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Kamil Khusyainov spielt mit Sonnenbrille Saxophon, neben ihm trommelt ein Musiker auf einer Handtrommel, im Hintergrund legt ein DJ auf.

Improvisieren auf der Bühne, planen fürs ganze Jahr

Vom Klavierunterricht über die ersten Auftritte in Dänemark bis zur Frage einer Frau auf einer Party, was er denn beruflich mache. Kamil Khusyainov erzählt, wie er mit Rücklagen durch stille Monate kommt und wohin er mit Hej Kamon will.

Kamil Khusyainov spielt mit geschlossenen Augen Saxophon, im Hintergrund ein dunkelgrüner Vorhang im Scheinwerferlicht.

Kurz gefasst

  • Leg in guten Monaten Geld für die ruhigen zurück. In der Hochsaison verdient Hej Kamon gut, danach kann es monatelang still bleiben. Kamil Khusyainov bildet deshalb in starken Monaten Rücklagen und plant das ganze Jahr vorausschauend.
  • Bleib ruhig, wenn eine Weile keine Aufträge kommen. Die Selbstständigkeit bedeutet für ihn viel Freiheit, aber wenig finanzielle Sicherheit. Er setzt darauf, diszipliniert zu bleiben und in ruhigeren Phasen nicht nervös zu werden.
  • Verlass dich nicht auf eine einzige Einnahmequelle. Finanzielle Bildung und zusätzliche Einkommensquellen hält er für wichtig. Wer nicht an einem einzigen Auftrag hängt, muss nicht aus Druck jeden Gig annehmen, der gerade reinkommt.
  • Fang dort an, wo es gerade möglich ist. Als in Deutschland während der Pandemie fast alles stillstand, waren die Regeln in Dänemark lockerer. Die Band fuhr im Auto ihres DJs Noel dorthin und spielte dort ihre ersten Auftritte.

Kamil Khusyainov ist Saxophonist und lebt von Auftritten: Mit Hej Kamon spielt er live zu DJ-Sets, gebucht für Events und Feiern. Nur verteilen sich die Aufträge sehr ungleich über das Jahr. Wie plant man ein Geschäft, dessen Kern Improvisation ist?

Vom Klavierunterricht zum Jazz

Kamil, deine Klavierlehrerin hat dich zum Jazz geschickt. Warum?

Mein Vater ist Musiker und spielt Akkordeon, deshalb war Musik bei uns zu Hause schon immer sehr präsent. Zuerst lernte ich klassisches Klavier, allerdings hatte meine Lehrerin irgendwann genug davon, dass ich jedes Stück auf meine eigene Art „kreativ weiterentwickelte“. Also schickte sie mich zum Jazz und Saxophonunterricht. Zum Glück war das eine ziemlich gute Entscheidung. Der Klang des Saxophons faszinierte mich sofort, und bis heute macht mir das Improvisieren unglaublich viel Spaß. So wurde aus meiner Liebe zur Musik schließlich mein Beruf. Das Schönste daran ist für mich, Menschen mit meiner Musik und meinen eigenen Ideen zu berühren und ihnen Freude zu schenken.

Vom Duo zur Liveband

Hej Kamon hast du nicht allein gegründet. Wie seid ihr zusammengekommen?

Nach der Pandemie, als langsam wieder Leben in die Stadt und in die Nächte kam, hat sich alles ganz organisch entwickelt. Zuerst haben DJ Classic und ich viel als Duo gespielt. Nach und nach kamen befreundete Musiker dazu, die ich aus verschiedenen Jazzprojekten kannte: Aydin Bayramoglu, unser Violinist und musikalischer Co-Produzent, und unser Trompeter Björn Atle Anfinsen. Wir merkten schnell, dass diese Besetzung eine besondere Energie hatte, vor allem an den Reaktionen des Publikums. Deshalb traten wir immer häufiger gemeinsam auf. Irgendwann war klar, dass wir dem Ganzen einen Namen geben und daraus ein professionell organisiertes Liveprojekt machen wollen. So entstand Hej Kamon.

Und woran habt ihr gemerkt, dass es auch geschäftlich passt?

Vor allem daran, dass wir uns sehr gut ergänzen und jeder zuverlässig seine Stärken einbringt. Ich kümmere mich um die musikalische und technische Seite und produziere gemeinsam mit Aydin unsere Musik. Meine Frau Nailya, die schon vorher mein Management übernommen hatte, hält heute organisatorisch die Fäden zusammen, vom Booking über Buchhaltung und Logistik bis zur Kommunikation mit unseren Kunden. So können wir uns Schritt für Schritt weiterentwickeln und als Liveband wachsen.

Der Name Hej Kamon klingt skandinavisch. Woher kommt er?

