Lange hat Astrid Weissenfeldt Reisen in die Südsee geplant. Heute begleitet sie als Seniorenassistentin im Nordosten Hamburgs ältere Menschen durch ihren Alltag, vom Arzttermin bis zum Postkram. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
Fernreisen, Corona und eine Anzeige
Bevor du dich selbstständig gemacht hast, hast du viele Jahre Reisen nach Australien, Neuseeland und in die Südsee geplant. Wie sah dieses Berufsleben aus?
Ich bin viel gereist und habe die Länder im südlichen Pazifik geliebt. Durch einen Zufall bin ich vor vielen Jahren auf das Büro gestoßen und konnte dort anfangen zu arbeiten. Als ich schwanger wurde, habe ich den Beruf von zu Hause aus weitergemacht, die nächsten 15 Jahre lang. Natürlich musste ich jedes Jahr mindestens einmal verreisen, um die Angebote vor Ort zu sehen und auf dem Laufenden zu bleiben.
Warum wolltest du irgendwann etwas ganz anderes machen, und wie kam die Seniorenassistenz ins Spiel?
Nach vielen Jahren wurde es immer schwieriger, als Expertin gute Reisen zu verkaufen. Durch die Recherche im Internet sah sich plötzlich jeder selbst als Experte, und ich wurde schon etwas unruhig und genervt. Corona hat mir die Entscheidung dann einfach abgenommen, ich musste mir etwas Neues einfallen lassen. Und dann habe ich die Anzeige für die Ausbildung zur Seniorenassistenz gesehen. Ohne diese Anzeige wäre ich heute nicht hier.
Parallel hast du eine Ausbildung zur Hospizbegleiterin gemacht. Wie lief dein allererster Kontakt mit einer Seniorin?
Für die Hospizbegleitung sollten wir ein Praktikum machen und einen Senior begleiten. Die Dame sprach am Telefon mit mir und dachte, ich bräuchte ihre Hilfe. Als ich versucht habe zu erklären, dass ich sie unterstützen will, hat sie mich unterbrochen und das Gespräch beendet. Das war mein erster Kontakt mit Senioren, und ich dachte nur: Das kann ja heiter werden! Aber als ich dann die ersten Gespräche mit meinen Kundinnen hatte, war ich wieder überzeugt, das Richtige zu tun.
Wie kam deine erste Kundin zu dir?
Über ihre Freundin. Die hatte meinen Flyer gesehen und mich angerufen. Ich habe einen Termin mit der Kundin ausgemacht und bin zu ihr gefahren. Die Frau war so interessant. Sie ist in China aufgewachsen und hat sich als Journalistin und Fotografin selbstständig gemacht, mit dem Kolorieren von Schauspielerfotos für Fernsehzeitschriften. Das war alles so spannend, dass ich sie nur ausgefragt und eigentlich nichts über mich erzählt habe. Wir waren aber gleich auf einer Wellenlänge. Ich besuche sie heute noch jede Woche, seit fünf Jahren.
Alltagshilfe statt Pflege
Seniorenassistenz ist keine Pflege, das steht ausdrücklich auf deiner Website. Wie erklärst du einer Nachbarin im Treppenhaus, was du machst?
Jeder hat ja irgendwie Kontakt zu älteren Menschen und kann sich vorstellen, was alles nicht mehr so einfach ist. Ich beschreibe dann, was ich tue, um den Alltag alleinlebender Menschen zu erleichtern und Hürden zu nehmen. Ich gehe mit einer blinden Dame spazieren und Kaffee trinken, mit einer anderen zu Jazzveranstaltungen. Für die nächste kaufe ich ein oder übernehme die Buchhaltung. Ich leiste einer dementen Dame Gesellschaft, und einem blinden Herrn lese ich das Abendblatt vor und diskutiere mit ihm über die Wirtschaft. Wieder andere begleite ich zu ihren Ärzten.
Wer meldet sich meistens bei dir, und wie läuft das erste Gespräch?
Meist sind es die Kinder, manchmal auch eine Freundin oder eine Angehörige, die sich Sorgen macht. Wir vereinbaren einen Gesprächstermin, und sie erzählen mir, was ihnen Sorgen macht und fragen, was ich als Seniorenassistentin genau anbiete. Ich erzähle von meinen Leistungen und auch von dem, was ich nicht anbiete, wie Pflege oder Haushaltsführung. Wir sprechen auch über das Geld und über die Möglichkeiten, es sich von der Pflegekasse zurückerstatten zu lassen. Die Person bespricht das dann mit ihren Angehörigen, und anschließend machen wir einen ersten Besuch aus, bei dem wir uns kennenlernen. Wenn wir uns sympathisch sind, vereinbaren wir regelmäßige Besuche.
Nimm uns mal mit zu einem ganz normalen Termin aus den letzten Wochen.
Meine Seniorin lebt noch in ihrem eigenen Haus. Bis vor Kurzem war auch ihr Mann noch zu Hause, er ist stark dement. Jetzt lebt er in einem Heim, und sie muss sich erst einmal mit der Situation auseinandersetzen. Da spielt einerseits ein schlechtes Gewissen mit und andererseits die Erleichterung, wieder auf sich selbst zu achten. Wir haben über diese widersprüchlichen Gefühle gesprochen, aber auch über ihr Recht, sich selbst wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Wir sehen uns nur alle zwei Wochen. In der Zeit legt sie den gesamten Postkram ungesehen in eine Mappe, mit vielen kleinen Zetteln, auf denen die Fragen stehen, die ihr in den zwei Wochen gekommen sind. Dann arbeiten wir knapp zwei Stunden durchgehend die Papiere durch.
