Lexware
Mann im schwarzen T-Shirt zeigt auf einen Bildschirm mit dem 3D-Modell eines Gebäudes.

Vom Versicherungsbüro zum Hollywood-Filmprojekt

Große Aufträge und leere Wochen wechseln sich bei David Mair ab, seit er für sich arbeitet. Er spricht über Selbstwert, über Blockaden im Kopf und darüber, warum er auf keinen Guru mehr hört.

Mann mit Kopfhörern sitzt auf einem Bürostuhl und blickt in die Kamera, dahinter große Fenster.

Kurz gefasst

  • Sprich mit Leuten, bevor du am Branding feilst. Keiner seiner Aufträge kam über ein gutes Branding. Alle entstanden daraus, dass David Mair mit Leuten gesprochen und gezeigt hat, wofür er brennt. Das Branding lohnt sich erst, wenn du weißt, wofür du stehst.
  • Die größte Hürde sitzt im eigenen Kopf. Als Selbstständiger kommt er an Dinge in sich heran, an die er in einer Festanstellung nie herangekommen wäre. Für ihn ist die eigene Angst das Riesenthema, und die Frage nach dem eigenen Wert.
  • Geh in Therapie, bevor nichts mehr geht. Nach zwölf Jahren Versicherung saß er mit Depressionen zu Hause. In der Therapie hat er sich für das Studium in Brand Design entschieden. Ohne sie wäre es etwas anderes geworden, vielleicht sogar wieder die Versicherung.
  • Miss den Erfolg daran, was du dir leisten kannst. Er buchte einen Flug für 700 oder 800 Euro und sah danach kaum eine Veränderung auf dem Kontostand. Dieser Moment war für ihn der Beweis, dass es funktioniert. Kein einzelner großer Auftrag.

Zwölf Jahre war David Mair Versicherungskaufmann. Heute bringt er Kreativen und Unternehmen bei, mit KI zu arbeiten und arbeitet an Filmproduktionen. Dazwischen liegen Lateinamerika, eine Pleite und eine Therapie. Was hat ihn auf diesem Weg weitermachen lassen?

Das erste Jahr auf eigene Rechnung

David, seit Oktober 2025 bist du selbstständig. Wovon lebst du heute?

Bis Oktober 2025 habe ich noch in einem KI-Startup gearbeitet. Den Sprung ins kalte Wasser habe ich mit einem 15-Wochen-Workshop gewagt, den ich für einen bekannteren KI-Bildungsträger geleitet habe. Bis zu 70 Kreative haben sich da weitergebildet, und zwar darin, wie man KI in der Kreativbranche einsetzen kann. Das war der erste Auftrag, bei dem ich mir dachte: Okay, jetzt springe ich. Danach kam noch ein Workshop zu Datenverarbeitung mit KI für einen großen Onlineshop für Wein. Und der größte Auftrag ist erst ein paar Wochen her: Da habe ich an einem KI-Filmprojekt aus Hollywood mitgearbeitet.

Wie war das?

Das hat meinen Kopf komplett durcheinandergebracht, muss ich ehrlich sagen. Das ist ja mein erstes Jahr Selbstständigkeit und ich dachte: Wo um alles in der Welt bin ich hier gelandet? Als das Projekt für mich zu Ende war, war ich erstmal geknickt. Ich hatte das Gefühl, Ikarus hat am Olymp geschnuppert und will da jetzt wieder hoch.

Klingt nach Achterbahn.

Das Hoch und Tief der Selbstständigkeit ist die immer da. Ich glaube, das ist bei mir die größte Herausforderung. Es ist mein erstes Jahr, und gerade bin ich wieder auf der Suche nach einem neuen Projekt. Aufstieg und Abstieg liegen sehr nah beieinander.

Zwölf Jahre Versicherung und der Ausstieg

Bevor es so weit war, hast du zwölf Jahre in der Versicherungsbranche gearbeitet. Wie bist du da gelandet?

