Lexware
Schreibtisch mit Laptop, auf dem das Farevia-Logo leuchtet, daneben ein gerahmtes Foto, ein gravierter Holzwürfel und ein Monitor mit dem KUBUS-Konfigurator.

Wie Dennis Reinhart Familien im Trauerfall entlasten will

Großketten und investorengesteuerte Portale kommen bei Farevia nicht ins Netzwerk. Dennis Reinhart erzählt, was ihn diese Regel kostet und warum er neben der Software jetzt einen Würfel aus Edelholz baut.

Dennis Reinhart sitzt im Farevia-Poloshirt am Schreibtisch und hält einen gravierten Holzwürfel in den Händen.

Kurz gefasst

  • Hör genau hin, wenn jemand absagt. In den ersten Wellen der Kaltakquise prallte Dennis bei den Bestattern überwiegend gegen eine Wand. Erst die ehrlichen Rückmeldungen aus längeren Gesprächen zeigten ihm, dass er keine reine Software verkaufen darf, sondern etwas zum Anfassen braucht.
  • Sag klar, für wen du arbeitest. Beim Wort „Plattform“ schalteten Bestatter am Telefon innerlich ab. Seit Dennis erklärt, dass Großketten und investorengesteuerte Portale bei Farevia keinen Zugang bekommen, bricht das Eis sofort.
  • Lass Geld liegen, wenn es Vertrauen kostet. Bei Farevia können Bestatter keine Werbeplätze kaufen, und Ketten kommen nicht ins Netzwerk. Dennis verzichtet damit bewusst auf schnelles Geld und großes Volumen, weil in dieser Branche am Ende das Vertrauen der Familienbetriebe zählt.
  • Bau saubere Abläufe von Anfang an. In seinem Ordner für Rechnungen liegen genau zwei Zettel Papier, alles andere liegt elektronisch vor. Dennis hat bei fast jedem früheren Arbeitgeber gesehen, wie viel Aufwand schnelle Notlösungen auf Dauer machen.

Wie hilflos man nach dem Tod eines geliebten Menschen ist, hat Dennis Reinhart selbst erlebt. Mit Farevia bringt er deshalb Familien im Trauerfall und Bestatter aus der Region zusammen. Bald können Menschen dort auch ihre letzten Wünsche hinterlegen.

Ein Bestatterwagen als Anstoß

Dennis, wenn du in einem Satz sagen müsstest, was du gerade machst: Wie lautet er?

Mit Farevia stecke ich in Hamburg gerade mitten in der spannendsten Transformation: von einer reinen Softwareplattform für Bestatter zu einem digitalen Ökosystem. Jede Person, die für den eigenen Trauerfall vorsorgen möchte, bekommt bei uns bald den Farevia KUBUS, einen Würfel aus Edelholz zum Anfassen, über den sie jederzeit und kontaktlos auf ihre Daten und Wünsche zugreifen kann.

Die Idee zu Farevia kam dir, als du den Wagen eines Bestattungsunternehmens gesehen hast und sofort an die Zeit nach dem Tod deiner Mutter denken musstest. Was treibt dich seitdem an, auch an Tagen, an denen kein einziger Bestatter zurückruft?

Als ich diesen Bestatterwagen sah, erinnerte ich mich sofort wieder an die Hilflosigkeit, die man fühlt, wenn man nach dem Tod eines geliebten Menschen plötzlich tausend Dinge regeln muss. Mich treibt der Gedanke an, dass wir diese Sprachlosigkeit und Überforderung beenden können. Wenn Menschen ihre letzten Wünsche selbstbestimmt regeln und so ihre Familie entlasten, und wenn wir dafür sorgen, dass diese Wünsche bei echten, lokalen Handwerkern landen und nicht bei anonymen Callcentern, dann weiß ich, wofür ich morgens aufstehe.

Vor Farevia hattest du ein ganz anderes Berufsleben. Wie bist du von dort bei diesem Thema gelandet?

Ich glaube, das war eher ein fließender Prozess. Mein Leben folgte bisher keinem strikten Faden aus Studium, Junior-Position und Weiterentwicklung im selben Bereich. Ursprünglich wollte ich Medizin studieren, das musste ich nach zwei Jahren aus persönlichen Gründen aber aufgeben. Es folgte eine Ausbildung zum Bankkaufmann und von dort, aus persönlichem Interesse, der Weg in die Datenanalyse. Dort arbeitete ich in der Business-Analyse, im Marketing, im Finanzwesen und im Risikocontrolling. All das Wissen, das ich dabei gesammelt habe, floss am Ende in die Entwicklung von Farevia. Zuerst als kleine Idee, nämlich der Vermittlung von Bestattern. Doch mit jedem Tag erkannte ich mehr, welche Bandbreite dieses Thema hat.

Die ganze Plattform hast du mit den Entwicklungswerkzeugen Next.js und Supabase selbst gebaut. Wo hast du das gelernt?

