Tagsüber arbeiten Sophie Rönnau und Christina Rüschhoff im Konzern. Daneben holen sie mit EINHORN COACHING Teams aufs Land, wo Pferde ihnen ehrlich den Spiegel vorhalten. Einen großen Plan hatten sie dafür nie. Warum funktioniert es gerade deshalb?
„Kommst du raus, spielen?“ Diese Frage stellen sich Sophie Rönnau und Christina Rüschhoff, genannt Tina, auch nach drei Wochen Regen noch erstaunlich gerne. Draußen, das ist eine Wiese südlich der Elbe mit einem Bauwagen, einem Unterstand, Lagerfeuer und sieben Pferden. Dort coachen die beiden seit 2019 unter dem Namen EINHORN COACHING Teams und Einzelpersonen, oft mit den Pferden als Methode. Daneben moderieren sie Workshops, halten Impulsvorträge und fahren für Coachings direkt zu Unternehmen. Hauptberuflich arbeiten beide bei OTTO. Sich mit nur einer Berufsbezeichnung zu beschreiben oder nur von einem Ort aus zu arbeiten, wäre ihnen viel zu langweilig, sagt Sophie. Ihre Kurzform dafür: „Alles kann, nix muss.“
Nicht entweder, sondern und
Dass es so gekommen ist, hat mit einer Frage zu tun, die Sophie lange begleitet hat: „Was will ich eigentlich mal werden?“ Mit dieser Frage im Gepäck probiert sie einen Job nach dem nächsten aus, von der Designerin bei Gruner & Jahr bis zur Suche nach passenden Ladenflächen für einen Hersteller von Ledertaschen. Über das Reiten lernt sie Tina kennen. Und Tina erklärt ihr ziemlich schnell, dass es im Leben nicht immer nur ein Entweder-oder gibt, sondern auch ein Und. Sophie traut sich daraufhin, bei einem großen Konzern anzufangen und sich gleichzeitig mit Tina selbstständig zu machen. „Rückblickend war das wahrscheinlich weniger der Moment, in dem ich wusste: Jetzt mache ich mein eigenes Ding“, sagt sie. „Sondern eher der Moment, in dem ich verstanden habe, dass mein eigenes Ding auch aus mehreren Dingen bestehen darf.“
Ein Pony braucht einen Freund
Den Ort für dieses eigene Ding entdeckt Tina 2018: eine mit Brombeeren verwilderte Fläche zwischen zwei Wohnhäusern. Die Entscheidung fällt schnell, „Klar, nehmen wir!“. Mit Hilfe der Nachbarschaft und vieler Freundinnen und Freunde machen Sophie und Tina daraus einen Offenstall. Geplant ist alles noch überschaubar, für zwei Pferde, die im Sommer ein paar Monate auf der Wiese stehen sollen. Dann aber setzt eine Logik ein, die Sophie so beschreibt: Will eine von beiden allein ausreiten, bleibt das zweite Pferd allein zurück. Also muss ein drittes her, erst mal nur ein ganz kleines. Wollen beide zusammen los, ist wiederum das Pony allein. „Also brauchte das Pony natürlich einen Freund“, sagt Tina. Irgendwann sind es sieben: vier Pferde und drei kleine Ponys. Ob das unter „gründlich danebengegangen“ fällt oder unter „daraus entstanden“, dürfe jeder selbst entscheiden, findet sie.
