Jahrelang war Alena Wollert in der Personalauswahl tätig. Heute begleitet sie, in Göttingen und online, Erwachsene mit ADHS und baut ihr Unternehmen nach derselben Regel auf, die sie ihnen mitgibt. Wie gründet man, ohne gegen sich selbst zu arbeiten?
Manchmal sitzt Alena Wollert nach einer Sitzung selbst ein wenig verdattert da. „Krass, es geht wirklich. Es darf wirklich so einfach sein“, denkt sie dann. Die 37-Jährige begleitet unter dem Namen ADHS-freundlich Erwachsene mit ADHS, in Einzelbegleitungen und in Gruppen. Sie geht ohne festgelegten Fahrplan in jede Stunde, nimmt wahr und folgt dem, was sich zeigt. Arbeit kannte Alena lange als etwas, das immer auch anstrengend ist. Heute erlebt sie ihre Begleitungen dagegen als unglaublich erfüllend. Seit Herbst 2025 gibt es ADHS-freundlich, seit August 2026 ist Alena damit hauptberuflich selbstständig.
„Das kann ich“ statt „Das fühle ich“
Bis dahin hat Alena zehn Jahre in einem Beruf gearbeitet, in dem sie gut performt hat, wie sie selbst sagt. In der Personalauswahl führt sie unzählige Gespräche und lernt, sie zu leiten und ihnen Struktur zu geben. Den letzten Job nimmt sie an, weil sie weiß: Das kann ich. „Nicht, weil ich dachte: Das fühle ich.“ Lange hält sie das für normal. Man arbeitet eben. Nebenberuflich ist sie da schon selbstständig, die Sehnsucht nach mehr ist alt. Dann erfährt Alena, dass ihre Stelle wegen der wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr gebraucht wird. Es ist eine Befreiung, und zugleich hat sie große Angst.
Die Angst fährt mit
Diesmal versucht Alena nicht, die Angst wegzumachen. Sie hat inzwischen verstanden, dass die Angst sie schützen will und etwas zu sagen hat. „Also habe ich entschieden: Ich nehme die Angst mit.“ Bis dahin hatte die Angst bestimmt, was Alena sich zutraut. Nun darf sie da sein, und Alena geht trotzdem los. Den nächsten Job, den sie gut kann, sucht sie sich nicht. „Jetzt oder nie.“ Wie sie arbeiten will, weiß sie zu diesem Zeitpunkt schon recht genau: in Räumen, in denen es nicht als Erstes darum geht, ein Ziel zu erreichen, sondern darum, da zu sein mit dem, was gerade ist. Wie kraftvoll das sein kann, hat sie in Therapie, eigenen Begleitungen und ihrer Jahresgruppe selbst erlebt.
Ein Frühstück mit Folgen
Woraus genau ihr Angebot werden soll, bleibt aber noch offen. Klarheit bringt ein Gründerinnenfrühstück. Alena erzählt in der Vorstellungsrunde, dass sie Achtsamkeit und Coaching auf ihre eigene Art zusammenbringen will und dass ADHS dabei vielleicht eine Rolle spielen könnte. Danach kommen mehrere Menschen auf sie zu. Hängen geblieben ist bei ihnen vor allem eines: ADHS. Es ist einer der ersten Momente, in denen Alena auch von außen spürt, wie viel Resonanz auf dem Thema liegt. Sie beschäftigt sich immer intensiver damit, und nach und nach entsteht ADHS-freundlich.
Nicht noch eine Strategie
Das Thema kennt Alena aus eigenem Erleben. Jahrelang sucht sie nach der nächsten Strategie, macht Zeitmanagementkurse, probiert Routinen aus, sammelt Tipps. Und fragt sich, warum das bei anderen funktioniert und bei ihr nicht. „Die Antwort war meistens: Ich mache es einfach nicht gut genug.“ Die eigene Diagnose ordnet vieles neu ein, bringt anfangs aber auch Scham. Alena fürchtet, sich hinter einem „Ich kann halt nicht anders“ zu verstecken. Irgendwann stellt sie sich eine andere Frage: Ist das größere Problem, dass sie in manchen Dingen anders funktioniert, oder dass sie sich dafür permanent abwertet? Daraus entsteht ihre Haltung. ADHS kann helfen, sich besser zu verstehen, soll aber „nicht zur nächsten Schublade werden“.
Hinsehen statt wegmachen
Was das im Alltag heißt, zeigt Alena an sich selbst. Rasen ihre Gedanken, hätte sie früher gedacht, sie müsse jetzt meditieren und runterkommen. Dahinter stand die Botschaft, so wie sie gerade sei, sei es nicht richtig. Heute spürt sie zuerst in den Körper. Ist da Enge? Wie atmet sie? Manchmal steckt hinter der Unruhe Traurigkeit oder Einsamkeit. Dann darf auch das da sein, und oft kommt ein tiefer Atemzug. „Für mich funktioniert es nicht dann, wenn die Unruhe verschwunden ist. Sondern wenn ich nicht mehr gegen das kämpfen muss, was gerade da ist.“
Ankommen, ohne zu leisten
Genau so begleitet sie die Menschen, die zu ihr kommen. Viele sind seit Jahren gewohnt, irgendwie zu funktionieren, gut im Anpassen und Maskieren und erschöpft davon. Jede Begleitung beginnt mit Zeit zum Landen. Alena gibt Einladungen in den Raum: sich bewegen, dehnen, schütteln, atmen oder still sein. Vorgeben will sie nichts. Für viele ist es ungewohnt, dass sie dabei nichts leisten, erreichen oder auf eine bestimmte Weise sein müssen. Am Anfang begegnet ihr oft Skepsis, bis die Menschen merken: „Die meint das wirklich so.“ Wenn Angst, Wut oder Traurigkeit auftauchen, bleibt Alena im Kontakt. Daraus entsteht Vertrauen, und mit dem Vertrauen wird ein ehrlicher Blick möglich auf die Fragen, was gerade im Körper passiert und was jemand braucht.
