Begrüßung und Einordnung
Christian: Wie immer starten wir direkt rein. Ich fange jetzt gar nicht groß an, weil die Begrüßung ja schon gelaufen ist. So, super. Herzlich willkommen. Ich freue mich heute, Julius Göllner hier zu haben. Julius, wir kennen uns jetzt, glaube ich, auch schon so vier, fünf Jahre, so kurz vor der ersten ARRtist. Da werden wir heute sicherlich auch noch ein bisschen drüber sprechen, das ist ja auch ein Teil von dem, was du machst. Ich würde dich bezeichnen als Serial Entrepreneur, also Seriengründer, muss man wirklich sagen, Angel Investor und auch Software-as-a-Service-Vordenker, gerade mit dem, was ihr mit der ARRtist macht, mit deinen beiden Kompagnons und dem ganzen Team mittlerweile. 16 Gründungen insgesamt, glaube ich. Zwei Exits, ist das richtig?
Julius: Stimmt, ja. Das stimmt.
Christian: Ein riesiges Netzwerk mittlerweile durch die Summit. Ich glaube, es gibt keinen, der dich nicht kennt, und wahrscheinlich auch keinen in Deutschland, der irgendwas im Bereich SaaS macht und nicht Julius oder die ARRtist kennt. Das habt ihr in einer sehr, sehr kurzen Zeit erreicht. Da ziehe ich echt den Hut. Ich bin auch froh, von der Nextway-Seite aus ein bisschen Partner zu sein. Und dein Ziel, da würde ich auch gerne ein bisschen reingehen, ist eigentlich auch, SaaS-Gründerinnen beim Skalieren zu helfen – wie kriegt man das dann wirklich ein bisschen größer? Ob es dann ein Exit ist oder einfach ein fundamental gutes Business, das sei mal dahingestellt. Und auf LinkedIn habe ich gelesen, würde ich auch so unterschreiben, dass die ARRtist Summit das beste SaaS-Event des Jahres war. In Deutschland würde ich es auf jeden Fall so sehen, international weiß ich nicht, da können wir ja gleich mal drüber sprechen. Also super schön, dass du da bist, freut mich wirklich, hier in Berlin heute.
Wortpaare zum Aufwärmen
Christian: Wir starten immer ein bisschen mit einem Warm-up, damit wir dich ein bisschen besser kennenlernen, so wie ein kleines Wortpaar. Also so wie Kaffee oder Tee. Du kannst nichts richtig oder falsch sagen, überhaupt nicht. Man kann dich dann vielleicht auch ein bisschen besser als Mensch kennenlernen, was vielleicht Vorlieben sind. Starten wir einfach durch, wie du Lust hast, kein Korsett. LinkedIn oder Podcast?
Julius: LinkedIn.
Christian: Zirkus oder Theater?
Julius: Zirkus.
Christian: Wegen eurem ARRtist-Circus?
Julius: Nee, ich glaube einfach so eine Persönlichkeitsfrage.
Christian: Eine Persönlichkeit, ja, sehr schön. Brand oder Performance?
Julius: Klar Performance. Zahlen.
Christian: Viele Termine in der Abstimmung oder lieber Deep Work?
Julius: Lieber Deep Work, allerdings auch viele Termine, um Themen voranzubringen. Da kann ich keine ganz klare Entscheidung fällen. Ich bin schon jemand, der Interaktion gerne mag und mit Leuten viel interagiert, damit Themen vorangehen. Was ich nicht mag, sind so Fix-Termine, wo man sich nur des Treffens wegen trifft.
Christian: Sehr nachvollziehbar. Was war schöner, die erste Gründung oder die 16.?
Julius: Schöner war, glaube ich, die 16.
Christian: Da gehen wir nachher mal rein, warum. Geschwindigkeit oder Substanz?
Julius: Geschwindigkeit.
Christian: Das hätte ich auch erwartet. Hype oder Haltung?
Julius: Haltung, ganz klar. Können wir auch noch tiefer drüber sprechen später, aber jetzt erstmal die kurze Antwort: Haltung.
Christian: Haltung, stark. Wochenende auf dem Land oder in der Stadt?
Julius: Stadt.
Christian: Ich bin ja Berliner, du bist Berliner. Aber ich habe dich schon oft in Polen erwischt.
Julius: Das stimmt. Wir haben ein Haus am See in Polen, wirklich im Nirgendwo. Aber wenn ich wählen müsste, in dem Fall jetzt: Stadt.
Christian: Okay, spannend.
Das Why: Freiheit und Leidenschaft
Christian: Im Podcast wollen wir es immer so aufziehen, dass wir den Golden Circle von Simon Sinek nehmen – Why, How, What –, um dich ein bisschen besser zu verstehen. Es geht ja darum, dass wir mit Menschen sprechen, die vielleicht auch ein Vorbild sind für andere, die heute zuhören. Die sagen: Mensch, das, was der Julius macht, das könnte ich vielleicht auch. Ganz kurz zum Warmwerden: Das Why von Lexware ist einfach, Unternehmertum erleichtern. Und beim How haben wir zwei Bereiche. Einerseits durch Sichtbarkeit – wir wollen mit Tell Your Story all diesen Gründern, Gründerinnen, Kleinstunternehmen, Kleinen und Selbstständigen eine Bühne geben – und auf der anderen Seite hoffentlich tolle Lösungen machen. Und dann kommt erst das Was, das ja keiner haben möchte: Buchhaltung, Rechnung und so weiter. Wenn du so drüber nachdenkst, über das, was dich antreibt: Du bist ja schon echt stark am Start mit 16 Gründungen und den Exits, und das reicht ja nicht, da muss man noch eine ganze ARRtist-Reihe hochziehen. Was ist denn dein Antrieb? Du musst ja irgendein starkes Warum haben, was den Julius treibt.
