Erst wurde über ihre „Schnullerkette“ gelacht. Heute lässt Michal Hirsch mit upbeads in Hamburg Handyketten aus Holzperlen von Hand knüpfen und verkauft sie bis nach Paris und Südkorea. Wie wird aus einer belächelten Idee ein Unternehmen?
Ein Witz am Küchentisch
Michal, viele kennen Handyketten als Schnur, die fest an der Hülle hängt. Was ist an deinen anders?
Im Grunde machen wir schöne Begleiter für Dinge, die man sowieso ständig bei sich hat. Unsere bekanntesten Produkte sind handgeknüpfte Holzperlenketten, an denen man das Handy quer über den Körper trägt. Das Besondere ist, dass die Kette nicht fest mit der Hülle verbunden ist. Über zwei Klick-Karabiner kann ich sie in Sekunden an- und abmachen.
Du hast upbeads nach deiner Scheidung aufgebaut. War das der Antrieb?
Wenn ich ganz ehrlich bin: In erster Linie mache ich das für meine Kinder und für mich. Das war keine romantische Gründeridee nach dem Motto „Ich möchte mich noch einmal selbst verwirklichen“. Ich hatte drei Kinder, Verantwortung und musste Geld verdienen. Vorher war ich Producerin bei einem großen Sender in München, für die Kinder hatte ich den Beruf zurückgestellt. Nach der Scheidung standen die Arbeitgeber, um es freundlich auszudrücken, nicht gerade Schlange. Was ich gut kann, ist Risiken nehmen. Es musste gelingen, und ich bin stur. Mein Sternzeichen Stier gibt mir dafür noch den offiziellen Stempel.
Die Idee entstand 2018 in deiner Küche, zusammen mit deiner Freundin Sophie Mahlo. Wie kam es dazu?
Sophie kam zu Besuch und hatte eine bunte Perlenkette für ihre Schlüssel dabei. Wir haben gescherzt, dass wir mit der ganzen Zeit fürs Schlüsselsuchen längst ein Business hätten aufbauen können. Aus dem Witz wurde ein ziemlich langes Küchengespräch. Wenn ich abends ein Seidenkleid trage, möchte ich trotzdem mein Handy bei mir haben, gerade als Mutter. Aber deshalb möchte ich mir nicht irgendeine Schnur umhängen, die den ganzen Look kaputt macht. Unsere Idee war ganz simpel: Warum kann etwas Praktisches nicht gleichzeitig richtig schön sein?
Acht Monate Suche am Hamburger Hafen
Bis zur ersten Kette hast du fast acht Monate nach Material gesucht. Warum so lange?
Aus dem Fernsehen habe ich mitgenommen, dass Recherche das A und O ist. Ich wollte Holzperlen aus Deutschland, glänzend, mit ungiftigen Farben, und so, dass man sie lecker findet, wenn man sie anschaut. Die Kordel sollte halten wie Segeltau. Also habe ich die Läden am Hamburger Hafen abgeklappert. Als ich den Fachverkäufern erklärte, wofür ich die Seile brauche, waren sie sich sicher, dass ich nicht alle Latten am Zaun habe. Das alles neben einem Teilzeitjob, ohne Businessplan und ohne Investoren.
Und dann hast du selbst geknüpft?
Ich würde mich wirklich nicht als handwerkliches Naturtalent bezeichnen. Aber wo ein Wille ist, findet man offensichtlich auch einen Knoten. Meine jüngste Tochter Shirly ist deutlich talentierter und hat mir die Knoten für die Karabiner gezeigt. Die Shirly-Knoten sind bis heute geblieben. Bald wollten Freundinnen auch eine Kette, und von ihnen kam die Frage, ob man daran nicht das Handy tragen könnte. Im Mai 2019 gründeten Sophie und ich die Hirsch & Mahlo GbR. Später brauchte Sophie ihre ganze Energie für ihr eigenes Unternehmen, seitdem führe ich upbeads allein. Wir sind bis heute eng befreundet. Shirly meinte: „Mami, das wird gut.“ Da war sie elf.
Wo hat upbeads am Anfang gearbeitet?
Unser erster Firmensitz war mein Wohnzimmer, die Hamburger Übersetzung für die amerikanische Garage. Die ersten Knüpferinnen fand ich im Freundes- und Bekanntenkreis. Ich zeigte ihnen meine Ketten und sagte sinngemäß: Das ist die Idee, und jetzt macht ihr das bitte besser als ich. Gemeinsam haben wir erst entwickelt, wie eine upbeads-Kette richtig produziert wird. Ich organisierte alles in Excel-Listen und fuhr mit dem Fahrrad mit Perlen und fertigen Ketten durch Hamburg. In Corona kamen dann noch Homeschooling und ein einziger Rechner für mich und drei Kinder dazu. Irgendwann sagte mein Partner: „Michal, es liegen Perlen unter der Decke.“ Da war klar: Jemand muss hier ausziehen. Und das war mein Business.
Ich würde mich wirklich nicht als handwerkliches Naturtalent bezeichnen. Aber wo ein Wille ist, findet man offensichtlich auch einen Knoten.
Was ist schiefgegangen?
Irgendwann versuchten wir, zusätzlich eine Produktion in Berlin aufzubauen. Ich dachte, wir haben doch erklärt, wie die Ketten gemacht werden, jetzt können wir das einfach abgeben. Konnten wir nicht. Bei einer größeren Bestellung waren die Ketten anders geknüpft als vorgesehen und für uns nicht verwendbar. Gerade weil jede Kette von Hand entsteht, braucht es klare Abläufe, genaue Vorgaben und jemanden, der konsequent über die Qualität wacht. „Hier sind die Perlen, macht mal“ funktioniert leider nicht. Heute prüft und fädelt ein Team die Perlen, ein zweites knüpft. Das ist vor allem besser für die Qualität.
