Frank Bergemann war 35 Jahre im Versicherungskonzern, zuletzt als Gebietsdirektor. Dann gründet er mit seinem Sohn ein Portal, das Unternehmen zu geprüften Versicherungsprofis führt. Was braucht es, um so einen Job loszulassen?
Zum Schluss bietet der Konzern Frank Bergemann einen anderen Job an, im selben Unternehmen und in gleicher Führungsebene. Frank lehnt ab. Er ist überzeugt, dass diese Stelle nicht zu ihm passt, und entscheidet sich nach 35 Jahren in der Versicherungswirtschaft für die Selbstständigkeit. Heute betreibt er gemeinsam mit seinem Sohn Christoph deinefirmenversicherung.de, ein Portal mit Sitz in Neunkirchen-Seelscheid. Unternehmerinnen und Unternehmer finden dort nach Branche, Thema und Region geprüfte Expertinnen und Experten für ihre betrieblichen Versicherungen. Die Expertinnen und Experten zahlen für ihr Profil mit eigener Landingpage 490 Euro im Jahr.
Geliebter Job, enger Spielraum
Mit der Arbeit selbst hat der Abschied wenig zu tun. Zuletzt leitet er als Gebietsdirektor in Köln ein Team von rund 100 Personen, mit Innendienst, Verkaufsleitern, Spezialisten und den Versicherungsbüros des Exklusivvertriebs. „Ganz ehrlich, ich habe diesen Job geliebt“, sagt er. Dann gibt es strukturelle Veränderungen, und mit ihm hat man andere Pläne. Nach 17 Jahren als leitender Angestellter muss Frank klären, was er eigentlich will. Schon länger hatte er das Gefühl, fremdgesteuert zu sein. Zunehmende Regulierung bedeutet ein immer engmaschigeres Berichtswesen, die eigenen Gestaltungsräume werden aus seiner Sicht immer enger. Frank hat sich stets als Unternehmer im Unternehmen verstanden. Jetzt wird aus dem Wunsch nach freier Gestaltung ein konkreter Weg in die Selbstständigkeit.
Team Familie entscheidet mit
Bevor Frank diesen Weg geht, holt er seinen wichtigsten Sparringspartner an den Tisch, die Familie. Er hat eine Frau und zwei Söhne, und man tauscht sich eng aus. Dabei zeigt sich, dass auch Sohn Christoph in seiner Welt nicht mehr glücklich ist. Er arbeitet seit Jahren bei internationalen Großmaklern für die Industrieversicherung, also ebenfalls in einem Konzern. Gemeinsam entscheiden sie sich für das, was Frank das Modell „Freiheit“ nennt. Christoph kündigt seinen gut bezahlten Job und gründet zunächst allein die deine Firmenversicherung GmbH. Ein Jahr später steigt Frank mit ein.
Eine Ecke in Berlin, ein Arbeitszimmer im Rheinland
Der Anfang ist bescheidener, als man es bei zwei Konzernleuten erwarten würde. Christoph lebt bei der Gründung in Berlin, in einer Zweizimmerwohnung mit 60 Quadratmetern und einem kleinen Schreibtisch in der Ecke. Frank arbeitet aus seinem Arbeitszimmer zu Hause im Rheinland. Dazwischen laufen täglich unzählige Videocalls, über die Website, den Vertrieb und das Marketing. Was Frank in dieser Zeit am meisten fehlt, benennt er ohne Umschweife: „Das ist eindeutig ein Pro für Konzernwelt, dass einfach alles da ist.“ Technische Ausstattung, Software, Ansprechpartner für jede Frage. Im eigenen Unternehmen muss erst einmal der Markt sondiert werden, welches CRM-System oder welcher Cloud-Arbeitsplatz passt und am besten nichts kostet.
Schlamm in den Kellern
Den Antrieb für das Portal beschreibt Frank nicht nur als Geschäftsidee. Nach der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal hat er selbst Schlamm aus den Kellern geschaufelt und gesehen, was richtiger Versicherungsschutz bedeutet. An die volkswirtschaftliche Bedeutung der Versicherungswirtschaft glaubt er zutiefst. Ein Unternehmen könne sich nur weiterentwickeln, wenn es für den Fall der Fälle richtig abgesichert sei, wenn also Maschinen schnell ersetzt und laufende Kosten weiterbezahlt werden können. Bei Vergleichsportalen sieht er das nicht gewährleistet. „So sehr ich daran glaube, so wenig glaube ich daran, dass dieses über Vergleichsportale, die mit ein paar oberflächlichen Fragen eine Tarifierung vornehmen, vernünftig und verantwortungsvoll geschehen kann.“ Deshalb bringen Frank und Christoph Unternehmen mit Menschen zusammen, die sich auskennen. Dort sehen sie auch den Markt für gute Umsätze.
Der Bäcker um die Ecke
Wie das konkret aussieht, erklärt Frank am liebsten am Beispiel eines Bäckers. Auf dem größten deutschen Vergleichsportal findet dieser auf den ersten Blick nur Versicherungen für Privatleute, einen Vergleichsrechner für Firmenversicherungen gibt es dort gar nicht. Andere Portale werben damit, dass man in 90 Sekunden zum Angebot kommt. Am Ende steht meist kein Angebot, sondern ein Formular für die Kontaktdaten, und es meldet sich, wer für diesen Kontakt bezahlt hat. „Das Fatale daran ist, dass unser Bäcker nicht weiß, ob derjenige sich wirklich mit der Absicherung eines Bäckereibetriebes auskennt.“ Auf deinefirmenversicherung.de sucht der Bäcker selbst aus, schickt seine Anfrage direkt an eine Person und wird nur von ihr kontaktiert. Es gehe schließlich um seine Existenz, sagt Frank, um die seiner Familie, seiner Mitarbeiter und deren Familien.
