Pia Wagner war selbst in einer gewaltvollen Beziehung. Heute bringt sie mit SchutzLicht. in Frankfurt Menschen bei, Gewalt früher zu erkennen und Grenzen zu setzen. Wie wird aus der eigenen dunkelsten Zeit ein Unternehmen, das andere stark macht?
Eine Frau sitzt in einem Workshop in Frankfurt, schüchtern, zurückhaltend. Verheiratet, zwei Kinder. Während des Workshops bringt sie sich kaum ein. Als er vorbei ist, bleibt sie und stellt Pia Wagner plötzlich sehr konkrete Fragen. Was man tun kann, wenn man selbst in einer gewaltvollen Beziehung steckt. Wie man da wieder herauskommt. Pia nimmt die Fragen ernst, ohne zu wissen, was dahintersteht. Vier Wochen später meldet sich die Frau erneut für einen Workshop an. Sie hat sich von ihrem Mann getrennt, ist mit den Kindern ausgezogen, hat eine Therapie begonnen.
Pia Wagner, Gründerin von SchutzLicht. aus Frankfurt am Main, macht genau dafür Workshops und Vorträge: damit Menschen Gewalt früher erkennen, ihre Grenzen kennen und sich sicherer durch ihren Alltag bewegen. „Man weiß nie, was ein Mensch gerade mit sich trägt“, sagt sie über diesen Moment. Vielleicht sei der Workshop nur ein kleiner Impuls gewesen. Vielleicht aber der Moment, in dem die Frau angefangen hat, ihrer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.
Jeden Tag abgeholt
SchutzLicht. ist für Pia sehr persönlich, und das sagt sie offen. Sie war selbst über einen längeren Zeitraum in einer gewaltvollen Partnerschaft. Sie hat erlebt, wie man sich selbst immer weniger vertraut, wie Grenzen verschwimmen, wie man das Gefühl bekommt, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Halt gab ihr in dieser Zeit der Kampfsport. Ihr Trainer holte sie damals jeden Tag von zu Hause ab und fuhr sie ins Training. „Das hat mir eine unfassbare Struktur gegeben, die mich am Leben gehalten hat.“ Im Training war sie von Menschen umgeben, die sie mochten, und musste hundert Prozent geben. Sie wurde besser, ging irgendwann auf Wettkämpfe. Der Kampfsport, sagt Pia, habe ihr ein Stück weit ihr Leben zurückgegeben: sich selbst wieder vertrauen, den eigenen Körper wahrnehmen, sich als handlungsfähig erleben.
Warum erst, wenn es passiert ist?
Aus dieser Erfahrung wächst eine Frage, die Pia bis heute antreibt. Warum warten wir eigentlich immer, bis Gewalt passiert? Warum bringen wir Menschen nicht viel früher bei, Warnsignale zu erkennen, Grenzen zu setzen, für sich einzustehen? Frauenhäuser seien überlastet, die Gewaltzahlen stiegen. Aber ein Frauenhaus, sagt Pia, behandle das Symptom, nicht die Ursache. „Gewalt wird nicht behoben, indem ein weiteres Frauenhaus gebaut wird.“ Genau davor setzt SchutzLicht. an.
Von der Intensivstation zur Selbsthilfegruppe
Der Weg dahin führt über Umwege. Nach einer Zeit in Australien kommt Pia zurück nach Deutschland, macht eine Ausbildung zur Krankenschwester, arbeitet auf der Intensivstation. Während Corona merkt sie, dass das nicht ihr Job ist. Weil Sport ein großer Teil ihres Lebens ist, beginnt sie ein Sportstudium und übernimmt nebenbei die Clubleitung der Kampfsportschule STRIKEFIT. Seit über zehn Jahren steht sie als Trainerin vor Gruppen.
Gewalt wird nicht behoben, indem ein weiteres Frauenhaus gebaut wird.
