Claudia Gessler-Zwickl war Strategieberaterin und Managerin. Heute verkauft sie mit VILAVIT aus Wien Mikronährstoffpräparate für Paare mit Kinderwunsch. Was hat ihr eigener Kinderwunsch mit dieser Gründung zu tun?
Aus der Beratung zur eigenen Idee
Claudia, Gründen stand bei dir lange nicht auf dem Plan. Wie sah dein Berufsleben davor aus?
Mein beruflicher Weg war lange ziemlich weit weg von der Reproduktionsmedizin. Ich habe meinen MBA an der Columbia Business School in New York gemacht, dann in der Strategieberatung bei der Boston Consulting Group angefangen, später in der Industrie gearbeitet und schließlich ein Health-Tech-Scale-up geführt. Ich war es gewohnt, Unternehmen zu entwickeln, strategische Entscheidungen zu treffen und komplexe Probleme zu lösen. Selbst zu gründen war allerdings nie Teil meines Karriereplans.
Was hat das geändert?
Eine sehr persönliche Erfahrung: mein eigener Kinderwunsch. Mein Mann und ich haben selbst erlebt, wie schwierig es sein kann, wenn eine Schwangerschaft auf sich warten lässt. Während unserer Kinderwunschbehandlungen haben uns Ärztinnen und Ärzte auf neue Studien aufmerksam gemacht, die sich mit der Bedeutung bestimmter Mikronährstoffe für die weibliche und männliche Fruchtbarkeit beschäftigten. Viele der empfohlenen Wirkstoffe gab es damals aber nur als Einzelpräparate. Also haben mein Mann und ich Tag für Tag rund 15 verschiedene Kapseln genommen. Jede davon war mit der Hoffnung verbunden, unserem Wunschkind ein kleines Stück näherzukommen.
Rückblickend war das nicht nur unglaublich aufwendig, sondern auch sinnbildlich für diese Zeit: Wir wollten alles tun, was in unserer Macht stand. Wir mussten Präparate kombinieren, auf Dosierungen achten und uns selbst intensiv mit den Inhaltsstoffen beschäftigen. Und wir haben uns gefragt, warum es keine Lösung gibt, die all das zusammenbringt.
Und wann wurde aus dieser Frage ein Plan?
Ich erinnere mich noch sehr genau an eine Autofahrt nach Grado. Während dieser Fahrt ist die Idee zu VILAVIT entstanden, und aus der Idee wurde praktisch sofort ein konkreter Plan. Wir haben darüber gesprochen, wie ein Produkt aussehen müsste, das wir uns selbst gewünscht hätten: wissenschaftlich fundiert, mit führenden Fertilitätsexpertinnen und -experten entwickelt und kompromisslos in der Qualität. Irgendwann war klar: Wenn es so ein Produkt nicht gibt, warum entwickeln wir es nicht selbst?
Natürlich war das ein großer Schritt. Ich hatte keinen pharmazeutischen Hintergrund und wusste damals wenig über die Entwicklung und Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln. Es brauchte vor allem den Mut, die eigene Komfortzone zu verlassen.
Fachleute finden, Paare begleiten
Ohne medizinischen Hintergrund brauchtest du die richtigen Leute an deiner Seite. Wie hast du sie gefunden?
Ich habe gezielt nach führenden Reproduktionsmedizinerinnen und -medizinern gesucht, einige direkt kontaktiert und bei anderen um eine persönliche Vorstellung gebeten. In nahezu jedem Gespräch bin ich auf großes Interesse gestoßen. Die Ärztinnen und Ärzte kannten die Studienlage und verstanden, wie wichtig es für Paare auf dieser oft belastenden Reise ist, selbst einen Beitrag leisten zu können.
Was genau bekommt man heute bei VILAVIT?
Wir begleiten Paare in unterschiedlichen Phasen, von der Vorbereitung auf eine Schwangerschaft bis in die Stillzeit. Die Eizellreifung und die Spermienentwicklung beginnen rund drei Monate vor der eigentlichen Befruchtung. Deshalb ist es sinnvoll, sich schon einige Monate vorher mit der eigenen Nährstoffversorgung zu beschäftigen. VILAVIT Female ist für Frauen mit Kinderwunsch entwickelt, VILAVIT Male für Männer, VILAVIT Prenatal begleitet Frauen in Schwangerschaft und Stillzeit. Und weil man auf einer Kinderwunschreise ohnehin genug im Kopf hat, steckt die tägliche Portion bereits in einem Sachet.
Was mir dabei wichtig ist: Kinderwunsch ist kein reines Frauenthema. Trotzdem liegt die Verantwortung für die Vorbereitung auf eine Schwangerschaft häufig noch bei der Frau. Deshalb war für mich von Anfang an klar, dass wir Frauen und Männer gleichermaßen ansprechen.
Ein Kind lässt sich nicht planen. Was kann ein Produkt da überhaupt leisten?
Natürlich können wir keine Schwangerschaft versprechen. Aber ein unerfüllter Kinderwunsch bedeutet oft einen enormen Kontrollverlust. Man kann im Leben vieles planen und Ziele konsequent verfolgen, und beim Kinderwunsch funktioniert das plötzlich nicht mehr. Man macht vermeintlich alles richtig, und trotzdem bleibt der Erfolg aus. Mit VILAVIT wollte ich Paaren auch ein Stück Kontrolle und Selbstbestimmung zurückgeben. Das Gefühl, selbst aktiv etwas tun zu können, auch wenn der Ausgang nicht in der eigenen Hand liegt.
