Unternehmen aus Industrie, Wirtschaft und Politik buchen Christiane Stein als Moderatorin für ihre Tech-Konferenzen. Angefangen hat die Kölnerin gelangweilt in der Buchhaltung. Wie wird aus dieser Langeweile ein eigener Beruf?
Ein Beruf mit Technologiefokus
Christiane, du moderierst Konferenzen über Quantencomputing, KI und Cybersecurity. Wie erklärst du deinen Beruf in einem Satz?
Ich bin Moderatorin für große Konferenzen mit einem klaren Technologiefokus, arbeite deutschlandweit für Kunden aus Industrie, Wirtschaft und Politik und mache aus den Innovationen, die ich dort erlebe, Videos für LinkedIn.
Was treibt dich morgens aus dem Bett, auch vor dem dritten Konferenztag in Folge?
Ich glaube, es braucht eine Portion Energie, die man mit auf die Welt bekommt. Dazu Neugier, die einen Fragen stellen lässt. Ich hatte schon immer eine Begeisterung für alles, was wie Magie funktioniert. Bei n-tv habe ich viel Liveerfahrung gesammelt, und heute bringe ich diese beiden Welten auf Konferenzen zusammen. Meine größte Motivation ist aber die Freiheit. Als Selbstständige gestalte ich meine Videos selbst, treffe Entscheidungen, setze neue Ideen in meinem Tempo um und muss niemanden fragen. Der dritte Konferenztag in Folge bringt eher noch mehr Flow rein. Ich mag es, wenn eine Woche voll ist.
Vom Komparsenjob zur eigenen Moderation
Angefangen hat es allerdings nicht vor der Kamera, sondern mit einer Ausbildung zur Industriekauffrau. Wie kam der Wechsel?
Ich habe mich in der Ausbildung unfassbar gelangweilt, weil ich viele Monate in der Buchhaltung saß. In der Mittagspause habe ich Zeitschriften gelesen, und ein Interview mit Kate Moss hat mich in dem Moment dazu gebracht, bei einem Fernsehsender anzurufen und zu fragen, ob ich dort arbeiten könnte. Ihr Satz war: „Man kann alles werden, wenn man es nur wirklich will.“ Ich habe gedacht: Okay, das probiere ich jetzt aus. Am Telefon hieß es, ich könne als Komparsin arbeiten.
Wie ging es von der Komparsin weiter?
Ich habe schnell festgestellt, dass diese Jobs immer spontan vergeben werden und man erreichbar sein muss. Also habe ich mir als eine der Ersten ein Handy gekauft, als das unter Schülern und Studenten noch sehr unüblich war. Damit war ich immer erreichbar, und die Produktionen wussten: Die geht sofort ran und kommt zuverlässig. Da habe ich gemerkt, wie Technologie einem Vorsprung verschafft. Daraus wurde eine feste Rolle in der Serie „Verbotene Liebe“, über acht Jahre. Währenddessen habe ich BWL studiert, immer parallel beim Fernsehen gearbeitet und bin dann in die Moderation gewechselt, erst bei der ARD, später zu n-tv.
Was war die größte Hürde auf dem Weg in die Selbstständigkeit?
Die vielen Menschen, die einem einreden, dass man etwas Richtiges machen soll. Man überlegt zwischendurch natürlich, ob man naiv ist oder doch den sicheren Weg gehen sollte. Mit dem Diplom gab es viel Diskussion darüber, ob ich jetzt in einen Konzern ins Marketing oder ins HR gehe, weil ich das ja studiert hatte. Ich hatte mir nebenher aber schon so viel aufgebaut mit dem Fernsehen, habe an einer Hochschule selbst TV-Moderation unterrichtet und die Konferenzmoderation so ausgeweitet, dass sie ein eigener Beruf wurde. In den Jahren habe ich außerdem drei Kinder bekommen. Da war die Selbstständigkeit eine großartige Möglichkeit, beides unter einen Hut zu bekommen.
Zwischen Nachrichtenstudio und Bühne
Im Nachrichtenstudio ist jede Sekunde getaktet, auf einer Bühne steht der Text nie fest. Woran hast du gemerkt, dass dir das Ungeplante liegt?
Im Nachrichtenstudio war es einerseits getaktet, aber wir waren ein Livesender. Ständig kamen Breaking News, und man musste sehr flexibel reagieren und on air sprechen, ohne Skript und ohne Plan.
Auf Konferenzen ist das Ungeplante oft das, was am besten ankommt.
Ich bin relativ schlagfertig und habe keine große Angst, etwas Falsches zu sagen. In Talks und Podiumsdiskussionen entstehen da die unterhaltsamsten Momente. Aber ich bin ein Fan davon, den Anfang sehr gut zu planen. Hinten raus ist dann mehr Platz für Freestyle.
Deine erste Konferenz hast du auf der CeBIT moderiert. Was machst du heute anders als damals?
Das war in Hannover, als es die CeBIT noch gab. Am meisten verändert haben sich Souveränität und Sicherheit, aber auch die Ansprache ans Publikum. Damals wollte ich wahrscheinlich geskripteter und perfekter sprechen und habe Texte auswendig gelernt. Heute verlasse ich mich auf meine Erfahrung und spreche bewusst nahbar und emotionaler mit dem Publikum. Außerdem baue ich immer wieder kreative oder technologische Ideen ein. Manchmal habe ich meinen eigenen KI-Avatar dabei oder bringe dramaturgische Ideen mit ein.
