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Elena Bärweg trägt vor einem beleuchteten Schminkspiegel Lippenfarbe auf, ihr Spiegelbild blickt zurück.

Make-up-Artist mit dem Blick einer Zahnmedizinerin

Nur einmal dachte Elena Bärweg ans Aufhören: in eineinhalb Jahren Corona mit Berufsverbot und Auflagen. Sie erzählt, was sie als Selbstständige lernen musste und warum sie künftig vor allem unterrichten will.

Elena Bärweg in beiger Bluse lächelt vor zwei Schminkspiegeln mit hellen Glühbirnen.

Kurz gefasst

  • Setz deine Preise lieber etwas höher an. Den häufigsten Anfängerfehler sieht Elena darin, weit unter dem Marktdurchschnitt anzufangen. Wer einmal als billig gilt, kommt schwer wieder heraus. Ein höherer Preis sorgt außerdem für die Disziplin, sich ständig weiterzuentwickeln.
  • Lern früh, deine Zeit und dein Wissen zu schätzen. Im ersten Jahr fuhr Elena ohne Auto mit dem ganzen Equipment Bus und Bahn und gab oft Leistungen umsonst dazu. Heute ist sie immer noch warmherzig, setzt aber Grenzen und denkt wirtschaftlich.
  • Verlass dich auf dein Wissen, wenn Material fehlt. Beim Videodreh mit einer weltberühmten Sängerin fehlte Elena die Tasche mit Foundation und Contouring-Paletten. Mit Concealer, Pflegeprodukten und Mineral Powder rettete sie das Make-up, und keiner hat etwas gemerkt.
  • Steck Geld in dein Können, auch wenn es knapp ist. Nach der Elternzeit investierte Elena ihr letztes Geld in Einzelcoachings bei den besten Artists ihrer Branche. Später kamen Anfragen für Schulungen aus ganz Deutschland und dem Ausland.

Elena Bärweg stylt mit Make up for you Bräute, Musiker und sogar Olaf Scholz, dazu bildet sie Kolleginnen aus. Angefangen hat sie mit einem Koffer am Hamburger ZOB, ohne ein Wort Deutsch. Was hat sie auf diesem Weg gelernt?

Ein Diplom, das in Deutschland kaum zählte

Elena, du hast in Russland Zahnmedizin studiert, bevor du Make-up-Artist wurdest. Warum dieser Umweg?

Kunst, Ästhetik und die Arbeit mit Menschen zu vereinen, das wollte ich seit meiner Kindheit. Den Beruf Make-up-Artist gab es in meinem Heimatland damals aber kaum. Und ich will alles, was mich interessiert, bis ins kleinste Detail verstehen. Zahnmedizin vereint Gesichtsanatomie, biologische Grundlagen und den Sinn für Ästhetik. Parallel habe ich 2002 schon die Ausbildung zur Kosmetikerin und Visagistin gemacht.

Warum bist du dann nicht Zahnärztin geblieben?

In Deutschland wurde mein Diplom mit Auszeichnung nur als allgemeine Hochschulreife anerkannt. Ohne Sprachkenntnisse hatte ich keine Chance, ein Abitur nachzuholen, das für ein neues Medizinstudium gereicht hätte. Also habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. 2004 habe ich an der Deutschen Akademie der Kosmetik als Fachkosmetikerin und Visagistin abgeschlossen und mich direkt selbstständig gemacht. Beziehungsweise, um ehrlich zu sein: versucht, Fuß zu fassen. Das hieß viel unbezahlte Arbeit, Portfolio aufbauen, Kontakte knüpfen.

Direkt nach dem Abschluss hast du eine Meisterschaft gewonnen. Ein schöner Moment?

Eigentlich einer der schlimmsten. Ich war erst seit zwei Jahren in Deutschland und sehr schüchtern. Als Siegerin stand ich vor mehreren hundert Menschen auf der Bühne und sollte dem NDR ein Interview geben. Ich brachte kaum ein Wort heraus und bin danach im Backstage-Bereich zusammengebrochen. In dem Moment habe ich mir geschworen, nie wieder in so eine Situation zu kommen. Deutsch habe ich nie an einer Schule gelernt, nur intuitiv, wohl über mein musikalisches Gehör.

Trotzdem hast du danach noch eine Friseurausbildung gemacht. Warum?

Ohne Haarstyling habe ich zu viele Chancen verpasst. Mental war das nicht einfach: nach mehreren Abschlüssen als Azubi in der Berufsschule, mit sehr jungen Menschen, die gerade ihren Hauptschulabschluss hatten. Abends stand ich zu Hause am Übungskopf. 2009 habe ich als Innungsbeste abgeschlossen und mehrere Jobangebote von renommierten Salons bekommen. Alle habe ich dankend abgelehnt. Ich bin zu freiheitsliebend, um an einen Ort gebunden zu sein.