Aus dem Stübchen wird ein Lager
Mit der Zahl der Pferde wächst auch der Ort. Es kommt ein Bauwagen dazu, der eigentlich das gemütliche Stübchen werden soll und heute vor allem Coachingmaterial beherbergt. Nachbarn schenken den beiden das alte Dachgestell eines Bauwagens, und Sophie und Tina machen daraus kurzerhand einen Unterstand. Stück für Stück wird aus der verwilderten Wiese, auf der eigentlich nur zwei Pferde ihren Sommer verbringen sollten, ein Veranstaltungsort unter freiem Himmel. Und irgendwann steht der Gedanke im Raum, der alles Weitere auslöst: „Hieraus muss ein Business entstehen.“
Zu dritt gestartet, zu zweit geblieben
2019 geht es los, allerdings nicht zu zweit, sondern zu dritt. Drei Frauen, die „Bock hatten, kein 08/15-Coaching anzubieten“, wie Sophie es formuliert. Der Plan ist, Start-ups anzusprechen, sich unterschiedlich als Coaches ausbilden zu lassen und dieses Wissen an einem besonderen Ort zusammenzubringen, mit pferdegestütztem Coaching als einer der Methoden. Schnell zeigt sich jedoch, dass die Dynamik nicht zusammenpasst. Sophie und Tina preschen mit ihrer Haltung „einfach machen“ nach vorne, die Dritte im Bunde braucht ein anderes Tempo. Sie fühlt sich überfordert, die beiden anderen fühlen sich ausgebremst. Als sie sagt, dass sie aussteigen möchte, ist die Gründungseuphorie erst mal dahin. „Das war schon ein Moment, in dem wir uns gefragt haben: Und jetzt?“, sagt Sophie.
Die beiden schütteln sich kurz, sortieren sich und ordnen einiges neu. Dann merken Sophie und Tina, dass sie weitermachen wollen. Also tun sie das, was sie nach eigener Aussage bis heute ziemlich gut beschreibt: Sie machen weiter. Mit neuer Motivation, ziemlich vielen Ideen und seitdem zu zweit.
Kein Ponystriegeln
Was ein Team heute bei EINHORN COACHING bucht, beginnt mit einem Ortswechsel. Die Gruppen kommen raus aufs Land, ohne Seminarraum und ohne „08/15-Kennenlernspiele“. Jedes Team bringt sein eigenes Thema mit, genauso wie die Einzelpersonen, die zu Sophie und Tina kommen. Die beiden schauen dann, wie sich dieses Thema mit ihrem „ziemlich großen Methodenkoffer“ besprechbar, erlebbar und im besten Fall lösbar machen lässt. Eine dieser Methoden ist das Pferd, das beide ihr „Super-Tool“ nennt. „Das, was wir Menschen manchmal mit ziemlich vielen Worten nicht formuliert bekommen, machen Pferde durch ihre nonverbale Kommunikation oft innerhalb weniger Sekunden sichtbar“, sagt Tina. Die Tiere reagieren unmittelbar auf Körpersprache, auf Klarheit und Unsicherheit, auf Druck oder Verbindung, und geben damit eine ehrliche Rückmeldung. Ums Striegeln oder Reiten geht es dabei ausdrücklich nicht. Für Sophie ist das Pferd „ein ziemlich krasser Feedbackgeber auf vier Beinen“.
Zu albern für Konzerne?
Gerade am Anfang hören die beiden viele gut gemeinte Ratschläge. Man mache das so nicht, heißt es, sie bräuchten einen Plan, bestimmte Zahlen, eine klare Zielgruppe und ein klares Angebot. Und: „Ihr präsentiert euch viel zu albern.“ Eine Zeit lang versuchen Sophie und Tina tatsächlich, professioneller zu werden, vor allem auf Social Media. Das Ergebnis fasst Sophie knapp zusammen: „Selbst wir fanden uns plötzlich ziemlich langweilig.“ Mit den Jahren verstehen die beiden, dass ausgerechnet das, was sie sich abgewöhnen wollten, ihre größte Stärke ist. „Wir nehmen unsere Arbeit sehr ernst, uns selbst aber nicht immer“, sagt Tina. Heute trauen sie sich viel mehr, genau das zu zeigen.