Was hinter einem Konferenztag steckt
Was genau bucht jemand bei dir? Erklär es so, als hätte man noch nie eine Tech-Konferenz besucht.
Eine Veranstaltung ist erst mal eine lose Sammlung von Vorträgen. Viele kluge Leute, viele Themen, aber keine Klammer. Meine Aufgabe ist es, daraus einen Tag zu machen, dem man gerne folgt. Ich baue die Dramaturgie, verbinde die Beiträge, hole die Leute aus ihren Slides raus und sorge dafür, dass am Ende alle wissen, worum es ging. Vor allem übertrage ich aber Begeisterung für die Themen. Die Leute sollen aufs Bühnenprogramm schauen statt aufs Handy. Vorher und nachher mache ich die Konferenz auf Social Media sichtbar, davon profitiert auch der Kunde. Man bucht bei mir den roten Faden und die Energie, die ihn trägt.
Wie sieht der Tag vor dem Auftritt aus, den das Publikum nie sieht?
Da sitze ich an der hoffentlich finalen Agenda und mache den Feinschliff. Alles liegt auf digitalen Moderationskarten, ich kürze meistens und formuliere prägnante Übergänge. Es geht vor allem um den Flow und die Logik der Reihenfolge. Meistens kommen dann auch viele Änderungen rein, weil Speaker ausgetauscht werden müssen, jemand ausfällt oder ein anderer Politiker geschickt wird. Ich lege außerdem großen Wert auf Bühnenkleidung und stelle mein Outfit zusammen. Für eine Konferenz bin ich meistens drei Tage in Berlin oder irgendwo anders im Einsatz. Selten in Köln.
Was ist dir auf einer Bühne schon mal komplett aus dem Ruder gelaufen?
Es passiert immer irgendwas. Ein schönes Beispiel: Wir hatten den Bundesgesundheitsminister per Video auf einer Konferenz zugeschaltet, und sein Vortrag kam super beim Publikum an. Leider konnte er den großen Applaus nicht hören. Da habe ich alle im Saal gebeten, die Handylichter anzuschalten. Er hat sich riesig gefreut, und das hat wiederum das Publikum gefreut. Ein anderes Mal hatte eine Speakerin einen Blackout. Sie hat einfach aufgehört zu reden und den Faden nicht mehr gefunden. Ich habe sie schnell in einen Talk geholt, denn auf Fragen zu antworten, ist viel einfacher. Danach ging es super schnell wieder zurück in ihre Rede.
Mehrere Säulen und eine klare Nische
Du bist bei keiner Agentur exklusiv gelistet, Anfragen landen direkt bei dir. Wie entscheidest du, was du annimmst?
Konferenzen müssen einen klaren Techfokus haben und sich mit Innovation und Zukunft auseinandersetzen. Ich habe festgestellt, dass die Nische für Klarheit und Sicherheit sorgt. Meine Kunden schätzen, dass ich die meisten Speaker bereits kenne und man mich um drei Uhr nachts zu den Themen wecken könnte und ich ein Panel dazu führen würde. Ich bin seit dem Anfang der Digitalisierung dabei und habe jedes Gesetz und vor allem die Bedenken im Publikum gegenüber neuen Technologien begleitet. Digitalisierung, künstliche Intelligenz und bald Quantum, das ist das Nächste, was kommt. Ich freue mich über neue Anfragen und natürlich über die Wiederbuchungen jedes Jahr.
Woran merkst du, dass es funktioniert?
Das Top-Voice-Badge von LinkedIn war so ein Meilenstein, bei dem ich dachte: Cool, fühlt sich gut an. Da hat man fünf Jahre kontinuierlich seine Nische mit Content bespielt, und das ist dann eine Art Beweis, dass es funktioniert. Die Zusage von n-tv damals war auch ein großer Moment. Aber auch schon früher die erste Autogrammkarte von der ARD oder das erste Mal im Abspann einer Serie oder eines Kinofilms.
Wem machst du mit deiner Arbeit den Tag besser?
Ich hoffe, allen. Mir natürlich, weil ich auf Konferenzen jeden Tag Neues lerne. Dem Publikum, weil ich komplizierte Zusammenhänge ganz gut in einfachen Worten zusammenfassen kann und sich meine Begeisterung für die Themen auf die Gäste im Raum überträgt. Dem Kunden und den Menschen auf der Bühne gebe ich oft Sicherheit. Aber ich bin auch Diplom-Kauffrau, habe BWL studiert und verdiene natürlich auch gerne Geld.
Was rätst du jemandem, der aus einer festen Redaktion heraus denselben Schritt gehen will?
Immer erst alles parallel aufbauen und erst dann kündigen, wenn es läuft. Es dauert schon ein paar Jahre, bis man so etabliert ist, dass man auch ein Sommerloch entspannt genießen kann, weil man weiß, dass alles läuft. Am besten braucht es mehrere Säulen. Bei mir waren das Fernsehen, Hochschule und Konferenzen. Heute sind die Konferenzen die Hauptsäule, und mit Social Media ist eine weitere Säule dazugekommen, die Stabilität reinbringt. Fokussierung, Nische und gleichzeitig trotzdem viel parallel fahren, das ist mein Tipp.
Und was soll von deiner Geschichte hängen bleiben?
Ich habe mir keinen Beruf ausgesucht, ich habe ihn mir gebaut. Und: Danke, Kate Moss.






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