Julius: Das ist eine super spannende Frage, die ich wahrscheinlich nochmal tiefer reflektieren müsste, aber per se glaube ich, ist das Why heute ein anderes als damals. Lange war mein Why, gerade nach der Uni, natürlich erstmal monetäre Freiheit. Ich komme aus ganz normalen Verhältnissen, und das war so BWL, VWL studieren, McKinsey, erstmal schnell Karriere machen und Geld verdienen. Das hat sich sehr gewandelt. Mein Why aktuell und über die letzten Jahre ist wirklich, mein eigenes Leben in einer Form zu strukturieren, die mir Spaß macht. Mir ist sehr bewusst, dass das Leben endlich ist. Mein Papa ist mit irgendwie 53 gestorben, also sehr zeitig. Und ich versuche, mein Leben so zu gestalten, dass ich früh aufstehe und Spaß daran habe, was ich mache. Wenn ich mal Lust habe, eine ARRtist zu bauen, weil ich da einen Need sehe, dann mache ich das. Und wenn mir in den Kopf kommt, wir bauen jetzt ein Zirkusformat für Sales-Teams, wo Leute in Kostümen auf eine Business-Konferenz gehen, dann klingt das erstmal verrückt, aber es macht mir extrem viel Spaß. Sicherlich ist das Ziel trotzdem, dass diese Modelle keine schwarzen Löcher sind, in denen ich mein Geld verbrenne, sondern dass sie in irgendeiner Art und Weise wirtschaftlich tragfähig sind. Aber wenn du mich nach dem Why fragst: Ich liebe das, was ich mache. Ich bin sehr dankbar für die Flexibilität, die Unternehmertum mit sich bringt, und für die Menschen, mit denen ich jeden Tag arbeite, weil ich in meiner Position wenig Leute über mir habe oder Investoren – ich bootstrappe die meisten Sachen. Diese Freiheit und diese selbst gewählte Entscheidung, die ich jeden Tag treffen darf, die Sachen zu machen, die mir Spaß machen, das ist unbezahlbar. Und das ist, glaube ich, mein Why.
Christian: Das ist stark. Das ist ja der Traum von den meisten, irgendwas zu machen, wo man morgens gerne aufsteht. Und ich glaube, wenn man Spaß hat, ist man wahrscheinlich auch einigermaßen gut darin. Im Gegensatz dazu, wenn man was machen muss, wo man eigentlich keinen Bock hat.
Julius: Und ich war genau in dieser Situation, die du gerade beschreibst, ja selber auch mal. Wenn ich Vorträge an Unis mache, fragen Studierende ganz oft: Was wäre deine Nummer-1-Empfehlung? Meine Nummer-1-Empfehlung, jetzt mit ein paar Jahren auf dem Buckel, ist: Du musst das machen, wo du wirklich passionate bist, also wofür du Leidenschaft hast. Weil dann finanzieller Erfolg in ganz, ganz vielen Situationen die logische Konsequenz ist. Ich sage nicht, dass es leicht ist, in jungen Jahren zu verstehen und zu wissen, wofür man Leidenschaft hat. Das ist eine sehr schwierige Sache, die unser Schulsystem, so strukturiert und linear, wie es ist, meistens gar nicht zulässt – diese Räume überhaupt mal zu finden und herauszubekommen, wofür habe ich Begeisterung.
Schule, Kinder und Selbstbestimmung
Christian: Ja, absolut. Ein paar Themen hast du da angeschnitten, die mich auch gerade treiben. Eine Tochter in acht Jahren – jetzt bin ich irgendwie Montessori-Fan. Warum? Weil es mich fasziniert, dass vor 120 Jahren eine Frau ein Schulsystem revolutioniert und etwas völlig Neues findet, das erzählt, was wir heute in der agilen Welt sagen: hilf dir, es selbst zu tun, neben Selbstverantwortung. Und das ist auch das, was du heute gerne weitergibst, dass es genau darum geht?
Julius: Ja, glaube ich. Wenn ich selber an das Schulsystem zurückdenke: Da sind Zensuren alles, du musst irgendwie eine Eins und eine Zwei, du bist in einem total starren Lehrplan und machst die ganze Zeit eigentlich Sachen, die dich zum überwiegenden Teil gar nicht interessieren. Und das kann ja eigentlich nicht das Ziel sein. Ich glaube, wenn wir es schaffen würden, unseren Kindern – und ich habe auch zwei Töchter – frühzeitig die Möglichkeit zu geben, ihren Interessen, Passionen und Leidenschaften zu folgen, und sie dadurch Lust bekommen, in die Schule zu gehen und Sachen zu entdecken und sich weiterzuentwickeln, würde uns das als Gesellschaft sehr viel weiterbringen. Und das kann ich jetzt in meinem Alter selbst gewählt machen. Wenn jetzt nichts total Verrücktes passiert, werde ich auch sehr schwierig wieder in eine Anstellung gehen. Ich bin, glaube ich, unanstellbar.
Christian: Ja, das ist ja nichts Schlimmes, sondern weil du halt ein Unternehmer bist und selbst gestalten willst. Das steckt ja drin. Als ich dich kennengelernt habe, ist mir aufgefallen, dass eine unfassbare Energie rüberkommt. Und du gehst gar nicht gleich mit VC her, obwohl du den Megakontakt hast. Wenn jemand schnell Budget oder Geld kriegen würde, dann würde ich dich da relativ schnell nennen – durch deine Kontakte gar nicht das Thema. Ich erinnere mich an einen Podcast mit dir, ich glaube, kurz vor der Fahrt nach Polen, da musstest du auch gleich los, Kind, Geburtstag oder so. Wie gleichst du das aus, wie schaffst du das, wenn so viel Passion und Power und Energie da ist?