Bestätigung kommt von unerwarteter Seite. Eigentlich wollten sie Start-ups und Werbeagenturen erreichen, doch schon früh kommen namhafte Unternehmen auf die Wiese, 2021 etwa Beiersdorf und Bertelsmann. Dann meldet sich Google und will mit einem größeren Team kommen. Die Botschaft, wie Sophie sie wiedergibt: „Wir haben Gutes von euch gehört, wir wollen unsere Führungskräfte von euch coachen lassen.“ Für die beiden ist das ein Ritterinnenschlag. Nicht wegen des Namens, sondern weil sich die Anfrage wie eine Bestätigung anfühlt. Sie müssen nicht weniger sie selbst sein, nicht glatter und nicht „businessmäßiger“ werden, damit ihre Arbeit ernst genommen wird.
Wenn die Saison anders läuft
Planbar wird das Geschäft dadurch nicht, denn jedes Jahr läuft anders. Was eine schlechte Saison ist, sei bei ihnen allerdings Definitionssache, sagt Tina, weil EINHORN COACHING nie mit riesigen Wachstumszielen gestartet ist. Gerade buchen weniger Teams als in den vergangenen Jahren. Dafür nehmen die Einzelcoachings zu, ebenso die Aufträge, für die Sophie und Tina die Wiese und die Pferde gar nicht brauchen: Workshops, Afterworks zum Thema ADHS bei Erwachsenen, Coachings direkt in Unternehmen und Impulsvorträge auf Netzwerkveranstaltungen. Abgewöhnt haben sich die beiden deshalb vor allem das Planen. Statt sich zu fragen, was sie falsch machen, lassen sie sich lieber ein Stück weit treiben. So entstehen immer wieder Formate, die nie geplant waren. Sätze wie „Das können wir doch nicht machen“ fallen selten. Die erste Reaktion auf eine Anfrage oder eine Idee lautet meistens: „Klingt cool, wir sind dabei!“
Wir nehmen unsere Arbeit sehr ernst, uns selbst aber nicht immer.
Nicht jede dieser Ideen wird etwas. Eine, aus der nichts geworden ist, stammt aus dem Hauptberuf. Bei OTTO sehen die beiden, dass viele Kolleginnen und Kollegen eine Lösung für ihren Hund brauchen, gerade jetzt, wo viele zurück ins Büro sollen. Die Idee: einfach direkt neben OTTO eine Hundetagesstätte aufmachen.
Reich, nur nicht immer auf dem Konto
Dazu passt, dass bei Sophie und Tina einiges läuft, mit dem sich erst mal kein Geld verdienen lässt, darunter ein kostenloses Netzwerktreffen, Märkte, Feiern und die Afterworks. Ob sich so etwas lohnt, entscheiden die beiden nicht allein danach, ob es sich sofort rechnet. Aus fast jedem Format entstehe irgendetwas, sagt Sophie. Manchmal ist es ein bezahlter Folgeauftrag, manchmal eine neue Idee und manchmal eine Bekanntschaft, die für das Netzwerk irgendwann Gold wert ist. Haben die beiden Lust auf eine Idee und das Gefühl, dass daraus etwas werden kann, probieren sie es aus. Beim Jahresrückblick nehmen sie sich jedes Jahr wieder vor, endlich „reich“ zu werden. „Und am Ende des Jahres stellen wir jedes Mal fest: Das sind wir längst“, sagt Tina. Vielleicht nicht immer auf dem Konto, aber an Begegnungen, Möglichkeiten, Geschichten und Menschen.
Das Netz heißt Festanstellung
Wer überlegt, sich neben dem Job ebenfalls selbstständig zu machen, bekommt von Sophie einen Rat, der zu ihrem Umgang mit Plänen passt: „Probier es einfach aus, wenn es nicht klappt, hast du ja noch die Festanstellung.“ Dahinter steckt derselbe Gedanke, den ihr Tina einst beim Reiten mitgegeben hat: „Wir müssen uns eben nicht für entweder oder entscheiden, wenn auch Und geht.“






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