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Marcus John Henry Brown spricht mit Mikrofon in der Hand vor Publikum, im Vordergrund eine Zuhörerin in gelber Jacke.

Was hinter dem Fertig liegt

Für Marcus John Henry Brown hat ein Auftritt nur eine Aufgabe: dem Publikum zu helfen. Im Interview erzählt er, warum er mit 52 noch einmal von vorne angefangen hat und warum Fortschritt für ihn mehr zählt als Perfektion.

Marcus John Henry Brown und eine Frau in grünem Shirt stehen sich mit Mikrofonen gegenüber und sprechen miteinander.

Kurz gefasst

  • Denk zuerst an die Fragen deines Publikums. Für Marcus beantwortet eine Präsentation Fragen, die das Publikum noch gar nicht gestellt hat. Alles andere hält er für eine zeitraubende Ego-Show. Konzentriert er sich aufs Helfen, verschwindet sein Ego.
  • Präsentier nur, was zu dir passt. Marcus achtet besonders auf Speaker aus Konzernen, die etwas präsentieren, das nicht zu ihnen passt. Das Publikum merkt, dass etwas nicht stimmt. Mit der Zeit macht es einen immer unglücklicher, so wie ihn selbst damals.
  • Mach etwas fertig, auch wenn es nicht perfekt ist. Marcus kämpft selbst mit Perfektionismus und hält sich an „progress, not perfection“. Er empfiehlt kleine Schritte: fünf Minuten eine Präsentation üben, jeden Tag eine Folie bauen. Erst wenn etwas fertig ist, findest du heraus, was auf der anderen Seite liegt.
  • Tu etwas Bemerkenswertes, dann wirst du gebucht. Wer ihn fragt, wie man Keynote-Speaker wird, hört: Versuch es gar nicht erst. Marcus rät, ein Unternehmen aufzubauen, eine NGO zu gründen oder für eine Meisterschaft zu trainieren. Dann wollen die Leute wissen, wie du es geschafft hast, und buchen dich.

Marcus John Henry Brown coacht mit Speakery in München Menschen, die vortragen, pitchen oder präsentieren. Früher stand er als Performancekünstler selbst auf der Bühne, bis ihn ein Auftritt ins Krankenhaus brachte. Was hat er daraus gemacht?

Bulletpoints, Pitches und ein eigenes Unternehmen

Marcus, du bist Speaker-Coach. Was erzählst du Leuten, die dich fragen, was das eigentlich ist?

Wenn ich jemandem erzähle, dass ich Leuten bei ihren Präsentationen helfe, wollen mir die meisten erzählen, womit sie selbst zu kämpfen haben. Ich höre lieber zu, als mich zu verkaufen, und merke schnell, wo es hakt. Entweder sind sie risikoscheu, es fällt ihnen also schwer, der Welt zu zeigen, wer sie wirklich sind, und zu sagen, was gesagt werden muss. Oder sie verwechseln Bedeutung mit Wichtigkeit oder Ruhm. Oder ihr Job passt nicht zu ihrer persönlichen Berufung. Oder sie wissen nicht genug über das, was sie präsentieren. Oder sie haben eine pessimistische Einstellung zur Kommunikation. Daraus besteht mein SPARK-Modell: Significance, Purpose, Attitude, Risk und Knowledge. Wenn man das in den Griff bekommt, beginnen Präsentationen und Auftritte zu glänzen.

Du bist 1993 aus England nach Deutschland gekommen und hast in einem Copyshop angefangen. Was hast du dort kopiert?

Präsentationen. Der Kunde war ein Schulungsunternehmen, und unsere Aufgabe war es, die Unterlagen zu kopieren und in Ordnern zu sortieren. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Bulletpoints? WTF? Als ich meinen Chef fragte, was das sei, erklärte er mir, dass jemand mit einem Overheadprojektor vor einem Publikum stehen und diese Folien präsentieren würde. Für jemanden, der Kunst studiert hatte und von Performance fasziniert war, war das ein mindblowing Konzept. Ein Jahr später habe ich selbst Präsentationen für Unternehmensberater gebaut, und 1998 habe ich für eine Werbeagentur um Aufträge im Wert von mehreren Millionen DM gepitcht. Ich hasste Werbung, aber ich liebte das Pitchen, weil es reine Performance war.

Marcus John Henry Brown sitzt lachend vor einem beschriebenen Whiteboard, im Vordergrund unscharf eine Zuhörerin.
Marcus John Henry Brown spricht im dunklen Sakko ins Mikrofon, hinter ihm sitzt das Publikum.

Wie wurde daraus ein eigenes Unternehmen?

