Barbara Koppelstätter war Steuerfachgehilfin, bis sie 1992 in einem Wohngebiet in Sinzheim die Galerie B eröffnete. Heute verkauft sie zeitgenössisches Glas und Skulptur an Sammler und Museen. Wie bleibt man einer Nische über dreißig Jahre treu?
Der Anfang mit dem Glas
Barbara, du bist gelernte Steuerfachgehilfin. Wie bist du zur Kunst gekommen?
Kunst hat mich schon sehr früh begleitet. Meine Eltern waren sehr kunstinteressiert und haben mich als Kind in viele Museen mitgenommen. Das hat mir damals, ehrlich gesagt, nicht immer Spaß gemacht. Heute bin ich ihnen dafür sehr dankbar. Der Beruf als Steuerfachgehilfin war solide, aber ich habe relativ schnell gemerkt, dass mich diese Arbeit auf Dauer nicht glücklich machen würde. Ende der 1980er-Jahre begann ich, mich intensiver mit zeitgenössischem Glas zu beschäftigen. Die Studioglasbewegung, die ihren Ausgangspunkt in den USA genommen hatte, eröffnete völlig neue Möglichkeiten. Glas war plötzlich nicht mehr nur ein Material für Gebrauchsgüter oder Kunsthandwerk, sondern wurde zum Medium freier Kunst.
Weißt du noch, vor welchem Objekt du zum ersten Mal stehen geblieben bist und gedacht hast: Das will ich zeigen?
Es war einer der Pioniere der deutschen Studioglasbewegung, der inzwischen verstorbene Erwin Eisch aus Frauenau im Bayerischen Wald. Er hat in einem sehr konservativen Umfeld komplett verrückte Objekte aus Glas geschaffen, über die viele Menschen den Kopf geschüttelt haben. Mich haben die Formen und die Geschichten darin unglaublich fasziniert. So hat alles angefangen. Eisch ist später weltberühmt geworden.
1992 hast du dann deine eigene Galerie eröffnet. Wie mutig war das?
Rückblickend war das durchaus mutig: eine Galerie in einem Wohngebiet, dazu noch mit einem damals sehr speziellen Schwerpunkt. Aber vielleicht war gerade das die richtige Voraussetzung. Ich wollte nie einfach nur das zeigen, was gerade gut verkäuflich oder modisch war.
E-Mail oder Instagram gab es damals noch nicht. Wie bist du an die Künstlerinnen und Künstler gekommen?
Es war tatsächlich Erwin Eisch, der mich inspiriert hat, andere Künstler zu entdecken. Ich bin einfach hingefahren, habe mit ihnen gesprochen und erste Ausstellungen vereinbart. Das war damals sehr schwierig, aber meine Begeisterung hat mir geholfen. Man musste reisen, Kataloge studieren, telefonieren und vor allem persönliche Kontakte aufbauen. Die Eröffnungsausstellung 1992 zeigte einen Querschnitt durch die internationale Studioglasbewegung von den 60er-Jahren bis Anfang der 90er-Jahre. Ich hatte das Glück, einen Teil des Bestands einer älteren Galeristin in Frankfurt zu übernehmen, die sich zur Ruhe setzen wollte.
Ein Besuch ohne Kaufzwang
Normale Öffnungszeiten gibt es bei dir nicht. Wie würdest du einer Nachbarin, die mit Kunst nichts am Hut hat, erklären, was du anbietest?
Ich würde sagen: Komm einfach einmal herein und schau dich um. Du musst nichts über Kunst wissen, und du musst schon gar nichts kaufen. Ich zeige zeitgenössische Skulpturen und Malerei von Künstlern aus verschiedenen Ländern. Mir geht es nicht darum, jemandem Kunst zu erklären, sondern darum, Menschen neugierig zu machen.
Besuch nur nach Vereinbarung klingt für viele erst mal nach einer Hürde. Wie läuft so ein Termin ab?
Sehr persönlich und völlig ohne Kaufzwang. Ich nehme mir Zeit und zeige die Arbeiten in Ruhe. Oft entwickelt sich daraus ein längeres Gespräch über den Künstler, die Inhalte, die Technik oder darüber, wo eine Arbeit später stehen könnte. Gerade bei Glas ist es faszinierend, ein Objekt bei unterschiedlichem Licht zu betrachten. Man kann es anschauen und gleichzeitig hindurchschauen. Kunst muss einen berühren. Eine solche Entscheidung sollte man nicht erzwingen.
Wann ist so ein Besuch für dich ein Erfolg?
Besonders schön ist es, wenn jemand die Galerie betritt, zunächst gar keinen besonderen Bezug zu Glas hat und nach einem Rundgang sagt: So habe ich zeitgenössisches Glas noch nie gesehen. Dann ist etwas passiert. Kunst hat den Blick verändert. Auf diesem Wege habe ich Künstler und Kunstwerk mit dem Interessenten verbunden.
Warum aus Glas mehr wurde
Angefangen hat die Galerie ganz beim Glas, heute zeigst du auch Bronze, Stein oder Papier. Wann hat dir Glas allein nicht mehr gereicht?
Das war weniger ein bewusster Schnitt als eine natürliche Entwicklung. Viele Künstler, mit denen ich gearbeitet habe, haben sich weiterentwickelt und irgendwann nicht mehr ausschließlich mit Glas gearbeitet. Damit wurde für mich immer deutlicher: Am Ende entscheidet nicht das Material, sondern die künstlerische Qualität und die Aussage einer Arbeit. Glas hat aber nach wie vor eine ganz besondere Bedeutung.