Meine Eltern sind ausgewandert, da war ich 20, und ich habe irgendwas gesucht, das mir Struktur gibt und meinen Lebensunterhalt finanziert. Das war eine sichere Welt, in der ich mich eingefunden hatte, aber definitiv nicht glücklich. Bis es irgendwann nicht mehr funktioniert hat und ich mit Depressionen zu Hause saß und nicht wusste, wie es weitergeht. Ein sehr guter Kumpel von mir hat sich damals das Leben genommen. Da war klar: Irgendwas läuft hier richtig schief.

Was hast du dann gemacht?

Nebenbei hatte ich schon drei Jahre in einem Tattoostudio gearbeitet und mit Fotografie angefangen. Weil es mir nicht gut ging, habe ich mein Zeichenzeug eingepackt und bin anderthalb Jahre als Kalligraf durch Lateinamerika gereist. Darüber gab es sogar Artikel in Kalligrafie-Zeitschriften. Mein Gedanke war: Falls ich zurückkomme, will ich eine Geschichte und ein Portfolio haben, auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, wie es weitergeht. In der Zeit habe ich 20.000 Euro verheizt und bin pleite zurückgekommen. In München habe ich dann zum ersten Mal versucht, mich selbstständig zu machen. Das hat nicht funktioniert.

„Falls ich zurückkomme, will ich eine Geschichte und ein Portfolio haben, auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, wie es weitergeht.“

Wie ging es weiter?

Ich bin noch mal für ein paar Monate in den Versicherungsjob zurück. Dann bin ich für ein Studium in Brand Design nach Hamburg gezogen und habe 2022 meinen Bachelor gemacht. Danach habe ich bei einer großen Agentur im Motion Design gearbeitet und Werbung für Audi gemacht. Da hatte ich zum ersten Mal dieses Erfolgsgefühl. Ich habe Ideen für Chris Evans geschrieben, also für Captain America, und dachte nur: Das kann doch nicht sein. Dann ging die Entwicklung bei KI los und mir war alles zu langsam. Anfang 2023 war schon vieles möglich, das später von Midjourney und Adobe als große Innovation angepriesen wurde. Ich bin dann in das KI-Start-up gewechselt, das war aber auch nicht mein Ding. Und dann kam das Angebot für den Workshop. Ich dachte mir: Okay, ich gehe da jetzt einfach mal rein und bringe anderen Leuten bei, wie sie mit KI arbeiten können.

Was ihn antreibt, wenn nichts läuft

Was treibt dich an, auch an schlechten Tagen?

Seit der Versicherung ist mein Antrieb eigentlich: Da muss irgendwas sein. Es ist die Suche nach der Leidenschaft und nach der Disziplin. Der Wunsch nach einem schöneren und auch stabileren Leben, das nicht so abhängig ist von allem, was dir die Welt erzählt, was du haben musst. Als individuelle Person passt man da oft gar nicht so gut rein. Also die Frage: Wozu bin ich eigentlich in der Lage? Vor drei Wochen bin ich einen Ultratrail über 60 Kilometer gelaufen. Auch das ist die Suche nach der eigenen Disziplin und dem eigenen Wesen.

Und wenn du morgens keine Lust hast?

Dann sagen zu können: Wisst ihr was, ich bleibe heute liegen. Ich glaube, das ist der beste Teil davon. Oder: Ich habe jetzt zwei Wochen keinen Bock auf euch, ich fahre irgendwo hin. 30 Tage Urlaub im Jahr haben und darum betteln, dass man sie auch wirklich nehmen darf, darauf habe ich gar keinen Bock mehr.

Wie viel freie Zeit hattest du im ersten Jahr?

