Thomas Hann hat aus dem alten Gasthaus Löwen in Gresgen eine Genossenschaft gemacht. Heute ist das Hofgut LEO Seminarhaus, Gästehaus und Café im Südschwarzwald. Geradlinig war der Weg dorthin nie. Was trägt eine Gemeinschaft, wenn es schwierig wird?
Vom Nahwärmenetz zur Genossenschaftsidee
Thomas, aus dem alten Gasthaus Löwen ist eine Genossenschaft geworden, die Zimmer, Seminare, ein Café und Veranstaltungen anbietet. Wie beschreibst du in einem Satz, was du machst?
Ich bin ein Verbinder und Ermöglicher, der Menschen, Ideen und Kapital in genossenschaftlichen Strukturen zusammenbringt, um Orte für eine lebenswerte Zukunft zu entwickeln. Und ich arbeite vom Hofgut LEO im Südschwarzwald aus.
Angefangen hat das 2007, als du deinen Vater beim Aufbau einer Nahwärmeversorgung für das ganze Dorf unterstützt hast. Was treibt dich seitdem an?
Die Erfahrung, dass wir nicht darauf warten müssen, dass „irgendjemand“ unsere Probleme löst. In Hägelberg habe ich zum ersten Mal ganz konkret erlebt, was entsteht, wenn Menschen sich zusammentun und Verantwortung übernehmen. Genossenschaften sind für mich deshalb ein Werkzeug, mit dem Menschen wieder handlungsfähig werden. An zähen Tagen hilft mir die Überzeugung, dass fast alles, was heute selbstverständlich wirkt, einmal damit begonnen hat, dass einige Menschen trotz aller Widerstände weitergemacht haben.
Du hast mit 14 angefangen zu arbeiten und mit 17 dein erstes Unternehmen gegründet. Wann wusstest du, dass du dein eigenes Ding machst?
Diesen Moment gab es eigentlich zweimal. Mit 17 wusste ich, dass ich unternehmerisch arbeiten will. Danach habe ich Betriebswirtschaft studiert. Mit 23 hatte ich dann einen Burnout, eine tiefe Zäsur. Seitdem beschäftigt mich die Frage, wie wir wirtschaften können, ohne Menschen, Gemeinschaften und unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu verbrauchen. Ich wollte Wirtschaft nicht hinter mir lassen, sondern sie anders denken. Mit 23 wusste ich also, wofür.
Ein historisches Haus ohne Hotelerfahrung
Später hast du in Forschungsprojekten zu Nachbarschaft, Dörfern und kommunaler Daseinsvorsorge gearbeitet. Wie wurde daraus der LEO?
In diesen Projekten habe ich erlebt, wie groß der Wunsch vieler Menschen nach Gemeinschaft und einer anderen Zukunft ist. Aber auch, wie selten es reale Orte gibt, an denen man sie ausprobieren kann. Dann begegnete uns das alte Hotel Löwen. Wir waren fünf Gründer mit einer großen Idee, aber ohne fertige Antworten. Noch bevor es viel zu sehen gab, zeichneten Menschen Anteile, darunter auffallend viele Osteopathen, Heilpraktiker und Menschen aus anderen Heilberufen. Ich würde gar nicht sagen, dass ich sie überzeugt habe. Der Ort selbst hat sie angesprochen.
Im Mai 2022 habt ihr das Haus übernommen, dessen Granitmauern seit 1720 stehen. Wie sahen die ersten Monate aus?
Einen normalen Dienstag gab es nicht. Oft begann der Tag irgendwo zwischen Keller und Dachboden. Ich versuchte zu verstehen, wie dieses riesige Haus überhaupt funktioniert. Und gleich zu Beginn ging etwas sehr Wesentliches schief. Meine Mitgründerin, die als Geschäftsführerin vorgesehen war, verließ überraschend das Projekt, und mit ihr fiel das geplante Geschäftsmodell weg. Plötzlich sollte ich ohne Hotel- oder Gastronomieerfahrung einem historischen Gasthaus neues Leben und vor allem Umsatz einhauchen. Vieles entstand deshalb improvisiert. Immer wieder kamen Menschen durch die Tür, die genau die Fähigkeit, die Idee oder den Mut mitbrachten, der gerade fehlte.
Ein Beispiel dafür ist der Sonnenraum im Garten. Beantragt war ein Unterstand für Mülltonnen und Fahrräder, entstanden ist ein Pavillon aus Mondholz. Wie kam das?
Bei uns fand ein Vortrag über Mondholz statt. Unter den Gästen waren Handwerker, die reziproke Räume bauen, also Konstruktionen, bei denen sich die Dachbalken gegenseitig tragen. Gleichzeitig wünschte sich ein Geldgeber einen stillen, kraftvollen Raum für seine Zen-inspirierten Seminare. Dazu kam der Bauantrag für den Unterstand, und plötzlich fand das zusammen. Wir schaffen einen offenen Rahmen, in dem Menschen, Fähigkeiten und Bedürfnisse aufeinandertreffen, und daraus entsteht manchmal etwas, das keiner von uns allein hätte planen können.
Was erwartet jemanden, der heute zum ersten Mal die Straße zu euch hochkommt?
Zuerst ein großes, altes Schwarzwaldhaus mitten im Dorf. Du kannst bei uns übernachten, die Zimmer sind individuell und eher schlicht. Vor allem sind wir ein Seminar- und Gruppenhaus für Workshops, Tagungen, Chöre oder Weiterbildungen, auf Wunsch mit Verpflegung. Am Wochenende öffnet unser Café mit hausgemachten Kuchen, im Sommer sitzt man unter den alten Bäumen an der Außenschänke. Dazu kommen Hochzeiten, Konzerte und Lesungen. Das Regenerative ist für uns kein zusätzliches Produkt. Es ist die Frage, wie wir alltägliche Dinge so gestalten, dass sie Menschen, Gemeinschaft und Natur stärken, statt sie zu verbrauchen.