Das meiste habe ich mir selbst beigebracht. Programmieren war schon immer ein Hobby von mir, zuerst kleine Apps, später auch Webseiten. Mit Datenbanken, SQL und all diesen Dingen habe ich in meinem bisherigen Job ohnehin jeden Tag zu tun. Das war also glücklicherweise nahezu ein Selbstläufer.

Keine Ketten, keine Werbeplätze

Auf Farevia melden Angehörige einen Trauerfall, ein Bestatter aus der Region ruft sie zurück, und Bestatter können deine Fallverwaltung kostenlos nutzen. Wie erklärst du das jemandem am Küchentisch, der sich mit Bestattungen gar nicht auskennt?

Aktuell ist Farevia das digitale Schutzschild für traditionelle Bestatter, das sie vor dem Preiskampf anonymer Internetportale bewahrt.

Bei dir können Bestatter keine Werbeplätze kaufen, und Ketten kommen gar nicht erst ins Netzwerk. Hat dich diese Regel schon etwas gekostet?

Natürlich. Wer Großketten und investorengesteuerte Portale konsequent ausschließt, verzichtet auf schnelles Geld und großes Volumen. Dazu kommt, dass einige dieser Ketten gar nicht leicht zu erkennen sind. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich einem meiner Briefe nachtelefoniert habe, an eine andere Filiale verwiesen wurde und im Gespräch dann herauskam, dass es sich ebenfalls um eine Kette handelt. Die Zeit für Recherche, Briefe und Gespräche war damit vergebens, und ich musste das Telefonat freundlich beenden. Aber Vertrauen ist in dieser Branche die einzige Währung, die langfristig zählt. Wenn ein lokaler Familienbetrieb sieht, dass wir seine Werte verteidigen und ihn nicht an den Höchstbietenden verraten, entsteht eine Loyalität, die mit Geld nicht zu bezahlen ist. Deshalb sehe ich diesen Verlust eher als künftige Ertragsmöglichkeit.

Vertrauen ist in dieser Branche die einzige Währung, die langfristig zählt.

Wann warst du bisher am dichtesten dran, Farevia wieder sein zu lassen?

Das war in der ersten und zweiten Welle der Kaltakquise am Telefon. Mit meiner reinen Software, also Kundenverwaltung und Vermittlung, rief ich Bestatter an und prallte überwiegend gegen eine Wand. Schnell merkte ich: Die Branche ist werbemüde und hat durch aggressive Onlineportale das Vertrauen in unsichtbare „Software“ verloren. Das war enorm frustrierend, und ich zweifelte an allem. Gerettet hat mich das ehrliche Feedback der Bestatter, mit denen ich längere Gespräche geführt habe. Dadurch verstand ich die Branche mehr und mehr, und ich realisierte, dass ich keine reine Software verkaufen darf. Ich muss etwas zum Anfassen erschaffen. Daraus entsteht gerade unser größter Meilenstein, der Farevia KUBUS.

Du telefonierst bis heute jeden Tag mit Bestattern und hast Hunderte Akquisebriefe von Hand kuvertiert. Wie reagiert ein Betrieb, der von Onlineplattformen eigentlich gar nichts hält?

Anfangs sagte ich das Wort „Plattform“, und der Bestatter schaltete innerlich ab, weil er an ruinöse Preisvergleiche dachte. Ich musste erst lernen zu vermitteln, dass ich das genaue Gegenteil bin. Wenn ich heute erkläre, dass Großketten und investorengesteuerte Portale bei uns keinen Zugang bekommen und wir ausschließlich den inhabergeführten Mittelstand stärken, bricht das Eis sofort. Dieses Feedback aus den Telefonaten hat auch unsere aktuelle Produktentwicklung ausgelöst. Wir rüsten unsere Partner bald mit dem Farevia KUBUS aus, als greifbares Werkzeug für ihre eigenen Trauergespräche.

Der KUBUS als Wendepunkt

Wann ist aus all den Absagen die Idee für den KUBUS geworden?

Am 6. Oktober 2026, grob gegen 18 Uhr, in der Badewanne. Frustriert von weiteren Absagen aus den Telefonaten des Tages habe ich die strategische Entscheidung getroffen, das Feedback der Bestatter als Chance zu nutzen und neben der Software ein physisches Produkt zu entwickeln. Die Prototypenfertigung unseres KUBUS läuft in diesem Moment an, die neue Software-Architektur dafür steht und kann mit einem Mausklick online gehen. Bis Ende 2026 starten wir den Hardware-Rollout in Norddeutschland. Dass ich aus einem Rückschlag, der schwierigen Telefonakquise, ein völlig neues, hybrides Geschäftsmodell bauen konnte, ist mein größter persönlicher Meilenstein.

Wie funktioniert der KUBUS, wenn er erst einmal im Wohnzimmer steht?

