Hakan Dirim hat keine Ausbildung abgeschlossen. Heute schützt seine HD Sicherheit GmbH aus Eschbach mit über hundert Mitarbeitenden Einkaufscenter und Handelsfilialen. Wie kommt man ohne Zeugnis dahin, dass Kunden von selbst anrufen?
Über ein Praktikum in die Sicherheitsbranche
Hakan, bevor du in der Sicherheitsbranche gelandet bist, hast du einiges ausprobiert. Wie hat alles angefangen?
Bei mir hat alles mit einem Praktikum angefangen. Davor hatte ich verschiedene Dinge ausprobiert, unter anderem habe ich bei McDonald's gearbeitet, aber eine klassische Ausbildung hatte ich nicht abgeschlossen. Ich wusste lange nicht genau, wohin mein Weg führen sollte. Über das Praktikum bin ich schließlich in die Sicherheitsbranche gekommen. Dort habe ich relativ schnell gemerkt, dass mir die Arbeit liegt und dass ich in diesem Bereich etwas aufbauen kann. Aus dem Praktikum wurde Schritt für Schritt mehr, bis irgendwann klar war: Das ist mein Weg, und daraus möchte ich etwas Eigenes machen.
2018 kam die erste ernsthafte Anfrage für einen Objektschutz, und du hast erst gezögert. Was war das für ein Auftrag?
Der Auftrag kam von einem Einkaufscenter in Weil am Rhein. Sie brauchten Sicherheitsdienstleistungen und kamen mit einer Anfrage auf mich zu. Der Umfang war für mich zu diesem Zeitpunkt schon sehr groß, und genau deshalb musste ich erst überlegen, ob ich diesen Schritt wirklich gehen kann. Am Ende war genau diese Anfrage der Ausschlag dafür, die Selbstständigkeit ernsthaft anzugehen und ein Unternehmen aufzubauen. Ich habe die Chance gesehen und entschieden, sie zu nutzen.
Über ein Jahr lang hast du alles parallel gemacht: Vollzeitstelle im Sicherheitsdienst, Schichten an der Tür, das eigene Unternehmen im Aufbau. Was war in dieser Zeit die größte Hürde?
Die größte Herausforderung war gar nicht unbedingt das Arbeitspensum, sondern alles, was hinter der Selbstständigkeit steckte. Verwaltung, Behörden, Vorschriften, Buchhaltung: Vieles davon musste ich mir komplett selbst beibringen. Gerade am Anfang bekommt man sehr viele Vorgaben, aber nur selten erklärt einem jemand, wie man sie in der Praxis richtig umsetzt. Gleichzeitig lief das operative Geschäft weiter. Diese Kombination war teilweise extrem belastend. Trotzdem habe ich mich immer wieder durchgerungen, Lösungen gesucht und aus jedem Problem etwas gelernt.
Klare Grenzen und Lösungen nach Maß
Was machst du heute konkret anders als in den ersten Jahren?
Vor allem sehe ich Fehler nicht einfach nur als Fehler, sondern analysiere sie und verändere etwas. Ein Beispiel ist der Umgang mit Mitarbeitern. Mir ist bis heute wichtig, auf Augenhöhe zu kommunizieren und einen guten, persönlichen Kontakt zu haben. Ich habe aber gelernt, dass Führung auch klare Grenzen braucht. Früher war das teilweise zu freundschaftlich, zu sehr auf einer „Bro-Ebene“. Das wurde teilweise ausgenutzt. Heute trenne ich bei der Arbeit Freundschaftliches und Geschäftliches und achte besonders darauf, respektvoll zu sein und einen klaren, nachvollziehbaren Führungsstil zu kommunizieren.
Euer Motto ist „S.O.S: Sicherheit, Ordnung, Service“. Was bucht jemand bei dir, wenn er heute anruft?
Sicherheit, Ordnung, Service, genau das versuchen wir in der Praxis umzusetzen. Wir stellen nicht einfach nur einen Sicherheitsmitarbeiter irgendwo hin. Wir schauen uns an, was der Kunde wirklich braucht, wo Probleme entstehen und wie man sie lösen kann. Gerade im Einzelhandel sagen wir unseren Kunden auch, was uns im laufenden Betrieb auffällt und wo es Optimierungspotenzial gibt. Am Ende bekommt jeder Kunde eine möglichst individuelle Sicherheitslösung, die zu seinem Objekt und seinen tatsächlichen Anforderungen passt.
Vom ersten Einkaufscenter zu 17 Märkten
Woran hast du gemerkt, dass aus der Idee ein Unternehmen wird?
Ein wichtiger erster Meilenstein war definitiv der Auftrag bei dem ersten Einkaufscenter. Durch ihn wurde aus der Idee endgültig ein richtiges Unternehmen. Ein weiterer großer Schritt war die Zusammenarbeit mit Hieber. Ursprünglich ging es dort um einen einzelnen Markt. Daraus wurden 17 Märkte. Das zeigt einem, dass Vertrauen entstanden ist. Daneben gab es viele strukturelle Meilensteine: der Schritt von der KG zur GmbH, der Umzug in größere Büroräume, die Digitalisierung des Unternehmens, unsere ISO-Zertifizierung und die Expansion mit Objekten in Berlin und München.


Gab es auch einen Auftrag, bei dem du selbst kurz schlucken musstest?
Ja, bei einem anderen sehr großen Einkaufscenter. Dort mussten wir sehr kurzfristig ein großes Objekt übernehmen und mit begrenzten personellen Möglichkeiten eine Lösung finden. Irgendwie haben wir es geschafft, und das Objekt betreuen wir bis heute.
