2023 musste Kasia Mol-Wolf für den Verlag rund um das Magazin EMOTION Insolvenz anmelden. Heute steht sie wieder auf der Bühne, berät Unternehmen und bringt Frauen zusammen. Wie wird aus einem Ende ein neuer Anfang?
Herkunft und Haltung
Auf LinkedIn hast du geschrieben: „Ich bin kein Opfer meiner Geschichte. Und du bist es auch nicht.“ Woher kommt dieser Satz?
Diese Überzeugung stammt von meiner Mutter. Sie ist 1981 mit mir aus Polen nach Deutschland geflohen, um ihrer Verhaftung zu entkommen. Sie war Ingenieurin, Mitglied der Gewerkschaft Solidarność und kämpfte für die Demokratie. In Deutschland musste sie ohne Plan und ohne Netzwerk von vorn anfangen, zunächst als Putzfrau. Später wurde sie technische Leiterin eines Labors für Blutuntersuchungen. Sie hat mir früh beigebracht: Wir sind nicht Opfer unserer Geschichte. Wir können aber immer entscheiden, wie wir damit umgehen. Dieser Gedanke hat mich durch mein ganzes Leben getragen, ganz besonders durch die Insolvenz.
Deine Mutter hat dir als Kind auch beigebracht, nicht aufzufallen. Wie hat sich dein Verhältnis zu deiner Herkunft seitdem verändert?
Als Kind wollte ich vor allem dazugehören. Meine Mutter lehrte mich, dass wir dankbar sein müssen, dass Deutschland uns aufgenommen hat, und dass wir nicht anders sein dürfen. Zeitweise habe ich deshalb gar kein Polnisch mehr gesprochen. Heute ist meine polnische Herkunft eine meiner größten Kraftquellen: der Freiheitswille, die Kämpfernatur und die Erfahrung, immer wieder neu anfangen zu können. Mit meiner Mutter und meinen Kindern spreche ich heute Polnisch. Das ist für mich ein Stück zurückgewonnene Heimat.
Der Kauf von EMOTION
Nach Jura und Promotion hast du bei Gruner + Jahr als Verlagsleiterin EMOTION mit aufgebaut und das Magazin 2009 selbst gekauft. Wie kam es dazu?
EMOTION war für mich von Anfang an mehr als ein journalistisches Produkt. Es war eine Mission: Frauen nicht zu erklären, wie sie sein sollen, sondern sie darin zu bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen. Dann kam die Wirtschaftskrise, und EMOTION sollte eingestellt oder verkauft werden. Ich bot an, die Marke selbst zu kaufen. Ernst genommen wurde das zunächst nicht. Doch eines Tages fragte mich Bernd Buchholz, der damalige CEO, ob ich nicht doch ein Angebot abgeben wolle. Ich hatte kein Eigenkapital und keine Erfahrung als Verlegerin. Aber ich wollte eigentlich immer schon Unternehmerin werden. Und ich wusste: Wenn ich es nicht versuche, werde ich mich mein Leben lang fragen, ob ich zu feige war. Meine Mutter hat mich ermutigt zu springen, vorausgesetzt, ich sei von EMOTION wirklich überzeugt. Und das war ich!
Für den Kauf musstest du in wenigen Wochen rund eine Million Euro zusammenbekommen. Wie sahen deine Tage damals aus?
Ich saß in München an einem Schreibtisch mit Blick auf die Alpenkette, meist am Telefon, mit vielen Excel-Tabellen und sehr viel Hoffnung. Mitten in der Finanzkrise um Geld für ein Printmagazin zu bitten, klang schon ziemlich wahnsinnig. Aber ich brannte für die Idee! Ich telefonierte mit Banken, möglichen Investoren und Menschen aus meinem Netzwerk. Dann legte ich auf, trug die nächste Absage in meine Tabelle ein und wählte die nächste Nummer. Meist kam mit der Absage auch eine Idee, wen ich noch anrufen könnte. So ging nie eine Tür wirklich zu, sondern öffnete einen kleinen Spalt zur nächsten Möglichkeit. Die Zeit wurde immer knapper. Aber am 19. November 2009 war ich Verlegerin eines eigenen Magazins.
Die Insolvenz
Am 30. Juni 2023 hast du beim Amtsgericht Hamburg Insolvenz für den Emotion Verlag angemeldet. Was war die größte Hürde?
Nicht die Insolvenz selbst, sondern der lange Weg dorthin. Zu erkennen, dass all der Einsatz meines Teams und mein eigener, die Loyalität, so viele Entbehrungen, auch als Mutter zweier Kinder, irgendwann nicht mehr reichen. Dass ich eines Tages keine Lösung mehr haben würde, wo ich doch der Lösungsprofi war. Ich hatte das Unternehmen fast vierzehn Jahre aufgebaut.
Aufgeben fühlte sich deshalb lange nicht wie eine unternehmerische Entscheidung an, sondern wie persönliches Versagen.
Heute weiß ich: Ich hätte meiner Intuition früher vertrauen und manche Projekte früher beenden müssen.
Wie ging es dir in der Zeit danach?
Ich verschwand in einem Arbeits-Überlebens-Tunnel. Wir arbeiteten weiter, als wäre nichts geschehen, um zumindest die Marke EMOTION zu retten, zu verkaufen und so Arbeitsplätze zu sichern. Erst als das gelungen war, wurde mir klar, dass wir privat alles verloren hatten. Ich zog mich zurück und schämte mich, obwohl ich wusste, dass ich alles versucht hatte. Und ich hatte Angst, dass von meiner ganzen Geschichte am Ende nur ein Wort übrig bleibt: gescheitert. Mit der Zeit habe ich begriffen, dass ich mich als Mensch vom Unternehmen trennen muss. Mein Unternehmen war gescheitert. Ich war es nicht.
