Industrieunternehmen buchen Janine Lerchen, wenn Projekte feststecken. An Rennwochenenden steht sie als Mechanikerin in der Boxengasse. Seit April 2024 macht sie beides auf eigene Rechnung. Wie bringt man zwei Welten in einen Kalender?
Projektleitung, erklärt an einer Küche
Jemand fragt dich beim Grillen, was du machst. Was antwortest du?
Ich sorge dafür, dass kritische Projekte in der Industrie wieder funktionieren. Und ich darf Geld damit verdienen, dass Rennautos im Kreis fahren.
Erklär das mal der Nachbarin über den Gartenzaun. Wofür buchen Industrieunternehmen dich?
Stell dir vor, deine Küche ist in die Jahre gekommen, der Herd spinnt und ständig brennt dir das Essen an. Du willst einfach nur geiles Essen, hast aber von Küchen keine Ahnung. Du weißt nur, dein Essen schmeckt scheiße und es muss sich was ändern. Aber was genau du brauchst und wie du das angehst? Keinen Plan. Ich komme dazu und finde mit dir heraus, was du wirklich brauchst. Dann mache ich daraus einen konkreten Plan, bringe die richtigen Leute zusammen und kümmere mich darum, dass die Küche fertig wird und du endlich vernünftig kochen kannst. Nur eben nicht mit Küchen, sondern in den Fertigungen von Industrieunternehmen. Zum Beispiel, wenn eine Produktion ins Ausland verlagert wird oder Arbeitsabläufe verbessert werden müssen.
Werkstatt, Fernstudium, Boxengasse
Angefangen hat alles in der Werkstatt. Wie ging es nach der Ausbildung zur Werkzeugmechanikerin weiter?
Schnell in die Qualitätssicherung. Zum ersten Mal Kundenkontakt, zum ersten Mal mehr als nur die Verantwortung für die CNC-Fräsmaschine. Da habe ich Blut geleckt und war schnell unterfordert. Also ging es weiter in die Entwicklung in der Automobilindustrie. Während meines Vollzeitjobs als technische Projektleiterin habe ich im Fernstudium meinen Maschinenbautechniker gemacht. Also kein 9-to-5-Job und kein normales Wochenende, aber mit der Festanstellung ein geregeltes Einkommen und Leben.
Mit neun Jahren hattest du zum ersten Mal eine Schweißpistole in der Hand. Wer hat sie dir gegeben?
Bei mir zu Hause gab es nie ein „Das geht nicht“ oder „Das ist nichts für Mädchen“. So hatte ich mit neun zum ersten Mal eine Schweißpistole in der Hand und habe früh gelernt, dass ich erreichen kann, was ich will. Niemand auf dieser Welt wird allein erfolgreich, und mit Mut wird man nicht geboren, den muss man sich erarbeiten. Meine Eltern waren und sind dabei sehr wichtige Menschen. Ohne meine Mama, die stärkste und liebevollste Person auf dieser Erde, und meinen Papa, meinen absoluten Hero, wäre ich nicht so weit gekommen. Sie haben mir geholfen, meinen ganz eigenen Weg zu gehen, und stehen mir bis heute zur Seite.
Mit Mut wird man nicht geboren, den muss man sich erarbeiten.
Und der Motorsport? Wie kam der dazu?
Aus einer Bierlaune heraus, no joke. Ich komme aus der Umgebung des Nürburgrings, und als Technikfreak führt kein Weg daran vorbei, bei so einem Rennwochenende dabei zu sein. Als ich mit ein paar Kumpels, einer Dose Bier und einem Campingstuhl am Streckenrand saß und zu ihnen meinte: „Eines Tages will ich mal auf der anderen Seite des Zauns sitzen“, also in der Boxengasse, war das Ziel gesetzt. Einige Bewerbungen später bin ich unentgeltlich mit dem Reifenwechseln gestartet. Heute, acht Jahre später, bin ich im professionellen Motorsport.
Der Wechsel auf eigene Rechnung
Im April 2024 hast du die Festanstellung gegen die Selbstständigkeit getauscht. Wann war klar, dass du das auf eigene Rechnung machst?
Als ich wieder einmal unterfordert war. Ich habe einfach kein Unternehmen gefunden, das mir all das bietet, wonach mein innerer Antrieb schreit. Verantwortung, Bewegung, Freiheit zur Gestaltung und Mitwirkung, persönliche Weiterentwicklung durch ständig neue Herausforderungen. Mit der Selbstständigkeit habe ich mir den Rahmen geschaffen, in dem beides Platz hat, Industrieprojekte und Motorsport.
Als Frau in der Technik und an der Rennstrecke wirst du oft unterschätzt. Woran merkst du das?
Ein „Was will die junge Frau hier?“ oder „Liegt bestimmt an der Haarfarbe“ habe ich oft genug gehört. Dazu kamen anzügliche Sprüche und Situationen, die klar Grenzen überschritten haben. Mein Weg war, Fragen zu stellen, anzupacken und zu zeigen, was ich will und kann. Dafür war ich bereit, Hürden zu nehmen und auch zu leiden. Genauso gehören zu meiner Geschichte die Männer, die ihr Wissen mit mir geteilt, mich unterstützt und mir Türen geöffnet haben. Ohne sie wäre ich heute weder im Profi-Motorsport noch mit Geschäftsführern am Entscheidungstisch.
Du kommst als Externe in Teams, die ohnehin unter Druck stehen. Wie reagieren die Leute, wenn du durch die Tür kommst?
