Mit 35 kündigt Andreas Abb seinen Agenturjob und dreht heute mit seiner Produktionsfirma Screenpunks Image- und Werbefilme sowie Dokumentationen für das ZDF, Sony oder SCHOTT. Angefangen hat alles mit einem YouTube-Kanal in der Kurzarbeit. Wie wird daraus ein Unternehmen?
Der Absprung mit 35
Filme lassen dich schon seit deiner Jugend nicht los. Gibt es einen Menschen oder einen Moment, ohne den das alles anders gekommen wäre?
Davon gibt es sogar viele. In meiner Jugend war es vor allem mein Umfeld aus Freunden, das dazu geführt hat, dass ich anfing, mich für Kameras und Co. zu interessieren. In den Nullerjahren war das noch ein eher ungewöhnliches Hobby. Später habe ich den YouTube-Content meiner Nische geschaut und mir gedacht: Hey, was die machen, möchte ich auch. Zu guter Letzt war es aber ausgerechnet die Geburt unseres zweiten Sohnes mitten in der Corona-Pandemie, die bei mir zu einem für meine Verhältnisse ungewöhnlich radikalen Lebensumbau geführt hat. Ich war 35, hatte Zeit und dachte mir, wenn ich nicht jetzt meinem eigenen Weg folge, werde ich es vermutlich nie tun. Also habe ich meinen Job als Führungskraft in einer namhaften Agentur aufgegeben und bin komplett in die Selbstständigkeit gestartet. Und natürlich gibt es Tage, da hängt die Motivation durch, da zweifelt man an sich selbst und der Welt. Aber es gab nicht einen Tag, an dem ich diesen Schritt bereut hätte.
Dein Weg davor war alles andere als geradlinig. Wie kam da der Wunsch nach etwas Eigenem hinein?
Auch wenn ich nach außen sicher anders wirke, bin ich in puncto Sicherheit und finanzieller Planung äußerst konservativ. Der diffuse Wunsch nach einer selbstständigen Tätigkeit gärte bei mir schon seit dem Studium, ich hatte aber nie einen klaren Plan, wie das funktionieren soll. Zudem war mein beruflicher Weg bis dahin sehr heterogen. Nach der Schule habe ich ein Redaktionsvolontariat durchlaufen und neben dem Studium beim ZDF gearbeitet, danach den Weg in eine große internationale Werbeagentur gefunden und dort für Kunden wie Samsung oder General Motors gearbeitet, was natürlich eine völlig andere Welt ist. In gewisser Weise stecke ich voller Widersprüche. Journalist auf der einen, kommerzieller YouTuber auf der anderen Seite. Jemand, der über klassisch filmisches Handwerk genauso nerden kann wie über Marketing-Blabla. Ein manchmal chaotischer Kreativling, der auf der anderen Seite Kontrolle über seine Zahlen braucht. Irgendwo steckt all das in mir, es kommt nur je nach Situation unterschiedlich stark zum Vorschein.
Ende 2019 startest du deinen eigenen Kanal, kurz darauf kommt die Pandemie. Wie wurde daraus die Kündigung?
Den sprichwörtlichen Stein ins Rollen gebracht hat am Ende der YouTube-Kanal, den ich kurz vor Pandemiebeginn gestartet hatte und der anfangs erfreulich schnell wuchs. Ich war in Kurzarbeit, konnte also einen Tag pro Woche ausschließlich in mein eigenes Baby investieren und erste zaghafte geschäftliche Kontakte knüpfen. Das führte zu der Überlegung, was wohl möglich wäre, wenn ich 100 Prozent meiner Zeit in meine eigenen Projekte investieren würde. Am Ende war es dann eine rationale Abwägung. Ich hatte noch einiges an Urlaub übrig und wollte ohnehin Elternzeit nehmen. Mein Arbeitgeber spielte mit, sodass ich alles aneinander packen und somit einen gepufferten Übergang in die Selbstständigkeit hinlegen konnte. Eine bessere Gelegenheit würde es nicht mehr geben.
Perfektionist mit Kontrollbedürfnis
Deinen Perfektionismus hast du mal dein Geheimrezept genannt. Wann ist er dir zuletzt im Weg gestanden?
Oh, er steht mir dauernd im Weg, auch wenn das eine Standardfloskel für Bewerbungsgespräche ist. Ich habe gemerkt, dass ich gut darin bin, Entscheidungen und Pläne für andere zu treffen und durchzuführen, aber ganz mies, wenn es um mich selbst geht. Nach einem Jahr Selbstständigkeit hatte ich immer noch keine Webseite, weil ich mich nicht auf Design und Logo festlegen konnte. Witzigerweise habe ich bei Kundenprojekten recht schnell ein klares Gefühl, wohin die Reise gehen muss. Bei mir selbst stehe ich dagegen häufig auf dem Schlauch.


Und was machst du deshalb heute anders als in den ersten Jahren?
Die Lösung liegt oft darin, Entscheidungen abzugeben. Meine Frau ist sehr viel direkter, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen und auch konsequent durchzuziehen. Sie erlaubt auch nicht so viele Kurskorrekturen, wie ich es womöglich tun würde. Vielleicht auch deshalb arbeiten wir mittlerweile zusammen.
Story first: Probleme lösen mit Video
Screenpunks steht bei dir für den Grundsatz Story first. Erklär mal jemandem, der noch nie mit einer Videoproduktion zu tun hatte, was er bekommt, wenn er bei dir anklopft.