In der Coronazeit hättet ihr ein Vielfaches an Aufträgen annehmen können, aber es fehlten die Leute. Wie hast du diese Wochen erlebt?
Die Zeit war für uns extrem. Sicherheitsdienste waren plötzlich in sehr vielen Bereichen systemrelevant, und die Nachfrage ist innerhalb kürzester Zeit enorm gestiegen. Das Problem war: Man kann nicht von heute auf morgen die passenden Mitarbeiter finden und ausbilden. Wir hatten teilweise mehr Anfragen, als wir überhaupt abdecken konnten, und mussten sogar Aufträge ablehnen. Das war schwierig, weil man helfen wollte. Für mich war das einer der Momente, in denen wir sehr deutlich an die damaligen Grenzen unseres Unternehmens gekommen sind.
Charakter zählt mehr als der Lebenslauf
Woran machst du fest, wem du mehr Verantwortung gibst?
Für uns steht der Charakter an erster Stelle. Erfahrung und Fachwissen sind wichtig, vieles davon kann man aber vermitteln. Charakter deutlich weniger. Deshalb suchen wir bewusst nach Rohdiamanten: Menschen, die zuverlässig sind, Verantwortung übernehmen und menschlich zu uns passen. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Wollen, Können und Dürfen. Der Mitarbeiter muss den nächsten Schritt wollen, entwickelt mit unserer Unterstützung das nötige Können und bekommt von uns das Vertrauen und die Verantwortung, also das Dürfen. Wenn das stimmt und wir Führungspotenzial erkennen, fördern wir gezielt. Auch Quereinsteiger entwickeln wir so Schritt für Schritt zu Einsatzleitern, die unsere Werte und unsere Art zu führen verinnerlicht haben.
Für uns steht der Charakter an erster Stelle.
Du hast selbst 40 bis 50 Bewerbungen geschrieben, und viele Unternehmen haben sich nicht einmal gemeldet. Hast du schon jemanden eingestellt, den andere aussortiert hätten?
Ja, mehrfach. Ich versuche bei Menschen Potenzial zu sehen, das auf dem Papier vielleicht nicht sofort erkennbar ist. Ein Lebenslauf sagt meiner Meinung nach nicht alles über einen Menschen aus. Es gab auch Fälle, in denen Mitarbeiter Fehler gemacht haben, das Unternehmen verlassen mussten und später eine zweite Chance bekommen haben. Aus einigen davon sind richtig gute und verlässliche Mitarbeiter geworden. Deshalb glaube ich daran, Menschen nicht zu früh abzuschreiben.
Was hast du über die Jahre über Führung gelernt?
Dass gute Mitarbeiterführung vor allem auf Wertschätzung, Vertrauen und Augenhöhe basiert. Wir nehmen uns bewusst Zeit für unsere Leute, hören zu, führen regelmäßige Gespräche, motivieren und unterstützen auch bei persönlichen Herausforderungen. Das zahlt sich aus: Die Bindung an das Unternehmen ist deutlich stärker, die Krankheitsquote ist spürbar gesunken, und wir bekommen viele Bewerbungen und Empfehlungen.
Ausdauer, Familie und ein Rat
Was treibt dich morgens aus dem Bett, auch nach einer Nacht, in der das Telefon dreimal geklingelt hat?
Mich motiviert, etwas verändern zu können! Wenn mein Telefon mich nachts dreimal weckt, hat das seinen Grund. Vielleicht kann ich genau in diesem Moment etwas bewirken, für mein Unternehmen, für meine Mitarbeiter oder für meine Kunden. Wenn ich gebraucht werde, möchte ich Verantwortung übernehmen. Und wenn ich merke, dass wir jemandem wirklich helfen und ein Gefühl von Sicherheit geben konnten, gibt mir das selbst sehr viel zurück. Ich möchte anderen das geben, was ich mir in so einer Situation selbst wünschen würde.
Am Ende haben wir alle zwei Hände und einen Kopf.
Was war dein schönster Moment, seit du 2018 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hast?
Eigentlich besteht die ganze Geschichte aus vielen schönen Momenten. Jedes Jahr, in dem wir wachsen, neue Mitarbeiter dazukommen und Kunden zufrieden sind, bedeutet mir viel. Wenn ich aber einen persönlichen Punkt nennen müsste, dann ist es, dass meine Frau diesen Weg von Anfang an mit mir gegangen ist und bis heute an meiner Seite steht. Das gemeinsam aufgebaut zu haben, bedeutet mir wahrscheinlich am meisten.
Was sagst du jemandem, der den gleichen Schritt gehen will und denkt, sein Zeugnis oder sein Lebenslauf stehe ihm im Weg?
Erfolg entsteht meistens nicht von heute auf morgen. Die entscheidende Fähigkeit ist für mich Ausdauer. Man muss bereit sein, über Jahre dranzubleiben, Arbeit zu investieren und auch nach Rückschlägen weiterzumachen. Am Ende haben wir alle zwei Hände und einen Kopf. Der Unterschied ist häufig nicht das Zeugnis oder der perfekte Lebenslauf, sondern wie lange jemand bereit ist, für sein Ziel zu arbeiten. Wenn man keine perfekten Voraussetzungen hat, muss man vielleicht an anderen Stellen mehr investieren. Aber ein schlechtes Zeugnis oder ein ungerader Lebenslauf heißt nicht, dass man keine Perspektive hat. Keine Ausbildung, aber eine klare Vision! Der Weg ist vielleicht steinig, aber sicher nicht unüberwindbar. Bleibt dran.






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