Finanzierung, Verantwortung und Konfliktfähigkeit
Sanierung, steigende Kosten und Finanzierungslücken haben euch immer wieder an eure Grenzen geführt. Was war die größte Hürde?
Rückblickend eine Finanzierungsarchitektur, die nicht zu unserem Vorhaben passte. Einen großen Teil des Kaufpreises hatten wir über Bankdarlehen finanziert. Gleichzeitig mussten wir ein historisches Gebäude sanieren, einen Betrieb neu aufbauen. Steigende Bau-, Energie- und Personalkosten ließen kaum Spielraum für Verzögerungen oder Fehler. Heute arbeiten wir an einer tragfähigeren Eigentums- und Finanzierungsstruktur, in der Verantwortung, Risiko und Mitbestimmung besser zusammenpassen. Mein wichtigstes Learning daraus: Eine gute Idee braucht nicht nur Geld, sondern Geld mit der richtigen Haltung, der richtigen Geduld und einer Architektur, die dem Projekt wirklich dient.
Eine gute Genossenschaft ist nicht konfliktfrei. Sie ist konfliktfähig.
Welcher verbreitete Satz über Genossenschaften stimmt aus deiner Erfahrung nicht, und was machst du heute anders?
„Wenn alle mitentscheiden dürfen, übernehmen auch alle Verantwortung.“ Mitbestimmung lädt zu Verantwortung ein, garantiert sie aber nicht. Am Anfang habe ich Gemeinschaft teilweise mit größtmöglicher Offenheit verwechselt. Heute kläre ich viel früher, wer welche Rolle übernimmt, wer was entscheiden darf und wer auch dann verbindlich einsteht, wenn es anstrengend wird. Wirtschaftliche Schwierigkeiten würde ich heute früher sichtbar machen, denn eine Gemeinschaft kann nur Verantwortung übernehmen, wenn sie auch die Zahlen und Risiken kennt. Auch Harmonie ist kein Zeichen für eine funktionierende Gemeinschaft. Eine gute Genossenschaft ist nicht konfliktfrei. Sie ist konfliktfähig.
Du hast viele Gemeinschaftsprojekte begleitet, vom Nahwärmenetz bis zur Regionalentwicklung im Klettgau. Was hat dir nur der LEO beigebracht?
Was es heißt, Hüter eines Ortes zu sein und nicht einfach Eigentümer. Ein Haus mit einer über 600-jährigen Geschichte gehört einem nie wirklich. In anderen Projekten konnte ich beraten, Strukturen entwickeln und wieder gehen. Beim LEO musste ich mit den Konsequenzen meiner Entscheidungen leben. Und ich musste erkennen, dass nicht nur der Ort und die Gemeinschaft lernen müssen, sondern auch ich selbst, mit meinen blinden Flecken und den Seiten, die unter Druck sichtbar werden.
Zurück im Dorfleben von Gresgen
Woran hast du gemerkt, dass Gresgen euch nicht mehr nur beobachtet?
An vielen kleinen Dingen. Die örtlichen Vereine begannen, ihre Versammlungen bei uns abzuhalten, Menschen aus dem Dorf kamen immer selbstverständlicher ins Café. Besonders sichtbar wird es einmal im Monat, wenn wir mit den „Grillbüebe“ aus dem Dorf unsere Gartenküche öffnen. Dann ist der Biergarten prall gefüllt, und man merkt, dass der LEO wieder ein Stück weit Teil des Dorflebens geworden ist.
Woran merkst du, dass es funktioniert?
Daran, dass Fachinstitutionen unsere Ideen fördern. 2024 bekamen wir vom Biosphärengebiet rund 33.000 Euro, um im Gartenpark die Geschichte des Wassers erlebbar zu machen. Dazu kamen die Zusage der Badenova-Stiftung über 114.000 Euro für unsere geplante Pyrolyseheizung und die Ernennung zum „Zukunft.Raum Schwarzwald“. Der deutlichste Maßstab sind aber unsere Gäste. Ihre Zahl ist von rund 650 im Jahr 2023 auf etwa 1.400 im Jahr 2025 gestiegen, viele Seminargruppen kommen wieder.
Und dein schönster Moment?
Ein Hang-Konzert von Tilo Wachter, begleitet von einer Feuerinstallation des Künstlers Max Meinrad Geiger. Mit jedem Anschlag stiegen Funken auf, als würden Feuer und Musik miteinander spielen. Mehr als eine Stunde lang waren alle still und wie verzaubert. Da konnte ich spüren, wofür wir den LEO geschaffen haben.
Erst das Problem, dann die Satzung
Dein Buch „Die regenerative Genossenschaft“ ist als Handlungsanleitung angelegt. Was sagst du jemandem, der heute den gleichen Schritt überlegt?
Fang nicht mit der Satzung an, sondern mit der Frage, welches konkrete Problem ihr gemeinsam lösen wollt und für wen. Prüft früh, ob es ein tragfähiges Geschäftsmodell gibt, ob Rollen und Entscheidungswege klar sind, ob die Finanzierung zum Zeithorizont passt und wer verbindlich dabeibleibt, wenn aus Begeisterung Arbeit, Risiko oder Konflikt werden. Und erprobt im Kleinen, was später im Großen funktionieren soll, bevor ihr eine Immobilie kauft. Trotz allem würde ich Mut machen, nur sollte man Gemeinschaft nicht romantisieren. Es braucht Herz und Vision ebenso wie klare Zahlen und die Bereitschaft, sich selbst immer wieder infrage zu stellen.






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