Julius: Vielleicht um den ersten Teil deiner Frage zu beantworten, Christian: Ich mache ganz bewusst auch keine Modelle, die Investoren benötigen, zumindest keine institutionellen Investoren. Warum? Weil mir klar ist, dass die Anforderungen an mich dann ganz andere wären und das in meinem jetzigen Setting, mit vielen Ventures und Sachen, die ich gerne baue, schwierig funktionieren würde. Der VC braucht natürlich Long-Term Commitment, 120 Stunden auf einem Thema. Das will und kann ich gar nicht. Deswegen habe ich das für mich ausgeschlossen. Ich habe Zalando damals im Top-Management mit aufbauen dürfen, da habe ich die andere Seite kennengelernt, auch super spannend. Aber das ist erstmal selbst gewählt. Deswegen sind die Modelle, die wir bauen, meistens solche, die wir selber finanzieren können oder mit Family and Friends oder ein paar Angels, und die relativ schnell profitabel und Cashflow-positiv sind. Wie gleiche ich das aus? Für mich ist es gar nicht so, dass ich das ausgleichen muss, ehrlich gesagt. Was ich mache, wirkt vielleicht für Dritte stressig, aber für mich ist es das, was ich machen will. Ich habe dafür Passion. Ich gehe nach Hause und bin eigentlich voller Energie, weil mir das, was ich mache, Spaß bringt. Ich versuche trotzdem, früh am Morgen, bevor ich die Kids bringe, Sport zu machen. Das hilft mir, gut zu schlafen. Aber ich sehe das gar nicht so als Belastung.
Christian: Ja, aber ich habe das auch gemerkt, als die Annie auf die Welt kam, da ist nochmal eine andere Verantwortung, Zeit ist plötzlich eine andere Dimension. Ich habe mir mal sonntags so einen Schimmeltag gegönnt, habe ich das genannt. Aber wenn ich mir vorstelle, da sind noch 16 Startups nebenher zu betreuen – irgendwer wird ja immer was von deiner Expertise wollen. So stelle ich mir das vor. Vielleicht ist es ja auch ganz anders.
Julius: Nee, ist schon auch so, aber dadurch, dass viele der Rollen nicht voll operativ sind – ARRtist ist voll operativ, aber auch nur temporär an einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr –, gibt es da schon viel Flexibilität. Eine Voraussetzung für mein Setting ist, dass ich mit sehr, sehr guten Leuten zusammenarbeite. In den Firmen, die wir gründen, gibt es meistens oder fast immer einen operativen CEO oder Geschäftsführer, der viele Sachen abfangen kann. Und die inhaltlichen Themen kann man zeitlich flexibel gestalten. Heute zum Beispiel, danke für die Einladung, nach der stressigen Woche letzte Woche, den Tag habe ich mir eigentlich komplett freigeräumt: Frühsport, jetzt Podcast, dann gehen wir noch zu einem spannenden Dinner von euch. Diese Flexibilität führt dann gar nicht dazu, dass es ständig cruncht. Aber natürlich, es gibt Phasen, wo auf den 16 Ventures vier oder fünf Themen gleichzeitig brennen. Da muss man dann auch durch und sich, wenn die Kids im Bett sind, nochmal von 21 bis 2 Uhr hinsetzen. Aber das ist deutlich seltener als früher im C-Level bei Zalando oder bei McKinsey, da war das die Normalität.
Vom Elternhaus über McKinsey zu Zalando
Christian: Das ist auch das Spannende, dass du beide Seiten gesehen hast. Ein Aufbau wie Zalando ist ja gleich ein Riesending. Was gibt es da für Learnings? Du hast ganz schnell gesagt, ein Unternehmenszweck ist nicht immer nur monetär, aber ein Unternehmen, das kein Geld verdient, ist irgendwann weg. Der Normalfall sollte sein, dass es irgendwann auch Profit erzeugt, sonst wird es schwer mit Mitarbeiterinnen und so weiter. Ist diese Denke von Zalando geprägt, oder bist du das einfach vom Typ, oder von zu Hause? Woher kommt das Unternehmerische?
Julius: Das kann ich gar nicht so richtig beantworten, aber ich würde sagen, das Unternehmerische ist sehr früh entstanden. Meine Mama war in der Krankenkasse, mein Papa war Lehrer. Die haben keinen unternehmerischen Background, und Geld war bei uns immer ein Thema. Wir sind gut aufgewachsen, aber beim Studium hatten wir gerade zu viel Geld für BAföG, aber zu wenig, dass meine Eltern mir etwas hätten geben können. Ich musste mein Studium komplett selber finanzieren. Das hat früh dazu geführt, dass ich – weil ich trotzdem Lust hatte, in Urlaub zu fahren – seit ich 13, 14 war, immer am Arbeiten war. Ich habe immer überlegt, wie kann ich smart Geld verdienen. Ich habe im Eiscafé gearbeitet, war Fußballschiedsrichter, habe Tickets auf Mallorca am Strand verkauft – ganz viele Sachen, die mich vielleicht ins Unternehmertum geführt haben. Habe dann trotzdem BWL und VWL studiert und bin in die Beratung gegangen, weil bei mir an der Uni niemand über Unternehmertum gesprochen hat. Es war entweder Konzernkarriere, Investmentbanking oder Topmanagementberatung – das waren die drei ambitionierten Tracks. Unternehmertum gab es nicht. Und da war Zalando relativ schnell eine glückliche Fügung.
Christian: Bist du direkt bei Zalando rein oder als Berater?