Nach ihrer eigenen gewaltvollen Beziehung wird Pia von vielen Hilfsangeboten abgelehnt. Irgendwann fängt sie an, sich selbst zu helfen: mit Büchern, Podcasts, Recherche, sogar Seminaren an der Uni, alles mit einem Ziel, sich wieder aufzubauen. 2025 gründet sie eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die emotionale, körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben. Innerhalb einer Woche melden sich mehr als fünfzig Menschen. „Das Problem ist nicht weit weg“, sagt Pia. Es betreffe unglaublich viele. Die Gruppe trifft sich einmal im Monat, doch die Geschichten belasten Pia selbst zu sehr und triggern sie. Sie gibt die Gruppe wieder auf.
Als die ARD anruft
Einige Monate später meldet sich die ARD für eine Close-up-Reportage über Pias Geschichte und ihren Weg. Die Dreharbeiten geben ihr viel und wühlen gleichzeitig vieles auf. Sie geht erneut in Therapie und kündigt ihren Job. Dann passiert etwas, womit sie nicht gerechnet hat. Nach der Ausstrahlung schreiben ihr Menschen, wie sehr ihre Geschichte sie berührt hat. „Diese Nachrichten haben mir wieder ein Stück Kraft gegeben.“ Sie zeigen Pia, dass aus ihrer eigenen Geschichte etwas entstehen kann, das anderen hilft. Kurz darauf gründet sie SchutzLicht.
Eigentlich war Selbstständigkeit nie der Plan. SchutzLicht. sollte neben dem Studium ein Nebenverdienst sein. Dann kommen immer mehr Anfragen, immer mehr Menschen wollen Workshops, und aus einer Idee wird schnell etwas Größeres. „Ich habe SchutzLicht. nicht gegründet, weil ich unbedingt Unternehmerin werden wollte“, sagt Pia. Sondern weil sie selbst erfahren hat, wie es ist, Hilfe zu brauchen und nicht zu wissen, wohin.
Nicht zur Kämpferin, zur Wachsamen
Was Pia heute anbietet, erklärt sie gern so, als stünde jemand vor ihr, der noch nie von ihr gehört hat. SchutzLicht. gibt Workshops und Vorträge rund um Gewaltprävention, Selbstbehauptung und Selbstschutz, dazu berät Pia Unternehmen beim Aufbau von Schutzkonzepten und beim betrieblichen Gesundheitsmanagement. Es gehe ausdrücklich nicht darum, Menschen zu kleinen Kampfprofis zu machen. Eine Selbstverteidigungstechnik wende man nach einmaligem Üben in einer echten Gefahrensituation ohnehin kaum an. Wichtiger ist Pia, dass Menschen gar nicht erst hineingeraten: die eigene Umgebung wahrnehmen, Grenzverletzungen erkennen, das Bauchgefühl ernst nehmen, eine Grenze klar sagen, deeskalieren.
Primär richtet sich SchutzLicht. an Frauen, Kinder und Jugendliche. Gerade Frauen, sagt Pia, werde früh abtrainiert, ihre Grenzen zu setzen. Männer denkt sie ausdrücklich mit. Gewalt sei ein gesellschaftliches Problem, kein reines Frauenthema, und traditionelle Rollenbilder gehörten von allen reflektiert, nicht nur von Frauen.
Einer zahlt, einer bekommt
Wie eine Zusammenarbeit konkret abläuft, hängt vom Partner ab. Bei Schulen beginnt es meist mit einem Gespräch mit der Leitung oder dem Elternbeirat: Welche Zielgruppe, welches Thema, Selbstbehauptung, Mobbing, Grenzen, Sicherheit? Mit Kindern arbeitet Pia spielerisch, bei Jugendlichen kommt der Umgang mit dem Digitalen dazu. In Unternehmen laufen die Workshops über die betriebliche Gesundheitsförderung, oft auch als Teil eines Teamevents.