Anwaltsbrief, Lieferengpass, erste fremde Bestellung
Gab es einen Moment, in dem Aufhören ernsthaft im Raum stand?
Ich erinnere mich an den Tag vor Heiligabend, als plötzlich ein Anwaltsschreiben wegen einer vermeintlichen Patentverletzung bei uns eintraf.
Oder an die Situation, als uns ein Lohnhersteller im Stich gelassen hat, vermutlich weil unsere anfangs kleinen Mengen nicht interessant genug waren. Besonders schwer war ein massiver Lieferengpass, nachdem bei unserem Produktionspartner eine Maschine ausgefallen war. Die entgangenen Umsätze waren dabei das kleinere Problem. Viel schwerer wog, dass wir unsere Kundinnen und Kunden immer wieder vertrösten mussten. Menschen, für die Zeit oft ein entscheidender Faktor ist und die sich auf uns verlassen.
Was hat dich in solchen Phasen wieder auf Kurs gebracht?
Die Überzeugung, dass VILAVIT etwas bewirkt. Und die Erkenntnis, dass Resilienz vielleicht eine der wichtigsten Eigenschaften im Unternehmertum ist. Gründen bedeutet nicht, keine Zweifel zu haben. Es bedeutet, trotz dieser Zweifel weiterzugehen. Und manchmal ist der größte Erfolg eines Tages schlicht, nicht aufgegeben zu haben.
Gründen bedeutet nicht, keine Zweifel zu haben. Es bedeutet, trotz dieser Zweifel weiterzugehen.
Erinnerst du dich an den Moment, in dem du gemerkt hast, dass es funktioniert?
Das war die erste Bestellung von jemandem, dessen Namen ich überhaupt nicht zuordnen konnte. Am Anfang bestellen vor allem Familie, Freunde und Bekannte, und insgeheim weiß man, dass viele kaufen, weil sie einen unterstützen möchten. Und dann kam eine Bestellung, bei der ich wirklich überlegt habe, ob das jemand aus dem erweiterten Bekanntenkreis sein könnte. Zum ersten Mal hatte sich jemand bewusst für VILAVIT entschieden, ohne mich zu kennen.
Die Marke wird bekannt
Und heute?
Ein besonderer Meilenstein war ein Gespräch mit einem Urologen. Ich erzählte ihm, dass wir Präparate zur Unterstützung der Spermienqualität entwickeln. Daraufhin fragte er völlig unerwartet: „Sie sind aber nicht von VILAVIT?“ Da stand ich vor einem Mediziner, dem ich unser Unternehmen gerade vorstellen wollte, und er kannte die Marke schon. Inzwischen schicken uns Kundinnen regelmäßig Nachrichten von ihrer Schwangerschaft oder sogar Fotos ihrer Babys.


Gibt es eine Nachricht, die dir besonders im Kopf geblieben ist?
Eine Kundin schrieb mir, wie viel Mut ihr meine persönliche Geschichte gemacht hatte. Unser Gespräch sei für sie ausschlaggebend gewesen, eine Kinderwunschklinik aufzusuchen und die Hoffnung nicht zu verlieren. Heute ist sie Mama einer kleinen Tochter. Als ich angefangen habe, öffentlich über meinen eigenen Kinderwunsch zu sprechen, hätte ich nie gedacht, dass meine Geschichte für andere einmal so viel bedeuten könnte.
Im März 2026 hast du VILAVIT bei „2 Minuten 2 Millionen“ vorgestellt. Wie hast du den Pitch erlebt?
Er war unglaublich nervenaufreibend. Meine größte Sorge war gar nicht, eine Frage nicht beantworten zu können. Ich hatte Angst, dass das Thema Kinderwunsch ins Lächerliche gezogen werden könnte. Umso erleichterter war ich über das wertschätzende Feedback der Investoren und darüber, dass wir sogar ein Investmentangebot bekommen haben. Rückblickend war die Sendung ein Wendepunkt: Markenbekanntheit und Umsätze sind nachhaltig gestiegen. Und das Thema unerfüllter Kinderwunsch, von dem laut Weltgesundheitsorganisation jedes sechste Paar betroffen ist, hat eine große Bühne bekommen.
Offener über Fruchtbarkeit sprechen
Was wünschst du dir für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch?
Dass wir endlich aufhören, unerfüllten Kinderwunsch als etwas zu betrachten, für das man sich schämen muss. Viele leiden im Stillen und geben sich selbst die Schuld. Ich kenne diese Gefühle aus eigener Erfahrung. Unfruchtbarkeit ist kein persönliches Versagen. Und ich wünsche mir, dass wir früher und offener über Fruchtbarkeit sprechen. Nicht, um Druck aufzubauen, sondern damit junge Frauen informierte Entscheidungen über ihre Zukunft treffen können.
Was sagst du einer Frau, die überlegt, ihren sicheren Job für eine eigene Idee aufzugeben?
Wenn du an deine Idee wirklich glaubst, trau dich. Warte nicht auf den perfekten Zeitpunkt, den wird es wahrscheinlich nie geben. Gleichzeitig würde ich ihr nichts vormachen: Es gibt keinen Overnight Success. Umgib dich früh mit Menschen, die an dich glauben, aber auch ehrlich mit dir sind. Und: Mut bedeutet für mich nicht, keine Angst zu haben, sondern trotz der Unsicherheit den nächsten Schritt zu machen.






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