind. Trauerfeiern überall, ob als Picknick zu Hause oder dort, wo es zu demjenigen passt.
Tim: Da darf auch mal ein Sekt geknallt werden, wenn ein Stein aufgestellt wird. Alles schon erlebt. Und wenn dir jemand einen Stein in den Weg legt: Steig drüber, lauf weiter. Es gibt viele Steine. Geh deinen Weg, und wenn du daran glaubst, bekommst du das alles zurück.
Was soll von eurer Geschichte hängen bleiben?
Tim: Dass Tod und Leben zusammengehören. An den Gedanken darf sich jeder ein Stück weit gewöhnen. Das ist nicht trist, das kann komplett voller Leben sein. Ich habe zehn Jahre lang nicht über den Tod meines Opas trauern können. Nicht weil ich es nicht konnte, sondern weil ich es von mir weggeschoben habe. Durch diese Arbeit habe ich selbst gelernt zu trauern.
Tanja: Das einzig Klare, sobald wir auf die Welt kommen, ist, dass wir sterben. Trotzdem möchte sich kaum jemand damit beschäftigen. Sprecht mit den Menschen darüber, was ihr euch wünscht, wenn ihr mal sterbt. Ich habe vier Kinder. Die schlimmste Vorstellung überhaupt ist für mich, eins von ihnen zu Grabe tragen zu müssen. Trotzdem weiß ich von jedem meiner Kinder, wie es bestattet werden möchte. Denn in so einer Situation macht es nichts leichter, nie darüber gesprochen zu haben.






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