Corona, Paris und Kundinnen in Südkorea
Im Januar 2020 habt ihr auf der Maison & Objet in Paris Händler gewonnen. Und dann?
Nach fünf Messetagen hatten wir 12 bis 15 Händlerbestellungen und waren komplett euphorisch. Einige Wochen später kam Corona, und die Bestellungen wurden storniert. Wir hatten gerade zum ersten Mal das Gefühl, dass unsere Idee funktioniert, und im nächsten Moment war der Markt weg. Dann meldete sich Miya von ParisMamma. Sie hatte auf der Messe zwei Stunden an unserem Stand gestanden. Miya verkaufte über Instagram europäische Produkte an koreanische Kundinnen. Wir verstanden davon nichts. Sie bestellte zehn Ketten zum Testen und sagte irgendwann sinngemäß: „Davon können wir locker 10K verkaufen.“ Sie sollte recht behalten, wir haben die Zahl später um ein Vielfaches übertroffen. Kurz darauf kam eine Bestellung über mehrere Hundert Ketten. Plötzlich ging das Licht in der Bude wieder an.
Wie hast du gelernt, mitten in Corona nach Südkorea zu exportieren?
Im Crashkurs. FedEx, Zoll, Ausfuhr, Dokumente: Für Leute aus dem internationalen Handel ist das Babywissen, für mich war es Neuland. Ich habe vieles einfach gemacht, weil ich gar nicht wusste, warum es angeblich schwierig sein sollte. Man muss nicht alles wissen, bevor man anfängt. Man muss aber bereit sein, sehr schnell sehr viel zu lernen und nach Fehlern weiterzumachen.
Am Anfang wurde über deine Idee gelacht. Was hast du zu hören bekommen?
„Du mit deiner Schnullerkette. Das kauft doch keiner.“ Zu teuer, zu bunt, irgendetwas war immer zu. Auch die Männer einiger unserer ersten Mitarbeiterinnen fanden das eher amüsant. In Corona hatten genau diese Männer teilweise keine Arbeit, während die Frauen zu Hause unsere Ketten knüpften und damit Geld verdienten. Und die „Schnullerkette“ hängt heute an einer Hermès Bag oder wird zum Chanel-Anzug getragen.
Ohne Perlen keine Perlenketten
Einige Jahre später meldete euer Perlenhersteller Insolvenz an. Wie hast du das erlebt?
Mein erster Gedanke war erstaunlich entspannt: Es sind Holzperlen, wie schwer kann es sein? Ich hatte komplett verdrängt, dass ich am Anfang acht Monate gebraucht hatte, um genau diese Perlen zu finden. Ich ließ mir Hunderte Muster schicken, und nichts kam unseren auch nur annähernd nahe. Währenddessen wurde der Lagerbestand kleiner und kleiner. Da war ich zum ersten Mal ernsthaft verzweifelt. Denn ohne Perlen ist ein Unternehmen, das Perlenketten verkauft, überraschend schlecht aufgestellt. Nach Monaten fand ich eine kleine Manufaktur in Deutschland, die unsere Farbwelt gemeinsam mit uns entwickeln wollte. Wir haben uns Farbe für Farbe zurückgearbeitet.
Geknüpft wird bis heute bei Frauen zu Hause. Warum war dir das wichtig?
Weil ich selbst Mutter von drei Kindern bin und wusste, wie schwierig es ist, Arbeit und Familie so zusammenzubekommen, dass nicht ständig eines von beiden verliert. Ich wollte eine Arbeit schaffen, die man gut von zu Hause machen kann, wenn die Kinder aus der Schule kommen oder eines krank ist. Seit 2022 sind wir bei Merci Paris vertreten, ab November 2026 kommt BHV in Paris dazu. Genauso wichtig sind die vielen kleineren Händler, die seit Jahren konstant nachbestellen.
Machen, glauben, weitermachen
Was war dein schönster Moment?
Vor wenigen Wochen rief mich eine Frau an, deren Mutter gerade gestorben war. Sie hatte sie gepflegt und sagte, unsere Kette habe ihr geholfen: Sie wusste immer, wo ihr Handy war, und konnte sofort reagieren, wenn ihre Mutter Hilfe brauchte. Ihrer besten Freundin, die aus Kanada gekommen war, um sie zu unterstützen, wollte sie genau diese Kette zur Erinnerung schenken. Das Modell gab es nicht mehr. Natürlich haben wir es noch einmal für sie gemacht. Eigentlich wollten wir nur, dass Menschen ihre Schlüssel nicht mehr suchen müssen. Dass unsere Ketten Menschen miteinander verbinden, hatten wir nicht geplant.
Eine Freundin hat dir damals geraten, dir lieber etwas Seriöses zu suchen. Was antwortest du heute?
Sie meinte es liebevoll. Aber ich habe mich damals nicht alt gefühlt und tue es heute auch nicht. 29 forever ist mein Lebensmotto. Wenn jemand eine gute Geschäftsidee weniger ernst nimmt, weil die Gründerin nicht mehr 29 ist, dann liegt das Problem nicht bei der Idee, sondern bei der Vorstellung davon, wann man etwas Neues anfangen darf.
Und was rätst du jemandem, der heute denselben Schritt überlegt?
Machen, glauben, weiter machen. Wenn du auch nach dem zehnten „Das braucht doch kein Mensch“ am nächsten Morgen noch denkst, doch, ich finde die Idee gut, dann mach! Das ist der einzig logische Schritt.






.png)






