Vernessa Himmler illustriert seit 2013 in Hamburg, für Agenturen, Verlage und live vor Publikum. Dann verändert KI den Markt, und im Februar stirbt ihr Vater, der sie zum Zeichnen gebracht hat. Was hält jemanden am Stift, wenn beides passiert?
Selbstständig schon im Studium
Selbstständig gemeldet hast du dich schon 2013, mitten im Masterstudium. Warum wolltest du damit nicht bis zum Abschluss warten?
Der Anstoß kam von meinem Professor. Er hat uns geraten, uns schon während des Studiums selbstständig zu melden, und dieser Rat hat bei mir sofort etwas ausgelöst. Die Studienzeit war die perfekte Startrampe, um mich ohne den Druck nach dem Abschluss schrittweise auszuprobieren und Kundenbeziehungen aufzubauen. Die Entscheidung fühlte sich extrem richtig und beruhigend an. Als das Studium 2018 endete, stand ich nicht vor dem gefürchteten Sprung ins kalte Wasser, sondern war längst etabliert.
Gezeichnet hast du schon als Kind. Wer hat dich auf die Idee gebracht, daraus einen Beruf zu machen?
Das war mein Vater. Er hat mich überhaupt erst fürs Zeichnen begeistert. Er meinte immer: „Wenn du das machst, was du liebst, wirst du jeden Morgen gerne aufstehen. Das Leben ist viel zu kurz für einen Beruf, den man hasst.“ Er hatte zwar die typischen Sorgen um die finanzielle Sicherheit, aber als die Zusage für das Illustrationsstudium ins Haus flatterte, hat er sich gefühlt sogar noch mehr gefreut als ich selbst. Von den anderen kamen sehr unterschiedliche Reaktionen. Meine engen Freunde meinten begeistert: „Du wirst mal eine große Künstlerin!“ Die meisten Lehrer waren eher skeptisch und wollten mir klassische Ausbildungsberufe nahelegen. Rückenwind bekam ich neben meinem Vater vor allem von meinem Kunstlehrer im Abitur, der mich massiv ermutigt hat.


Wie sahen deine ersten Monate als Selbstständige aus, ganz praktisch?
Neben der zähen Suche nach einem Masterthema, das mich wirklich packt, habe ich an den ersten Kundenaufträgen gezeichnet. Und ich habe die Schattenseiten direkt kennengelernt: Ich bin an Kunden geraten, die am Ende nicht gezahlt haben. Das war ein echter Dämpfer für die Motivation. Rückblickend war es aber die wichtigste Lektion, um ein Bauchgefühl für die richtigen Kunden zu entwickeln.
Sichtbarkeit, Live-Zeichnen und Katzencomics
2017 hast du den Illustrationswettbewerb der Commerzbank gewonnen und warst beim Ravensburger-Wettbewerb unter den letzten zwölf. Was hat sich dadurch verändert?
Der Commerzbank-Wettbewerb war rückblickend der Schlüsselpunkt für meine Selbstständigkeit. Er hat meiner Sichtbarkeit von heute auf morgen einen riesigen Sprung verliehen und mir die Bestätigung gegeben, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Daraus entstanden direkt Folgeaufträge, unter anderem von einer anderen Bank. Für Anfänger sind Design-Wettbewerbe ein genialer Beschleuniger, vorausgesetzt, sie sind fair organisiert und mit angemessenen Preisgeldern dotiert. So ein Erfolg im Portfolio macht Eindruck, nimmt bei Akquise-Gesprächen viel Überzeugungsarbeit ab und öffnet Türen, die sonst lange verschlossen bleiben.
Beim Live-Zeichnen sitzt dir die Person gegenüber, die das Blatt zehn Minuten später mitnimmt. Was machst du, wenn eine Zeichnung nicht so wird, wie du sie willst?
Da gibt es kein Strg+Z, man muss im Moment reagieren. Dass ich eine Zeichnung abbrechen und komplett neu anfangen musste, ist aber noch nie vorgekommen. Meistens sind das Fehler, die ohnehin nur ich selbst wahrnehme, während die Person gegenüber das Bild längst wunderschön findet. Ein wichtiger Teil des Live-Zeichnens ist genau das: diese kleine Imperfektion auszuhalten. Und wenn ein Strich mal nicht ideal sitzt, binde ich ihn mit meinem Handwerk ein, über Schatten, Kontraste oder kleine Details. Genau das gibt dem Unikat am Ende seinen lebendigen Charme.
Neben den Aufträgen zeichnest du Comics über das Leben mit deinen Katzen Mikosch und Koschka. Was gibt dir diese freie Arbeit, das ein bezahlter Auftrag nicht gibt?
Die Comics waren mein persönliches Ventil und ein absolutes Herzensprojekt. Verdient habe ich damit nichts, darum ging es auch gar nicht. Es war pure Freude am Zeichnen und am Geschichtenerzählen. Meine Katzen haben mich durch schwere Phasen getragen, und diese echten Momente festzuhalten, war sehr befreiend. Das Schönste war der Zuspruch aus der Community. Dieser ehrliche Austausch unter Katzenfans hat mir eine Wertschätzung gegeben, die man mit Geld nicht kaufen kann. Auch wenn ich das Projekt aus Zeitgründen schweren Herzens pausieren musste, bleibt es eine meiner liebsten Erinnerungen.
Durststrecken und faire Preise
Gab es einen Punkt, an dem du ernsthaft überlegt hast, die Selbstständigkeit aufzugeben?
