Elena Margulis verkauft in Berlin natürliche Duft-Roll-ons und gibt Workshops, in denen Menschen mit Duft ihr Nervensystem regulieren lernen. Davor lagen zwei gescheiterte Gründungen und ein Burnout. Was hat die Nase damit zu tun?
Vom Burnout zur dritten Gründung
Wenn dich jemand im Treppenhaus fragt, was du machst, was sagst du?
Ich bin Gründerin von Olena Scent. Wir machen natürliche Düfte als Werkzeug für die Regulation des Nervensystems, auf Basis der Aromakologie, also der Wissenschaft davon, wie Düfte auf unseren Zustand wirken. Ich habe allein gegründet und baue eine Sensory First Brand, größtenteils mit AI. Sitz ist Berlin, seit April 2026.
Olena Scent ist deine dritte Gründung. Davor stand ein Burnout. Was war da los?
Ich bin seit 15 Jahren in der Tech-Startup-Szene und mitten in der Berliner Startup-Bubble groß geworden, als Rocket Internet noch cool war. Da herrschte ein anderer Wind. Der Burnout kam nicht von irgendwoher, es war ein Mix aus innerer Einstellung und der Normalisierung der Hustle Culture. Ich bin damals nicht nur wegen der Arbeitslast dort gelandet. Es war der innere Kritiker, die hohe Erwartungshaltung, der Druck, den ich mir selbst gemacht habe.
Was treibt dich heute morgens aus dem Bett, auch an schlechten Tagen?
Ich habe wie Käpt'n Blaubär 13 ½ Leben. Ich habe schon so vieles ausprobiert und aus den falschen Gründen für richtig befunden: Angst, Unsicherheit, Vergleichen. Dieses Mal kann ich mit fester Überzeugung sagen, dass ich meine Berufung gefunden habe. Mein Ansatz ist das Gegenteil von allem, was ich in dieser Hustle Culture gelernt habe, und ich habe richtig Lust zu beweisen, dass es auch einen anderen Weg gibt, ein Unternehmen aufzubauen, ohne dabei zugrunde zu gehen. Dazu kommt die größte Motivation: Düfte werden fälschlicherweise in die dekorative Kosmetik geschoben, oder ätherische Öle landen in der Eso-Ecke. Ich will sie dahin bringen, dass sie genauso ernst genommen werden wie Supplements, wenn es um Gehirn- und Nervensystemgesundheit geht.
Ich habe richtig Lust zu beweisen, dass es auch einen anderen Weg gibt, ein Unternehmen aufzubauen, ohne dabei zugrunde zu gehen.
Wie bist du nach dem Burnout überhaupt auf Düfte gekommen?
Ich habe viele Werkzeuge ausprobiert. Ghee trinken, Breathwork, Energiearbeit. So bin ich auf die Geruchsforschung gestoßen und dachte: Wie kann es sein, dass niemand weiß, dass die Nase so ein krasses Power-Tool ist? Ich habe dann eine klassische Ausbildung in Aromakunde gemacht, aber ohne den wissenschaftlichen Teil. Also habe ich die Bücher der wichtigsten Geruchsforscher gelesen, Bettina Pause und Hans Hatt. So bin ich auf die Aromakologie gestoßen und habe eine Ausbildung am Tisserand Institute bei Robert Tisserand gemacht.
Der erste Duftabend zu Hause
Erzähl von deinem allerersten Duftabend. Wer saß da, und was ist schiefgegangen?
Der fand bei mir zu Hause statt, mit vier Freundinnen und meinem Partner. Ich habe es komplett overengineered. Ich wollte unbedingt die TCM-Welt, die ätherischen Öle und alle Sinne auf einmal vereinen. Ich habe Obst aufgeschnitten, damit man eine Grapefruit erst einmal schmeckt, bevor man sie riecht. Dazu eine Duftmeditation mit Visualisierungsreise und eine Bewegungsreise durch die Elemente. Es war a lot. Und trotzdem war ich dabei so ruhig und confident. Ich war definitiv in meinem Element.
Was ist daraus geworden?
Sechs Monate später meine Scent Experience, ein Workshopformat über dreieinhalb Stunden, das ich dann monetarisiert habe. So habe ich mir meinen ersten Namen gemacht als die mit den Düften. Ungefähr zur selben Zeit wurden wir für ein Launch-Event im Reethaus mit 50 Menschen gebucht, als Einstiegs-Act für eine Breathwork-Aroma-Experience. Zum ersten Mal konnte ich meine Düfte in so einem Kontext zeigen. Das war extrem empowering.
Warum die Nase direkt ins Gehirn führt
Warum ausgerechnet die Nase?
Riechen ist der einzige Sinn, der ohne Umweg ins Gehirn geht. Alle anderen werden durch den Thalamus gefiltert, der Riechsinn nicht. Gerüche gehen direkt ins limbische System, wo Emotionen und Erinnerungen sitzen. Daher kann ein einziger Sniff uns in die Vergangenheit transportieren, denn Düfte sind wie Zeitkapseln. Und was macht es mit uns, wenn wir einen bekannten, angenehmen Duft riechen? Wir fühlen uns wohl und sicher. Das macht die Nase zum ältesten Bio-Hacking-Tool, das wir haben.
Und wie wird daraus ein Produkt?
Wir erzählen mit jedem Duft eine Geschichte und transportieren eine Botschaft. Wenn die mit dir resoniert, verbindest du sie mit dem Duft. So entsteht im Gehirn ein Feedback Loop, den du im Alltag nutzen kannst, um dir das Gefühl von Sicherheit zu geben. Und wenn dein Gehirn denkt, du bist sicher, dann reguliert sich alles: dein Atem, deine Herzfrequenz, dein Cortisol.