In jedem Fall mehr als nur ein reines Video. Ein Video zu produzieren bringt für sich genommen meist noch gar nichts. Ein Imagefilm mag noch so schön sein, wenn er auf der Homepage vergammelt oder auf YouTube nicht gesehen wird, ist es rausgeschmissenes Geld. Bei Screenpunks lösen wir deshalb die Probleme unserer Kunden - mit Videos. Ein solches Problem kann lauten, dass jemand mehr von seinem Produkt verkaufen will, dass er mehr Fachpersonal braucht oder dass seine Marke bekannter werden soll. Das braucht erst einmal eine strategische Lösung auf dem Papier. Welche Botschaft wollen wir vermitteln, an welche Zielgruppe, auf welchen Plattformen? Wenn der Plan steht, setzen wir Videos als Vehikel unserer Botschaft ein, schlicht weil nichts unsere Sinne auf so vielen Ebenen beeinflusst.
2025 habt ihr zusammen mit dem ZZF den MediaV Award in der Kategorie bestes Video geholt. Woran merkst du sonst noch, dass es läuft?
Ich habe das große Glück, dass das Geschäft seit dem Start 2021 gesund läuft. Schon im ersten Jahr entwickelte sich der Umsatz sechsstellig, im Jahr darauf zog auch der Gewinn in diese Regionen nach. 2023 standen vermehrt prestigeträchtige Projekte an, die mit Reisen nach Afrika oder Südamerika verbunden waren. Und plötzlich arbeitete ich am Strand in Costa Rica, das ist natürlich ein großes Privileg. Der jüngste Meilenstein steht jetzt im Herbst 2026 an, denn unser erster Dokumentar-Langspielfilm „Goodbye Postman“, der zusammen mit der Berliner Jumpseat Film für ZDF und 3sat entstand, feiert auf den Internationalen Hofer Filmtagen seine Deutschlandpremiere.
Und was war dein schönster Moment, seit du dein eigenes Ding machst?
Eines der schönsten Projekte war vermutlich ein Dreh in Marokko, als wir für Sony ein Produktvideo für eine neue Kamera produzierten. Der ganze Trip lässt sich kaum mit einer klassischen Arbeitsreise vergleichen. Und morgens den Sonnenaufgang in der Sahara zu erleben, ist einzigartig. Ein sehr anderer, aber dennoch großartiger Moment war der Launch unserer Masterclass. Die Community hatte lange darauf gewartet und das Projekt unglaublich wohlwollend aufgenommen. Die Absatzzahlen pulverisierten meine Erwartungen schon in den ersten Tagen.
Offen teilen, sauber abrechnen
Du betreibst einen der größten deutschsprachigen YouTube-Kanäle zum Filmemachen und gibst dein Wissen in Kursen und Workshops weiter. Warum so offen, auch an Leute, die morgen deine Konkurrenz sein könnten?
Ich habe die dadurch gewonnene Sichtbarkeit immer als den weitaus größeren Nutzen gesehen. Wer lehrt, wird als Experte wahrgenommen. Und wer als Experte wahrgenommen wird, mit dem will man auch zusammenarbeiten. So meine simple Annahme, und bisher hat es funktioniert. Außerdem will ich nicht in Konkurrenz denken, das macht nur einsam. Ich bin bisher sehr viel besser damit gefahren, andere Creators und Filmschaffende als Kollegen zu sehen. Vielleicht ist es nicht der maximal wirtschaftliche Ansatz, aber er macht mich glücklicher.
Keiner mag Werbung, aber jeder liebt gute Geschichten.
Bei dir läuft zweierlei nebeneinander, die Auftragsproduktion mit freien Leuten und der Verkauf deiner Onlinekurse. Wie organisierst du da den Papierkram?
Bei mir prallen zwei Tätigkeitsgebiete aufeinander, die freiberufliche Filmproduktion und der gewerbliche Teil mit Affiliate-Einnahmen und Produktverkäufen. Steuerlich halte ich die getrennt, daher gebe ich am Jahresende zwei Einnahmenüberschussrechnungen ab. In den ersten Monaten habe ich mir sehr viel Zeit genommen, das Thema Buchhaltung halbwegs zu verstehen, da ich davon vorher absolut keine Ahnung hatte. Die berühmte Klarsichtfolie beim Steuerberater abzugeben und den dann machen zu lassen, würde mich in den Wahnsinn treiben. Ich brauche das ganze Jahr über das Gefühl, Kontrolle über meine Finanzen zu haben, und ich neige zu notorischer Zettelwirtschaft. Also musste ein System her, mit dem ich mich selbst disziplinieren kann.
Was müssen die Leute unbedingt noch über Screenpunks erfahren?
Wir haben ein Motto: „Keiner mag Werbung, aber jeder liebt gute Geschichten.“ Damit sind die Screenpunks, denke ich, ganz treffend beschrieben. Vielleicht habe ich in der Werbewelt deshalb so gut überlebt, weil ich kein klassischer Werber bin, sondern mit einem eher journalistischen Blick auf die Sache schaue. Niemand lässt sich gerne mit durchschaubarem Unsinn einlullen, die meisten Menschen im Internet sind extrem medienkompetent. Wir wollen Inhalte erstellen, die die Leute ernst nehmen und die man sich freiwillig auch noch ein zweites Mal ansieht.
Wenn von deiner Geschichte am Ende nur ein einziger Satz hängen bleiben soll, welcher wäre das?
Ich hatte nie einen Masterplan. Ich versuche zu tun, was sich richtig anfühlt.






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