Dieser Gedanke taucht immer mal wieder leise auf, vor allem in zähen Phasen, wenn die Auftragsbücher leerer sind, oder bei großen Umbrüchen wie Corona und der aktuellen KI-Entwicklung, durch die viele Illustrationsanfragen wegbrechen. Aber am Ende gibt es für mich eine einfache Wahrheit: Ich liebe meine Arbeit viel zu sehr. Eine andere Tätigkeit als das Malen und Zeichnen kommt für mich schlicht nicht infrage. Genau dieses Gefühl gibt mir in Durststrecken die Kraft zur Neuorientierung. Ich nutze den Druck dann, um mein Angebot anzupassen und mich neu zu erfinden, statt den Stift an den Nagel zu hängen.
Bezahlt wird beim Illustrieren nicht nur die Zeichnung, sondern auch das Recht, sie zu nutzen. Was sollte man darüber am Anfang wissen?
Man lebt als Illustratorin nicht von der reinen Arbeitszeit, sondern von den Nutzungsrechten. Was einem am Anfang kaum jemand erklärt: Klare Nutzungsrechte schaffen Rechtssicherheit für beide Seiten. Der Kunde weiß genau, wo und wie lange er das Bild nutzen darf und wann eben nicht. Das ist übrigens auch ein Punkt, den viele beim Thema KI völlig vergessen. Die bietet genau diese Rechtssicherheit nicht, da fehlen klare Urheberrechte und saubere Nutzungslizenzen. Mit einer echten Illustration kaufen Kunden nicht nur ein Motiv, sondern eine rechtlich abgesicherte Grundlage. Wer das von Anfang an verinnerlicht, verkauft sich nicht unter Wert und verhandelt auf Augenhöhe.
Sichtbarkeit zahlt keine Miete, und Begeisterung mindert nicht den Wert einer Dienstleistung.
Mit welchem Mythos über deinen Beruf würdest du gern einmal aufräumen?
Dass Freude an der Arbeit die Bezahlung ersetzt und dass Sichtbarkeit eine Währung ist. Es gibt immer noch die Vorstellung, dass Kreative einfach froh sein müssen, zeichnen zu dürfen, und dass man den Preis drücken kann, weil es ja Spaß macht. Oder dass ein gedruckter Flyer als Werbung in eigener Sache verbucht werden soll. Aber Sichtbarkeit zahlt keine Miete, und Begeisterung mindert nicht den Wert einer Dienstleistung. Eine Illustration löst ein Problem für den Kunden und schafft für ihn einen echten Wert. Wer diesen Beruf ausübt, betreibt ein Unternehmen, und ein professionelles Ergebnis verdient eine faire Vergütung.
Was sie am Stift hält
Was hast du in diesen Jahren über dich selbst gelernt, das du 2013 noch nicht wusstest?
Dass die Einschätzung von außen nicht meine Grenze ist. Auf viele wirke ich introvertiert und zurückhaltend, und früher habe ich mich dadurch oft selbst als unsicher abgespeichert. Die Jahre der Selbstständigkeit haben mir aber gezeigt, wie mutig ich eigentlich bin. Ich habe Pandemien, Marktveränderungen und ruhige Phasen überstanden, bin an Herausforderungen gewachsen und habe immer wieder Lösungen gefunden. Heute weiß ich: Ich muss nicht die Lauteste im Raum sein, um stark und erfolgreich zu sein.
Auftraggeber können Bilder inzwischen von künstlicher Intelligenz erzeugen lassen. Was hat sich für dich verändert, und wo willst du in fünf Jahren stehen?
Es kommen spürbar weniger reine Illustrationsanfragen, dafür hat sich mein Fokus stark auf Live-Events verschoben. Was sich überhaupt nicht verändert hat, ist die geschätzte Wertigkeit menschlicher Kunst. Ein Bild, das ein Mensch mit Gefühl und Zeit erschafft, ist ein echtes Original, etwas Endgültiges und nicht auf Knopfdruck unendlich vervielfältigbar. Bei Live-Events kommt die Faszination für das Handwerk im Moment dazu. Das Unperfekte, das Spontane und der direkte menschliche Austausch sind unersetzbar. In fünf Jahren sehe ich mich überall dort, wo ehrliches, analoges Handwerk im Moment gefragt ist: auf Events, Messen und Veranstaltungen. Dafür braucht es ein Umdenken im Markt, weg von beliebig vervielfältigbaren KI-Generaten, hin zur echten Wertschätzung von Unikaten und rechtssicherer Arbeit.
Gibt es etwas, das unbedingt in deine Geschichte gehört?
Wir sprechen viel über das Geschäftliche, aber der echte Antrieb liegt tiefer. Mein größter Motivator und Fan war mein Vater, der seit Februar nicht mehr da ist. Was viele nicht sehen: Neben der Selbstständigkeit lief in den letzten Jahren seine Pflegebedürftigkeit komplett nebenher. Dass ich diesen Beruf trotz all dieser Krisen, der Belastung und der Umbrüche mit einer gewissen Sturheit immer weiter durchziehe, hat genau damit zu tun. Ich verbinde die Liebe zu meiner Arbeit untrennbar mit der Liebe zu ihm. Er hat bedingungslos an mich geglaubt. Wenn ich heute den Stift in die Hand nehme und nicht aufgebe, schwingt diese tiefe Verbindung in jedem Strich mit.






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