Von Freude über die Unterstützung bis hin zu tiefem Misstrauen ist alles dabei. Einem Mitarbeiter in einer Schweißabteilung im Ausland musste ich schon praktisch zeigen, was ich möchte und kann. Auf ein „Das haben wir schon immer so gemacht“ habe ich selbst die Schweißpistole in die Hand genommen und gezeigt, dass es auch anders geht.
Gab es seitdem einen Tag, an dem du kurz davor warst, alles wieder hinzuwerfen?
Ich glaube, das kennen wir Selbstständigen alle. Der erste fette Steuerbescheid mit einer Nachzahlung, die Schnappatmung im nächsten Moment und die Frage, für wen oder was ich das eigentlich mache. Wofür all der Pain, wenn am Ende weniger hängen bleibt als in der Festanstellung? Aber der Antrieb, selbst zu gestalten, ist größer als der große Finanzamt-Schreck. Meine Devise: Lieber überlebe ich mit Ketchup und Nudeln, als mir selbst die Möglichkeit zu nehmen, mein Leben frei zu gestalten.
Zwei Kalender, ein Terminplan
Nimm uns mal mit in eine Woche, in der beides vorkam. Wie sah die aus?
Erst letzte Woche war wieder der perfekte Mix. Montag und Dienstag habe ich Industrieprojekte gemanagt, Meetings abgehalten und mit der Geschäftsführung Entscheidungen vorangetrieben. Mittwoch ging es zum Frankfurter Flughafen. Noch ein paar Mails checken, mit den wichtigsten Ansprechpartnern abstimmen, die Abwesenheitsnotiz einstellen. Dann mit den Teamkollegen an die Rennstrecke. Dort lege ich ganz bewusst einen Schalter um. Jetzt zählen das Rennauto, die Crew und unsere To-dos. Jeder weiß, was er am Auto macht, der Car Chief koordiniert seine Mannschaft. Ich bin mittendrin und packe mit an. Für meine Kunden bin ich im Notfall erreichbar, ein Telefonat zwischen den Sessions kommt vor. Und manchmal geht abends im Hotel noch einmal der Laptop auf. Nach dem Rennen packen wir alles zusammen, ein bisschen wie im Zirkus, nur mit Rennautos. Für das Team geht es zum nächsten Event oder in die Werkstatt, für mich nach Hause. Gelegentlich fahre ich den Lkw auch selbst.


Multitasking ist Bullshit, sagst du. Wie bekommst du Rennkalender und Kundenprojekte trotzdem in einen Terminplan?
Ich manage meinen eigenen Kalender genauso bewusst wie die Projekte meiner Kunden. Meine Kunden wissen, wann ich an der Rennstrecke bin, und mein Rennteam weiß, wann es mit mir rechnen kann. Wenn ich am Rennauto stehe, braucht mein Team meinen vollen Fokus. Beides zusammenzubringen bedeutet vorauszuplanen, Absprachen einzuhalten und bewusst umzuschalten. Genau darin liegt meine Stärke. Ich kenne beides, die praktische Umsetzung und die Projektverantwortung. Ich kann dir das Event organisieren, Rennauto und Lkw zur Strecke bringen und das Auto reparieren, wenn etwas kaputtgefahren wird.
Woran merkst du, dass es trägt? Welche Meilensteine gehören dazu?
Mein erster Meilenstein war der erste Monatsumsatz über 10.000 Euro. Zum ersten Mal fünfstellig, und das schon im ersten Jahr. Der zweite kam im zweiten Jahr. Da hatte ich mein Kerngeschäft im Projektmanagement so weit aufgebaut, dass ich Motorsport machen konnte, ohne es zu müssen. Und dieses Jahr habe ich den Meilenstein erreicht, überall auf der Welt leben und arbeiten zu können. Während meiner Reise in die USA habe ich für meine Projekte gearbeitet, an der Rennstrecke NASCAR und IMSA miterlebt und nebenbei das Land erkundet.
Namibia, Belege und was als Nächstes kommt
An welchen Moment denkst du am liebsten zurück?
In einem Porsche 911 Dakar in Namibia zu sitzen, im Etosha-Nationalpark, hinterm Steuer. Nur zwei Meter von einem Elefantenbullen entfernt. Fu**ing mindblowing. Das war mein erstes Projekt, mein erster Auftrag in der Selbstständigkeit. Ich war Senior Project Manager für die Porsche Travel Experience im Projekt Camp 911 Namibia. Ich habe das Projekt verantwortet und die ersten zwei von sechs Touren vor Ort begleitet. Da bekomme ich heute noch Gänsehaut.
Neben Projekten und Rennkalender: Wie hältst du Rechnungen und Belege im Griff?
Belege erfasse ich unterwegs mit dem Handy, den Rest zum Monatswechsel am Laptop. Alles Weitere gebe ich an meinen Steuererlediger. Zeit verliere ich, wenn ich mal wieder einen Beleg verschlampt habe. Außerdem mache ich einmal im Monat ein Moneydate mit mir selbst, um den Überblick zu behalten. Das gibt mir Sicherheit.
Was steht als Nächstes an?
Für mich geht es weiter auf die Bühne, zu Expertenpanels, in Schulen und Frauenverbände, um meinem Umfeld etwas mitzugeben. Ich habe eine Marke für Schutzcover aus Leder für empfindliche Motorsportteile gegründet und baue gerade ein Team dafür auf. Ach ja, und natürlich die 25.000 Euro Monatsumsatz. (lacht)
Wenn von deiner Geschichte ein Satz hängen bleibt, welcher soll es sein?
Nur wer macht, hat Macht. Und was ich will, das kann ich.






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