Von Bus und Bahn bis zum Berufsverbot

Woran erinnerst du dich bei deinen ersten Aufträgen am deutlichsten?

Der erste bezahlte war gar nicht so spannend, Katalogaufnahmen für Billabong. Viel spannender war ein unbezahlter Job, ein Musikvideo der Hamburger Handelskammer für Jugendliche. Gesungen hat Jazzy von Tic Tac Toe. Als die Band an der Spitze der MTV-Charts stand, war ich noch ein Teenie in Russland, und sie war für mich so weit weg wie der Mond. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich mit ihr nach Feierabend am Schwanenwik grille und ein Bier trinke, hätte ich ihn für verrückt erklärt.

Was musstest du als Selbstständige erst lernen?

Im ersten Jahr hatte ich nicht mal ein Auto, ich bin mit dem ganzen Equipment Bus und Bahn gefahren. Von Marketing und Buchhaltung hatte ich keine Ahnung, und ich musste lernen, Nein zu sagen. Ich war teilweise zu lieb und wurde oft ausgenutzt: hier eine Dienstleistung umsonst, da noch mehr Leistung ohne Wertschätzung. Heute bin ich immer noch warmherzig, kann aber Grenzen setzen und denke wirtschaftlich. Ich musste lernen, meine Zeit, meine Energie und mein Know-how zu schätzen.

Gab es einen Punkt, an dem du ans Aufhören gedacht hast?

Einen einzigen: Corona. Eineinhalb Jahre Berufsverbot beziehungsweise Arbeit unter Auflagen und ständiger Existenzangst. Die Corona-Hilfe habe ich nicht in Anspruch genommen, weil sie mir nur rechtliche und steuerliche Nachteile gebracht hätte. Gleichzeitig gab es eine gravierende private Veränderung, mir wurde in allen Lebensbereichen der Boden unter den Füßen weggezogen. Das war der einzige Moment, in dem ich ernsthaft überlegt habe, wieder angestellt zu arbeiten. Stattdessen habe ich mich weitergebildet und ein zweites Standbein mit handgemachtem Haarschmuck aufgebaut.

Ein Anruf von der SPD

Auf deiner Referenzliste stehen TV-Sender, Musiker wie Wincent Weiss und Marken wie Esprit. Welche Tür hat sich am unerwartetsten geöffnet?

Die zu Olaf Scholz und Katharina Barley. Die SPD hat mich einfach angerufen, vermutlich über eine Google-Suche. Erst ging es um eine Veranstaltung, dann um einen Videodreh für die Wahlkampagne, und erst später habe ich verstanden, dass es um den Bundeskanzler geht.

Ich, ein Mädchen aus der russischen Provinz, das mit einem einzigen Koffer und ohne Deutschkenntnisse am Hamburger ZOB stand.

Ich war gerade alleinerziehend geworden und musste meinen Sohn mitnehmen. Als er die Bilder in der Schule gezeigt hat, hat ihm keiner geglaubt. Alle meinten, das sei Photoshop.

Wie gehst du mit Pannen um, wenn es auf jede Minute ankommt?

Ich war einmal für eine weltberühmte Sängerin gebucht, Videodreh. Retusche ist bei Video meistens unmöglich. Beim Aufbau stellte ich mit Erschrecken fest, dass die Tasche mit Foundation und Contouring-Paletten fehlte. Ich hatte sie beim chaotischen Dreh davor stehen lassen. Da helfen mir meine Kenntnisse über Produkteigenschaften und Koloristik. Concealer, Pflegeprodukte und Mineral Powder waren meine Rettung und gleichzeitig eine neue Erfindung für Make-ups an warmen Tagen. Keiner hat etwas gemerkt. Ich habe über die Jahre gelernt, selbst bei einem Weltuntergang die Ruhe zu bewahren. Man findet immer eine Lösung.

Zwischen Hochzeitssaison und Backstage

In der Hochzeitssaison klingelt dein Wecker manchmal um zwei Uhr nachts. Wie sieht so ein Tag aus?

Frühstück für meinen Sohn, Equipment prüfen, Route checken. Um sechs bin ich bei der ersten Braut. Um zehn die zweite im Hotel: schlechtes Licht, kaum Ablagefläche, und sie wünscht sich plötzlich ein ganz anderes Styling als am Probetag. Das kostet mich die 30 Minuten, die ich als Pause eingeplant hatte. Um 14 Uhr eine Stammkundin, CEO eines Hamburger Unternehmens, für ein Videostatement. Um 18 Uhr wartet mein zweiter Job als Mutter. Ab 20 Uhr Pinsel desinfizieren, Angebote und Rechnungen. Feierabend gegen 22 Uhr, oft später. Oft sitze ich um 23:30 Uhr noch an Reels, das ist der dritte Job. Das ist wie 100 offene Fenster auf dem Computer: Kaum hat man eins geschlossen, ploppen zwei neue auf.

