Eva Lorentz wollte nie Unternehmerin werden. Heute berät sie mit der Kunterbunt Factory und baut mit dem About Us Festival die Bühne, die ihr selbst gefehlt hat. Alles aus Frust entstanden. Wie wird daraus ein Geschäft?
Ein Satz im Publikum, ein Festival in sechs Monaten
Das About Us Festival ist aus einem einzigen Satz entstanden. Wie war das?
Ich war auf einem großen Festival in der Metropole, als sich hinter mir eine Gruppe beschwerte, zum dritten Mal diese Woche dieselbe Speakerin hören zu müssen. Ich habe mich umgedreht: Jetzt haltet mal die Klappe, in meinem Bundesland gibt es solche Bühnen überhaupt nicht. Als Frau aus der Provinz kommst du da nicht einfach so hoch, das ist wie eine geschlossene Bubble, gefühlt fast eine Glasdecke. Im Flieger nach Hause dachte ich: Wenn ich und die anderen Frauen aus der Provinz bei euch keine Bühne bekommen, baue ich eben selbst eine. Sechs Monate später war das Festival geboren. Mit Speakerinnen, Künstlerinnen, Food und Musik, und 400 Leuten, die mitgezogen haben. Alles ohne Wirtschaftsförderung, ohne großes Verständnis im Umfeld. Female Empowerment in der Mittelstadt klingt für viele erst mal nach Hexentanz oder Aperol-Runde.
Erst Konzern, dann die eigene Firma
Dabei wolltest du als Unternehmerkind nie gründen.
Mein Vater hat vor fast 40 Jahren eine Kunststoffspritzerei in unserer Garage gegründet. Unternehmertum war immer da, aber auch belastend. Mit fünf habe ich auf die Frage, was ich mal werden will, immer gesagt: „Chefin“. Weil zu meinem Vater jeder Chef gesagt hat, und ich wollte das machen, was er macht: inspirieren, Ideen verwirklichen, Menschen zusammenbringen. Aber nicht im eigenen Familienunternehmen, da wäre ich immer die Junior gewesen, die Kleine, die das einfach übernimmt. Ich wollte mir meinen eigenen Namen machen. Also habe ich studiert, Mittelstandsökonomie und Organisationspsychologie, bin in den Konzern und habe 13 Jahre als Führungskraft gearbeitet, erst in HR, dann im Change Management und in der Kommunikation. Ich habe im Konzern immer gearbeitet, als wäre es meine eigene Firma. Mein Antrieb lag trotzdem woanders, ich trage die Unternehmerin in mir. Gegründet habe ich schließlich in der Elternzeit, zunächst nebenberuflich, heute mit voller Kraft.
Deine Expertise für Mental Load war dein erstes erfolgreiches Produkt. Wie kam das?
Ich hatte einen Kinderwunsch und war im Kinderwunschzentrum. Darüber wird selten gesprochen, dabei beschäftigt es viele, gerade in der Selbstständigkeit, wo du nicht einfach Elternzeit nimmst und das Elterngeld schwieriger zu kalkulieren ist. Zwei Kinder später saß ich in der Elternzeit und habe mein erstes Unternehmen gegründet, mit dem Thema Mental Load. Also all die unsichtbaren Aufgaben, die unser Leben am Laufen halten: Was essen wir heute Abend? Wer plant den Geburtstag? Sind alle Rechnungen bezahlt? Diese endlose Liste an Dingen, die ständig im Kopf mitlaufen. Damit habe ich zunächst Einzelpersonen erreicht und später große Unternehmen. Und dabei wurde mir klar: Ich möchte noch viel mehr Konzepte auf die Bühne bringen, die helfen, uns selbst und unsere Arbeitswelt besser zu verstehen.
Deine Agentur Kunterbunt Factory kam dann auch aus der Elternzeit. Wie?
Die kam eigentlich zu mir, nicht ich zu ihr. Immer wieder haben mich Leute angesprochen: Ey Eva, du machst doch das ganze Thema Karriere, du bist so eine Möglichmacherin, können wir nicht mal mit dir über unser Geschäft sprechen? Irgendwann dachte ich: Da müsste ich was draus machen. So ist das Consulting der Kunterbunt Factory entstanden. Wenn ich mit meinen Programmen und Keynotes auf der Bühne stehe, will ich nicht nur inspirieren, der Raum soll danach vor Motivation brennen. Mein Fokus? Nicht auf Schwächen herumreiten, sondern volle Lotte auf das, was Menschen richtig gut können. Das neueste Thema hier ist übrigens die Millennial Career Crisis, die gerade eine ganze Generation umwälzt.
Für wen machst du das heute alles?
Ich mache das für mich und, ganz ehrlich, auch für mein inneres Kind. Und für all die Momente, in denen ich dachte: Es kann doch nicht sein, dass wir mit unseren Stärken so oft übersehen werden. Heute weiß ich: Ich bin dann am glücklichsten, wenn ich mir selbst und meinen Talenten gerecht werde. Wie oft versuchen wir, uns anzupassen, statt zu zeigen, was wirklich in uns steckt? Wir optimieren unsere Schwächen, statt unsere Stärken groß zu machen.
Ich glaube nicht, dass jemals jemand wirklich erfolgreich geworden ist, weil er etwas, das er nicht gut kann, ein bisschen weniger schlecht gemacht hat.
