Nathalie Naceur und Sören Jeßner drehen als globebirds Filme und Social Content für Hotels und Reisemarken, von Leipzig aus weltweit. Ihr Start: 100 Postkarten und keine einzige Antwort. Wie kam dann doch der Durchbruch?
Ein Abend auf Phú Quốc
Nathalie, Sören, eure Geschichte beginnt im Dezember 2019 in einem Holzbungalow auf Phú Quốc. Was war das für ein Abend?
Nathalie: Wir saßen nach drei Wochen Vietnam in diesem Holzbungalow mit Blick aufs Meer. Wir haben darüber philosophiert, wie schön es wäre, jetzt nicht nach Deutschland zu fliegen, sondern noch Laos und Kambodscha zu bereisen. Und unser Geld unabhängig von einem starren Ort und einem 9-to-5-Modell zu verdienen.
Sören: Aus einer nostalgischen Idee bei Sonnenuntergang und einer Flasche vietnamesischem Wein wurde nach und nach ein Plan, unser bisheriges Lebensmodell grundlegend zu ändern. Genau für diesen Traum von Freiheit machen wir das.
Dabei hattet ihr beide gut bezahlte Jobs. Was habt ihr vorher gemacht?
Nathalie: Ich habe Immobilienwirtschaft studiert und war zehn Jahre in dem Bereich tätig. Ich mochte meinen Job. Aber der Trip nach Vietnam hat eine Leere hinterlassen und einen Funken entfacht, der nicht mehr aufgehört hat zu lodern. Ein Fernweh, ein „Da ist noch mehr als diese Stadt, dieses Land, dieser Job“. Dann kam die Pandemie und viel Zeit, Pläne zu schmieden und vor allem vom Reisen zu träumen.
Sören: Ich habe in einer Gelddruckerei gearbeitet. Das Gehalt war wirklich gut, aber das Schichtsystem hat mich krank gemacht. Als wir mit Fotografie und Videografie angefangen haben, war schnell klar, dass das eine echte Alternative zu meinem Job ist.
Wie seid ihr zur Kamera gekommen, und wer macht heute was?
Nathalie: Angefangen haben wir mit Fotos und Videos auf unseren Reisen, nur für uns. Meistens stand ich vor der Kamera, damit Sören ein Motiv hat. Irgendwann bin ich mit eingestiegen, aber Videografie ist voll Sörens Ding. Ich mache lieber Fotos und die kreative Konzeption, dazu Kundenkommunikation, Organisation und Buchhaltung.
Sören: Wir sind beide Allrounder, aber Nathalie ist definitiv kommunikativer. Ich gehe mehr im Filmen, im Schnitt und im Color Grading auf.
100 Postkarten, ein Fakeshop und ein Anruf
Nach der Weltreise habt ihr in Leipzig mit Pitchvideo und Postkarten Klinken geputzt. Wie lief das?
Nathalie: Wir kamen mit viel Motivation und Heimkehr-Blues im Gepäck zurück. Wir haben uns in ein Hotel eingebucht, das relativ neu eröffnet hatte, und dort und in der Stadt ein Pitchvideo gedreht. Dann haben wir unser letztes Geld in Website und Postkarten gesteckt und ungelogen jedes Hotel in Leipzig angesteuert. Das Feedback war niederschmetternd. „Wir sind hier nicht zuständig, das macht die Zentrale in München, wir haben schon ’ne Agentur, wir brauchen kein Marketing“ und so weiter. Danach sind wir erst mal auf das Weinfest gegangen, das gerade auf dem Marktplatz war.
Sören: Dann haben wir den Umkreis erweitert und rund 100 Postkarten an Hotels in der Umgebung geschickt, von Hand geschrieben. Wir haben nicht eine einzige Antwort bekommen. Wir kamen nicht einmal ins Gespräch. Da haben wir zum ersten Mal richtig gezweifelt, ob es überhaupt genug Nachfrage gibt und ob unsere Zielgruppe zu eng gefasst ist.
Nach dem ersten Monat wolltet ihr eigentlich schon aufgeben. Was ist passiert?
Nathalie: Neben den fehlenden Aufträgen hatten wir für den Start in eine zweite Videokamera investiert und sind dabei auf einen Fakeshop hereingefallen. Wir haben 5.000 Euro verloren, und unsere Ersparnisse waren durch die Weltreise aufgebraucht.
Sören: Uns saß die Zeit im Nacken, erste Aufträge oder bestenfalls einen Partner zu finden, der monatlich wiederkehrend bucht. Durch den Betrug war unser letzter Puffer weg und wir dachten, das war’s jetzt. Wir müssen wieder in eine Festanstellung und erst mal sparen.
Dann kam ein Anruf: Ein Hotel brauchte übers Wochenende einen Imagefilm für eine Award-Bewerbung. Und zwar nicht irgendein Hotel.
Nathalie: Das war ein absolutes Relief für uns, das Gefühl, dass der Knoten endlich platzt. Und irgendwie ein Full-Circle-Moment, weil wir genau mit diesem Hotel unbedingt arbeiten wollten. Es war das, in das wir uns „heimlich“ eingebucht und unseren Pitch gedreht hatten.
Sören: Wir wussten, dass wir uns jetzt endlich beweisen können. Ich hatte an dem Wochenende zwar Geburtstag, aber das war wirklich die Chance, langfristig mit dem Unternehmen zu arbeiten. Freunde mussten als Statisten herhalten, wir haben uns spontan ein kleines Konzept und eine Shotlist überlegt, und los ging’s. Das Unternehmen war so happy, dass wir danach für all ihre Häuser in Deutschland und der Schweiz Imagefilme produziert haben. Dieser Auftrag hat den Stein ins Rollen gebracht und uns auch mental aus dem Tief geholt.