Julius: Ich war erst bei McKinsey, habe da aber Banken und Versicherungen gemacht, nicht Zalando. Mein damaliger Mitbewohner ist sehr zeitig zu Zalando gegangen, dadurch hatte ich Einblicke. Die zwei Gründer von Zalando hatten auch Kontakt zu mir und sind über sechs Monate sehr hartnäckig drangeblieben. Ich habe dann zu Weihnachten, da war ich ein Jahr in der Beratung, gesagt: Okay, das ist spannend, E-Commerce in Berlin, Fashion-Industrie, eine Management-Position, die sie mir angeboten haben. Ich mache das jetzt. Das hat weder von meinen damaligen Kollegen noch von meinen Eltern und Freunden jemand verstanden, dass ich nach zwölf Monaten den ersten Job aufgebe, um irgendwas Verrücktes zu machen – Schuhe online verkaufen, wird nie funktionieren, haben die damals gesagt. Aber das war rückblickend, sowohl monetär als auch vor allem für meine unternehmerische Education, das Beste, was hätte passieren können. Ich war nicht der Gründer, ich war eins drunter, aber wir haben die ganze Zeit gearbeitet wie Gründer. Mit Robert, meinem damaligen Geschäftsführer, habe ich einmal im Monat kurz eingecheckt, sonst per E-Mail Sachen geklärt, und ansonsten hieß es: hier ist die Kohle, wir müssen das machen. Das war brutal, hat brutal Spaß gemacht, war anstrengend, aber auch ultra motivierend. Und da habe ich Unternehmertum lernen dürfen. Was ich da auch gelernt habe, als die Firma größer wurde – am Ende hatte ich in meiner Pyramide über 500 Leute –, ist, was mir gar keinen Spaß mehr macht, nämlich große Strukturen. Diese Erkenntnis tat damals weh, weil du denkst, ich kann alles. Aber sie war extrem wertvoll, weil ich genau gemerkt habe, was kann ich, was nicht, wo bin ich gut, was bringt mir Energie. Und dann habe ich von da meine erste eigene Firma gegründet. Wir saßen zu zweit in einer dunklen Lagerhalle und haben Ware von A nach B geschoben. Bootstrapped. Und das hat auch wieder keiner verstanden.
Bootstrapping statt Wagniskapital
Christian: Wann hast du dein erstes Unternehmen gegründet?
Julius: Ich glaube, es ist 14 Jahre jetzt her.
Christian: Wenn ich mir das vorstelle: Hat das Umfeld immer eine Rolle gespielt? Deine Eltern waren Lehrer und in der Krankenkasse, das sind ja eher die klassischen Berufe, die für Sicherheit stehen. Hattest du da auch mal Themen zu Hause, wo die Eltern sagen: Julius, willst du nicht lieber zur Bank oder in die Automotive-Industrie, oder wäre doch Arzt was?
Julius: Meine Eltern haben mir extrem viele Freiräume gelassen, eigene Erfahrungen zu machen. Sie haben das, was sie beruflich getan haben, privat gar nicht so gelebt, sondern mich eigentlich immer machen lassen. Sie hatten großes Vertrauen in mich, und wir hatten auch einen sehr stabilen Freundeskreis. Ich bin mit 14 aus Görlitz mit dem Zug vier Stunden zur Love Parade nach Berlin gefahren, mit neun Freunden, weil sie wussten, das ist ein enger Freundeskreis, ihr seid safe. Das ist rückblickend schon ein bisschen verrückt, aber es zeigt, dass sie ein großes Vertrauen hatten und mich sowohl positive als auch negative Erfahrungen selber machen ließen. Ich hatte niemanden, keine Drittperson, die mein unternehmerisches Idol war. Aber ich glaube, dass diese Verhaltensweisen meiner Eltern mich extrem stark beeinflusst haben, weil sie gesagt haben: Probier das aus, und auch wenn mal was schiefgeht, we are here, aber mach es einfach. Und genauso agiere ich jetzt, wenn ich ehrlich zu mir bin: Ich habe da ein Thema, wir bauen jetzt hier einen Zirkus, wir machen das jetzt einfach mal.
Christian: Aber du machst ja auch wieder zu. Bleib mal beim Zirkus: Du willst kein schwarzes Loch erzeugen. Wenn es irgendwann unternehmerisch keinen Sinn mehr macht, dann müsst ihr neu justieren oder auch mal sagen, jetzt haben wir es probiert, hat nicht geklappt.
Julius: Genau, absolut. Beim Circus-Format haben wir jetzt zwei Jahre gemacht. Das zweite Jahr war deutlich besser als das erste, aber wir haben beim Circus noch einen Co-Founder, und der ist gerade in einer privaten, sehr schwierigen Situation. Es wäre nahezu unmöglich gewesen, das nochmal ohne ihn zu bauen. Was man gebraucht hätte, um das Konzept monetär wirklich zu tragen, wären nochmal zwei bis drei Jahre richtig hartes Commitment und ein Gründungsteam, das da fully committed reingeht. Das hatten wir nicht, und wir haben uns ehrlich angeguckt und gesagt: Das können wir nicht leisten. Also war eine super Zeit, legen wir jetzt erstmal in die Schublade, Schluss. Ich glaube, das ist auch so etwas, dass man immer denkt, man könne Sachen als Unternehmer nicht beenden. Ich wechsle ja auch den Job nach drei Jahren, da sagt auch keiner, wieso wechselt der den Job? Warum sollte ein Unternehmer nicht auch sagen können: Wir hatten eine coole Zeit, haben gutes Geld verdient, jetzt machen wir Schluss und etwas Neues. Gerade wenn ich Sachen immer wieder mache, also repetitiv, dann langweilt mich das extrem schnell. Dann ist die Frage: Kann man es übergeben, findet man jemanden, der es weitertreibt? Manchmal geht das, manchmal nicht. Ich bin außer mir selbst und natürlich den Mitarbeitenden nicht verpflichtet, Sachen weiterzumachen, nur damit sie jemand weitermacht.
Christian: Du hast gesagt, vor 14 Jahren das erste, das war dann nach Zalando. Du konntest bootstrappen, weil du auch gut verdient hattest. War das dann leichter zu sagen, ich gehe raus, unabhängig davon, dass alle gesagt haben, der ist verrückt, so einen Job aufzugeben?