Erst fahren, dann lenken
Dass sie genau das machen will, weiß Alena nicht vom Schreibtisch aus. Irgendwann merkt sie, dass sie noch so lange nachdenken kann, ob ADHS-freundlich ihr Ding ist. „Ich muss mit einem Menschen in einem Raum sitzen und es tatsächlich machen.“ Also bietet sie eine Begleitung fast kostenlos an, was sich zuerst verrückt und unsicher anfühlt. Danach ist da „dieses Feuer“. Was vorher fast ein Luftschloss war, bekommt Boden. Ein Satz, den ihr jemand mitgegeben hat, ist seitdem hängen geblieben: „Erst fahren, dann lenken.“ Alena ist froh, nicht mehr zu glauben, sie brauche zuerst ein Logo, eine perfekte Website und ein bis ins Letzte ausgearbeitetes Angebot. Viel motivierender findet sie es, ein Angebot zu entwickeln, wenn schon ein konkreter Mensch oder eine Anfrage da ist. Auch die vielen guten Gründungstipps prüft sie seitdem an sich selbst: „Passt das gerade wirklich zu mir?“ Wenn nicht, braucht es den Mut, einen anderen Weg zu gehen.
Ein paar Monate für Plan A
Am stärksten waren Alenas Zweifel an dem Tag, als ihre hauptberufliche Selbstständigkeit offiziell wurde. Was das finanziell bedeutet, wusste Alena. „Aber es zu wissen und es wirklich zu fühlen, sind zwei verschiedene Dinge.“ Sie ist frisch getrennt, hat ein kleines Kind und spürt, dass sie dafür verantwortlich ist, dass es funktioniert. Es gibt Momente mit viel Angst, auch Panik, und den Gedanken an einen Teilzeitjob.
Wenn ich jetzt schon meine Energie in Plan B stecke, gebe ich Plan A eigentlich gar keine richtige Chance.
Dann merkt Alena: „Wenn ich jetzt schon meine Energie in Plan B stecke, gebe ich Plan A eigentlich gar keine richtige Chance.“ Sie gibt sich ein paar Monate, in denen sie sich ganz auf ADHS-freundlich konzentriert. Das trägt sie bis heute. Sie muss nicht wissen, ob es für immer funktioniert, aber solange sie sich dafür entscheidet, will sie es wirklich versuchen.
Ein Albtraum für jeden Zeitmanagement-Coach
Auch ihren Arbeitstag baut Alena nicht mehr gegen sich. Ihre Energie erlebt sie zyklisch, mal sprudelt sie vor Ideen, mal erledigt sie die Aufgaben, die leichter fallen. Ziele, Zahlen und OKRs gehörten in ihren früheren Jobs einfach dazu. Heute schaut sie sich Zahlen an, wenn sie sie braucht, aber sie treiben sie nicht an. Klingt eine Idee im Kopf sinnvoll, fühlt sich aber nicht stimmig an, lässt sie sie los. „Wahrscheinlich bin ich damit ein Albtraum für jeden Zeitmanagement-Coach.“ Gelernt hat Alena auch, sich nicht mehr so sehr mit dem Unternehmen zu identifizieren. Wenn etwas nicht funktioniert, sagt das nicht gleich etwas über sie aus. Beim Sortieren ihrer vielen Ideen hilft ihr KI, wie ein Sparringspartner, der sie zurückholt, „wenn ich gerade drei Nebenwege aufgemacht habe“. Das eigentliche Wirken, einem Menschen gegenüberzusitzen und einen Raum zu halten, könne ihr keine KI abnehmen.
Netzwerk statt Einzelkampf
Unterschätzt hat Alena am Anfang, wie wichtig Austausch und Vorbilder sind. In ihrem direkten Umfeld war niemand selbstständig. Erst über Gründerinnenangebote und Veranstaltungen lernt sie Menschen kennen, für die das normal ist. „Das hat für mich einen riesigen Unterschied gemacht.“ Auch Institutionen in Göttingen schreibt sie wegen Kooperationen an, und die Resonanz überrascht sie. Vor Ort öffnen sich Türen, überregional kommen Anfragen dazu. Im November gestaltet Alena einen Workshop auf einer Konferenz von ADHS Deutschland in Bad Kissingen. In Gruppen entsteht dabei etwas, das es im Einzelgespräch nicht gibt. Wie oft könne man sich in einer Gruppe wirklich zeigen, fragt Alena, ohne gefallen zu müssen oder eine Maske aufzusetzen? In ihren Gruppen möchte Alena Raum dafür schaffen, dass Menschen sich ehrlich zeigen und erleben können: Ich gehöre trotzdem dazu. „Wir regulieren uns nicht nur allein, sondern auch miteinander.“
Noch am Anfang
ADHS-freundlich steht noch am Anfang. Umso mehr bedeuten Alena die Rückmeldungen aus ihren Begleitungen und die Weiterempfehlung. Durch ihr ADHS kennt Alena das Gefühl, nicht gut genug oder irgendwie falsch zu sein. Ihre Feinfühligkeit und Intuition fanden im früheren Arbeitsalltag eher zwischen den Zeilen statt. Dass genau das heute die Grundlage ihrer Arbeit ist und zu ihren größten Stärken gehört, verändert auch etwas in ihr. Und wenn von ihrer Geschichte ein Satz bleiben soll, dann ihre Frage an alle, die gegen sich selbst kämpfen: „Was, wenn ich nicht besser funktionieren muss?“






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