Verhältnismäßig viel, ehrlich gesagt. Ich hatte große Aufträge, die in kurzer Zeit viel Geld in die Kasse gespült haben. Und ich habe das Ritual der Akquise noch nicht drauf. Oft stehe ich vor inneren Blockaden und nehme dann lieber Abstand, um mit frischer Kraft wieder ranzugehen. Deshalb sage ich ganz trocken: Ich habe verhältnismäßig viel frei, experimentiere in der Zeit aber auch viel mit neuen Tools.

Warum Therapie für ihn dazugehört

Was war auf dem ganzen Weg deine größte Hürde?

Immer die Emotionen, immer die eigenen Blockaden. Als Selbstständiger kommst du an Sachen in dir heran, an die du in einer Festanstellung nie herankommen würdest. Das sind die Hürden, die du irgendwie meistern musst. Der eigene Kopf ist jedes Mal die größte Hürde, die eigene Angst und die Frage nach dem eigenen Wert. Selbstwert ist ein Riesenthema.

Blick über die Schulter auf einen Laptop, auf dem ein 3D-Modell in Blender bearbeitet wird.
Mann mit Kopfhörern um den Hals steht mit verschränkten Armen vor einer Backsteinwand.

Was hilft dir dabei?

Sport, Freunde und mit ihnen sprechen. Sich hinsetzen und überlegen, was man schon alles geschafft hat. Und Therapie, anders kann man es nicht sagen. In der Therapie habe ich mich auch für das Studium entschieden. Ohne sie wäre es einfach irgendwas anderes geworden. Vielleicht sogar wieder die Versicherung.

Viele Männer trauen sich nicht, darüber zu reden.

Das stimmt leider. Ich habe irgendwann mal Sticker gemacht: „Liebe Männer, Therapie ist echt gut.“ Das war ursprünglich ein Plakat für eine Demo und weil das so gut ankam, habe ich die Sticker gemacht.

Wofür sich das alles lohnt

Woran hast du gemerkt, dass es funktioniert?

Als ich das erste Mal einen Flug gebucht habe, für 700 oder 800 Euro, und danach auf meinen Kontostand geguckt habe. Da hatte sich gar nicht so viel verändert. Ich dachte nur: Das kann doch nicht sein. Ich komme nicht gerade aus einem wohlhabenden Elternhaus und war ja mit der Versicherung aus einem gut bezahlten Beruf rausgegangen. Dann erst als Werkstudent und später als Junior Motion Designer wieder eingestiegen. Da bist du erst mal ganz weit unten und die ganze Zeit am Strampeln. Dieser Moment war für mich ein Riesen Erfolg.

Und dein schönster Moment?

Als sie mich für dieses Filmprojekt gebucht haben. Da bin ich ausgerastet. Aber genauso verzweifelt war ich, als es vorbei war. Sie haben gesagt: Technisch alles super, vollständig überzeugt. Aber wir haben keine Zeit mehr und ich dachte: Oh Gott, ich mag dieses „Aber“ nicht. Trotzdem war das wie ein Ritterschlag.

Für wen machst du das alles?

In erster Linie für mich selbst. Ich sage, wie es ist: Die Welt des Marketings und der Kreativität würde sich auch ohne mich weiterdrehen. Aber wer mit mir zusammenarbeitet, erlebt einen faszinierten Menschen, der für die Sache brennt. Wenn du sagst, du ziehst das mit mir durch, dann bekommst du jemanden, der durchzieht, ohne Kompromiss. Ich bekomme relativ oft die Rückmeldung, dass ich ein inspirierender Charakter bin. Vielleicht ist es auch das.

Wohin soll es als Nächstes gehen?

Ich will auf jeden Fall mehr in die Videoproduktion. Gerade arbeite ich an meinem eigenen Portfolio-Shot, mit allem, was ich aus der Arbeit mit den anderen gelernt habe. Ich will eine ganz eigene Bildsprache zeigen.

Was rätst du jemandem, der denselben Schritt überlegt?