Finanziert wird das unterschiedlich, über die Einrichtung, über Fördermittel, über Unternehmensbudgets. Dahinter steht ein festes Prinzip: Buy One, Give One. Jeder gebuchte Unternehmensworkshop finanziert einen kostenlosen Workshop für eine Kinder- oder Jugendeinrichtung mit wenig Geld. Unternehmen tun damit zweierlei. Sie bieten ihren Mitarbeitenden etwas und finanzieren zugleich gesellschaftliche Wirkung.
Bin ich die Richtige?
Leicht ist der Weg nicht. Die größte Hürde, sagt Pia, war, aus einer sehr persönlichen Geschichte ein Unternehmen mit klarer Vision zu machen. Viele Ideen, aber nicht auf jede Frage eine Antwort. Wie sieht das Geschäftsmodell aus? Wer zahlt für Prävention? Wie macht man Wirkung messbar? Und dazwischen immer wieder der Zweifel: „Bin ich wirklich die Richtige dafür?“ Geholfen hat, nicht auf den perfekten Zeitpunkt zu warten. Pia führt Gespräche, entwickelt Workshops, holt Feedback, findet Schritt für Schritt heraus, was funktioniert. Seit Anfang des Jahres ist sie Teil der dritten Staffel des Programms ideas for good, wo sie sich unternehmerisches Denken aneignet.
Unperfekt zeigen
Daraus hat Pia etwas mitgenommen, das sie heute anders macht. Früher dachte sie, sie brauche erst den perfekten Plan. Heute weiß sie: Ein Konzept darf sich entwickeln. Sie hört stärker auf Feedback und fragt sich regelmäßig, was die Menschen wirklich brauchen, nicht nur, was sie selbst spannend findet. Und sie hat gelernt, dass Verletzlichkeit keine Schwäche sein muss. Ihre eigene Geschichte ist heute Teil ihrer Stärke. „Die Welt braucht nicht noch mehr perfekte Menschen“, sagt Pia, sondern Menschen, die sich unperfekt zeigen.
67 Workshops, über 1.000 Menschen
Dass es funktioniert, zeigt sich schnell. Pia steht im Finale des Hessischen Gründerpreises 2026 in der Kategorie Gesellschaftliche Wirkung, als eines von drei Teams, und hat den Cherry Pick im HUB31 Darmstadt gewonnen. Es gibt Kooperationen mit der BARMER, der Stadt Frankfurt und mehreren regionalen Schulen, Kindergärten und Kitas. Besonders stolz macht Pia eine Zahl. In den vergangenen drei Monaten hat sie 67 Workshops gehalten und damit über tausend Menschen erreicht. Allein. Dass das Thema gesehen werde, bedeutet ihr dabei fast mehr als die Auszeichnung. Gewaltprävention, sagt Pia, müsse endlich als das verstanden werden, was sie sei: eine Investition in Sicherheit, Selbstbestimmung und Zusammenhalt.
Bis man SchutzLicht nicht mehr braucht
Wer heute vor einem ähnlichen Schritt steht, aus einer persönlichen Erfahrung heraus, dem sagt Pia einen Satz. Mach einfach. Man müsse nicht alle Antworten haben, nur bereit sein, zuzuhören, zu lernen, weiterzugehen. „Warte nicht darauf, dass jemand anderes dein Problem löst. Du musst deine eigene Heldin, dein eigener Held sein.“ In fünf Jahren soll SchutzLicht. weit über Frankfurt und Hessen hinaus bekannt sein, mit einem Netzwerk qualifizierter Trainerinnen und Trainer und mit langfristigen Partnerschaften. Das eigentliche Ziel aber ist größer. Pia will, dass Gewaltprävention einmal so selbstverständlich wird wie jede andere Form der Gesundheitsförderung. Woran sie merken würde, dass sie angekommen ist? Wenn irgendwann jemand sagt: „SchutzLicht. brauchen wir eigentlich gar nicht mehr, weil wir gelernt haben, früher hinzusehen.“






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