Ich habe Deutsch gelernt, Kunst in Galerien ausgestellt und wurde schließlich von einer Werbeagentur abgeworben. Eine Karriere in der Werbung ist, so stellt sich heraus, ein Berufsrisiko, wenn man Kunst studiert. Anfang 2014 musste ich meinen Job als Creative Director kündigen, bevor ich den Verstand verlor, und habe ein Unternehmen gegründet, das meinen Namen trug. Ich brauchte etwa vier Jahre, um zu erkennen, dass es eigentlich ein Unternehmen für Performancekunst war. Speaker-Coaching war nie der Plan. Eine Kundin, die mich für Kreativberatung gebucht hatte, fragte mich irgendwann, ob ich ihren finnischen Ingenieuren für Cybersicherheit beibringen würde, wie man präsentiert. Danach wurde ich immer öfter gefragt, bis mir klar wurde, dass das nicht nur ein tolles Geschäft war, sondern auch das Einzige, was ich wirklich tun wollte.

Eine Premiere, die alles verändert hat

Bis dahin hast du auf Konferenzen Performances gezeigt, die wie eine normale Keynote beginnen und dann kippen. Wie kam das an?

Von 2014 bis 2022 habe ich dreizehn solcher Performances geschaffen, ich nenne sie Presenterventions. „The Passing“ aus dem Jahr 2018 ist wahrscheinlich die bekannteste, sie wurde in Forbes vorgestellt. Veranstalter haben mich dafür bezahlt, ihr Publikum damit zu konfrontieren. Das hat mich bestärkt, mehr Risiken einzugehen. Aber, wie ich heute weiß, nicht aus den richtigen Gründen. Ich habe angefangen, Ruhm und Anerkennung hinterherzujagen, und war frustriert, wenn die Presse nicht über mich schrieb. 2022 dachte ich, ich hätte es endlich geschafft, mit „The Hustle Royale“. Bei der Premiere auf der re:publica in Berlin gefiel sie niemandem. Ich dachte, ich bekomme Standing Ovations. Stattdessen gab es mitfühlendes Achselzucken. Das war der Anfang vom Ende von Marcus John Henry Brown, dem Performancekünstler, und der Beginn von Speakery. Ich wusste es nur noch nicht.

In dieser Performance hast du eine sehr persönliche Geschichte erzählt. Welche?

Es gab einen Punkt in meinem Leben, an dem ich nicht mehr weitermachen konnte. Ich war dreiunddreißig und völlig verloren. Ich hatte schon seit Jahren mit psychischen Problemen zu kämpfen, aber alles kam zum Bruch, als ich einen Job annahm, der weit weg von dem war, was ich kann und will. Ich sollte vor einem Kunden präsentieren, der wütend auf die Firma war, für die ich arbeitete, und noch wütender auf mich. Statt die Präsentation zu halten, habe ich versucht, mir das Leben zu nehmen. Zum Glück erfolglos. I'm still here, darling! Jahre später wollte ich mich dem stellen und diese Geschichte auf der Bühne erzählen. Ich dachte, ich wäre stark genug dafür. Ich war es nicht.

Was ist nach der Premiere passiert?

Vier Tage später wurde ich mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. Es war kein Herzinfarkt. Es war Sodbrennen! Nur Sodbrennen, verdammt noch mal! Die Ärztin fragte mich, ob ich unter Stress gestanden hätte. Ich erzählte ihr die Geschichte, und sie meinte, ich solle wohl besser aufhören, Performancekünstler zu sein. In den zwanzig Minuten, bis meine Frau mich abholte, beschloss ich, genau das zu tun. Warum, fragte ich mich, stressen mich Präsentationen und Auftritte so sehr? Es ist doch nur PowerPoint! Die Antwort auf diese Frage wurde zur Grundlage meiner Coachingmethode. Mit 52 habe ich noch einmal von vorne angefangen, diesmal aus den richtigen Gründen: nicht für mich, sondern für Menschen, die mit denselben Problemen kämpfen wie ich damals.

Warum eine Präsentation helfen soll

Warum ist dir gerade das so wichtig?

Niemand sollte durchmachen müssen, was ich durchgemacht habe, nur wegen einer Präsentation. Ich gebe allen die Werkzeuge, um Spaß zu haben, wenn sie mit einem Klicker in der Hand vor Publikum stehen. Etwas zu präsentieren, das man liebt, macht unfassbar viel Spaß! Besonders achte ich auf Speaker, oft aus Konzernen, die etwas präsentieren, das nicht zu ihnen passt.

Man kann nichts präsentieren, was man hasst.

Das Publikum merkt, dass etwas nicht stimmt, und mit der Zeit macht es dich immer unglücklicher. So wie mich damals.

Was machst du heute anders als früher?

Mir wurde kurz nach dem Krankenhaus klar, dass viele meiner Probleme von meinem Ego kamen. Mein Ego ist mein persönlicher Endgegner. Aber wenn ich mich darauf konzentriere, dem Publikum zu helfen, verschwindet es. Für mich ist eine Präsentation eine Sammlung von Antworten auf Fragen, von denen das Publikum nicht wusste, dass es sie stellen musste. Alles andere ist eine zeitraubende Ego-Show. The job of a speaker is to help!

Wer kommt heute zu dir ins Studio?