Was Hotels bei globebirds buchen
Stellt euch vor, jemand hat noch nie einen Film beauftragt. Was genau bucht er bei euch?
Sören: Wir denken uns in das Unternehmen ein, vor allem aber in seine möglichen Kunden. Was löst Fernweh aus und führt dazu, dass man eine Reise bucht? Das versuchen wir in Bilder zu übersetzen. Konkret bucht man uns als kleines Produktionsteam für den ganzen Prozess. Wir entwickeln Idee und Konzept, planen und produzieren den Dreh vor Ort und übernehmen danach Schnitt und Color Grading. Je nach Projekt entstehen daraus ein Imagefilm, mehrere Social-Media-Videos, Fotos oder eine komplette Content-Bibliothek für Monate.
Nathalie: Wir machen alles von der Luxusyacht bis zum Outdoor-Abenteuer im Dschungel. Hauptsache, es hat etwas mit Reisen zu tun und wir können eine inspirierende Geschichte dazu erzählen.


Geld statt Übernachtungen
Ihr sagt, die größte Hürde im Creator-Geschäft sei, überhaupt bezahlt zu werden. Wann habt ihr zum ersten Mal klar Nein gesagt?
Nathalie: Das war bei einem seeeehr prestigeträchtigen Hotel, das von uns zwei B2B-Imagefilme, Social-Media-Content und Fotos als Barter-Deal für zwei Nächte Aufenthalt wollte. Nach einigen Mails wurde ein Budget von 500 Euro aufgerufen. Da habe ich schweren Herzens komplett abgesagt, weil jede Verhandlung Zeitverschwendung gewesen wäre. Wir hätten den Namen gern im Portfolio gehabt, aber wir hatten zu der Zeit genug faire Anfragen.
Sören: Wir reden hier von einer der bekanntesten Luxushotelmarken. So ein Angebot ist einfach Wahnsinn, und dieser Trend, Creators, Fotografen oder Videografen nicht zu bezahlen, muss unbedingt aufhören. Wir leben nicht nur von Leidenschaft. Ein Hotelaufenthalt bezahlt keine Miete.
Was macht ihr heute anders als im ersten Jahr?
Nathalie: Wir verkaufen uns nicht mehr unter Wert. Einen Barter-Deal oder ein Low-Budget-Projekt nehmen wir nur noch in absoluten Ausnahmefällen an: wenn wir völlige kreative Freiheit haben und gerade Zeit und Lust auf ein freies Projekt.
Sören: Wir bekommen wirklich täglich Barter-Angebote und lassen uns nicht mehr von tollen Markennamen verleiten. Oft wird aus so einer Anfrage mit einem klaren Pitch ein bezahlter Auftrag. Nur so gewöhnen sich Unternehmen daran, dass Qualität einen Wert hat.
„Ein Hotelaufenthalt bezahlt keine Miete.“
Woran merkt ihr, dass es funktioniert?
Nathalie: Daran, dass wir unsere Website wirklich gar nicht nutzen (lacht). Unsere Anfragen kommen über Instagram oder über Empfehlungen. Meilensteine waren die ersten verkauften Videopakete und der erste Vertrag über 20.000 Euro. Seit einige Beiträge auf Instagram gut gelaufen sind, mussten wir nie wieder Kaltakquise machen. Das ist ein riesiger Gewinn, denn wir hassen LinkedIn und Klinkenputzen noch wie am ersten Tag. Dieses Jahr hatten wir einen Post, der uns für ein halbes Jahr bezahlte Aufträge gebracht hat.
Zu zweit selbstständig
Nathalie, Sören, was hat euch im ersten Jahr am jeweils anderen am meisten überrascht?
Sören: Mich haben Nathalies Motivation und ihr Ehrgeiz beeindruckt. Gerade am Anfang fiel es mir schwer, die Geduld zu haben und nicht gleich aufzugeben. Nach schlechten Neuigkeiten hat mir ihr Satz „Keine Sorge, es wird schon irgendwie weitergehen“ enorm geholfen.
Nathalie: Wie wenig wir übers Business streiten. Wir sind uns in den grundsätzlichen Entscheidungen erschreckend einig. Sören lässt sich von meiner hektischen Art nicht aus der Ruhe bringen und holt mich damit immer wieder runter.
Was war euer schönster Moment, seit ihr selbstständig seid?
Sören: Wahrscheinlich der Moment, als wir das erste Mal einen kleinen Puffer hatten, um ein paar Monate ohne Auftrag über die Runden zu kommen. Damit schläft man einfach so viel besser.
Nathalie: Als wir im Four Seasons in Thailand am Mekong bei Kerzenschein beim Private Dinner saßen, kamen mir wirklich die Tränen. Das war so ein „Wir haben es geschafft“-Moment. Das hätte ich gern unseren Ichs von 2019 gesagt. Wir hätten es nicht für möglich gehalten.
Welcher Dreh ist euch besonders in Erinnerung geblieben?
Sören: Schön war eine Produktion in Genf. Die Eltern der Hotel-Hosts haben für den Film ein Käsefondue gezaubert, und nach dem Dreh haben wir es mit der ganzen Hotelcrew, dem Marketingteam und der Familie gegessen. Du kommst an einen fremden Ort, triffst neue Menschen, und plötzlich fühlt es sich an, als würde man sich ewig kennen.
Was sagt ihr jemandem, der heute überlegt, den gleichen Schritt zu gehen?
Sören: Macht es unbedingt! Klar gibt es viele Creators und Filmemacher. Aber es gibt auch unendlich viele Marken, die gute Videos brauchen. Findet euren eigenen Stil, bleibt dabei und findet Menschen, die euch genau dafür feiern.






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