Julius: Wir hatten durch die Jahre bei Zalando schon ein bisschen finanzielle Sicherheit. Aber das Modell, das wir damals gemacht haben, war ein Handelsmodell, da haben wir auch nicht viel Geld gebraucht. Das hätte ich auch nach der Uni gründen können, finanziell gesehen. Wir haben Ware von A eingekauft und nach B verkauft, also war sofort Revenue beziehungsweise Profit da. Wir haben mit Zahlungsdiensten gearbeitet – da 30 Tage, dort sofort Cash. Eigentlich haben wir gar nichts gebraucht. Was ungemein geholfen hat, war ein Verständnis für die Industrie und ein Netzwerk, das wir nach der Uni niemals gehabt hätten. Aber finanziell war in dem Modell nichts notwendig. Und das würde ich auch deinen Zuhörern sagen: Gerade wenn du über Dienstleistungen oder Trading nachdenkst, ist Kapital gar nicht der beschränkende Faktor.
Christian: Genau, in den Bereichen, wo man direkt was verdienen kann, kommt man schnell über Wasser. Das ist nicht alles high scalable Startup, das den nächsten Exit für zwei Milliarden machen will. Wir sprechen ja von Bäckern, Einzelhandel, Handwerkern, die teils gar keinen Mitarbeiter haben wollen, sondern sagen, lass mich mein Ding machen. Du hast jetzt viel mit der Software-Bubble zu tun, die sind eher auf dem Trip höher, schneller, weiter, weil Software teuer ist, bis sie gebaut ist – und wenn sie dann nicht skaliert, wird es richtig teuer. Aber es ist eben viel breiter, und viele Bereiche sind nicht gleich das volle Risiko, weil, selbst wenn es nicht klappt, eigentlich nichts kaputtgeht.
Julius: Absolut. Und wenn wir über VC sprechen, also Modelle, die durch Risikokapitalgeber gedeckt sind, das sind ja vielleicht ein bis zwei Prozent in unserer Gesellschaft, eher weniger.
Christian: Bei Gründung sprechen wir immer über die Krise. Wir haben rund 240.000 Vollerwerbsgründungen – die gehen übrigens zurück, etwa 8 Prozent. Und dann die Nebenerwerbsgründungen mit circa 320.000, die steigen. In Summe geht es hoch. Startups sind ungefähr 2.500. Das heißt, wenn wir sagen 10 Prozent mehr Startups, dann reden wir von 250 Unternehmen. Ich freue mich über jedes einzelne, nur das rettet Deutschland nicht. Wir reden extrem viel über diese kleine Gruppe, weil die die Sichtbarkeit hat, weil da die spannenden Geschichten sind. Aber das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, der Motor, sind die, über die man nicht so viel spricht. Wie hältst du da den Überblick über 16 Unternehmen? Was ist das Geheimnis?
Tool-Stack und Arbeiten mit KI-Agenten
Julius: Es gibt von den 16 auch nicht mehr alle, das hast du selbst gesagt, aber natürlich gibt es dann auch mal 70 Portfolio-Companies. Ich habe eigentlich einen relativ einfachen Tech-Stack für mich: WhatsApp, Slack, Notion und E-Mail. Es ist ja auch nicht so, dass alle das gleiche Involvement von meiner Person benötigen. Manche sind weit entwickelt, manche ganz am Anfang. Manche Portfolio-Companies sind schon Series B und aufwärts, manche werden gerade abgewickelt. Die frühen Unternehmungen, sowohl die ich selber starte als auch die, in die ich investiere, brauchen immer sehr viel Aufmerksamkeit. Aber um den Überblick zu behalten, sind die genannten Tools für mich ausreichend.
Christian: Was ist der Löwenanteil? Ich habe ein paar gehört, die arbeiten nur noch mit WhatsApp, unabhängig von DSGVO. Ich glaube, das ist eine Typfrage.
Julius: Ich arbeite auch extrem viel mit WhatsApp. Die haben jetzt so eine Community-Funktion, die man super nutzen kann, um WhatsApp wie Slack zu benutzen, weil du innerhalb einer Community Themen-Channels machen kannst. So kannst du eine Firma sehr gut strukturieren: Finance, Sales, Marketing, da gehen die relevanten Leute rein und kommunizieren schnell. Über das Datenschutzkonforme kann man sich streiten, aber dadurch, dass die Firmen uns gehören, ist es unsere Entscheidung. Slack ist eine super Alternative, manchmal nutzen wir einfach Slack. Und für strategische Themen ist Notion mein Go-To-Tool, weil es eine extrem hohe Agilität hat. Du kannst Pipelines bauen, Canvas-Boards, Datenbanken integrieren – gerade frühphasig kannst du alles abbilden, was man braucht, um Product-Market-Fit zu finden, erste Skalierung und Go-To-Market-Motions zu bauen. Notion kann ich nur jedem empfehlen.
Christian: Falls du da noch was hast, außer Lexware, das du empfehlen kannst.
Julius: Ich bin ja Lexware-Nutzer seit Jahren und mache jetzt seit ein paar Monaten auch meine Umsatzsteuervoranmeldung über euch. Das hat bis dato immer mein Steuerberater gemacht, zu einem hohen Preis, und jetzt mache ich das direkt, der muss wahrscheinlich nur am Jahresende noch draufgucken.
Christian: Es geht ja gar nicht gegen Steuerberater, es geht mehr darum, dass du dein Unternehmen besser im Griff hast und schnell weißt, was Sache ist. Aber ich wollte keine Werbung machen. Spannend ist, was du sonst nutzt. Gibt es noch so Best-of-Breed-Dinge wie Notion?
Julius: Ja, ich glaube, heutzutage gut trainierte Large Language Models, die auf einen selbst abgestimmt sind, das ist wirklich das A und O. Ich bin Pro-User bei ChatGPT, das sind, glaube ich, 30 Euro im Monat, also überschaubar. Aber wenn man versteht, wie man sich für bestimmte Tätigkeiten gute Agenten selber baut – Podcast-Vorbereitung als Beispiel: Wenn ich da drei Informationen reingebe und einen Agenten losschicke, dann gibt der mir sechs Seiten über meinen nächsten Gast im Podcast.