Wem machst du damit den Tag besser?
Menschen mit einem stressigen Alltag, die in Großstädten leben und konstant überstimuliert sind. Lärm, Menschenmassen, Gestank, und dabei fehlt die Natur als Regulation. Die Düfte sind kurze Micro-Resets in einem vollen Tag. Voller Kopf am Morgen, von Meeting zu Meeting springen, Lampenfieber, Feierabend. Das sind die Momente, in denen ein Roll-on hilft, sich zu erden, durchzuatmen oder auch zu aktivieren.
Wo hört bei deiner Arbeit die Forschung auf und fängt die Erfahrung an?
Die Forschung ist für mich das Fundament, nicht die Behauptung. Hans Hatt hat gezeigt, dass wir über 400 verschiedene Riechrezeptoren haben. Bettina Pause hat belegt, dass Gerüche unbewusst wirken, bevor wir überhaupt merken, dass wir etwas riechen. Das kann ich jedem Skeptiker zeigen, schwarz auf weiß, peer-reviewed. Die Aromakologie ist auch kein esoterischer Begriff, sondern ein eigenes Forschungsfeld. Anders als die klassische Aromatherapie, die auf traditionellem Wissen basiert, arbeitet sie empirisch: mit Studien zu EEG-Veränderungen und Cortisolwerten nach Lavendel-Exposition. Wo die Forschung aufhört, ist bei der individuellen Wirkung. Kein Paper sagt mir, warum Lavendel bei der einen Person Sicherheit auslöst und bei der anderen eine unangenehme Erinnerung triggert.
Dreißig Tage Social Media und der Ausstieg
Was war bisher die größte Hürde?
Anfang 2026. Meine Positionierung war noch super offen, und ich fing an, mich mit Social Media auszuprobieren. Ich habe parallel LinkedIn und Instagram gestartet, und das wurde richtig katastrophal, weil es so viel Freiheit genommen hat. Jeder Moment, im Urlaub, mit Freunden, hat sich angefühlt wie ein Brainstorming über den nächsten Post. Dazu kam die Überwindung, sich auf Instagram überhaupt zu zeigen, ein sehr starker psychologischer Prozess. Am Ende habe ich unzählige Strategien aufgeschrieben, Archetypen definiert, Posts gespeichert, bin aber nicht ins Doing gekommen. Ich konnte einfach nicht loslaufen.
Wie bist du da wieder rausgekommen?
Dieser absurde Fokus auf Social Media hat auch meiner Beziehung geschadet. Nach 30 Tagen musste ich mir tief in die Augen schauen und mir eingestehen, dass es so für mich nicht funktioniert. Das war ein Moment, in dem ich infrage gestellt habe, ob ich es schaffe, Olena Scent allein und aus der eigenen Tasche finanziert auf die nächste Stufe zu bringen. Die Erkenntnis: Ich muss meinen eigenen Weg finden, alles andere funktioniert für mich nicht.
Was Elena heute anders macht
Vor Olena Scent gab es Spreadgood und Kindaling. Was nimmst du daraus mit?
Auf die eigene Intuition zu hören und nicht einfach Ja zu sagen, weil es alle so machen, obwohl das Bauchgefühl Nein sagt. Und eine gute Due Diligence beim Gründungsteam: Beide sind hauptsächlich am falschen Team gescheitert. Außerdem ist Erfolg keine festgeschriebene Formel. Nicht die Höhe des Fundings, nicht die Zahl der Mitarbeitenden, nicht starke Sichtbarkeit. Jeder sollte seine persönliche Erfolgsformel definieren. Heute manage ich meinen Energiehaushalt bewusst und habe allein gegründet, weil ich noch nicht bereit bin für ein Team. Es sind nicht die Fähigkeiten, die eine Gründungspersönlichkeit ausmachen, es sind zu 90 Prozent Mut, Resilienz, Vertrauen und gesunde Disziplin.
Was war dein schönster Moment, seit du selbstständig bist?
Als ich zum ersten Mal gespürt habe, dass mein Thema immer mehr Resonanz gewinnt. Ich habe bei einem Pitch von Qonto gewonnen und damit einen Pop-up-Store mitten in Berlin. Vom 19. bis 24. Oktober bespielen wir ihn mit drei anderen Marken: der erste Anti-Stress-Pop-up Berlins, mit Düften, Breathwork, Hypnose und einer Duftbar.
Wie organisierst du den Papierkram?
Ich bin ein organisiertes Chaos. Ich strukturiere unnötigerweise im Drive meine Belege nach Quartal und Bereich, pflege zwei physische Stapel, gescannt und nicht gescannt, und schicke viel zu viele Fragen an den Steuerberater. Mein Konstrukt ist alles von allem: in Teilzeit angestellt, freiberuflich beratend und als Einzelunternehmen mit Gewerbe im Aufbau.
Was würdest du jemandem sagen, der heute denselben Schritt überlegt?
Etwas zu machen, woran man wächst, ist grundsätzlich immer der richtige Schritt. Es sollte aus dem richtigen Grund passieren, zumindest nicht, weil andere es so machen. Seinen eigenen Weg zu finden, sich zu erlauben, Dinge im eigenen Tempo zu tun, und sich selbst zu mögen: Das ist wahrscheinlich der Trick 17 für ein gesundes Nervensystem und ein gesundes Leben.
Was soll von deiner Geschichte hängen bleiben?
Die Nase weiß die Antwort, bevor du sie weißt. Your nose knows best. Meine 13 ½ Leben, und wie ich am Ende auf meine Nase gehört habe.






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