Anton Calamita wollte nur die kaputte Ape seines Großvaters reparieren. Heute fährt er mit Giro di Pizza eine Ape aus den 1970ern als mobiles Pizzacatering zu Hochzeiten und Events in Norddeutschland. Wie wird aus einem Tribut ein Geschäft?
Die Ape des Großvaters
Anton, dein Großvater Ferdinando hat dich als Kind mit seiner Ape durch die Gassen von Tropea gefahren. Heute steht so ein Dreirad im Mittelpunkt deines Unternehmens. Wie hat das angefangen?
Bevor ich im Sommer 2024 die Idee zu einem mobilen Pizzacatering hatte, ging es tatsächlich nur um den persönlichen Wunsch, die kaputte Ape von meinem Opa zu reparieren, als Tribut an ihn und die Familiengeschichte. Ich saß in der Schweiz an einem See und habe daran gedacht, wie ich als Teenager, nachdem er 2015 gestorben ist, davon geträumt habe. Und je mehr ich diesen Traum wieder aufgegriffen habe, dachte ich: Warum nicht jetzt? Er hatte über 30 Enkelkinder, und ich bin der Einzige, der seinen Vornamen in der Familie weiterträgt. Wenn auch nur als zweiten Namen. Deswegen habe ich mich dazu berufen gefühlt.
Wie wurde aus dem Wunsch, eine Ape zu reparieren, ein Pizzacatering?
Mein Onkel hatte in der Schweiz bereits eine Pizza-Ape in Betrieb. Als ich ihm davon erzählt habe, meinte er, ich solle damit Getränke oder Pizzen verkaufen. Im ersten Moment dachte ich, das sei viel zu groß aufgezogen. Aber Pizza war schon immer mein Lieblingsessen. Ich konnte zwar keine Pizza backen, aber das kann man ja lernen, und Dinge zu organisieren macht mir Spaß.
Damals warst du seit einem Jahr nach deinem dualen BWL-Studium fest angestellt und hast über einen Master nachgedacht. Was hat den Ausschlag gegeben?
Zurück in Hamburg war ich jeden Samstag in der Bibliothek und habe alles recherchiert, was ich für die Gründung eines Foodtrucks und den Umbau einer Ape brauchen würde. Da hat sich deutlich gezeigt, dass ich das Interesse am Master verloren hatte. Rund fünf Monate nach der ersten Idee, einen Tag vor Silvester, habe ich die Gewerbeanmeldung abgeschickt und den Umbau einer Piaggio Ape in Apulien in Auftrag gegeben.
Hamburg ist nicht Neapel. Warum eine süditalienische Straßenpizzeria im Norden?
Hamburg ist meine Heimat, hier bin ich geboren und aufgewachsen. Dass es nicht Neapel ist, war sogar ein Vorteil, weil ich dadurch ein Konzept auf den Markt bringen konnte, das es hier bisher kaum gab. Dass es ein saisonales Geschäft sein würde, war für mich kein Problem. Ich habe meinen Vollzeitjob bewusst behalten und kann dadurch Schritt für Schritt wachsen.
Ein Fahrzeug voller Mängel
Das Handwerk hast du im Februar 2025 in einer Pizzaschule in Italien gelernt. Parallel wurde in Apulien deine Ape umgebaut. Warst du dabei?
Drei Monate lang habe ich fast jeden Tag Videos auf WhatsApp bekommen, in denen der Umbau dokumentiert wurde. Nach der Pizzaschule habe ich den Umbauer besucht, da war die Ape noch komplett im Rohbau. Das war mega aufregend, weil es meine erste Geschäftsreise als Selbstständiger war. Die fertige Ape habe ich dann zum ersten Mal gesehen, als sie mit einem LKW in Hamburg ankam. Das war im Nachhinein ein großer Fehler, weil ich bei einer Abnahme vor Ort in Italien noch diverse Mängel hätte reparieren lassen können.


Wie lief dein erster echter Einsatz?
Haha, der Tag war alles andere als eine schöne Erfahrung, aber im Nachhinein kann ich es humorvoll nehmen. Es hat Stunden gedauert, die Ape überhaupt auf den Leihanhänger zu laden. Geplant hatte ich ein Wochenende öffentlichen Verkauf auf einer Wiese an einer beliebten Radstrecke im Süden Hamburgs, mit 200 Pizzen. Am ersten Tag haben wir 15 Pizzen verkauft. Das war ziemlich demütigend. Weil deutlich weniger Gäste kamen als gedacht, haben Freunde und meine Eltern auf der Straße nebenan Pizzaproben verteilt, um Kunden zu gewinnen.
Was war die größte Hürde, von der dir vorher niemand erzählt hatte?
Das Schwierigste war auf jeden Fall die Logistik der Ape. Ich hatte geplant, schnell eine Hauptuntersuchung zu machen, um ein Kennzeichen zu bekommen. Wegen der Mängel war das erst mal vom Tisch. Und weil ich noch keinen Anhängerführerschein hatte, musste ich für jeden Transport einen Abschlepper rufen. Das hat sich monatelang wie ein lebender Albtraum angefühlt. Es gab Tage, da sind mehrere Abschlepper gekommen, weil einige es nicht geschafft haben, die Ape aufzuladen. Ich wollte doch nur Pizzen verkaufen, und jetzt hatte ich ein Fahrzeug, das mir nur Probleme bereitet hat.
Hast du in dieser Zeit ans Aufhören gedacht?
Aufgeben war nie eine Option. Dafür bin ich viel zu kompetitiv.