Christian: Das ist super spannend. Du mandatierst es schon, du schickst deinen Agenten los, der soll zusammensuchen und sich wieder melden.
Julius: Genau, der sagt: Okay, das ist mein Podcast, das ist die Zielgruppe, ich will Wert für die Zielgruppe generieren, such mir jetzt Informationen zu meinem Gast und gib mir ein paar Fragen, die dazu führen, dass ich Wert für die Zielgruppe generiere.
Christian: Ein schönes Beispiel, weil du ein Ziel beschrieben hast und nicht eine Aufgabe. Das ist ein Riesenunterschied. Die meisten tun heute noch eher Aufgaben – such Information. Was du beschrieben hast, animiere ich total. Ich glaube, das ist ganz wichtig für das Unternehmertum: in Zielen und Ergebnissen zu denken. Das Ziel zu beschreiben ist meistens viel schwerer, als die Aufgabe zu beschreiben.
Julius: Total. Und man muss sich klarmachen, dass ein LLM, wenn es kein Memory hat, gar nicht versteht, was der Kontext ist. Wenn ich sage, such mir Informationen über Christian, kann er alles von deinen Hobbys bis zu deinem Sportverein mit 15 finden. Was er aber eigentlich finden soll, wenn ich einen Software-as-a-Service-Podcast habe, ist: Was ist dein Track Record in Software, was sind die Themen, die du besprichst? Kontext ist total wichtig, genauso wie eine klare Zielstellung: Du bist jetzt mein Co-Moderator in einem Podcast, bitte arbeite spannende Fragen heraus, die ich Christian stellen kann.
Christian: Ich glaube, das ist so wichtig für jeden Unternehmer, mit den neuen Tools umzugehen. Das muss man erst mal üben, um zu verstehen, wo der Mehrwert ist. Wenn man es nicht tut und nicht ausprobiert, versteht man nicht gleich, was für ein Mehrwert kommt.
Julius: Und das ist hart, weil man dafür wirklich ein bisschen Zeit und Muße braucht, und wir sind alle jeden Tag operativ in der Mühle.
Christian: Aber man gewinnt Zeit, der Long-Term-Gewinn ist todsicher – ein klassischer Hockey-Stick. Gibt es irgendwelche Dinge, die so richtig schön in die Hose gegangen sind, trotz deiner ganzen Erfahrung? Ich mag Fuck-up-Kulturen – was hast du gelernt, ein schönes Learning?
Der größte Fehler: Gründen ohne klare Rollen
Julius: Ich versuche natürlich, Fehler nicht dauerhaft zu wiederholen, aber es passiert trotzdem. Ein großer Fehler, wo ich auch ein bisschen zu confident war, ist eine Firma, die wir während Corona wieder geschlossen haben. Es war ein fairer Immobilienmakler: Die Idee war, für jede Immobilie, die wir in Deutschland vermitteln, in Afrika in einem Unternehmercamp Häuser aus Plastikflaschen zu bauen. Das haben wir auch sehr erfolgreich gemacht, glaube ich, 12, 13 Objekte vermittelt und dann gebaut, dafür gibt es coole Fotos. Allerdings bestand der Gesellschafterkreis aus sechs Leuten: zwei Architekten mit einem Architekturbüro, dann zwei Leute, die damit gar nichts zu tun hatten, und mein jetziger Co-Founder und ich. Alle hatten die gleichen Anteile, und es war von Anfang an eigentlich nicht klar, wer was macht und was das Commitment der Leute ist. Alle haben am Anfang gesagt, geile Idee, wir sind dabei, Vollgas. Fünf Monate später haben zwei Leute gearbeitet, der Rest hat eigentlich nichts gemacht. Wir saßen aber trotzdem zusammen an einem Tisch, keine Incentivierungsstruktur, alle gleich. Das hat dazu geführt, dass sich die Leute irgendwann verstritten haben, und wir haben dann zwei Leute rausgenommen beziehungsweise rausgekauft. Seitdem weiß ich: Bevor ich heute mit jemandem gründe, muss es eine ganz klare Rollenverteilung geben, eine ganz klare Incentivierungsstruktur und auch ein klares Setting, welche Rolle jeder going forward hat. Wenn meine Rolle nicht die ganze Zeit operativ ist, dann muss das vorher klar sein, und nicht beim anderen die Erwartungshaltung, dass jeder 40 Stunden arbeitet. Das muss klar ausgesprochen werden, weil man manchmal denkt, das sei doch klar. Ist es aber gar nicht. Und das muss einfach mal aufs Papier. Großer Fehler.
Christian: Das teile ich total, und das gilt nicht nur für kleine Unternehmen, sondern für jede Struktur. Wir haben so ein Modell von Absprache und Aussprache, super einfach erklärt, super hart zu leben. Genau diese Klarheit: Was macht wer, was bekomme ich, was bekomme ich auch nicht? Sonst ist die Unzufriedenheit in allen Teilen. Im Privaten mit einer Partnerin ist es genau das Gleiche.
Julius: Genau. Das, was ich sage, ist noch lange nicht das, was bei ihr akustisch ankommt. Und lass mal klar auf den Zettel schreiben, wer welche Mental Load und welche Aufgaben hat – das ist hart, will man manchmal vielleicht auch nicht, aber es ist zwingend notwendig.
Christian: Und du musst es immer wieder erneuern, oder? Das ist mein Learning: Man sollte gucken, ist das noch so, was wir mal gesagt haben? Wenn deine Frau sagt, okay, mach du mal mehr, ich gucke mehr nach den Kindern – ist das in dem Jahr noch so? Dieses Stillschweigen gibt es ja auch oft in Firmen, wo jeder noch denkt, es sei wie früher, dabei hat sich alles geändert. Und dann kommt es zum Knall, weil die Aussprache viel zu spät kommt.
