Sebastian Tigges war Anwalt für Insolvenzrecht, dann kam sein Sohn und alles kippte. Heute lebt er in Berlin von einem Buch, zwei Podcasts, einer Kolumne und einer eigenen Marke. Wie wird aus einem Ausstieg ohne Plan ein ganzes Berufsleben?
Vom Insolvenzrecht zum ersten Podcast
Anwalt für Insolvenzrecht, Mitgründer einer Eierlikörmarke, zwei Podcasts, eine Kolumne im Stern, seit April ein eigenes Buch. Für das alles zusammen gibt es keine saubere Berufsbezeichnung. Wie würdest du selbst in einem Satz sagen, wer du bist und was du machst?
Ich bin Unternehmer und Publizist und arbeite meist von zuhause aus. Ich mag Geschichten und die Menschen dahinter, und ich kann mich sehr für Stil und Ästhetik begeistern. Ich habe das Glück, meinen Lebensunterhalt mit diesen Leidenschaften bestreiten zu dürfen.
Angefangen hast du in einer Großkanzlei, mit Insolvenzrecht und Aktenordnern. Dann kam dein Sohn zur Welt. Wann war der Moment, an dem du wusstest, dass du jetzt dein eigenes Ding machst?
Die Geburt meines Sohnes hat alles auf den Kopf gestellt. Ich habe meinen Job gekündigt und einen Podcast gestartet, der Rest kam Stück für Stück. Es gab keinen großen Plan dahinter, eher eine Richtung, die sich langsam abgezeichnet hat.
Als „The Walking Dad“ hast du dann angefangen, öffentlich über das Vatersein zu erzählen. Was treibt dich dabei an, auch an den Tagen, an denen du keine Lust auf Öffentlichkeit hast?
Ich treffe durch meine Arbeit viele spannende Menschen mit inspirierenden Geschichten. Das treibt mich an.
Und für wen machst du das? Wem machst du mit deiner Arbeit den Tag besser?
Vor allem für meine Kinder, dann für mich, und für die Menschen, die mir zusehen und etwas aus meinen Inhalten ziehen.
Rübbelberg und die ersten 2.000 Flaschen
Zwischendurch hast du mit zwei Freunden eine Eierlikörmarke gegründet, Rübbelberg, weil dir bei einem Mittagessen an einem heißen Sommertag der Eierlikör deiner Großmutter einfiel. Bis zum ersten Produkt musstet ihr einen Abfüller finden, der mindestens 2.000 Flaschen auf einmal verlangt hat. Wie war der Tag, an dem diese 2.000 Flaschen tatsächlich vor euch standen?
Den werde ich nie vergessen. Es ist ein so schönes Gefühl, etwas zu erschaffen, von einer wortwörtlichen Schnapsidee zum fertigen Produkt. Da war ich schon sehr stolz.
Es ist ein so schönes Gefühl, etwas zu erschaffen, von einer wortwörtlichen Schnapsidee zum fertigen Produkt.
Rübbelberg lief bei euch dreien nebenher. War genau das die größte Hürde, dieses Nebenbei?
Irgendwann haben wir gemerkt, dass das nicht mehr reicht. Rückblickend denke ich manchmal, ich hätte es Vollzeit machen sollen. Stattdessen haben wir eine Geschäftsführerin eingestellt, und diese neue Passivität im Operativen hat mich frustriert. Diesen Schritt bereue ich hin und wieder.
Was hast du daraus mitgenommen, das du heute anders machst?
Wenn man etwas macht, dann mit vollem Einsatz.
Reichweite ohne Masterplan
Heute steht da ein Buch, zwei Podcasts, eine Kolumne, ein Instagram-Kanal und eine GmbH mit eigenen Produkten. Das sind eigentlich zwei Geschäfte unter einem Dach, Medien und Mode. Wann war dir klar, dass aus Reichweite ein Unternehmen wird, das jemand führen muss?
Das ist mir bis heute nicht ganz klar. Es ist Stück für Stück passiert, dahinter steht kein Masterplan. Ich mache die Dinge, die mir Freude bereiten, und versuche, andere Menschen dafür zu begeistern.
Woran merkst du, dass es funktioniert? Deine größten Meilensteine?
Ich schaue da selbst noch leicht skeptisch bis überrascht drauf. Ich habe keinen Masterplan, ich glaube, es kommt alles, wie es soll, so doof das klingt.
Bei allem, was du veröffentlichst, schreiben dir Menschen zurück. Gibt es eine Nachricht, die du bis heute nicht vergessen hast?
Ein Mann hat mir geschrieben, dass er durch meine Inhalte eine Psychotherapie begonnen und seine Depression bekämpfen konnte. Das hat mich sehr berührt.
Wer so öffentlich über Vatersein und Männlichkeit spricht, bekommt nicht nur Zustimmung. Wann hat dich Kritik zum ersten Mal wirklich getroffen?
Getroffen hat mich zum ersten Mal die Kritik von Böhmermann, den ich selbst verehrt habe. Mittlerweile kann ich damit gut umgehen, es ist Teil meines Jobs.
Buch, Podcast und Papierkram
Im April ist dein Buch „Becoming Dad“ erschienen, mit dem Untertitel „Was ich gern früher übers Vatersein gewusst hätte“. Welcher Satz darin war am schwersten aufzuschreiben?
Das Kapitel zur Trennung. Die war noch recht frisch.
Aus deinem Podcast „Männer weinen heimlich“ ist „tigges trifft“ geworden. Die Gespräche willst du künftig an Orten führen, die im Leben deiner Gäste eine Rolle gespielt haben, statt immer im Studio. Was erhoffst du dir davon?
Bisher war es leider immer nur das Studio. Das ändert sich aber bald, und dann erhoffe ich mir noch mehr Tiefgang in den Gesprächen.
Buchhonorare, Podcast-Erlöse, Kooperationen, Produktverkäufe. Das läuft alles nach unterschiedlichen Regeln ab. Wie organisierst du den ganzen Papierkram, und was ist dabei der größte Zeitfresser?
Ich habe jemanden, der mir dabei hilft. Ohne diese Person wäre ich komplett aufgeschmissen, das kann ich selbst nicht so gut.
Freiheit, ein Rat und ein Satz
Was ist eigentlich dein schönster Moment, seit du dein eigenes Ding machst?
Allein im Zug zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen, oder allein durch die Stadt zu spazieren. In diesen Momenten fühle ich mich frei.
Was würdest du jemandem sagen, der heute überlegt, einen sicheren Beruf gegen die eigene Sache einzutauschen?
Do it.
Und was soll von deiner Geschichte hängen bleiben? Ein Satz.
Trust the process.






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