Die Insolvenz hast du damals selbst öffentlich gemacht. Warum?
Ich hatte fünfzehn Jahre lang öffentlich über Mut, Selbstbestimmung und weibliches Unternehmertum gesprochen. Da wollte ich mich bei der Insolvenz nicht verstecken. Leicht war es trotzdem nicht, denn eine Insolvenz betrifft nicht nur mich. Menschen hatten mir Geld geliehen, weil sie an mich und unser Unternehmen geglaubt hatten. Freie Mitarbeiter und Dienstleister verloren Geld oder ihren Arbeitsplatz. Das tut mir bis heute sehr leid. Aber wenn wir nur unsere Erfolge zeigen, lassen wir andere mit ihren Niederlagen allein. Nach dem Video schrieben mir viele Menschen, die mir beistehen wollten. Verständlicherweise auch solche, die Geld verloren hatten und mir das wohl nie verzeihen werden.
Was sie heute anders macht
Was machst du heute konkret anders als vor zehn Jahren?
Ich würde mir viel früher einen echten Gegenpol ins operative Geschäft holen. Einen Menschen mit unternehmerischer Erfahrung, der meine Schwächen ausgleicht, mir hart widerspricht und sich im Zweifel stärker von den Zahlen leiten lässt als von meiner Begeisterung. Ich bin Optimistin, und in einer Krise kann genau das gefährlich werden. Ich habe zu lange an Projekten festgehalten, weil mein Herz daran hing. Heute frage ich früher: Stimmen die Kennzahlen? Was kostet mich das weitere Durchhalten? Und was kostet es, nicht zu entscheiden? Mein wichtigstes Learning ist: Loslassen ist nicht das Gegenteil von Unternehmertum. Manchmal ist es die unternehmerischste Entscheidung überhaupt.
Was genau bucht man heute bei Kasia's Studio? Erklär es so, wie du es deiner Nachbarin erzählen würdest.
Mein Thema ist geblieben: Ich verbinde Menschen. Unternehmen buchen mich für Vorträge und Gespräche über Scheitern, Neuanfang, Resilienz und unternehmerische Entscheidungen. Ich berate Unternehmen und Gründerinnen bei ihrer Positionierung und dabei, aus einer guten Idee eine sichtbare Plattform zu machen. Mit Kasia's Inner Circle bringe ich FrauenFrauen zusammen. So nenne ich Frauen, die immer auch andere Frauen im Blick haben und fördern. Dazu kommen redaktionelle Formate und mein Podcast „Kasia trifft…“, den ich gerade neu starte. Nach fast 200 Gesprächen geht es dort jetzt um Wendepunkte.
Der Neuanfang
Woran erinnerst du dich beim ersten Auftrag unter dem neuen Namen?
Vor allem an das Gefühl, meinen Namen wieder unter ein Angebot zu schreiben. Da stand nicht mehr EMOTION oder Inspiring Network. Da stand Kasia Mol-Wolf. Es war nicht das Gefühl, dass alles wieder gut ist. Eher die Freude, dass mir jemand vertraut. Dass ich doch etwas kann.
Was war dein schönster Moment seit dem Neuanfang?
Kein einzelner großer Auftrag, sondern die Begegnungen. Bei den Events von Kasia's Inner Circle, den ich mit meiner früheren EMOTION-Kollegin Gabriele Riedl gegründet habe. Oder nach meinen Vorträgen, wenn Menschen zu mir kommen und erzählen, dass sie sich nach einem Scheitern nicht mehr allein fühlen. Das erste Mal wieder auf einer Bühne zu stehen und zu merken, dass meine Geschichte heute meine Stärke ist, war ein besonderer Moment. Da habe ich gespürt: Ich habe viel verloren, aber nicht meine Fähigkeit, etwas zu bewegen.
Du sagst, du willst keine klassische Powerfrau mehr sein. Was meinst du damit?
Ich war Unternehmerin und Mutter und später noch einmal Mutter. Ich hatte immer Energie für alle und alles und habe vorgelebt, dass irgendwie alles geht. Darauf war ich lange stolz. Heute sehe ich auch die andere Seite: Ich habe meine eigenen Grenzen zu wenig geschützt und zu selten gefragt, wer eigentlich meine Reserven wieder auffüllt. Mein neues Unternehmen soll nicht nur wirtschaftlich funktionieren, es soll auch zu meinem Leben passen. Vielleicht ist das mein persönlichster Neuanfang: Ich muss niemandem mehr beweisen, dass ich alles schaffe.
Was rätst du jemandem, der sich nach einem beruflichen Scheitern noch einmal selbstständig machen will?
Du startest nicht bei null. Vielleicht hast du Geld, eine Position oder ein Unternehmen verloren. Aber deine Erfahrung, dein Wissen, deine Beziehungen und auch deine Fehler bleiben dir. Prüfe deine Zahlen, definiere deinen persönlichen Worst Case und such dir Menschen, die nicht nur an dich glauben, sondern dir auch widersprechen. Und dann fang an. Vielleicht kleiner und vorsichtiger als beim ersten Mal, aber mit mehr Klarheit. Manchmal beginnt er mit einem ersten Angebot oder einer ersten Rechnung.






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