Ich arbeite nur mit Leuten, die besser werden wollen. 95 Prozent davon sind Frauen. Männer wollen mir meistens beweisen, dass sie es schon können. Frauen wollen wissen, wie sie besser werden. Das macht sie meiner Meinung nach zu den besseren Keynote-Speakerinnen. Was alle mitnehmen, ist eine radikal ehrliche Einschätzung ihres Sparks und die Erkenntnis, dass es nicht ihre Aufgabe ist, beeindruckend zu sein, Witze zu erzählen oder zu glänzen. Ihre einzige Aufgabe ist es, zu helfen.

Woran merkst du, dass Speakery funktioniert?

Stell dir die Szene vor: Ich bin auf einer Veranstaltung in Berlin, ein Raum mit etwa 500 Leuten, die ich nicht kenne. Plötzlich stürzt eine Frau auf mich zu. „Du bist doch Marcus von Speakery, oder?“ Sie sollte gleich an einer Podiumsdiskussion teilnehmen, war total in Panik und, wie sie sagte, kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Also haben wir dort eine zehnminütige Speakery-Session gemacht. Sie ging auf die Bühne und war brillant. Da wusste ich: Speakery funktioniert.

Fortschritt statt Perfektion

Du sprichst oft von „the other side of done“. Was meinst du damit?

Ich kämpfe mit Perfektionismus. Außerdem bin ich ein notorischer People-Pleaser und Aufschieber mit einem Ego von der Größe des Todessterns. Deshalb gefällt mir der Spruch „progress, not perfection“ so gut. Einen Lauf hinter sich bringen, fünf Minuten eine Präsentation üben, jeden Tag eine Folie bauen. Einfach irgendetwas fertig machen, sagen: It's done, und herausfinden, was auf der anderen Seite liegt. Viele hält die Angst davor ab, sich lächerlich zu machen. Aber du wirst nie erfahren, wie die Welt danach aussieht, wenn du es nie tust.

Was sagst du Menschen, die zweifeln, ob sie es als Selbstständige schaffen?

Wenn ich das schaffe, solltet ihr es auch tun. Ich wäre verrückt geworden, wenn ich angestellt geblieben wäre. Jetzt habe ich das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, und im wahrsten Sinne des Wortes den besten Job der Welt. Niemand hätte mir diesen Job gegeben. Ich musste ihn mir selbst schaffen.

Und die häufigste Frage, die man dir stellt?

„Wie wird man Keynote-Speaker?“ Die Hoffnung ist, dass ich den Cheat-Code für die großen Bühnen und die großen Gagen verrate. Die einfache Antwort: Versuch es gar nicht erst. Konzentrier dich darauf, etwas Bemerkenswertes zu tun, ein Unternehmen aufzubauen, eine NGO zu gründen oder für eine Meisterschaft zu trainieren. Tu etwas Brillantes und werde dadurch brillant. Dann wollen die Leute wissen, warum du es getan hast und wie sie es auch schaffen. Und genau dann buchen sie dich.

Welcher Satz soll von deiner Geschichte bleiben?

Things only happen when you're doing things.

Wenn du selbst in einer Krise steckst oder an Suizid denkst: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 sowie online unter telefonseelsorge.de.

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www.speakery.de
© Foto Credits:
Julian Ebinal
Auf einen Blick

Häufige Fragen zu Marcus John Henry Brown

Wer ist Marcus John Henry Brown?

Marcus John Henry Brown ist Speaker-Coach und Gründer von Speakery in Taufkirchen bei München. Er kam 1993 aus England nach Deutschland, arbeitete viele Jahre in der Werbung und kündigte 2014 seinen Job als Creative Director. Von 2014 bis 2022 zeigte er auf Konferenzen eigene Performances.

Was ist das SPARK-Modell von Marcus John Henry Brown?

SPARK steht für Significance, Purpose, Attitude, Risk und Knowledge. Mit dem Modell findet Marcus heraus, wo es bei einem Auftritt hakt. Manche scheuen das Risiko oder verwechseln Bedeutung mit Ruhm. Bei anderen passt der Job nicht zur Berufung, das Wissen reicht nicht oder die Einstellung zur Kommunikation ist pessimistisch.

Wie kam Marcus John Henry Brown zum Speaker-Coaching?

Speaker-Coaching war nie der Plan. Eine Kundin, die ihn für Kreativberatung gebucht hatte, bat ihn, ihren finnischen Ingenieuren für Cybersicherheit das Präsentieren beizubringen. Danach kamen immer mehr Anfragen. 2022 kam eine Premiere beim Publikum nicht an, kurz darauf landete er im Krankenhaus. Danach hörte er als Performancekünstler auf und setzte ganz auf Speakery.

Was rät Marcus John Henry Brown Menschen, die Keynote-Speaker werden wollen?

Er rät, es gar nicht erst zu versuchen. Wer etwas Bemerkenswertes tut, etwa ein Unternehmen aufbaut, eine NGO gründet oder für eine Meisterschaft trainiert, hat etwas zu erzählen. Dann wollen die Leute wissen, wie es dazu kam, und buchen einen.

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