Julius: Ja, auch Bedürfnisse ändern sich, sowohl mit einer Partnerin als auch zwischen Gründern. Der eine hat auf einmal das Bedürfnis, gerade nicht mehr so viel arbeiten zu können oder zu wollen, weil er kurz vorm Burnout ist. Dann muss man drüber sprechen und vielleicht ein anderes Format finden. Und zeitig, nicht erst, wenn jeder schon so einen Hals hat. Der eine schleppt die Vision, der andere ärgert sich, dass nichts passiert, und irgendwann ist das Thema durch.
Christian: Das ist eines der ganz großen Themen in der Zwischenmenschlichkeit generell. Ein guter Tipp für junge Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich zusammen gründen wollen: Macht euch klar, wer was tut, schreibt es auf, seid glasklar. Und wenn einer weniger macht, hat der andere vielleicht eine größere Incentivierungsmöglichkeit – das ist doch fair. Nichts ist schlimmer, als wenn einer dem anderen reinredet oder meint, er müsste plötzlich übernehmen.
Julius: Wäre auch meine Empfehlung. Heutzutage machen wir immer, bevor wir eine neue Firma gründen, einen Testrun. Wir arbeiten drei bis vier Monate ohne Legal Entity zusammen.
Christian: Wirklich? Das ist stark. Ihr formiert erst mal was, guckt, ob es läuft, und erst dann wird es eine GmbH oder was auch immer ihr gründet.
Julius: Wenn Umsätze kommen, hat irgendein anderer einen Gewerbeschein, dann machst du die ersten Umsätze über das Gewerbe oder eine bestehende Firma. In diesen vier Monaten enger Zusammenarbeit merkst du schon extrem viel: Wie arbeiten die Leute zusammen? Gibt es Probleme in der Erwartungshaltung? Wird die Rollenverteilung wirklich so gelebt? Hat jemand am Anfang Ja gesagt, aber dann doch ein Problem mit der Rolle? Das merkst du in den vier Monaten, bevor du zum Notar gehst und die Firma gründest. Das machen wir jetzt, würde ich sagen, seit drei, vier Jahren. Wir haben so ein kleines Mini-Venture-Studio, sage ich immer – wir bauen gefühlt zwei neue Unternehmungen im Jahr.
Christian: Das habe ich noch gar nicht so gehört. Ich kenne größere Company Builder und Builder Ventures, wo ich selten was sehe, das wirklich funktioniert. Da fehlen genau so Sachen – Menschen bauen etwas nach Methoden, ohne Energie, ohne dass sie ernsthaft delivern müssen. Das ist eigentlich ein MVP in der Zusammenarbeit.
Julius: Genau, und es ist für die andere Seite auch super, weil du vorher viel über deinen eigenen Mehrwert erzählen und das Blaue vom Himmel versprechen kannst, aber in vier Monaten Zusammenarbeit sehen die schon, hast du einen strategischen Mehrwert, hilfst du dem Produkt, machst du Intros, holst die ersten Kunden ran. Das ist ein großes Learning aus dem genannten Fall, wo wir sofort mit sechs Leuten eine Firma gegründet haben. Die Probephase nimmt ganz viel Risiko raus. Wir haben das mal lustig benannt: Bei einem Freund, mit dem wir es dann nicht gemacht haben, habe ich gesagt: Jetzt haben wir vier Monate „Jugend forscht“ gemacht, und jetzt merken wir, dass wir vielleicht aufhören sollten. Das war für alle die richtige Entscheidung.
Christian: Auch wenn es kurz wehtät, ist es richtig. Danach ist man oft sogar erlöst. In unserem Kontext ist es oft so: Fall in love with the prototype. Jemand baut etwas, verliebt sich rein, und dann wird es pseudomäßig beim Kunden validiert, statt wirklich zu prüfen. Das am Leben zu halten ist ganz schnell tödlich für Firmen.
Das ARRtist-Ökosystem und die Rolle von Netzwerken
Christian: Welche Rolle spielt das Netzwerk für dich? Ich nehme dich schon ein bisschen als den Initiator wahr. Ich weiß, Jannis ist noch dabei und auch Matthias bei der ARRtist. Für mich bist du immer ein bisschen der Kopf, wo es angestoßen hat. War das, weil es dir Spaß macht, oder hast du gesagt, SaaS-Unternehmen sind in Deutschland eh nicht weit vorne und müssen sich wenigstens mal vernetzen?
Julius: Es war Zweiteres. Wir haben einen sehr unterschiedlichen Hintergrund, wir drei Co-Founder. Ich hatte ein bisschen Background in der Software-Szene. Jannis und Matthias hatten vorher ein Event-Business, sie haben XLETIX gemacht, so Hindernisläufe durch den Schlamm, alle zwei Wochen 15.000 Leute über ein großes Event gejagt. Ich war bei denen investiert. Wir kennen uns aber alle noch von McKinsey. Dann haben sie die Hindernisparcours-Firma verkauft und waren on the beach. Und ich habe gesagt: Jungs, ich habe Ahnung von Software, aber keine von Events. Ihr habt Ahnung von Events und wahrscheinlich Lust auf was Neues. Lasst doch mal ein Event für ein Ökosystem für Software bauen. Warum? Weil ich aus meinen eigenen Portfolio-Firmen und vielen Gesprächen immer das Gefühl hatte, die Leute arbeiten je Unternehmensphase an ähnlichen Problemstellungen – von 0 auf 1 Million, von 1 auf mehr, immer das Gleiche. Viele haben es schon gelöst, sitzen zum Teil im gleichen Coworking-Space, aber reden nicht miteinander. In den USA gibt es so Ökosysteme, etwa SaaStr, die dazu führen, dass Leute Failure, Learnings und Erfolge teilen. Das war der Anschluss: Wollen wir nicht so eine Konferenz bauen, wo wir die führenden Leute aus Software zusammenholen? Eine kleine Konferenz ist monetär nicht ultra spannend, dafür müsstest du OMR oder Bits & Pretzels machen. Damals war eher der Gedanke, neben Dealflow Zugang zu Investorinnen und spannenden Gründerinnen zu bekommen. Und das hat super funktioniert. Den Podcast haben wir auch als eine Art Leadmagnet gestartet, und das war super, um zu verstehen, was in Deutschland gerade passiert.