Hej Kamon ist ein echtes Pandemie-Kind. Während in Deutschland fast alles stillstand, waren die Regeln in Dänemark etwas lockerer. Also stiegen wir in das Auto unseres DJs Noel, also DJ Classic, und fuhren dorthin, um unsere ersten Auftritte zu spielen. Das Auto war viel mehr als ein Transportmittel, es war gleichzeitig unser kleiner Tourbus, Proberaum und Ideenschmiede. Daher kommt „Hej“, dänisch und schwedisch für „Hallo“. „Kamon“ ist unsere spielerische Schreibweise von „Come on“. Andere Namen gab es eigentlich nicht. „Hej Kamon“ entstand spontan und blieb sofort hängen.

Preise, Absagen und ruhige Monate

Wie habt ihr entschieden, was ihr kostet?

Nicht aus dem Bauch heraus. In der Branche gibt es Richtwerte und übliche Musikergagen, an denen wir uns orientieren. Der konkrete Preis hängt dann von vielen Faktoren ab: Dauer und Anzahl der Sets, Besetzung, Art und Größe der Veranstaltung, Anreise und Übernachtung. Gerade am Anfang haben wir versucht, gute Lösungen innerhalb des Budgets unserer Kunden zu finden. Faire Gagen für unsere Musiker waren dabei aber nie verhandelbar.

Habt ihr auch schon Aufträge abgelehnt, obwohl die Gage gepasst hätte?

Ja. Meistens lag es an einer zu aufwendigen Logistik oder daran, dass das Format nicht wirklich zu uns passte. Eine gute Gage allein reicht nicht. Wir sagen nur zu, wenn wir überzeugt sind, dem Kunden und unserem eigenen Anspruch gerecht zu werden.

Die Selbstständigkeit bedeutet viel Freiheit, aber eben auch wenig finanzielle Sicherheit.

In der Hochsaison verdient ihr gut, danach kann es monatelang still bleiben. Was macht das mit deiner Planung?

Unser Jahr verläuft wie bei vielen Selbstständigen sehr ungleichmäßig. Auf die Hochsaison mit vielen Gigs können mehrere ruhige Monate folgen, in denen kaum Aufträge hereinkommen. Deshalb bilden wir in starken Monaten Rücklagen und planen das ganze Jahr vorausschauend. Die Selbstständigkeit bedeutet viel Freiheit, aber eben auch wenig finanzielle Sicherheit. Es gibt kein garantiertes Monatseinkommen und nicht automatisch die gleiche Altersvorsorge wie in einer Festanstellung. Für mich heißt das: diszipliniert bleiben und in ruhigeren Phasen nicht nervös werden. Finanzielle Bildung, Investitionen und zusätzliche Einkommensquellen sind wichtig, damit man nicht aus finanziellem Druck jeden Gig annehmen muss.

Ein Schneesturm und volle Tanzflächen

Welche Geschichte von einem Auftritt erzählst du auf Partys?

Am liebsten erzähle ich die Geschichte von einem Gig hoch in den deutschen Alpen. Die Anreise war entspannt, der Auftritt großartig. Doch am nächsten Morgen zog ein Schneesturm auf, und es hieß plötzlich: „Du musst sofort runter, sonst verpasst du den letzten Bus.“ Von einem Shuttle war die Rede. Gemeint war offenbar ein Schneemobil. Ich saß hinten, hielt meinen Saxophonkoffer mit einer Hand fest, und bevor ich fragen konnte, ob das wirklich der Plan war, gab der Fahrer Vollgas. Durch den Schneesturm ging es den Berg hinunter, und gefühlt wenige Sekunden später stand ich an der Bushaltestelle. Den Bus erwischte ich gerade noch. Kartenzahlung? Natürlich nicht. Mein gesamtes Bargeld reichte auf den Cent genau für das Ticket. An diesem Tag war Hej Kamon kurz kein Live-Act, sondern ein Survival-Act. Mit Saxophon.

Kamil Khusyainov steht lachend mit Saxophon und Sonnenbrille vor einer dunklen Wand.
Kamil Khusyainov spielt Saxophon, neben ihm ein Trompeter, beide in Sonnenbrillen.

Was entscheidet darüber, ob eine Tanzfläche voll wird?

Dafür gibt es keine feste Formel. Entscheidend ist die Energie, die von den Musikern und dem DJ ausgeht. Sie müssen ihr Publikum nicht nur unterhalten, sondern lesen können, mit einem feinen Gespür für die Stimmung, für kleine Reaktionen und für das, was als Nächstes passieren könnte. Wir beobachten immer wieder dasselbe: Wenn Musiker und DJ selbst entspannt sind, Spaß an ihrem Spiel haben, improvisieren und wirklich Freude an den Tracks empfinden, spürt das Publikum diese Energie sofort. Sie überträgt sich, und plötzlich tanzen nicht nur die Menschen, sondern der ganze Raum. Am Ende ist es pure Energie. Man kann sie nicht planen oder erzwingen. Aber wenn sie da ist, spüren es alle.

Musik ist dein Beruf. Wie findest du selbst einen Ausgleich?