Eine Bühne für die Profis
Frank will beiden Seiten des Portals helfen, vielleicht sogar der ganzen Branche. Es ärgert ihn, wenn er in Beliebtheitsrankings wieder liest, dass der Versicherungsvertreter auf dem letzten Platz landet. Schwarze Schafe und Fehler gebe es, das sei nicht zu leugnen. In seiner Laufbahn hat er aber viele Profis erlebt, die sich an Feiertagen und am Wochenende mit großem Einsatz um ihre Kunden kümmern. Denen wollte er gemeinsam mit Christoph eine Bühne bieten. Dass er seine alte Welt dabei nicht hinter sich gelassen hat, merkt er an den Reaktionen. Aus seiner Zeit im Recruiting kennt er Versicherungsbüros vieler Gesellschaften, und viele davon sind inzwischen auf dem Portal gelistet. „Insgesamt also Rückenwind.“
„Ihr Boomer macht manchmal komische Sachen“
Im Alltag teilen sich Vater und Sohn die Arbeit nach Stärken, aber ohne starre Grenzen. Christoph verantwortet die IT und die Website, dazu die Kooperationen mit anderen Anbietern. Frank ist mit seiner Kenntnis der Ausschließlichkeitsorganisationen der Ansprechpartner für Agenturen und Versicherer. Neue Profis gewinnen beide. Bei Beiträgen für Social Media hat der Jüngere allerdings das letzte Wort, und das sagt er auch so: „Ihr Boomer macht manchmal komische Sachen, lass mich da mal drüberschauen.“ Frank nimmt es mit Humor. Dass er mit Ende 50 zu alt für Digitales sein könnte, hat er nie geglaubt. Es gehe nicht ums Alter, sondern darum, sich mit den Themen zu befassen, die für den Erfolg wichtig sind. Danach entscheide man, ob man sie selbst übernimmt oder einkauft, durch eigenes Personal oder externe Dienste.
Vom Branchenbuch zur Quelle für KI
Wie schnell sich ein junges Unternehmen verändert, erlebt Frank gerade selbst. Gestartet ist das Portal als reine Liste von Fachleuten, vergleichbar mit einem digitalen Branchenbuch. Gut ein Jahr später ist es eine Plattform rund um Absicherung und Vorsorge für Unternehmen, mit eigenen Branchenseiten und Fragen zu Versicherungsthemen, die mit den Profilen verknüpft sind. Den Anstoß dafür gibt das veränderte Suchverhalten. Seit Google im Juli in der Search Console eine Auswertung zur KI-Suche anbietet, sehen die beiden dort direkt eigene Ergebnisse. deinefirmenversicherung.de soll eine relevante Quelle für Google und für KI-Systeme wie ChatGPT, Gemini und Copilot werden. Dabei hilft Frank eine Erkenntnis aus seinem Buch über Versicherungsagenturen, für das er viele erfolgreiche Inhaber interviewt hat. Wer wahrgenommen werden will, muss ein klares Bild abgeben, wofür er steht.
Günstig rein, fair weiter
Ans Aufhören haben die beiden nach Franks Aussage nie gedacht, dafür sei das Echo auf die Idee zu positiv. Die eigentliche Hürde ist das Tempo. Ohne fremdes Geld sind sie gut vorangekommen, wollen und müssen aber schneller wachsen, damit die Expertenlandkarte der Fachleute dichter wird. Für den Markteintritt haben sie deshalb bewusst einen niedrigen Einstiegspreis gewählt. Eine klassische Onlineagentur verlange schon für eine Landingpage das Dreifache, sagt Frank. Im neuen Jahr passen die beiden die Preise an, allerdings nicht für alle. Wer ihnen in der Anfangszeit vertraut hat, bekommt eine stabile Preisgarantie, anders als man es von Telefon- oder Stromverträgen kennt. Rund 50 Expertinnen und Experten sind heute dabei, die Marke von 100 soll bald fallen, bis Ende 2027 sollen es mindestens 300 sein. Bis zum Jahreswechsel will das Team außerdem einen ersten institutionellen Partner gewinnen, etwa einen Versicherer, einen Maklerpool oder eine Vertriebsorganisation.
Stolz aus der Vaterrolle
Fragt man Frank nach dem schönsten Moment seit dem Start, fällt ihm zuerst sein Sohn ein. Es sei immer wieder schön, aus der Vaterrolle zu sehen, wie Christoph sich in Gesprächen und Verhandlungen verhält.
Hier spüre ich einfach nur Stolz.
Ein zweiter Moment kommt zu Beginn dieses Jahres, als das Team von Insurance Monday, nach Franks Worten dem größten deutschen Versicherungspodcast, strategischer Partner wird. Und dann ist da die Karte, auf der die beiden jeden neu gelisteten Profi eintragen. Frank schaut oft darauf und freut sich, dass ihr Logo schon in ganz Deutschland erscheint. Gerade erst kam Anerkennung aus der Branche dazu: Die Online-Marketing-Gesellschaft der Versicherungsbranche (OMGV) hat Vater und Sohn für ihren Award in der Kategorie Innovation nominiert. Wer selbst mit dem Gedanken spielt, nach vielen Jahren einen Konzern zu verlassen, dem gibt er vor allem einen Satz mit: „Dein inner circle, das Team Familie, muss hinter dir stehen.“ Die Familie sei schließlich all die Jahre mit im Konzern gewesen, nur auf andere Art. Auf die 35 Jahre blickt Frank mit Dankbarkeit zurück. Und mit der Gewissheit, dass man auch mit Ende 50 noch völlig neue Dinge lernen kann, immer häufiger von Menschen, die deutlich jünger sind als man selbst.






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