Christian: Also voll aus dem Lead heraus, aus einer Eigenbotschaft. Und dann zwei reinzuholen, die nicht Software machen, sondern additiv etwas bringen – das ist wieder das Pattern: Wer macht was, ohne sich gegenseitig reinzureden.
Julius: Ich hätte ein Event auch gar nicht alleine bauen können, dafür hatte ich weder die Skills noch die Kapazität noch die Lust. Mir war klar, alleine mache ich das nicht. Wir sind befreundet, und es war eine glückliche Fügung, dass die gerade nichts zu tun hatten. Das Konzept war: Komm, lass uns konzipieren, dann sprechen wir mit 20 Leuten und gucken, was passiert.
Christian: Stark. Es ist eine sehr nette, witzige Truppe. Und in vier Jahren schon quasi eine Instanz zu sein, auch in Berlin, und die Stickiness und den Level an Teilnehmern reinzukriegen, ist wirklich erstaunlich.
Julius: Ist auf jeden Fall cool und macht Spaß. Aber wir überlegen jedes Jahr nach dem Event, ob wir das nochmal ein Jahr machen. Vielleicht gibt es ja auch mal wieder ein neues Format oder etwas anderes, in das man das umbauen kann, das noch mehr Wert hat – weil die Leute jetzt, glaube ich, schon sehr gut vernetzt sind.
Christian: Ist das ein Effekt, dass es schon zum Klassentreffen wird?
Julius: Das hoffe ich nicht, weil wir auf dem Event immer sehr viel valuable Content machen – nicht Leute erzählen ihre Geschichte, sondern wie funktioniert PLG und Enterprise Sales, was sind die Hacks. Das bringt Wert. Aber der Vernetzungsgrad in der Industrie ist hoffentlich höher geworden. Das Wort Klassentreffen fällt schon oft, die Leute appreciaten das. Jetzt ist die Frage, wie wir noch mehr oder anderen Wert stiften. Wir haben kurz über Peer-Group-Learning-Formate gesprochen – ich glaube, das ist sehr wertvoll, wenn Leute, die was Ähnliches machen, also sieben Agenturgründer oder sieben VP Marketing, mal wirklich die Hosen runterlassen, bei klaren Verhaltensregeln und ohne Wettbewerber. Ich bin jemand, der lieber baut als verwaltet. Deswegen setzen wir uns nach der ARRtist jedes Jahr zusammen und fragen, was machen wir? Letztes Jahr ist die Tour daraus entstanden mit lokalen Events. Und jetzt gucken wir, was Neues kommt.
Abschluss
Christian: Wir kommen leider schon langsam Richtung Ende, das ist mit dir wahnsinnig kurzweilig. Gibt es irgendwas, wo du gerade ganz besonders Energie hast?
Julius: Gerade sind viele spannende Themen da. Ich würde gerne im April den Halbmarathon wieder unter 1:30 laufen, ein privates Thema. Wir bauen gerade zwei Agenturen: einmal Outbound, also Cold Calls as a Service, wieder auf, und eine Agentur, die für Sichtbarkeit in LLMs, in ChatGPT, sorgt. Das sind zwei Projekte, die noch sehr früh sind, und das macht mir am meisten Spaß – Produkt bauen, Product-Market-Fit finden, das Ding an den Markt bringen, die ersten 20 Kunden gewinnen. Und dieser explorative Modus, was wir mit ARRtist machen, ist auch gut. Langweilig wird es bis Weihnachten nicht.
Christian: Eine Frage kommt immer zum Schluss: Wenn jemand einen Film über dich oder dein Leben, ein bisschen pathetisch, drehen würde, welchen Titel sollte der haben?
Julius: Dein Why als Titel vielleicht. Ich glaube, „Folge deiner Leidenschaft“ wäre sehr naheliegend, weil das wirklich das ist, was ich versuche. Ein bisschen reißerischer wäre wahrscheinlich: „Mit dem Lebenslauf kriegst du nie wieder einen Anstellungsjob.“
Christian: Absolut, da wird jeder mal stutzen: Okay, was hat der gemacht?
Julius: Dann hast du Klicks oder Views. Aber ich glaube schon, ich versuche, mich reinzuhören und das zu machen, was mir Spaß macht, und mir sind externe Faktoren nicht so wichtig. Ich hoffe, dass ich das noch lange genau so weitermachen darf. Ich habe auch noch keinen Plan, was in fünf Jahren ist. Vielleicht baue ich dann mal ein Bauunternehmen. Oder weiß ich nicht.
Christian: Du bist an der Stelle, wo ich sage, wahrscheinlich irgendwas, wo es wieder was Ganzes ist. Oder eine Restaurantkette in Panama. Also wenn ich jemandem zutraue, dann dir. Hey, vielen, vielen Dank, so schön, dass du heute hier warst und auch über dich erzählt hast, was dich treibt und was du machst. Hat mega Spaß gemacht.
Julius: Danke für die Einladung, immer ein großer Genuss mit dir. Und saugut, was ihr für euer Ökosystem macht, das weiß ich extrem zu schätzen. Wie du sagst: die 99,8 Prozent, die eigentlich die Arbeit machen, um die müssen wir uns viel mehr kümmern, die müssen eine Bühne bekommen – und das macht ihr super.
Christian: Dankeschön, das freut mich. Danke, Julius.