In meiner Freizeit mache ich viel Sport, vor allem Calisthenics und Boxen. Meine Bachelorarbeit an der Hochschule für Musik und Theater habe ich sogar über Musik und Sport geschrieben. Dabei wurde mir bewusst, wie wichtig körperlicher Ausgleich für Berufsmusiker ist, egal welches Instrument sie spielen. Der eigene Körper ist schließlich ihr wichtigstes Arbeitsmittel. Ansonsten bin ich ein echter Familienmensch und verbringe gerne Zeit mit meiner Familie und den Kindern, am liebsten auf Reisen oder in der Natur. Seit unsere Tochter zur Schule geht, gilt allerdings: Sport das ganze Jahr, Urlaub nach Stundenplan.

Zwei musikalische Welten

Mit welchem Mythos über das Leben als selbstständiger Musiker würdest du gern aufräumen?

Für mich ist der größte Mythos, dass Musik kein „richtiger“ Beruf sei. Ich habe einmal auf einer sehr exklusiven Party gespielt. Eine wohlhabende Frau fragte mich, was ich beruflich mache. Ich sagte: „Ich bin Musiker, Saxophonist.“ Sie schaute mich an und fragte noch einmal: „Ja, aber was machst du beruflich?“ Da musste ich schon ein bisschen lachen. Viele verstehen einfach nicht, dass Musik nicht nur ein Hobby sein kann, sondern ein echter Beruf.

Jazz und Funk auf der einen Seite, House und Afrofusion mit DJs auf der anderen. Musst du dich entscheiden?

Lange hatte ich das Gefühl, mich zwischen zwei musikalischen Welten entscheiden zu müssen: Jazz, Fusion und Funk auf der einen, kommerzielle Musik mit DJs, House, Techno oder Afrofusion auf der anderen Seite. Heute weiß ich, dass beides zu mir gehört und sich ergänzt. Das ist keine Zerrissenheit, sondern meine musikalische Identität. Die andere Seite zeigt sich besonders in KAYD, meinem Projekt mit Aydin Bayramoglu. Dort spielen und entwickeln wir unsere eigene Musik, und bald erscheint unser Album.

Was rätst du Musikerinnen und Musikern, die nach dem Studium von ihrer Musik leben wollen und noch keine einzige Anfrage haben?

Erkennt eure Stärken, konzentriert euch darauf und entwickelt sie konsequent weiter. Das Leben ist zu kurz, um sich nur nach den Erwartungen anderer zu richten. Hört auf euch selbst, zeigt eure eigenen Farben und traut euch, kreativ zu sein. Gleichzeitig solltet ihr offen bleiben. Spielt so viel und so unterschiedlich wie möglich, ohne starre Vorstellungen oder zu hohe Erwartungen. Jeder Auftritt bringt Erfahrung und hilft euch, eure eigene musikalische Stimme zu finden. Manchmal eröffnet eine kleine, unscheinbare Möglichkeit später eine völlig neue Welt. Nicht alles aus dem Studium wird man im Berufsleben brauchen. Aber zu wissen, wer man ist, wofür man steht und was man besonders gut kann, ist unbezahlbar.

Wo soll Hej Kamon in fünf Jahren stehen?

Ganz ehrlich? Ich möchte mit Hej Kamon auf großen Festivals spielen. Wir wollen den Sound und das Konzept weiterentwickeln, den Namen noch bekannter machen und auf immer größeren Bühnen stehen. Und wenn dabei noch mehr Menschen tanzen, umso besser.

© Foto Credits:
Lexware, Anna Matule
Auf einen Blick

Häufige Fragen zu

Kamil Khusyainov

Wer ist Kamil Khusyainov?

Kamil Khusyainov ist Saxophonist und selbstständiger Musiker. Mit Hej Kamon spielt er live zu DJ-Sets und wird für Events und Feiern gebucht. Angefangen hat er mit klassischem Klavier, bis ihn seine Lehrerin zum Jazz und zum Saxophonunterricht schickte.

Wie ist Hej Kamon entstanden?

Während der Pandemie. Weil in Deutschland fast alles stillstand und die Regeln in Dänemark lockerer waren, fuhr die Band im Auto ihres DJs Noel dorthin und spielte ihre ersten Auftritte. „Hej“ ist dänisch und schwedisch für „Hallo“, „Kamon“ die spielerische Schreibweise von „Come on“.

Wie plant Hej Kamon mit schwankenden Einnahmen?

In der Hochsaison verdient die Band gut, danach kann es monatelang still bleiben. Deshalb bildet sie in starken Monaten Rücklagen und plant das ganze Jahr vorausschauend.

Was rät Kamil Khusyainov anderen Selbstständigen?

Diszipliniert bleiben und in ruhigen Phasen nicht nervös werden. Finanzielle Bildung und zusätzliche Einkommensquellen helfen dabei, nicht aus Druck jeden Auftrag annehmen zu müssen.

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