Vielleicht trete ich damit ein paar Leuten auf den Fuß, aber: Hör nicht auf die Gurus. Hör nicht auf die Leute, die dir die ganze Zeit nur Positives erzählen wollen. Das hat mich mental richtig in den Dreck gezogen. Lass dir Zeit. Finde dein eigenes Tempo und deine eigene Art der Kommunikation. Wenn du bereit für ein Branding bist, dann mach ein Branding, aber verkopf nicht die ganze Zeit. Sprich mit Leuten. Keiner meiner Aufträge ist durch ein gutes Branding gekommen. Sie kamen alle daher, dass ich mit Leuten gesprochen und gezeigt habe, wofür ich brenne. Und wenn es im ersten Jahr oder beim ersten Mal nicht klappt, dann geh halt wieder in eine normale Festanstellung. Mach es beim zweiten Mal oder gar nicht mehr. Hauptsache, du hast es probiert. Damit kannst du dir schon mehr auf die Schulter klopfen als mit allem anderen. Sei stolz auf dich.

Zwölf Jahre Versicherung sind eine lange Zeit.

Da hat mich auch nie jemand gesehen. Ich habe es nur zu lange nicht eingesehen. Es ging viel um die Sinnfrage: Wer ist man sonst, wo geht man hin? Ich habe auch mit Leuten zusammengearbeitet, die 30 Jahre in derselben Firma waren und stolz darauf. Völlig in Ordnung. Das ist einfach eine andere Welt.

Du bist jetzt 40. Wie blickst du auf die letzten Jahre?

Vor zehn Jahren bin ich aus der Versicherung ausgeschieden, und diese zehn Jahre waren richtig Kampf. Das sind sie immer noch, das muss man schon sagen. Aber so langsam kommt Stabilität rein. Bis in die 20er war ich verloren, die 30er waren die Findung, und jetzt habe ich richtig Bock auf meine 40er.

Was soll von deiner Geschichte hängen bleiben?

Sei nett zu dir selbst. Lass dir Zeit, finde dein eigenes Tempo. Ich glaube, da spreche ich gerade vor allem mit mir selbst, wenn ich sage: Chill mal. Und sei stolz.

© Foto Credits:
Alexander Hamlescher
Auf einen Blick

Häufige Fragen zu David Mair

Wer ist David Mair?

David Mair ist selbstständiger Motion Designer. Er gibt Workshops darüber, wie Kreative und Unternehmen mit KI arbeiten, und wirkt an Filmproduktionen mit. Vor seiner Selbstständigkeit war er zwölf Jahre Versicherungskaufmann und machte 2022 seinen Bachelor in Brand Design.

Wie kam David Mair von der Versicherung zur KI?

Nach zwölf Jahren in der Versicherungsbranche reiste er anderthalb Jahre als Kalligraf durch Lateinamerika und kam pleite zurück. Es folgten ein Studium in Brand Design, Motion Design in einer großen Agentur und eine Station in einem KI-Start-up. Seit Oktober 2025 arbeitet er auf eigene Rechnung.

Womit verdient David Mair heute sein Geld?

Mit Workshops und Projektarbeit. Den Anfang machte ein 15-wöchiger Workshop für einen KI-Bildungsträger, in dem sich bis zu 70 Kreative weitergebildet haben. Dazu kamen ein Workshop zur Datenverarbeitung mit KI und zuletzt die Mitarbeit an einem KI-Filmprojekt aus Hollywood.

Was rät David Mair Menschen, die sich selbstständig machen wollen?

Nicht auf die Gurus zu hören, die nur Positives erzählen. Sich Zeit lassen, das eigene Tempo finden und mit Leuten sprechen, statt sich im Branding zu verkopfen. Und wenn es im ersten Jahr nicht klappt, ist auch der Weg zurück in die Festanstellung in Ordnung.

Tell Your Story Podcast

Diese Folge schauen oder hören.

weiterempfehlen
Gib dieser Geschichte eine Bühne

So machen es andere in deiner Lage