Du erkennst Prominente manchmal gar nicht. Wie kommt das?

Ich sehe kaum fern und habe nicht mal Netflix. Bei der Eröffnung einer Mercedes-Lounge saß ich an der Bar, neben mir ein Mann, der mich auf einen Kaffee eingeladen hat. Wir haben uns über unsere Kinder unterhalten und fast verquatscht. Backstage kam die Frage: „Woher kennst du den?“ Es war der Frontmann einer sehr bekannten deutschen Band. Ich glaube, er hat sich gefreut, einfach als normaler Mensch behandelt zu werden. Ich sehe erst mal nur einen Menschen. Ohne Status. Ohne Filter.

Die eigene Schule als nächstes Ziel

Seit 2017 gibst du Schulungen. Wie kam es zu dieser zweiten Säule?

Meine richtige Karriere begann mit der Entscheidung, nach der Elternzeit mein letztes Geld in Einzelcoachings bei den besten Artists meiner Branche zu stecken. Die beste Investition meines Lebens. Irgendwann kamen Anfragen von Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland und dem Ausland. Die erste Buchung kam ausgerechnet von meiner Dozentin, die mich 2004 an der Akademie unterrichtet hatte. Das war mein inneres Go.

Wo soll Make up for you in fünf Jahren stehen?

Beim Unterrichten, und das viel früher als in fünf Jahren. Durch KI sind ganze Berufszweige fast verschwunden. Statt Make-up zu machen, schreiben manche Kollegen heute Prompts. Was bleibt, ist die individuelle Arbeit mit Menschen, mit Wissen über Anatomie und Psychologie. Viele Schulen vermitteln das nicht. Nach neun Stunden Einzelcoaching höre ich: „Ich habe mehr gelernt als in sechs Monaten Ausbildung.“ Für meine eigene Schule brauche ich drei Monate Rückzug aus dem Tagesgeschäft und eine AZAV-Zertifizierung. Dann starte ich.

Was rätst du jemandem, der heute als Make-up-Artist startet?

Erstens: Preise lieber etwas höher ansetzen. Der häufigste Anfängerfehler ist, weit unter dem Marktdurchschnitt anzufangen. Wenn der Ruf erst mal nach „billig“ schreit, kommt man schwer wieder raus. Zweitens sorgt ein höherer Preis für die Disziplin, sich ständig weiterzuentwickeln. Drittens: einfach machen. Aufgeben ist sehr leicht. Zum Unternehmertum gehört der Mut zum Machen.

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© Foto Credits:
BLUENIKA photography
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Häufige Fragen zu

Elena Bärweg

Wer ist Elena Bärweg?

Elena Bärweg ist Hair- und Make-up-Artist in Hamburg und arbeitet unter dem Namen Make up for you. Sie stylt unter anderem Bräute, Musiker und Politiker und gibt seit 2017 Schulungen für andere Make-up-Artists. Studiert hat sie Zahnmedizin in Russland.

Wie kam Elena Bärweg zum Make-up?

Kunst, Ästhetik und die Arbeit mit Menschen zu verbinden, wollte sie seit ihrer Kindheit, doch den Beruf Make-up-Artist gab es in ihrem Heimatland damals kaum. Sie studierte Zahnmedizin und machte parallel die Ausbildung zur Kosmetikerin und Visagistin. In Deutschland wurde ihr Diplom nur als allgemeine Hochschulreife anerkannt. 2004 schloss sie an der Deutschen Akademie der Kosmetik ab und machte sich direkt selbstständig.

Wie verändert KI den Beruf von Make-up-Artists?

Laut Elena Bärweg sind durch KI ganze Berufszweige fast verschwunden, manche Kollegen schreiben heute Prompts, statt Make-up zu machen. Was bleibt, ist aus ihrer Sicht die individuelle Arbeit mit Menschen, mit Wissen über Anatomie und Psychologie. Genau das vermitteln viele Schulen nicht, deshalb plant sie eine eigene.

Was rät Elena Bärweg allen, die als Make-up-Artist starten?

Sie rät, die Preise lieber etwas höher anzusetzen, weil man aus dem Ruf, billig zu sein, schwer wieder herauskommt. Ein höherer Preis sorgt außerdem für die Disziplin, sich ständig weiterzuentwickeln. Und sie rät, einfach anzufangen, denn zum Unternehmertum gehört der Mut zum Machen.

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