Erfolg entsteht dort, wo unsere Stärken Raum bekommen.
Der Druck hinter dem ausverkauften Festival
Was ist die größte Hürde?
Diesen unfassbaren Druck zu halten. Der Kostenapparat bei Festivals explodiert, die Konsumentinnen achten stärker aufs Geld, und Sponsoren halten sich in der Provinz zurück. 2026 kamen Absagen von zwei Hauptsponsoren, die schon zugesagt hatten. Daraus wird ein Zwiespalt: Die Frauen auf dem Festival wollen mich gefühlsecht, als Eva, die ihnen in die Kamera heult und sagt, Leute, ich kann es gerade nicht halten. Die Sponsoren wünschen eine stabile Unternehmerin, niemanden, der ins Kissen weint, weil der Druck Muskelkater auslöst. In diesem Spagat zu stehen, das macht was mit dir. Den Frauen geht es selbst so, mit ihren Karrieren und ihrer Selbstständigkeit. Aber für die Sponsoren willst du stabil dastehen.
2025 kamen 400 Menschen, 2026 schon 1.200. Was war beim Wachstum der teuerste Lerneffekt?
Wir haben uns zum ersten Mal eine große Keynote-Speakerin geleistet, Tijen Onaran. Für ein Festival unserer Größe ein wirtschaftliches Wagnis. Dann noch Glasperlenspiel obendrauf, weil ich dachte, mit einem weiteren Zugpferd machen wir die Bude direkt voll. Und wisst ihr, was passiert ist? Die Leute haben gesagt: „Kennen wir nicht, wer soll das sein?“ Der Headliner wurde nicht zum erhofften Verkaufsbooster. Die harte Fanbase hat gezogen, aber von 400 auf 1.200 zu kommen, daran bin ich fast verzweifelt. Das Eventgeschäft ist supersensitiv. Die Leute sind Amazon-Käufe gewohnt, sie kaufen auf den letzten Drücker. Als Veranstalterin musst du das halten können, gerade in unserer Größe. Komplett aus eigener Kraft finanziert, keine Förderung, keine Kredite. Ich habe gelernt, dass unsere Zielgruppe nicht wegen Prominenten kommt, sondern wegen Haltung und Nähe und echter Passion.
Und der Moment, in dem du merkst, dass es funktioniert?
Ganz klar, wenn es auf der Bühne knallt und Gänsehaut entsteht. Die Frauen sind am Anfang schüchtern, oft so ein klassischer Imposter-Schluckauf, den wir dann ausmerzen. Und dann fetzen diese Leute das Ding weg. Was daraus entsteht, ist unbezahlbar: Sicherheit, Mut, Sichtbarkeit, Vernetzung und Karrieren. Das Festival war ausverkauft und hat 5 Mio. Reichweite erzielt. Was hängen bleibt, ist der Moment, in dem aus Zurückhaltung Präsenz wird und Menschen anfangen, wirklich Raum einzunehmen. Wir sind eine Brutzelle für Mut geworden, echt ein Inkubator. Jetzt müssen wir gucken, wie wir das, was noch sehr lokal ist, auch so sichtbar machen, dass die Metropolen sagen: Boah, die haben wir auch wahrgenommen.
Mama und Unternehmerin
Du wirst oft gefragt, wie viele Nannys du eigentlich hast. Wie gehst du damit um?
Entspannt, weil ich es nie wirklich persönlich nehme. Mein Mann, by the way auch Führungskraft, managt die Kinder, wenn ich beruflich unterwegs bin, die beiden sind vier und sechs. Mama und Unternehmerin, das wird immer noch mit großen Augen angeschaut, weil es in der Tat ein Kraftakt in der Vereinbarkeit ist und sehr viel Organisation braucht. Es ist kein Spaziergang, und ich bin auch nicht davor geschützt, mit gefühltem Panik-Durchfall dazustehen, weil der Druck zwischen Betreuung und Business real ist. Wenn ich einen Satz an alle anderen Eltern loswerden dürfte: Wir können uns nur mit uns selbst vergleichen und sollten uns nie mit anderen vergleichen lassen. Macht euer Ding, baut euch ein gutes Netzwerk auf, damit beides funktionieren kann. Business und Familie.
Was war dein schönster Moment, seit du selbstständig bist?
Da gibt es viele. Einer war eben, als auf dem Festival Zoe Wees gesungen hat. Ich saß da und dachte: Guck mal, du sitzt heute hier. Dein Mann managt die Kinder zu Hause, du bist eingeladen, wirst als Unternehmerin wertgeschätzt und bist mit den spannendsten Menschen unterwegs. Diese Freiheit ist wunderbar. Und dann natürlich diese Möglichkeit, einfach zu machen und zu kreieren. Ich muss niemanden fragen. Es ist mein eigener Mut und das Aufstehen und Loslegen, das mich dahin gebracht hat, nach fast 40 Jahren Weigerung Unternehmerin zu sein. Und das geht mir voll gut ab.
Was soll von deiner Geschichte hängen bleiben?
Hör auf, für verschiedene Stakeholder unterschiedliche Bilder von dir aufrechtzuerhalten. Eine starke Unternehmerinnenidentität muss in jede Richtung tragen. Und Frust kann ein verdammt guter Treiber sein, nicht nur für eine Gründungsidee, sondern auch für die eigene Entwicklung als Unternehmerin.






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