Alexandra Kluge wollte eine KI für Nachhaltigkeitsberichte bauen. Heute entwickelt sie bei pickz ai in Hamburg Software für Augenoptiker und Brillenmarken. Warum stellt jemand die eigene Gründungsidee zurück?
Zwei Ideen auf einer Bühne
Im Januar 2025 standest du beim Future-Founder-Demo-Day auf der Bühne. Deine späteren Mitgründer auch, allerdings mit einer anderen Idee. Wie ging das aus?
Ich hatte damals meine eigene Gründungsidee, eine KI für Nachhaltigkeitsberichte nach den europäischen ESRS-Standards. Damit stand ich auf der Bühne. Und auf derselben Veranstaltung haben Yash und Stefano pickz ai vorgestellt. Ich fand sofort spannend, dass die beiden KI in eine Branche bringen wollten, an die man dabei nicht als Erstes denkt: die Augenoptik. Yash kennt die Branche von klein auf, Stefano hat den technischen Hintergrund. Irgendwann stand die Frage im Raum, ob wir nicht gemeinsam mehr erreichen könnten als mit zwei getrennten Ideen.
Deine eigene Idee hast du dafür zurückgestellt. Wie ist dir diese Entscheidung gefallen?
Das war eine bewusste Entscheidung. Aber ich habe schnell gemerkt, dass mir das Team und die gemeinsame Vision wichtiger sind, als meine erste Idee allein umzusetzen. So bin ich von der Nachhaltigkeitsberichterstattung bei Brillengestellen gelandet. Auf den ersten Blick vielleicht ein ungewöhnlicher Wechsel, für mich aber genau die richtige Entscheidung. Geplant war mein Weg ohnehin nicht: erst dual Digitale Betriebswirtschaft, dann Beratung und Wirtschaftsprüfung.
Eine fremde Branche verstehen
Mit Brillen hattest du beruflich vorher nichts zu tun. Wie hast du dir die Branche erschlossen?
Ich musste erst einmal ziemlich viel lernen. Und ich kann sagen: Hinter einer Brille steckt deutlich mehr, als man denkt, wenn man einfach nur eine neue Fassung aussucht. Am Anfang habe ich deshalb vor allem zugehört und Fragen gestellt. Wie läuft eine Beratung beim Optiker ab? Und wie entsteht eine neue Brillenkollektion, vom ersten Entwurf bis zur fertigen Brille?
Dabei ist mir vor allem eines aufgefallen. In dieser Branche steckt unglaublich viel Fachwissen und handwerkliche Erfahrung, gleichzeitig laufen viele Prozesse noch erstaunlich manuell ab. Mein Aha-Moment war deshalb weniger eine einzelne Situation als die Erkenntnis, wie viel Potenzial hier noch in der Digitalisierung steckt. Nicht, weil KI alles besser weiß als ein Augenoptiker, ganz im Gegenteil, sondern weil sie helfen kann, dieses Fachwissen besser zu nutzen und den Menschen die lästigen Arbeitsschritte abzunehmen.
Zwei Produkte, zwei Seiten der Branche
Daraus sind zwei Produkte geworden, der Brillenkompass und FrameStudio. Was macht welches?
Wir beschäftigen uns mit zwei Seiten derselben Branche. Der Brillenkompass hilft Menschen dabei, die passende Brille zu finden. Wer schon einmal vor einer riesigen Auswahl an Fassungen stand, weiß, wie schwer das ist. Unser Tool führt durch eine digitale Vorberatung, berücksichtigt persönliche Vorlieben und ermöglicht es, Brillen virtuell anzuprobieren, zum Beispiel direkt auf der Website eines Optikers.
FrameStudio setzt viel früher an, bei der Entwicklung der Brille. Wenn eine Marke eine neue Kollektion entwickelt, sind unzählige Dateien, Skizzen, technische Zeichnungen und Abstimmungen mit Herstellern im Spiel. Vieles davon wird heute noch über Excel-Tabellen, E-Mails und verschiedene Programme organisiert. Mit FrameStudio bringen wir diese Informationen an einem Ort zusammen und setzen KI ein, um manuelle Arbeitsschritte zu vereinfachen. Weitere Funktionen, unter anderem im 3D- und CAD-Bereich, entwickeln wir gemeinsam mit unseren Pilotpartnern.
„Hinter einer Brille steckt deutlich mehr, als man denkt.“
Gerade in der Augenoptik begegnet euch anfangs Skepsis gegenüber KI. Ersetzt ihr die Augenoptiker?
Nein, und das ist überhaupt nicht unser Ziel. Eine gute Augenoptikerin oder ein guter Augenoptiker bringt Erfahrung, handwerkliches Können und vor allem ein Gespür für Menschen mit. Der Brillenkompass soll die Dinge übernehmen, die sich gut digital unterstützen lassen. Die Beratung, die fachliche Einschätzung und die Anpassung der Brille bleiben beim Menschen.
Die anfängliche Skepsis finde ich übrigens gar nicht schlecht. Sie hilft uns, unsere Produkte besser zu machen. Und sie dreht sich oft: Nach einer Demo kommen plötzlich ganz konkrete Fragen. Wie könnten wir das bei uns einsetzen? Könnte das auch mit unserem Sortiment funktionieren? In solchen Momenten merkt man, dass wir Probleme lösen können. Die beste KI ist für mich nicht die, die am meisten kann, sondern die, die einem im Alltag wirklich Arbeit abnimmt.