Und wie fährst du danach nach Hause?
Nach diesen Stunden bin ich immer recht ausgelaugt, aber auch mit einem warmen Gefühl, weil ich helfen konnte. Dieses Gefühl habe ich eigentlich nach jedem Besuch. Manche Kundinnen sind intensiver als andere, aber abends bin ich immer müde und zufrieden.
Was aus der Reiseberatung hilft dir heute, wenn du zum ersten Mal bei jemandem im Wohnzimmer sitzt?
Bei der Reiseberatung geht es ja um die richtigen Fragen, damit du dem Kunden die perfekte Reise ausarbeiten kannst. Du lässt deine eigenen Erfahrungen einfließen und stellst im gewünschten Rahmen eine individuelle Reise zusammen. Genauso ist es eigentlich auch jetzt bei meinen Damen und Herren. Ich stelle die richtigen Fragen und höre zu. Dann lasse ich meine Erfahrungen einfließen, und wir kommen zu einem Beschäftigungsfeld, mit dem wir starten. Das verändert sich im Lauf des Jahres aber auch immer mal wieder.
Langsamer gewachsen als geplant
Lief der Start so, wie du ihn geplant hattest?
Man erstellt am Anfang der Selbstständigkeit ja einen Businessplan. Im ersten Jahr habe ich mit zwei bis drei Kunden gerechnet, und dann steigert man sich eben. Dass in meinem Beruf natürlich auch immer mal wieder jemand verstirbt, hatte ich mir anfangs nicht wirklich so vorgestellt, das habe ich aber bald erkannt. Und so ging es mal wieder etwas langsamer voran als gedacht. Nach zwei Jahren war ich dann keine Kleinunternehmerin mehr und musste mit der Umsatzsteuer rechnen. Also habe ich meine Preise etwas erhöht. Alles nicht so einfach. Aber nach ungefähr drei Jahren kamen immer wieder neue Kunden dazu, und ich hatte das Glück, dass mich eine Seniorenresidenz ihren Bewohnern angepriesen hat. Dadurch bekam ich mehrere Anfragen. Heute, nach fünf Jahren, habe ich 16 Kunden und bin gut ausgelastet.
„Ich verkaufe mich als Person und bringe meine offene und empathische Haltung ein.“
Es gab schon Leute, die bei dir mitarbeiten wollten. Warum bleibst du allein?
Ich hatte schon mehrfach Anfragen, aber ich habe immer abgelehnt. Ich verkaufe mich als Person und bringe meine offene und empathische Haltung ein. Andere Menschen, die anders ticken, möchte ich nicht für meine Kunden einsetzen. Jeder bringt sich anders ein und hat andere Meinungen und Ansichten, die er oder sie für sich nutzen kann. Aber die möchte ich nicht unter meinem Namen verkaufen. Deshalb möchte ich nur solo selbstständig arbeiten.
Was hinter dem Zuhören steckt
Von außen klingt deine Arbeit nach Zuhören und Alltagshilfe. Was steckt dahinter?
Ich habe in meiner Ausbildung viel gelernt, was ich heute anwenden kann. Auch wenn es sich so anhört, als würde ich nur zuhören und im Alltag helfen, steckt doch häufig mehr dahinter. Ich habe viel Erfahrung mit Demenz gesammelt, einige Weiterbildungen gemacht und kann mich sehr gut in die Person hineinversetzen. Ich habe auch Erfahrung mit Basaler Stimulation und konnte einem stummen Herrn mit Berührungen helfen.


Abschiede gehören zu deiner Arbeit dazu. Wie gehst du damit um?
Die ehrenamtliche Hospizbegleitung mache ich aus Zeitgründen nicht mehr. Aber die regelmäßigen Supervisionen dort haben mir auch in meiner Arbeit als Seniorenassistentin sehr geholfen. Und das Wissen, dass meine Senioren ein langes und sehr ausgefülltes Leben geführt haben, hilft mir sehr beim Abschiednehmen.
Welcher Moment aus all den Nachmittagen und Ausflügen ist dir am liebsten geblieben?
Da gibt es ziemlich viele. Zum Beispiel ein 90. Geburtstag, den ich mit einer Kundin und ihrer Enkelin in einem Café gefeiert habe, oder ein Ausflug an die Ostsee. Mit einer Kundin fahre ich jedes Frühjahr ins Arboretum nach Ellerhoop, um mit ihr die Dichternarzissen anzuschauen.
Jeden Tag offen losfahren
Was bringt dich dazu, jeden Morgen loszufahren?
Alle meine Seniorinnen und Senioren sind mir inzwischen ans Herz gewachsen, jeder mit seiner ganz eigenen Geschichte und seinen ganz eigenen Bedürfnissen. Jeder Tag ist neu. Ich gehe aus dem Haus und weiß nicht, was genau mich erwartet. Das macht es so abwechslungsreich und spannend. Genauso offen muss ich aber auch jeden Tag losfahren. Da bleiben meine eigenen Empfindlichkeiten zu Hause.
Jemand Mitte vierzig hadert, ob er seinen sicheren Job für etwas Neues aufgeben soll. Was sagst du ihm?
Er oder sie sollte dem eigenen Herzen folgen und es einfach wagen. Wenn sich drastische Veränderungen ergeben, öffnen sich neue Wege und Möglichkeiten, die häufig besser zu dir passen. Ergreife sie.






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