Gab es in über dreißig Jahren einen Punkt, an dem du ans Aufhören gedacht hast?
Da ist eindeutig die Coronakrise, die mich stark zurückgeworfen hat. Eigentlich spüre ich die Folgen bis heute. Aber Aufgeben war keine Option. Dazu ist die Leidenschaft viel zu groß.
Was bringt dich dazu weiterzumachen, auch in Wochen, in denen sich kein einziges Stück verkauft?
Die Begeisterung für Kunst und für Künstler, die etwas Eigenständiges schaffen. Für mich war die Galerie nie nur ein Geschäft. Ich muss mich mit der Kunst identifizieren können, die ich vertrete. Sonst wäre es reines Business.Natürlich gibt es Wochen, in denen nichts verkauft wird. Aber dann kommt wieder ein neues Werk, eine Begegnung mit einem Künstler oder ein Gespräch mit einem Sammler, und plötzlich weiß ich wieder ganz genau, warum ich das mache.
Kunst muss einen berühren. Eine solche Entscheidung sollte man nicht erzwingen.
Was machst du heute anders als in deinen ersten Jahren?
Ich glaube, man wird mit den Jahren gelassener. Am Anfang denkt man stärker in einzelnen Ausstellungen oder Verkäufen. Heute weiß ich, dass eine Galerie langfristig von Vertrauen und Kontinuität lebt.. Und dieses Vertrauen, zu Künstlern genauso wie zu Sammlern, kann man nicht beschleunigen. Es entsteht über Jahre.
Begegnungen, die geblieben sind
Wer nur zeigt, womit er sich identifizieren kann, muss auch Nein sagen. Fällt dir das schwer?
Natürlich könnte man ein Galerieprogramm stärker danach ausrichten, was gerade gefragt ist oder sich besonders gut verkaufen lässt. Das war aber nie mein Weg. Wenn ich selbst von einer Arbeit nicht überzeugt bin, kann ich sie auch einem Sammler nicht glaubwürdig vermitteln.


Gab es einen Besuch in der Galerie, von dem du lange gezehrt hast?
Die Begegnung mit der legendären Verlegerin Aenne Burda. Sie kam unangemeldet und hat mir unglaublich viel Kraft gegeben, weil sie mich bestärkt hat, diesen Weg weiterzugehen. Sie war komplett begeistert und hat eine Arbeit gekauft. Davon habe ich sehr lange gezehrt.
Welche Begegnungen mit Künstlerinnen und Künstlern haben dich am meisten geprägt?
Zwei Begegnungen: mit der Amerikanerin Toots Zynsky in Boston und später mit Masayo Odahashi in Kyoto. Beide Künstlerinnen begleite und vertrete ich seit vielen Jahren, ihre Werke befinden sich in bedeutenden Museen und Sammlungen weltweit. Dazu kommen unzählige Begegnungen mit Sammlern. Einige sind international berühmt, ich möchte diese aber nicht nennen.
Für die Sammlung Würth hast du internationale Glaskunst ausgewählt, 2007/2008 wurde daraus eine Ausstellung in Künzelsau. Wie war es, für die Sammlung eines anderen auszuwählen?
Das war eine besondere Aufgabe und eine große Anerkennung als mich Professor Reinhold Würth persönlich bei einem Galeriebesuch darum gebeten hat.. Für die eigenen Räume entscheide ich sehr persönlich und intuitiv. Bei einer bedeutenden Sammlung wie Würth kommt eine weitere Perspektive hinzu. Es ging nicht darum, einzelne schöne Arbeiten auszuwählen, sondern eine Gruppe internationaler Künstler zusammenzustellen, die sichtbar macht, was mit Glas als künstlerischem Medium möglich ist. Die Sammlung Würth verfügt inzwischen über einen großartigen Bestand an zeitgenössischer Kunst in Glas.,
Was nach dreißig Jahren bleibt
Was sagst du jemandem, der überlegt, den sicheren Job aufzugeben und sich selbstständig zu machen?
Man sollte sich sehr genau fragen, warum man sich selbstständig machen möchte. Nur weil man keinen Chef mehr haben will, reicht es sicher nicht. Man braucht eine Idee, an die man wirklich glaubt, viel Ausdauer und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Und man darf sich nicht entmutigen lassen, wenn nicht alles sofort funktioniert. Ich habe meinen sicheren Beruf als Steuerfachgehilfin verlassen und diese Entscheidung nie bereut.
Was ist nach über dreißig Jahren geblieben?
Eine Galerie wie meine lebt letztlich von Begegnungen. Mit Künstlern, die einen überraschen. Mit Sammlern, die irgendwann zu Freunden werden. Mit Menschen, die zum ersten Mal hereinkommen und sagen, dass sie von Kunst eigentlich keine Ahnung haben. Die Kunst hat sich verändert, die Galerie hat sich verändert und auch mein Blick. Geblieben sind die Neugier und das Staunen. Man muss den Mut haben, seiner eigenen Begeisterung zu folgen, auch wenn andere den Weg zunächst nicht verstehen. Und es bleibt meine innere Freude: Ich bin meinem Herzenswunsch gefolgt.






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