Zu dritt durch die intensiven Phasen
Ihr seid zu dritt. Wie teilt ihr euch die Arbeit auf?
Wir haben ziemlich klare Rollen, was in einem Startup trotzdem heißt, dass jeder regelmäßig alles Mögliche andere macht. Yash ist unser CEO und kümmert sich um Branchenentwicklung, Vertrieb und Partnerschaften. Er hat gefühlt immer schon die nächsten fünf Kontakte im Kopf, mit denen wir unbedingt sprechen sollten. Stefano ist unser CTO. Er beschäftigt sich mit den Dingen, bei denen ich meistens nach spätestens drei Sätzen aussteige, und ich bin sehr froh, dass er darin so gut ist.
Ich selbst kümmere mich als COO um den operativen Unternehmensaufbau: Finanzen, Verträge, Prozesse, Kundenprojekte und die Themen, die sonst gerne mal liegen bleiben. Ich mag es, wenn aus einer Idee ein konkreter Plan wird und daraus am Ende auch wirklich etwas entsteht. Wahrscheinlich bin ich deshalb diejenige, die regelmäßig fragt: „Okay, und wer macht das jetzt bis wann?“


Wann war es zuletzt besonders eng, und was hat geholfen?
Eine besonders intensive Phase war die Vorbereitung auf die Branchenmesse SILMO in Paris. Wir wollten dort FrameStudio vorstellen, haben parallel die Plattform weiterentwickelt, Kundenprojekte betreut und möglichst viele Gespräche mit potenziellen Partnern vorbereitet. Als kleines Startup hat man dabei manchmal das Gefühl, dass jeder Tag mindestens 30 Stunden haben müsste. Das Produkt soll funktionieren, der Messestand gut aussehen, die Demo sitzen, und nebenbei läuft das Tagesgeschäft weiter.
Am meisten hilft mir dann unser Team. Das klappt nicht immer zu 100 Prozent. Manchmal reden wir aneinander vorbei. Aber genau das gehört zum Gründen dazu. Wenn mal wieder fünf Dinge gleichzeitig brennen und die To-do-Liste eher länger als kürzer wird, hilft es enorm, Menschen an seiner Seite zu haben, die genauso an das Ganze glauben wie man selbst. Und meistens können wir am Ende sogar darüber lachen.
Woran sie merkt, dass es trägt
Die pickz ai GmbH gibt es seit Januar 2026. Woran merkst du, dass die Sache funktioniert?
Das schönste Zeichen ist für mich, wenn aus einem ersten Gespräch eine echte Zusammenarbeit wird. Wenn ein Optiker unser Tool mit seinem Sortiment einsetzen möchte oder eine Brillenmarke mit uns an ihrem Entwicklungsprozess arbeitet, ist das viel wertvoller als jedes noch so nette „Klingt spannend!“.
Ein paar Meilensteine waren besonders wichtig. Da war der opti Visionary Award im Januar 2026, bei dem wir 259 von 474 Stimmen erhalten haben. Gerade weil die Stimmen aus der Branche kamen, war das eine riesige Bestätigung. Dann haben wir mit dem Brillenkompass inzwischen mehr als 3.500 digitale Beratungen erreicht. Es ist ein tolles Gefühl, wenn aus einer Idee ein Produkt wird, das tatsächlich genutzt wird. Ein weiterer großer Schritt war die SILMO im September 2026, auf der wir FrameStudio erstmals einem internationalen Publikum vorgestellt haben. Wir sind noch lange nicht am Ziel. Aber wenn ich zurückblicke, was in so kurzer Zeit passiert ist, bin ich schon ziemlich stolz auf uns.
Was würdest du jemandem raten, der als Mitgründerin in ein bestehendes Team einsteigen möchte?
Ich würde zuerst auf die Menschen schauen und erst danach auf die Idee. Eine Idee kann sich während einer Gründung noch hundertmal verändern, das haben wir selbst erlebt. Was sich möglichst nicht ändern sollte, ist das Vertrauen ineinander.
Deshalb würde ich versuchen, das Team vorher wirklich kennenzulernen. Nicht nur bei einem netten Kaffee, sondern auch in Situationen, in denen mal etwas schiefläuft. Außerdem finde ich es wichtig, früh über Erwartungen und Verantwortlichkeiten zu sprechen. Wer übernimmt welche Aufgaben? Und was passiert, wenn wir mal unterschiedlicher Meinung sind?
Ihr konzentriert euch ganz bewusst auf eine sehr spezifische Branche. Was habt ihr dabei gelernt?
Wenn man an KI-Startups denkt, hat man wahrscheinlich nicht als Erstes Brillengestelle vor Augen. Gerade das finde ich interessant. In vielen traditionellen Branchen steckt unglaublich viel Potenzial, das bislang kaum jemand mit moderner Technologie erschlossen hat.
Dafür reicht es allerdings nicht, einfach irgendwo KI draufzuschreiben und zu hoffen, dass alle begeistert sind. Man muss die Branche verstehen, zuhören und manchmal akzeptieren, dass die eigene Idee in der Praxis noch nicht so gut funktioniert wie auf dem Papier. Und vielleicht ist das meine wichtigste Erkenntnis aus der bisherigen Gründung. Man muss nicht von Anfang an alles wissen oder können. Viel wichtiger ist, neugierig zu bleiben, sich mit den richtigen Menschen zusammenzutun und immer wieder dazuzulernen. Und natürlich: Von nix kommt nix.






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