Stell dir vor, du hast einen handgefertigten Holzwürfel im Wohnzimmer. Wenn du dein Handy daran hältst, öffnet sich dein digitaler Vorsorge-Tresor. Dort speicherst du zu Lebzeiten deine letzten Wünsche und Sprachnachrichten für deine Familie. Nach dem Tod wird dieser Würfel zur Gedenkseite, und die Wünsche gehen automatisch an einen lokalen Bestatter deines Vertrauens. Ein Großteil der schweren Entscheidungen, die Angehörige im Trauerfall bisher treffen mussten, fällt dadurch weg, und es bleibt mehr Zeit für die Trauer. Daran arbeiten wir gerade mit Hochdruck.

Welcher Moment war auf dem Weg zum KUBUS bisher der schönste?

Das war vor wenigen Tagen, als auf meinem Monitor zum ersten Mal die Live-Vorschau unseres KUBUS-Konfigurators funktionierte. Zu sehen, wie aus abstrakten Codezeilen plötzlich ein gerendertes Stück Nussbaumholz mit echter Maserung und Gravur wurde. Das war der Beweis, dass die Vision, moderne Technologie mit uraltem Handwerk zu verbinden, Realität wird.

Ein Tabu und zwei Zettel Papier

Über den Tod spricht kaum jemand gern. Was kann der KUBUS daran ändern?

Der Tod ist in unserer Gesellschaft immer noch ein massives Tabuthema. Mit dem Farevia KUBUS wollen wir den Menschen die Angst nehmen, darüber zu sprechen. Ein schönes Holzobjekt im Wohnzimmer ist für Familien ein viel sanfterer Gesprächseinstieg als ein dicker Aktenordner mit der Aufschrift „Testament“. Wir wollen die Erinnerungskultur enttabuisieren und damit im Trauerfall genau dem mehr Raum geben, was es braucht: der Trauer. Und nicht der Bürokratie.

Zum Schluss noch etwas ganz Praktisches: Die Abrechnung mit deinen Partnerbestattern läuft automatisch. Wie hältst du es mit dem übrigen Papierkram?

Papierkram? Welcher Papierkram? In meinem Ordner mit der Aufschrift „Rechnungen“ liegen aktuell genau zwei Zettel Papier, von einem Händler für Büromaterial, der die Originalrechnung per Post verschickt hat. Alles andere liegt nur elektronisch vor. Und auch sonst läuft alles, sofern rechtlich möglich, rein elektronisch. Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn bei beinahe jedem Arbeitgeber gesehen, welchen Aufwand sogenannte Quick-and-Dirty-Lösungen auf Dauer bedeuten. Deshalb habe ich mir selbst geschworen, bei Farevia immer sofort ordentliche, digitale Prozesse aufzubauen.

Wenn von deiner Geschichte am Ende genau ein Satz übrig bleibt: Welcher sollte das sein?

Warum ich aufhören musste, reine Software zu verkaufen, um das Bestattungshandwerk wirklich digitalisieren zu können. Ich glaube, das fasst fast meine gesamte Reise mit Farevia von der Idee bis heute am besten zusammen.

Mehr zu
Dennis Reinhart
:
www.farevia.de
© Foto Credits:
Vanessa Reinhart
Auf einen Blick

Häufige Fragen zu Dennis Reinhart

Wer ist Dennis Reinhart?

Dennis Reinhart ist Gründer von Farevia und arbeitet in Hamburg. Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann kam er in die Datenanalyse und arbeitete in der Business-Analyse, im Marketing, im Finanzwesen und im Risikocontrolling. Die Plattform von Farevia hat er selbst programmiert.

Was macht Farevia?

Farevia bringt Familien im Trauerfall mit Bestattern aus der Region zusammen. Angehörige melden einen Trauerfall, ein lokaler Bestatter ruft zurück. Bestatter können die Fallverwaltung kostenlos nutzen, Werbeplätze gibt es nicht, und Großketten kommen nicht ins Netzwerk.

Was ist der Farevia KUBUS?

Der KUBUS ist ein handgefertigter Würfel aus Edelholz. Hält man das Handy daran, öffnet sich ein digitaler Vorsorge-Tresor für die letzten Wünsche und Sprachnachrichten an die Familie. Nach dem Tod wird der Würfel zur Gedenkseite, und die Wünsche gehen an einen lokalen Bestatter. Bis Ende 2026 soll der Rollout in Norddeutschland starten.

Was lässt sich von Dennis Reinhart lernen?

Aus Absagen lässt sich lernen. Dennis bekam in der Kaltakquise vor allem Absagen und entwickelte aus dem ehrlichen Feedback der Bestatter ein neues Produkt. Außerdem hat er bei Farevia von Anfang an digitale Abläufe aufgebaut, statt auf schnelle Notlösungen zu setzen.

Tell Your Story Podcast

Diese Folge schauen oder hören.

weiterempfehlen
Gib dieser Geschichte eine Bühne

So machen es andere in deiner Lage