Ich habe Schritt für Schritt versucht, jedes Problem zu lösen, und diese Beständigkeit hat sich ausgezahlt. Aus einem schwierigen ersten Jahr ist im zweiten Jahr ein Cateringunternehmen entstanden, das von Frühling bis Herbst fast jedes Wochenende ausgebucht ist, für Hochzeiten, Firmenevents und andere Veranstaltungen.
Was würdest du heute anders machen?
Uff, sehr vieles. Ich bin sehr naiv an das Ganze herangegangen. Ich habe darauf vertraut, dass der Umbauer einen gewissenhaften Job macht. Das war nicht der Fall. Wir hatten keinen guten Kaufvertrag, auf den ich mich berufen konnte. Und ich habe mich viel mit dem Fahrzeug beschäftigt, aber viel zu wenig mit Logistik und Betriebsküche. Gelernt habe ich, wie man emotional damit umgeht, Geld zu verlieren. Vertrauen ist wichtig, ersetzt aber keine klaren Absprachen, Verträge und Qualitätskontrollen.
Der Knoten platzt
Wann hat es sich zum ersten Mal angefühlt, als würde es klappen?
Im Juli, zwei Monate nach dem Start, haben wir bei einem Amazon-Versandcenter 150 Pizzen gebacken, unser erster großer Cateringauftrag. Als ich abends nach Hause gekommen bin, war ich so von Dankbarkeit und Erfüllung überwältigt, dass ich oberkörperfrei um die Alster gejoggt bin.
Welcher Einsatz ist dir besonders geblieben?
Im September letzten Jahres habe ich das Jubiläum einer Porsche-Werkstatt in Lüneburg begleitet. Kurz vor der Pizzaausgabe kam ein Starkschauer, fast alles wurde nass. Nach etwa 30 Minuten kam die Sonne raus, und wir haben Equipment und Arbeitsflächen so schnell wie möglich getrocknet. Ich war an diesem Tag allein vor Ort und habe in zwei Stunden 77 Pizzen gebacken. Ein paar Wochen zuvor hätte mich so eine Situation komplett überfordert. Stattdessen habe ich gemerkt, wie viel ruhiger ich inzwischen war.
Tropea hat fast 300 Sonnentage im Jahr, Hamburg deutlich weniger. Wie gehst du mit Regen um?
Bei einer Ape sieht zwar alles wunderschön und italienisch aus, aber sie hat eben kein Dach über dem gesamten Arbeitsbereich. Deshalb habe ich in einen 4 mal 4 Meter großen Pavillon mit Sonderhöhe investiert, der komplett über die Ape passt. Das war kein günstiger Kauf. Aber italienische Lebensfreude funktioniert in Hamburg schließlich nur, wenn auch der Teig trocken bleibt.
Eine Runde durch Italien
Woher kommt der Name Giro di Pizza?
Der Name ist vom Radrennen Giro d’Italia inspiriert. „Giro“ bedeutet auf Italienisch Runde oder Tour. Einerseits fahren wir mit der Ape von Event zu Event durch Norddeutschland. Andererseits machen unsere Gäste selbst einen Giro, indem sie sich im Buffetstil durch verschiedene Pizzasorten probieren. Sogar die rosa Farbwelt der Marke geht auf die Maglia Rosa zurück, das Trikot des Gesamtführenden beim Giro d’Italia.
Wie sieht ein typischer Einsatztag heute aus?
Morgens beantworte ich am Laptop Anfragen, dann gehe ich bei Großhändlern einkaufen und starte im Lager mit den Vorbereitungen. Meistens geht es zu einer Hochzeit. Bevor wir mit der Pizzaausgabe starten, backe ich mit dem Brautpaar ihre erste Pizza gemeinsam. Ich zeige ihnen, wie es geht, und sie machen es nach. Oft habe ich erst gegen zwei oder drei Uhr morgens Feierabend. Und der Tag endet damit, dass ich auf dem Weg nach Hause House-Musik höre und während der Fahrt zwei Pizzen esse, weil ich über den Tag verteilt viel zu wenig gegessen habe.
Historische Ape, Anhänger, aufwendiger Aufbau: Warum machst du es dir nicht einfacher?
Weil es bei Giro di Pizza eigentlich gar nicht nur um Pizza geht. Was wir wirklich schaffen wollen, sind Momente, in denen Menschen zusammenkommen und für ein paar Stunden das Gefühl eines kleinen Urlaubs in Italien erleben. Ein moderner Foodtruck wäre einfacher, günstiger und praktischer. Aber er würde nicht dieselbe Geschichte erzählen und nicht dasselbe Gefühl auslösen.
Warum die eigene Geschichte zählt
Was rätst du jemandem, der mit einer ähnlichen Idee am Anfang steht?
Man sollte sich sehr bewusst sein, warum man so etwas macht und was seine persönliche Verbindung zu dem Produkt oder der Geschichte dahinter ist. Diese Geschichte trägt einen durch herausfordernde Momente. Gerade bei einem Catering ist sie besonders wichtig, weil die Kunden Teil deiner Geschichte werden und du bei ihnen einen einmaligen Anlass bedienst.
Wo soll Giro di Pizza in fünf Jahren stehen?
Giro di Pizza könnte eine italienische Catering- und Erlebnismarke für Norddeutschland geworden sein, mit weiteren mobilen Konzepten rund um Vintage-Fahrzeuge, Wein, Aperitivo, Desserts und Eis. Mein größter persönlicher Wunsch wäre es, meinen Vater aus der Schweiz zurück nach Hamburg zu holen und ihn in das Unternehmen einzubinden. Er ist Master-Weinsommelier und verkörpert italienische Gastfreundschaft wie kaum jemand anderes.






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